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UNIVERSITY
OF CHICAGO
V LIBRABY 7
Gift of
Mrs . Lowy
JOSEF KASTEIN
SABBATAI ZEWI
DER MESSIAS VON
ISMIR
1930
ERNST ROWOHLT VERLAG • BERLIN
COPYRIGHT 1930
BY ERNST ROWOHLT VERLAG, K. G. A. A., BERLIN W 50
MARTIN BUBER
DEM WIRKENDEN MENSCHEN
ZUGEEIGNET
ERSTES KAPITEL
SINNGEBUNG EINER ZEIT
fSABJETHA Sebx lüdeöruTwR'ex^ imirnmt'tniAsia natus amn's 40.
Sabbtha Sbsi Coni^ck der Jodtjehoren te.Smirna in^ia p.taercn out.
'Cermite ^Mey/tentjcu^tir
ERSTES KAPITEL 9
UMDIEWENDEDES17.JAHRHÜNDERTSLEBTINISMIR,
dem heutigen Smyrna, ein kleiner jüdischer Händler,
Mardochai Zewi. Er ist ein romaniotischer Jude,
stammt aus Morea und ernährt durch einen Handel
mit Geflügel schlecht und recht eine Frau und drei
Söhne : Elias, Josef und Sabbatai . Von dem letzteren,
Sabbatai Zewi, handelt dieses Buch. Um ihn zu be-
greifen und zu verstehen, daß ein über die ganze Erde
verstreutes Volk ihn als Mittelpunkt und Erlöser sei-
ner Hoffnungen annahm, ist es nötig, sich ihre Situ-
ation in der Welt und der Zeit gegenwärtig zu machen .
Damals hatte das Galuth, die Zerstreuung der Juden,
einen Höhepunkt erreicht . In die große Wanderungs-
bewegung, die schon mit der Zerstörung des zweiten
Tempels eingesetzt hatte, war ein Stillstand gekom-
men. Die letzte große Sprengung eines jüdischen Zen-
trums, dieAustreibung der Juden aus Spanien, lag um
hundert Jahre zurück. Schon hatte der Osten sich zu
einem neuen Sammelbecken aufgetan . Polen und die
Ukraine hatten den rückflutenden Wanderstrom auf-
gefangen, der einmal auf der Suche nach Nahrung,
nach Lebensmöglichkeit bis nach Sibirien vorgestos-
sen war.
Das Gesetz dieser Wanderung wurde ihnen von der
nackten Lebensnot diktiert. Den Raum, den sie zürn
lieben brauchten, mußten sie der Umgebung abrin-
gen und ablisten . Darum lagen ihre Möglichkeiten
immer da, wo ein Wirtschaftsleben ihnen den gering-
sten Widerstand entgegensetzte. Gedeihen konnten
sie nur, wo sie Gelegenheit hatten, eine Lücke in ei-
nem Wirtschaftssystem auszufüllen. Sie trieben aus
ökonomischen Ursachen. Dergeistige Status der Um-
gebung ging sie unmittelbar nichts an.
10 ERSTES KAPITEL
Es war ein unsicheres Leben, aber es war ein Leben.
Zuweilen wurden sie reich dabei. Aber es blieb ein
schwebender Reichtum. Sie hatten keinen Ort, kei-
nen Winkel, in den sie sich zum Genuß ihrer Güter
friedlich und ungefährdet zurückziehen konnten . Sie
waren und blieben in der Fremde. Es konnten dabei
keine reichen Geschlechter entstehen, kein Adel des
Besitzes . Sie gaben Geld für die Armen , die das Wan-
dern nicht aufgegeben hatten ; sie schickten Geld nach
Jerusalem, weil dort arme Beter saßen; sie zahlten
der Obrigkeit und den Behörden für ihr Recht auf
Siedlung, auf Arbeit, für ihr Recht, in den Formen
ihres Glaubens zu leben, für die Reisen, die sie mach-
ten, und für den Bart, den sie trugen. Während sie
mit allen freien Dingen der Welt handelten , handelte
die Welt mit ihnen . Kaiser verkauften sie und die
Einnahmen, die sie boten, an Fürsten. Fürsten tra-
ten sie an Städte ab . Sie waren Wertgegenstand ge-
worden .
Oft mußten sie ihren Ort wechseln, wie Gegenstän-
de ihn wechseln. Es brauchte etwa ein Regent oder
ein Land oder eine Stadt Geld. Dann wurden sie un-
ter Konfiszierung ihrer Güter vertrieben und gegen
hohe Zahlungen wieder zugelassen . Wer nicht weiß ,
ob er morgen noch besitzen wird, rafft leicht vom
heute mehr und mit minder abgewägten Mitteln zu-
sammen als er braucht, was ihm aber morgen als
Lösegeld dienen kann. Das erzeugt in der Umwelt
Feindschaften , die wieder zu neuen Angriffen und Ver-
treibungen, wieder zu übermäßiger Vorsorge für den
nächsten Tag führen. So war die Kette von Druck
und Gegenwirkung geschlossen.
Aber zuweilen ging es ihnen ihres Besitzes willen
gut, weil sie, wie in Deutschland während des Drei-
SINNGEBUNG EINER ZEIT II
ßigjährigen Krieges, als Finanziers für die Kriegs -
kassen dringend benötigt und daher unter besonderen
Schutz gestellt wurden. Aber eines lernten sie bei
diesem wechselvollen Schicksal: Besitz ist alles und
nichts zugleich. Er ist zum Leben nötig, aber er ga-
rantiert es nicht. Es ist alles auf Zeit und für Zeit
gegeben. Ihr Besitz hatte keinen Ort^ keine Heimat,
Über diese soziologische Fremdheit hinaus brachte
ihre Wanderung sie - mit der einen Ausnahme Spa-
nien - in Welten, in denen es keine geistigen Treff-
punkte für sie gab. Da wurden Dinge gedacht, Lie-
der gesungen, Märchen erzählt, Feste gefeiert und
Zufriedenheiten empfunden, die nicht die ihren wa-
ren . Sie kamen nicht mehr aus dem geistigen Wachs-
tum, sondern aus der geistigen Überreife. Die geisti-
gen Kontroversen der Zeit betrafen nicht ihre Pro-
bleme. In den blutigen Kriegen wurde nicht um ihre
Güter gekämpft. Sie hatten für das, was sie als le-
bendige Menschen zu den Dingen jenseits von Tag
und Werken zu sagen hatten, keine Zuhörer und folg-
lich auch kein Echo . Weder für das Gute noch für
das Böse, das aus einem ungesicherten Alltag er-
wächst, hatten sie außerhalb ihrer vier Wände einen
Lebensraum. Ihre Geis ti^keit hatte keinen Ort,
Es schied sie von allen Welten, die sie betraten, mehr
noch als Wirtschaft und Denkform die Art ihres
Glaubens. Da waren sie selbst es, die sich in die Ab-
sonderung begaben. Aber die Welt trat an sie mit
dem seltsamen Anspruch heran , daß sie diesen Glau-
ben aufgeben sollten. Und da, wo die Duldung ein-
mal am größten war, wurde die Nötigung am grau-
samsten: in Spanien. Die Welt machte die Freund-
schaft oder Feindschaft ihres Verhaltens den Juden
gegenüber von dem Verzicht auf einen alten, viel
1 2 ERSTES KAPITEL
älteren Glauben abhängig. Und als gar die Glaubens-
formen der Umgebung sich spalteten , standen sie
vier Ansprüchen von vier unter sich verfeindeten Be-
kenntnissen gegenüber: mohammedanisch, römisch-
katholisch, griechisch-katholisch und protestantisch.
Völker, die einmal Religion aus sich geschaffen und
sie lebendig gelebt haben, haben jedem Bekehrungs-
versuch gegenüber die verständliche Selbstsicherheit
des Besitzes. Nur war es jetzt und hier ein Besitz,
der für seine Formen und Wirkungen, für seine Wi-
derstände und Anregungen keinen Boden im nackten
Sinne des Wortes hatte. Religion wächst als höhere
Lebensform über Boden und Gemeinschaft, Jenseits
davon wächst nur die quellgetrennte Tradition . Ihr
Glaube hatte keinen Ort,
In einer Welt, die räumlich sehr groß war, weil kein
Mittel der Technik die natürlichen Entfernungen ver-
minderte, war alle Weite mit dem Stigma der Fremd-
heit versehen . Der Mohr aus dem Morgenland und
der Jude aus aller Welt her waren Gegenstand /des
Staunens. Wenn Staunen mit Unkenntnis von Sit-
ten und Gebräuchen zusammentrifft, entsteht daraus
der ablehnende Hochmut, der Dünkel der eigenen
Überlegenheit . Aber wenn solche Fremdgestalt nicht
nur sich auf Jahrmärkten gelegentlich zur Schau
stellt, sondern sich in aller Nähe für die Dauer nieder-
läßt, wachsen aus der Fremdartigkeit die Feindselig-
keiten, gemischt mit einem geheimen Grauen. Man
zeichnete die Fremden, wie man Aussätzige zeich-
net. Sie trugen das Merkmal ihrer Absonderung bei
jedem Schritt. Ihr Volkstum hatte keinen Ort,
Ein Volk ohne Ort,
Aber einen Ort muß der Mensch haben. Es kann
kein Mensch ohne einen Ort und ohne eine Heimat
SINNGEBUNG EINER ZEIT 13
leben. Wenn die Welt ihm den Ort versagt, ver-
legt er die Heimat in sich selbst. Wenn die Wirk-
lichkeit sich verschließt, greift er zur Fiktion. So-
lange der Wille zum Leben noch nicht gebrochen
ist, kann der Mensch an etwas Einmaligem bauen:
an dem inneren Ort.
In den Juden verwirklichte sich diese einmalige Er-
scheinung. Darum würde ihre Situation einzigartig.
Sie kann nur aus sich selbst und aus keinem Ver-
gleich begriffen werden .
An diesem inneren Ort häuften sie alles auf, was
ihnen in der Gegenwart versagt war, also das, was
sie von früher her schon besaßen : ihre Kenntnis von
den vorhergehenden Geschlechtern , von ihren Schick-
salen, ihren Ideen und Hoffnungen; weiter zurück
bis zu ihrem Ursprung, bis zu dem geistigen Um-
kreis, in dem sie geworden und gescheitert waren.
Ihr innerer Ort war angefüllt mit Geschichte, mit
Erinnerungen . Sie lebten die Gegenwart mit den Mit-
teln der Vergangenheit.
Das hatte zwei Folgen, die für das Geschehen, von
dem hier berichtet werden soll, von größter Bedeu-
tung sind. Das, was ihnen als Erinnerung dienen
konnte, war keiner zufälligen Wandlung, und Ver-
änderung mehr überlassen. Es war in einer unver-
lierbaren und durch ihre Heiligkeit unverletzlichen
Form aufgezeichnet in den Büchern der Bibel, in
Thora, Propheten und Schriften. Es war erweitert
und bereichert durch den Talmud, den großen Ver-
such, die ständig wechselnde Gegenwart mit Sinn
und Inhalt der Bibel in Einklang zu bringen. Hier
waren ihre philosophischen Werke, ihre juristischen
Kompendien, ihre Märchenbücher, ihre Lesefibeln,
ihre Legenden, Mythen, Anekdoten, ihre Liebes-
14 ERSTES KAPITEL
lieder und ihre historischen Berichte. Die Kinder
wuchsen auf mit dem, was vor Jahrtausenden ge-
schehen war. Von dem Stadt Wächter am Tor kann-
ten sie bestenfalls das Gesicht, das bunte Gewand
und die schreckliche Hellebarde. Aber vom Erzvater
Abraham kannten sie jede, auch die intimste Einzel-
heit seines Lebens. An der Politik der Zeit hatten
sie nur als Objekte Anteil und ein Interesse nur, so-
weit es ihre Existenz für den nächsten Tag betraf.
Aber die Frage, ob Israel gut daran getan habe, auf
die Institution der Richter zu verzichten und statt
ihrer Könige zu wählen, war von einer leidenschaft-
lichen Aktualität. Ob der Grundherr ein Tyrann sein
dürfe und der Bauer ein Sklave sein müsse, ging sie
nichts an. Wichtig war für diese Menschen ohne Bo-
den allein die Frage, wieviel der Jude auf dem Acker
als Nachlese für die Armen stehen lassen müsse. Ihre
Aktualität war zweitausend Jahre alt und spielte sich
im vorgestellten Raum der Heimat ab, aus der sie
vertrieben worden waren. Da sie mit solcher Tradi-
tion lebten, lebten sie auch mit dem Milieu, in dem
sie entstanden war. Sie hatten nicht aufgehört^ im
Orient 'zu leben.
Ihre Geschichte war aber nicht nur eine Aufeinander-
folge von Tatsachen, etwa von Kriegen, Königen und
Orts wechseln , sondern eine Verflechtung innerer und
äußerer Vorgänge. Da war eine Volks werdung und
zugleich eine Religions werdung . Es war die erste
Gemeinschaft der Welt, die nicht aus klimatischen
und soziologischen Ursachen allein wuchs, sondern
zugleich zum Träger einer religiösen Idee berufen
wurde. Lange vor ihrer Seßhaftigkeit wurde ihnen
um solcher Berufung willen schon ein Land ver-
heißen. Schon vor der Bildung eines festen, entwick-
SINNGEBUNG EINER ZEIT 15
lungsfähigen Volkskörpers wurde ihnen die Ewigkeit
ihrer Dauer verheißen. Ehe sie sich noch des reli-
giösen Auftrags würdig gezeigt hatten, wurde ihnen
verheißen, daß sie ihren Glauben einmal über alle
Welt ausbreiten würden . So wuchs das Volk mit
einer Reihe von Verheißungen auf, lebte . . . und
versagte immer wieder. Es versagte im Laufe seiner
Geschichte vor dem Auftrag, den es bekommen hatte,
so oft, daß es endlich mit der Strafe der Zerstreuung
belegt wurde. Aber da es nur Strafe und nicht Ver-
nichtung sein sollte, wurde ihnen eine neue, die
letzte Verheißung gegeben; die der Erlösung durch
einen Messias .
Solche Idee scheint dem heutigen Menschen nur als
etwas sehr Hohes und Fernes, als etwas Mystisches
und Jenseitiges, als das unverständlich Wunderbare
begreiflich . Dem Juden von damals war der Begriff
Messias nicht fremder und ferner als jede Gestalt
aus der Bibel. Auch der Messias, als der wesent-
liche Bestandteil ihrer gegenwärtigen Vergangenheit,
gehörte zu ihrem Alltag. Alle Wunder, die mit sei-
nem Erscheinen verknüpft waren , waren Dinge,
die sie mit aller Selbstverständlichkeit erwarteten . Es
war seelischer Hausrät. Ste begriffen das Wunder als
einen Bestandteil ihres alltäglichen Lebens,
So lebten sie ihre Zeit und ihre Erinnerungen. . .
und es erfüllte sich an ihnen das Gesetz der Über-
dehnung von Zeit . Zu lange , zu weit waren sie von
ihrem Ursprung getrennt. Sie vergaßen den Ur-
sprung nicht, aber sie trugen ihn doch wie eine Pflan-
ze in sich, die keinen Mutterboden mehr hat, und die
in einem fremden Klima gedeihen soll . Da wollte et-
was in ihnen alt werden und sterben . Aber sie durf-
ten es nicht sterben lassen, da sie doch nichts anderes
l6 ERSTES KAPITEL
hatten , um den Hunger ihres inneren Lebens zu stil-
len . Aber auf der anderen Seite hatten sie auch keine -
Möglichkeit, aus ihren Erinnerungen eine Wirklich-
keit zu machen j heim zu wandern und ein neues Leben
aufzubauen . Wohin mit dem gefährdeten Gut ?
Die als geistige Hüter des Volkes bestellt waren, die
Rabbiner, fanden einen Weg. Sie verlangten das
Leben vom Herzen in das Gehirn . Sie häuften auf
die Erinnerungen eine endlose Summe von Ausle-
gungen, Erwägungen, Spekulationen, Theorien. Sie-
wußten: ein Herz kann in seinem Schlag müde wer-
den, aber ein Gehirn kann unerschöpflich arbeiten.
Sie sahen mit Recht die Existenz des Judentums vom
Herzen her bedroht. Darum drängten sie es von der
Quelle ab, von der es sich ständig nährte: von der
Bibel. Sie schufen die Halacha, das Gesetz. Bis zum
zwanzigsten Lebensjahre war es den jungen Men-
schen verboten, die Bibel zu lesen. Sie hatten ja den
Talmud . . Wenn sie erst reif waren , durften sie das
gefährliche, die Existenz des Judentums in der Zer-;
Streuung bedrohende heilige Werk lesen .
Dagegen stand das Volk mit seinem Bedürfnis nach
Ursprünglichkeit, nach lebendiger Nahrung für den
inneren Ort . Gegen die Halacha stellten sie die Hag-
gada, die Legende. In dem stillen Kampf zwischen
Halacha und Haggada, zwischen bewehrtem Hirn
und gefährdetem Herzen, verläuft die innere Krise
des damaligen Judentums . Eine Gefahrensituation in
Permanenz. Dort drohte die endgültige Erstarrung,
hier der Untergang in Mystizismus. Das Zünglein
an der Wage hieß: Heimatlosigkeit.
Ein gefährlicher, grandioser Versuch ist gemacht wor-
den, aus diesem bedrohten Gleichgewicht die Ent-
scheidung zu erzwingen: in den Werken der Kabbala*
Saloniki
Smyrna
2
SINNGEBUNG EINER ZEIT 17
Die Kabbala ist eine Denkform und ein Schrifttum
zugleich; zur selben Zeit Theorie und Weltauffas-
sung, ein Leben in der Zeit, mit dem Ziele, das Leben
in der Ewigkeit zu begreifen. Die Kabbala ist der
Versuch, das Lehen eines Volkes, das einmal eine
Religion geschaffen hat, fortzusetzen; es fortzu-
setzen durch das Hineinhorchen in die Zusammen-
hänge zwischen Weltschicksal und Weltschöpfung.
Sie ist ein mystisches Erleben der All weit, beschwert
um die Frage, warum eine göttliche Schöpfung un-
vollkommen sein könne, und tief durchzittert von der
Sehnsucht, die Einheit zwischen der Vollkommen-
heit des Schöpfungsaktes und der Unvollkommen-
heit des gelebten Lebens herzustellen.
Die Kabbala ist der Niederschlag von Geistern, die
das Welträtsel lösen wollen und damit zugleich die
Einzigartigkeit des Geschickes, das ihnen als Juden
zugewiesen ist. Gott und die Welt sind auseinander
gefallen . Ein Land und ein Volk sind auseinander ge-
fallen. Es gibt die Heimkehr der Welt zu Gott. Es
gibt die Heimkehr des Juden zu seinem Heiligtum .
Gottes reine Strahlen sind in der Unreinheit der Ma-
terie verfangen. Man muß die göttlichen Ausstrah-
lungen erlösen, sammeln und sie zu Gott hinauftra-
gen. Gottes Volk ist in die vier Winde und unter
fremde Völker zerstreut. Man muß es sammeln von
den vier Enden der Welt her und es zum Dienst an
Gott zurückbringen in die alte Heimat.
Die Welt soll erlöst werden . Ein Volk soll erlöst wer-
den: Messianismus .
Nicht alle Juden folgen den immer mehr verschlun-
genen Irrwegen der Kabbala. Aber sie glauben alle
an einen Messias. Der Kabbalismus hat heftige, lei-
denschaftliche Gegner . Da sind Parteien , die sich bös-
2 Kasteia Zewi
l8 ERSTES KAPITEL
artig und skrupellos bekämpfen. Aber das ist nur ein
Streit über den Weg und über die Methode. Das
Ziel ist das gleiche, die Hoffnung dieselbe: das Kom-
men des Messias.
Sie warten mit einer verhängnisvollen Ungeduld. Sie
haben immer, wie blinde Tiere der Tiefsee, Fühler
ausgestreckt . Vor der körperlichen Nähe dessen , was
ihnen zur Nahrung dienen kann , beginnen sie zu zit-
tern . Der Magnetismus der Dinge und Erscheinun-
gen pflanzt sich bis zu ihiien hin fort. Es ist ein ein-
zigartiges Organ, das den Juden in seiner Konstitu-
tion von allen anderen Völkern unterschied und heute
noch, wenn auch verkümmert, unterscheidet. In sol-
cher seelischen Situation begeben sich die Dinge, von
denen jetzt zu berichten ist.
ZWEITES KAPITEL
EINE JUGEND
2*
ZWEITES KAPITEL 21
SABBATAI ZEWI WURDE GEBORE^f IM JULI 1626,
an dem Tage, der nach dem jüdischen Kalender dem
9. Ab entspricht; das heißt: dem Tage, an dem vor
Zeiten der zweite Tempel zerstört wurde.
Sein Vater, Mardochai Zewi, der arme Geflügelhänd-
ler, ist etwas schwächlich in der Gesundheit und wird
bis an sein Lebensende von allerhand Krankheiten ge-
plagt. Aber daß er drei Söhne hat, empfindet er als
einen Segen, der ihm das Leben leichter macht. Wie
dieKinder heranwachsen , bestimmt er zwei von ihnen ,
Josefund Elias, gleichfalls für den Handel, den sie
fortan gemeinsam betreiben. Den Ältesten, Sabbatai,
bestimmt er für das Studium.
Was für ein Studium ? Es handelt sich hier um keine
der wissenschaftlichen Disziplinen, an die man denkt,
wenn man sonst von Studium spricht. Studium heißt
hier die ausschließliche und gründige Beschäftigung
mit den Büchern der Bibel und dem Talmud . Das
ist eine leben verzehrende Beschäftigung und doch
kein Beruf. Gelegentlich überträgt wohl einer dieses
sein Wissen auf ein Amt und wird Rabbiner. Dann
hat er ein Auskommen, um das er nicht immer zu
beneiden ist, denn auch kleine Gemeinden leisten sich
den Luxus eines geistigen Oberhauptes, und sie fin-
den reichlich Anwärter auf einen Posten, der mora-
lische Macht und eine gesicherte Armut in sich ver-
einigt.
Für die große Überzahl solcher Studierenden gibt es
keine praktische Verwendung. Sozial gesehen ist es
eine unverantwortliche Verschwendung, wenn ein är-
mer Händler sich zeitlebens mitMer Last eines Kin-
des beschwert, das aller Voraussicht nach nie im Le-
ben einen Heller eigenen Geldes verdienen wird . Er
22 ZWEITES KAPITEL
leistet sich da das, was das Vorrecht begüterter Bür-
ger oder Adliger ist .
Es würde aber ein Mann wie Mardochai Zewi für
eine solche Erwägung, wenn man sie ihm vorhielte,
kein Verständnis haben. Sie trifft nicht die Ebene,
auf der er denkt. Er ist ein kleiner, belangloser Jude
um die Wende des 17. Jahrhunderts, und wir müs-
sen die dreihundert Jahre zurückdenken, die uns von
ihm und seinesgleichen trennen. Dann stoßen wir
auf eine Geistigkeit, die wir als heroisch oder idea-
listisch bezeichnen könnten, und die doch für jene
Zeit und jene Menschen nur eine schlichte, alltäg-
lich-lebendige Haltung ist. Sie ist das einfache, pri-
mitive Bekenntnis: für den Tag tun, was für den
Tag nötig ist. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Der freie Rest an Kraft gehört der anderen Seite des
Tages: Gott.
So wird also Sabbatai Zewi in dasLehrhaus, diejeschi-
bah, gebracht, die unter der Leitung des Rabbi Joseph
Escapa steht. Joseph Escapa ist ein eifriger Lehrerund
Sabbatai ein eifriger Schüler, Er ist ein stilles, etwas
abseitiges Kind, ein ernsthafter kleiner orientalischer
Jude , dem das Lernen nicht schwer fällt .Er begreift so-
gar auffällig schnell , und was er einmal gelernt hat, ver-
gißt er nicht wieder. Dadurch sammelt sich bei ihm eine
ungeheure Menge Wissensstoff an , den er beherrscht
wie etwas, das man seit langem kennt. Und was man
seit langem kennt, wird nicht gerade mit dem größte^n
Respekt behandelt. Darum fängt er nicht nur früh-
zeitig an, sich seine eigenen Gedanken zu machen
und kritisch zu werden, sondern er bemängelt auch
hier und da die Form, in der ihm der Wissensstoff
dargeboten wird, die hebräische Sprache nämlich.
Er liebt diese Sprache, aber es scheint ihm, sie habe
EINE JUGEND 23
auf dem Wege ihrer Entwicklung von einst bis heute
ein unreines und fleckiges Gesicht .bekommen. Er
ist ein kleiner Pathetiker, auf die klare und gewaltige
Sprache der Propheten versessen, und möchte, daß
sie wieder zu Ehren und in Gebrauch komme. Er
prahlt öffentlich damit, er werde dereinst das reine
und klassische Hebräisch wieder herstellen.
Man lächelt nicht einmal über diese Wichtigkeit, die
er sich gibt . Jüdische Kinder mit klugem Kopf ge-
nießen in seinen Kreisen viel Nachsicht und Respekt,
und Sabbatai hat immerhin die ungewöhnliche Lei-
stung aufzuweisen, daß er mit fünfzehn Jahren das
gesamte talmudische und rabbinische Schrifttum be-
arbeitet und bewältigt hat. Dazu brauchen andere
ein ganzes Leben . Er schafft es , während er noch an
der Grenze der Kindheit steht. Er müßte jetzt, wenn
er in den Spuren des Herkömmlichen bleiben wollte,
diesen Wissensstoff noch einmal und immer wieder
von neuern durcharbeiten, immer neue Feinheiten,
Möglichkeiten und Auslegungen entdecken, Ent-
scheidungen über sehr subtile Fragen des religiösen
Rechts fällen und sich daniit den Posten einer Autori-
tät auf dem Gebiete der jüdischen Gelehrsamkeit er-
ringen.
Aber das kann er nicht. Dazu hat er nicht die innere
Ruhe und den inneren Gleichmut . Schon die Schnel-
ligkeit, mit der er den traditionellen Lehrstoff be-
wältigt hat, beweist, daß hier eine Unruhe am Wer-
ke ist, eine Hast, ein Getrieben werden von dem Be-
dürfnis , andere und neue Dinge zu erfahren . Da ist
eine innere Bewegung im Fluß, die etwas sucht und
das Ziel noch nicht kennt. Darum kann er nicht re-
petieren. Repetieren ist etwas für die Menschen, die
nur fleißig sind. Sabbatai Zewi ist nicht fleißig. Er
24 ZWEITES KAPITEL
ist hungrig und neugierig. Er ist an dem obligaten
Wissensstoff weder satt noch zufrieden geworden.
Er steht vor einem leeren Räume,
Es ist nicht sein Verstand, der hier revoltiert, denn
wo gäbe es für das Gehirn mehr Nahrung als in den
Labyrinthen des Talmud, in denen ein Volk das
ablagerte, was ihm in der schöpferischen Wirklich-
keit einer Gemeinschaft auf eigenem Boden versagt
war? Mehr ist es schon das Herz, das hier nicht zu
seiner Befriedigung kommt . Aber auch nicht eigent-
lich das Herz allein, sondern jenes Zwischenreich
zwischen Gehirn und Gefühl, zwischen Geist und
Trieb, zwischen geistiger Reizbarkeit und Empfäng-
lichkeit für Affekte, jene Ebene der Phantasie im
Gestalten und der Suggestion im Erdulden, die dar-
nach verlangt, belebt zu werden.
Das kann der Talmud diesem frühreifen Kinde nicht
geben . Im Talmud gibt es nur eine gedankliche Wirk-
lichkeit, und Wirklichkeit ist etwas, was Sabbatai
nicht kennt. Wirklichkeit erlernen und erdulden Kin-
der, wenn sie spielen, oder Jünglinge, wenn man sie
mit einem Beruf vor das Leben stellt. Man hat Sab-
batai nicht spielen, geschweige denn sich im Alltag
bemühen lassen . Aber da der Mensch doch auf der
Erde lebt und die Welt in tausend Erscheinungsfor-
men auf ihn eindringt, muß er eine Wirklichkeit ha-
ben, sei es auch nur diejenige, die einer sich selbst er-
findet.
Nun lebt ganz in seiner Nähe eine Wirklichkeit, die
sich zwar mit den Händen nicht greifen läßt, die aber
auch von den Realitäten des Daseins nicht angetastet
und erschüttert werden kann, und die gerade darum
besonders stark ist: die Welt der Kabbala. Das ist
eine Wunderwelt. Die Geschichte des Volkes, alle
EINE JUGEND 25
Verheißungen, aller Sinn von Schöpfung und Welt
sind darin eingefangen . Alle Geheimhisse von Sünde
und Erlösung sind da aufgedeckt, freilich nur für den,
der den Sinn zu deuten und das Wort richtig zu lesen
versteht. Da wird die starre Folgerichtigkeit .tal-
mudischen Denkens aufgelöst zu stoßweisen, zucken-
den, mit Ekstase behangenen Erkenntnisseh oder Er-
gebnissen .
Also Neuland, in dem man sich verlieren kann, Land
auch, das noch nicht so schwer von Tradition durch-
setzt und so zwangsläufig und unbeweglich gemacht
worden ist. Dafür ist die Entwicklung noch zu jung.
Zwar gibt es auch hi^r rein gedankliche Arbeit zu
verrichten, in dem theosophischen, dem theoretischen
System der Kabbala, der Kabbala Jjunit; aber dann
gibt es das theurgische, das praktische System, die
Kabbala Maassit . Aber in einem wie im anderen liegt
eine völlig andere Welt als im Talmudischen und im
Rabbinischen. Man muß hier nicht mit Einbruchs-
werkzeügen vor einem Gewölbe von einzelnen Din-
gen, Theorien, Erkenntnissen, Auslegungen und Ent-
scheidungen stehen, sondern man ist an dem, was
die Kabbala enthält, notwendig als Mensch und Per-
sönlichkeit beteiligt, wenn überhaupt man sich zu ihr
bekennt.
In der Kabbala kreist alles Denken und Erwägen um
die Erwartung, daß einmal ein Mensch komme, der
die innere Ordnung der gestörten Welt wieder her-
stelle: ein Messias. Er ist nötig, denn die urselischeh
Elemente, die Nizuzoth, sind gefallen, zerfallen, in
die Fesseln des Urbösen geraten, weil die Geister,
die göttlichen Elemente, die Schebirath Hakelim,
gefallen sind . Sie müssen wieder von einander getrennt
oder das Böse muß vernichtet werden , Dann wird
26 ZWEITES KAPITEL
die Welt wieder gut. Die Gnade kann dann auf den
vielfachen Ausstrahlungen Gottes, den Sefiroth, wie-
der die Erde berieseln . Dann beginnt die geordnete
Welt, die Olam ha-Tikkun. Jeder, der gerecht ist
und eine reine Seele hat, kann dazu beitragen, wenn
er nur begreift, welche Zusammenhänge zwischen
der Welt von oben und der Welt von unten bestehen,
und wenn er die Kawanot, die Bußübungen erfüllt,
die in der praktischen Kabbala vorgeschrieben sind.
Jeder kann es, aber mit letzter Kraft und Sicherheit
wird es der Messias können, der verkörperte Ur-
mensch, der Adam Kadmon, der selbst ein Teil der
Gottheit ist.
Man sieht also : hier wird dem einzelnen eine Mög-
lichkeit gegeben und eine Aufgabe gestellt . Hier wird
jeder angerufen. Jeder, der sich mit dieser Lehre be-
faßt, ist persönlich gemeint. Es wird ihm anheimge-
geben, den Schlüssel zu suchen und sich zu bpmühen .
Iri diese Welt wächst jetzt der junge Sabbatai Zewi
hinein, und man begreift, daß er das System nur
durchfliegt, um schnellstens dort zu landen, wo das
Bewegte, das Greifbare ist, wo er selber gemeint ist,
und wo er tun darf, was die geheimnisvolle Idee von
ihm erwartet . Kein Gefühl für Jugend und Kindheit
hindert ihn daran, sich in solcher Welt zu verlieren.
Die Welt, die da eröffnet wird, ist hart und sehr
lebensfeindlich. Da gibt es Kasteiungen aller Arten
und Grade, da gibt es Gebete, Fasten, Bußübungen
und Tauchbäder, Dinge, die eine mönchische Ent-
haltsamkeit fordern und den Körper abtöten sollen.
Aber dafür verleihen sie eine unerhörte Klarheit des
Geistes und eine gesteigerte Aufnahmefähigkeit des
Gemütes für die überirdischen und übersinnlichen
Dinge, Dadurch wird einer in den Stand gesetzt, zu
EINE JUGEND 27
Gott und den Engeln in nahe, vernehmbare und wahr-
nehmbare Beziehung zu treten, den Gang der Welt-
ereignisse vorauszuschauen und Dinge zu bewirken ,
yon denen die schlichteren Menschen bekennen müs-
sen, daß sie Wunder seien.
Auf dieseni Wege ist also eine ungewöhnliche Stei-^
gerung der Persönlichkeit möglich. Sabbatai er-
fährt sie in dem Maße, in dem er in dieses neue
Reich eindringt. Er, der junge, unausgereifte
Mensch, kommt sehr bald in den Ruf, ein großer
und kenntnisreicher Kabbaiist zu sein . Es nähern
sich ihm Menschen, die von seinen Kenntnissen pro-
fitieren möchten, und die darum bereit sind, sich
von ihm belehren zu lassen . Das bedeutet etwas für
einen Mensc|ien in so jungen Jahren, Das gibt ihm
ein besonderes Gefühl des Wertes und der Bedeut-
samkeit. Er erfährt und begreift daraus, daß er etwas
gilt und d.aß er abseits und über dem Durchschnitt
der Gleichaltrigen steht. Er ist gerade achtzehn Jahre
alt, da erteilen ihm die Rabbiner seiner Stadt schon
den Ehrentitel eines Chacham, eines Weisen.
Es ist ein alter Brauch, daß um einen Gelehrten sich
Menschen scharen, die von ihm lernen wollen, die
sich ihm geistig unterordnen und die Gedanken ihres
Meisters zu ihren eigenen machen . Da Sabbatai nun
ein Chacham geworden ist, darf es nicht fehlen, daß
auch er einen Kreis von Menschen um sich hat, die
sich in geistige Abhängigkeit von ihm begeben . Aber
dazu taugen ihm nicht die Älteren, Erwachsenen, die
da kommen, um sich eine Frage beantworten oder
ein Geheimnis erklären zu lassen, und dann mit Dank
und respektvolleni Kopfschütteln fortgehen . Er will
nicht die um sich haben, die wieder fortlaufen; er
will die haben, die bei ihm bleiben, die ihm durch
äS zweites KAPITEL
ihre ständige Anwesenheit bestätigen, daß er der jun-
ge Chachäm, der ungewöhnliche und auffallende
Mensch ist. Er braucht jugendliche Menschen, in
denen wie bei ihm die Neugierde und der Hunger
sind, die Gläubigen, die Pathetiker, die Enthusia-
sten. Es gibt ihrer genug. Man muß sie nur aus-
wählen, sie an sich heranziehen, sie in Andeutungen
ahnen lassen, daß er, der Chacham Sabbatai Zewi,
es sein wird, der ihnen auf erregenden und geheimnis-
vollen und wunderbaren Wegen vorangeht. Er weiß:
er hat so Vieles und so Tiefes in sich, daß er Hunder-
ten von ihnen abgeben kann.
So wählt er aus dem Kreise derer, die mit ihm ar-
beiten, und die mit Fragen zu ihm kommen, eine be-
sondere Schar aus, zu deren Führer und Lehrer er
sich macht. Was er da sucht, sind nicht Freund-
schaften, obgleich nichts mehr als Wissen und Ju-
gend dazu befähigen. Er ist nie der Freund irgend
eines Menschen gewesen . Zeit seines Lebens haben
sich für ihn die Menschen aufgeteilt in Gegner und
Anhänger. Der Grund dazu wächst in diesen Jahren,
in denen er vonseinem Übermaß geben will, und in
denen er verlangt, daß man vor ihm stehe und an-
nehme. Er sucht nicht Menschen, er sucht Jünger.
Indeni er sie in geistige Abhängigkeit von sich bringt,
befriedigt er sein frühes Bedürfnis nach persönlicher
Anhängerschaft. Sie müssen ihm das ersetzen^ woran
Kinder sonst ihr Bewußtsein vom Ich üben : Spiele, in
denen sie Führer sind . Jetzt macht er ein Amt daraus .
Er ist in diesem Amt sehr selbstherrlich, aber auch
sehr ernst. Er verlängt von seinen Jüngern unge-
wöhnlich schwere Bußübungen und Kasteiungen. Er
geht ihnen darin als großes Beispiel voran . Zuweilen
fastet er über eine ganze Woche hin . Den Ritus des
EINE JUGEND 29
Tauchbades vollzieht er in jeder Jahreszeit und bei
jedem Wetter im Meere an der Küste. Oft ist er
lange in Gebeten zurückgezogen, und man kann hö-
ren, wie er mit seiner sehr klangschönen Stimme die
messianischen Hymnen des Israel Nadschara singt.
Seine Stimme ist eines der Zaubermittel, über die er
für seine persönliche Wirkung verfügt, und er macht
oft und gerne von dem sinnlichen Reiz Gebrauch,
der darin liegt. Es ist nicht seine Klugheit alleine,
die seine Wirkung auf andere Menschen ausmacht.
Es geht ein Fluidum von seiner ganzen Erscheinung
aus, das mit den Jahren wächst. Es ist kein Zweifel,
daß er, als Mensch, den es immer zu Wirkungen und
zur Beherrschung anderer Menschen gedrängt, über-
haupt ausreichend um den Eindruck seiner äußeren
Erscheinung gewußt habe. Darin sind Freund und
Feind sich einig, daß er ein sehr schöner Mensch sei.
Er war schlank und ebenmäßig gewachsen, hatte tiefe,
dunkle Augen, einen vollen, sinnlich betonten Mund
und viel Grazie in Haltung und Bewegung . Alle Be-
richte stimmen in der seltsamen Bemerkung überein,
daß von seinem Körper ein überaus angenehmer Ge-
ruch ausgegangen sei. Kam er von seinen Bußübungen ,
»so glänzte sein Angesicht wie das Antlitz eines über-
irdischen Wesens «. Noch in den hilflosen Stichen und
Drucken seiner Zeit sind Mund und Augen von be-
tonter Größe und Lebendigkeit .
Man belegt seinen Ausdruck und sein Wesen viel-
fach mit dem Begriff »schwärmerisch«. Aber sol-
ches Wort verschleiert nur den Unwillen, das Tun
eines Menschen und den Richtungssinn seiner Hand-
lungen genau zu umschreiben. Mag sein, daß Sab-
batai ein schwärmerischer junger Mensch ist, aber
was er tut, ist greifbar und verständlich und hat sei-
30 ZWEITES KAPITEL
nen Sinn, Wenn er nicht für sich und mit seinen
Bußübungen beschäftigt ist, geht er im Kreise seiner
Jünger nächtlich vor die Tore der Stadt. Er ahmt
da ein fremdes Vorbild nach: den großen Kabba-
listen Chaim Vital Calabrese aus Safed. Draußen,
unter dem Sternenhimmel, wird Wort um Wort, Ge-
danke um Gedanke und Gefühl um Gefühl der In-
halt der großen Geheimnisse abgetastet und abgewo-
gen. Das ist nicht Schwärmerei. Das ist Betätigung
einer Neigung, die Erbteil aus seinem Volke her ist.
Schon als sie noch Nomaden waren, haben die Juden
diese Abseitigkeit vom Tage vor den Zelten und auf
freier Ebene kennen gelernt, diese Einsamkeit, aus
der die Umwandlung aller Begegnungen in Erleb-
nisse des Geistes kommt. Es ist nur die besondere
Form, in der ein Volk seine Beziehung zur Natur
ausdrückt und auslebt : das Hinnehmen des Seienden
in der ehrfürchtigen Anerkennung des Geistes. So
wie der Jude der Erde oder dem Baum keine Frucht
entnimmt, ohne seine Demut vor dem geschaffenen
Stück Natur durch einen Segensspruch zu bekennen .
Was Sabbatai da treibt, ist Gottesdienst in der Natur,
schlichter Vorgang, in dem er sich nicht einmal vom
Spott der Türken, die das nicht verstehen, stören
läßt. Er weiß, wie wichtig das ist, was er da tut*
Wüßte er es nicht selbst, so müßte es ihm die Aner-
kennung seiner Umgebung beweisen . Besonders sein
Vater kann sich nicht genug darin tun, zu erzählen
und zu beweisen, wie sehr das Verhalten dieses Soh-
nes gottgefällig sei, und wie sichtbar Gott ihn, Mar-
dochai Zewi, für seinen Entschluß belohnt habe, eines
seiner Kinder dem Studium göttlicher Dinge zu über-
lassen. Und das kam so:
Zu jener Zeit fand ein wiederholter und von heftigen
EINE JUGEND 31
inneren Erschütterungen begleiteter Macht- und
Thronwechsel in der Türkei statt. Gerade war
Sultan Ibrahim zur Regierung gekommen, und eine
seiner ersten außenpolitischen Taten bestand in der
Kriegsführung mit der mächtigen Republik Venedig.
Bis dahin waren Konstantinopel und Saloniki die Han-
delszentren der Türkei gewesen . Der Krieg unter-
bricht die Handels wege, und die Mehrheit der Kauf-
mannschaft, Engländer, Franzosen, Holländer und
Italiener, die nicht gewillt sind, sich durch die Fehde
zwischen dem Sultan und Venedig in ihren Geschäf-
ten stören zu lassen, verlegen kurzerhand den Sitz
ihrer Firmen und ihres Handels nach Ismir.
Das verändert fast über Nacht das Aussehen und die
Bedeutung dieser Stadt. Insbesondere für die Juden
bricht eine neue Zeit an. Bisher haben dort nur sehr
wenige gelebt, und sie waren kaum wohlhabender
als der armselige Händler Mardochai Zewi. Jetzt
strömt der ganze Handel der Levante in Ismir zu-
sammen und verlangt Arbeitskräfte. Drei-, viermal im
Jahre kommen die großen Karawanenzüge aus In-
dien, Persien, Armenien, Medien und Anatolien.
Sie bringen ihre Landesprodukte, Gewürze, Stoffe,
Seidengewebe, Häute, Felle, Schmucksachen, und
empfangen dafür Metalle, Werkzeuge, Waffen und
Gerätschaften. Es entstehen Karawansereien und
Kontore. Es werden Menschen gesucht, die die
Sprachen der Eingeborenen verstehen und als Ver-
mittler und Verwalter tauglich sind. Auch an Mar-
dochai Zewi tritt ein großes englisches Handelshaus
heran und nimmt ihn als ihren Bevollmächtigten und
Vertreter in ihre Dienste. Aus dem armen Geflügel-
händler wird auf diese Weise in kurzer Zeit ein sehr
angesehener und wohlhabender Kaufmann.
32 ZWEITES KAPITEL
Es bringt ihn nicht aus dem Gleichgewicht. Sein Ver-
halten ist ein Beweis dafür, daß nicht nur Armut
gläubig macht. In seinem Reichtum sieht er nur den
Lohn seiner Gläubigkeit . Gewiß : politische und wirt-
schaftliche Umlagerungen haben ihn und die überr
schnell wachsende Judengemeinde von Ismir reich
gemacht. Aber was sind Politik und Wirtschaft.?
Nichts, wenn Gott sie nicht zum Strafen oder zum
Lohnen so gefügt hat. Und hier ist ein offensicht-
licher Zusammenhang gegeben : die fromme Lebens-
führung des Chacham Sabbatai Zewi hat ihren Segen
über seinen Vater und über die ganze Gemeinde ge-
bracht . Man muß das verkünden und bekennen . Man
kann es nicht oft und nicht laut genug tun, und da er
sich an Menschen wendet, die wie er über Nacht
von dem Hereinbrechen des äußeren Glückes über-
rascht worden sind, fehlt es nicht an Glauben und Zu-
stimmung.
So wird Sabbatai Zewi von neuem in das Zentrum
der Aufmerksamkeit und einer, wenn auch beschränk-
ten Anerkennung gerückt. Seine Bedeutsamkeit vor
sich selbst bekommt Nahrung . Sein bisheriges Tun
bekommt Gewicht , Er kann schon etwas bewirken .
Schon hat seine geistige Kraft das Glück einer gan-
zen Gemeinde begründet . Man versichert es ihm täg-
lich, und er hat keinen Grund, es nicht zu glauben.
Wenn er der Ursache dieser wachsenden Bedeutung
nachgeht, kann er nur immer wieder zu der Über-
zeugung kommen, daß die Dinge, die er treibt, eben
dieses Wachstum des Menschen an Wert und Be-
deutung in sich tragen .Es ist die Kabbala, ihre Lehre
von der Ordnung der Welt, von der Erlösung des
Bösen, von der Beglückung der Welt, die in ihm zi:
wirken und zu wachsen beginnt. Und wer weiß
EINE JUGEND 33
wohin einer kommt, wenn er tiefer, viel tiefer noch
in dieses Wissen und diese Zusammenhänge hinein-
wächst. Vielleicht ist es ein Bemühen, das ungeahnte
Früchte trägt.
Er beginnt, sich noch mehr als bislang abzusondern.
Nahm er früher noch seine Gefährten zu den Tauch-
übungen im Meer mit sich, so verwehrt er ihnen das
jetzt. Er will, wenn er den symbolischen Akt der
Reinigung immer erneut vollzieht, ganz alleine sein,
alleine mit sich und vielleicht auch mit seinem Gott.
Es kann ja nicht ausbleiben, daß in ihm eine gestei-
gerte Erwartung ist. Junger Gelehrter, Chacham,
Führer von Jüngern, Glückbringer für Tausende,
Mensch starker und bewußter persönlicher Wirkung :
das können nicht Erfüllungen sein, das sind Ver-
heißungen. Es sind nur die ersten Proben einer rei-
fenden Kraft. Er sucht jetzt in der Einsamkeit nach
der Erleuchtung oder der Eingebung oder dem Phan-
tasiebild, das ihm neue Wege der Wirksamkeit er-
schließen kann .
Es gibt da nicht viele Wege, denn es darf nicht ver-
gessen werden, aus welchem geistigen Bezirk er
kommt. Mensch und Gott, Volk und Land: das
sind Ausgang und Ziel, und zwischen beiden steht
... der Messias.
Eine tollkühne, sinnlose, größenwahnsinnige Fol-
gerung. Aber doch ein Schluß, der Sinn hat, und dem
man nicht aus weichen kann . Welche andere Möglich-
keit gibt es denn, als die, daß zwischen den getrennt
ten Heiligkeiten von Welt und Gott und den ge-
trennten Wirklichkeiten von Volk und Land als Ver-
mittler der Messias stände? Nur noch die eine Mög-
lichkeit, daß dort der demütige, bußfertige und die-
nende Mensch steht. So stehen gewiß viele Tausende
3 Kastein Zewi
34 ZWEITES KAPITEL
zwischen Ausgang und Ziel. Aber immer ist einer
in der Zeit berufen, mehr zu sein als Diener. Es ist
derjenige, dem das Führeramt anvertraut und durch
Zeichen angewiesen wird. Und wenn Sabbatai die
Summe dessen zieht, was er bisher bewirkt hat, dann
regt sich in ihm nichts an Bescheidenheit und Ver-
zagtheit. Dann ist es nur das Warten auf mehr und
auf andere Bestätigung. Er braucht Nahrung für
seine Erwartungen .
Diese Erwartung macht ihn blind und taub für alles,
was in seiner Umgebung vor sich geht. In der Hal-
tung, mit der er sich von den Menschen abschließt,
liegt ein stiller Hochmut, das wortlose Pochen auf
den besonderen Grad seiher Heiligkeit. Seine Um-
gebung versagt ihm dafür nicht die Anerkennung,
aber da sie nicht den geheimen Gang seiner Gedanken
kennen, rücken sie ihn auch nicht aus der Sphäre
ihres Alltags heraus und stellen ihn nicht außerhalb der
Sitten und Gebräuche ihrer Zeit und ihres Glaubens .
Der Vater beschließt vielmehr, da doch der Junge
heranwächst und vor dem Gesetze schon ein Mann
geworden ist, ihn zu verheiraten. Früh heiraten ist
ein religiöses Gebot, und von der Kabbala her strömt
diesem Vorgang ein besonderer mystischer Gedanke
zu: vor der Erlösung, und damit sie vollkommen sein
kann, müssen alle Seelen, die noch nicht geboren
worden sind, in die Welt eingehen. Der Messias
kann jeden Tag kommen; morgen schon. Und darum
soll man die Kinder verheiraten, sobald sie mannbar
geworden sind.
Bei dem Ruf, den Sabbatai Zewi genießt, und bei
der geachteten sozialen Stellung, die sein Vater in-
zwischen erworben hat, kann es nicht fehlen, daß
als Braut eines der schönsten und reichsten Mäd-
EINE JUGEND 35
chen der Stadt gefunden wird. Die Hochzeit wird
mit allem Pomp gefeiert. Das Glück der Familien ist
groß.
Wenige Wochen nach der Eheschließung erscheint
die junge Frau mit einer seltsamen Klage vor dem
Rabbinatsgericht . Sie klagt, sie sei Frau und doch
nicht Frau, denn Sabbatai Zewi habe sie nie zu sich
genommen. Sie sei mit ihm verheiratet, aber er halte
sich von ihr fern .
Die Rabbiner sind bestürzt. Wann ist ein solcher
Fall je vorgekommen ? Sie schicken zu Sabbatai Zewi
und fordern ihn auf, vor Gericht zu erscheinen und
sich zu rechtfertigen. Sabbatai erscheint . Er gibt den
Sachverhalt zu, aber er kann nichts zu seiner Recht-
fertigung angeben. Da es nicht Sache der Rabbiner
ist, zu erforschen, warum der Beklagte sich von seiner
Frau fernhält, da aber das Recht der Frau feststeht,
müssen sie zu einem Urteil kommen. Sie entschei-
den: Sabbatai Zewi hat die Pflichten zu erfüllen, die
ihm seiner Frau gegenüber begründet sind, oder er
muß den Get, den Scheidebrief geben , da man nicht
von ihr verlangen darf, nur neben einem Manne zu
leben .
Sabbatai nimmt das Urteil entgegen und erfüllt es,
indem er seiner Frau den Scheidebrief ausstellt. Er
setzt das einsame Leben, das er nie unterbrochen hat,
im Kreise seiner neun Jünger fort. Die Familie und
seine Umgebung begreifen nichts von diesem Ver-
lauf der Dinge. Sie sind ehrlich betrübt darüber. Sie
können als Grund nur verstehen, daß er an gerade
diesem Mädchen keinen Gefallen gefunden hat. Man
wird folglich auf die Suche nach einem anderen Mäd-
chen gehen müssen, das alle Eigenschaften hat, die
man von einer guten Frau erwarten kann.
36 ZWEITES KAPITEL
Eine solche Braut wird gefunden, und zum anderen
Male wird Hochzeit gefeiert* Und wieder steht nach
kurzen Wochen auch diese Frau vor dem Rabbinats-
gerichte und klagt, was ihre Vorgängerin geklagt hat:
sie blieb unberührt !
Zum anderen Male steht Sabbatai geständig und doch
ohne Erklärung vor dem Richter. Auch dieser Frau
muß er den Scheidebrief ausstellen . Aber um ihn her
sammeln sich Miß wollen und Argwohn. Es ist zu
begreifen, daß ein Mann eine Frau verstößt, wenn er
mit ihr zusammen gelebt und sie kennen gelernt hat,
und wenn er dann einsieht, daß er sie nicht lieben
kann, oder sie Eigenschaften hat, die ihn abstoßen.
Aber zweimal eine Frau heiraten, und sich vom er-
sten Augenblick an weigern, sich ihr zu nähern, führt
zu dunklen, unreinen Vermutungen. Sabbatai spürt
das, und er weiß, daß er sein seltsames Verhalten
rechtfertigen muß. Er rechtfertigt sich mit einer Be-
gründung, für die er Verständnis erwarten kann: der
heilige Geist, Ruach Ha'kodesch, habe ihm verkün-
det, daß ihm keine dieser beiden Frauen vom Him-
mel bestimmt sei .
Man glaubt ihm . Nichts liegt diesen Menschen näher,
als hinzunehmen, daß göttliche Stimmen zu einem
so frommen Menschen sprechen können, und nichts
liegt ihnen ferner, als Erwägungen darüber anzu-
stellen, ob etwa hier ein überaus asketisches Leben
die gerade und normale Kraft des Trieblebens ver-
drängt und verkümmert, oder ob dieser Trieb gar in
der engen Gemeinschaft mit Jüngern einen Weg ein-
geschlagen habe, der Sünde ist . . .
Aber in dieser Erklärung liegt eine viel größere Be-
deutung eingeschlossen als nur die der Rechtferti-
gung . Zum ersten Male in seinem Leben hat er das
EINE JUGEND 37
klare Bekenntnis abgelegt, daß er in^seinem abgeson-
derten Tun die Verbindung mit einer überirdischen
Welt Hergestellt habe. Er stellt erstmalig hier die
Behauptung auf, daß sein Geschick, aus Wahrheit
öder Dichtung, einbezogen sei in einen engen realen
Zusammenhang mit dem göttlichen Willen. Der Bo-
gen, den er bislang um sich gezogen hat, beginnt ein
Kreis zu werden. Daß dieser Kreis auch noch in der
letzten Lücke der unbestimmten Erwartung, der
planlosen Hoffnung und der steigenden Selbstein-
schätzung geschlossen werde, bewirken jetzt die Din-
ge, die er von außen her erfährt, aus einer Welt,
die ihm bislang verschlossen war.
An die kleine, abgesonderte, in ihrem engen Rahmen
lebende Gemeinschaft der Juden von Ismir ist über
Nacht durch die einfache Tatsache, daß ein Wirt-
schaftszentrum sich verlagert hat, eine andere Welt
herangetreten, von deren Existenz sie bisher nur eine
geringe Vorstellung hatte. Durch das tägliche enge
Zusammensein mit Vertretern dieser neuen Welt er-
fahren sie Zusammenhänge, die ihnen bisher fremd
waren, Zusammenhänge, liicht Dinge. Das Innere,
nicht das Äußere dieser neuen Welt. Das Äußere
sehen sie ja jetzt im alltäglichen Verkehr sich ab-
spielen. Es berührt den Juden nicht. Er kennt seine
Lebensform als etwas so Angewachsenes, daß er sie
lebt, ohne sie zu betrachten, und daß er folglich nicht
vergleicht. Er fragt nicht: was tut Ihr? Er fragt:
was denkt Ihr .? Die Neugierde des Juden ist un-
sachlich.
Mardochai Zewi ist durch seinen neuen Beruf in
ständiger Fühlung mit den Vertretern dieser neuen
Außenwelt, insbesondere mit dem Engländer, dessen
Interessen er wahrnimmt. Dabei ergibt sich, daß die-
38 ZWEITES KAPITEL
ser Engländer zugleich Puritaner ist, daß also für ihn
außer Handel und Geldverdienen noch ein geistiges
Problem, eine Frage des Glaubens und der Lebens-
haltung aus dem Glauben her besteht. Das sind für
einen Mann wie Mardochai vertraute Töne und Ge-
danken. Er muß zudem die Feststellung machen, daß
dieser Stockengländer über allen nationalen Hoch-
mut hinaus eine erhebliche Kenntnis der Bibel, der
religiösen Grundlage des Judentums besitzt. Also ist
es möglich, sich zu verständigen.
Wenn beide dem Endziel ihres Glaubens und ihrer
Hoffnungen nachgehen, kommen sie aufgetrennten
Wegen und von völlig verschiedenen Vorstellungen
her zu dem gleichen überraschenden Ergebnis: zu
der Erwartung eines Messias, eines Erlösers der
Welt. Der Puritaner hat dabei vor dem Juden sogar
noch voraus, daß er sich in einer aktiven, letztlich
auf das Ziel schon hinweisenden Haltung befindet.
In seiner Heimat spielen sich gerade die Kämpfe ab ,
in denen die »Rundköpfe« unter Cromwells Führung
gegen die Unduldsamkeit der Bischöfe und autokra-
tisches Königtum unter Waffen stehen, um sich die
Freiheit ihres Glaubens und ihrer Lebensgestaltung
in Staat und Umwelt zu erkämpfen. Sie sind dabei
von einer ungewöhnlichen Freiheit in Haltung und
Auffassung. Sie erstreben die Freiheit des Geistes und
des Glaubens nicht nur für sich, sondern schlecht-
hin für jeden Menschen und jede Gemeinschaft, de-
nen die religiöse Existenz wichtig ist. Sie halten das
um so mehr für nötig, weil auch ihnen, gleich dem
Juden, der Alltag real und wirksam durchsetzt ist
mit Elementen des Glaubens . Die Bibel , insbeson-
dere das alte Testament, ist für sie kein Buch, in dem
man nur liest, sondern eine göttliche Satzung, um
EINE JUGEND 39
deren Erfüllung man sich zu bemühen hat. Sie leben
in der erregenden Nähe einer Heilser Wartung. Die
ganze puritanische Bewegung, Crom well an der
Spitze, wurzelt in ihrer Struktur, in der Unmittel-
barkeit ihres Handelns, der Innigkeit ihres Glau-
bens, sehr tief und ursprünglich im Lebensraum des
alten Testamentes. Sie fühlen sich selber als Gestal-
ten aus dem Buche »Richter«, mit der Aufgabe be-
lehnt, ein unterdrücktes Volk zu befreien. Sie befan-
den sich in einer dem damaligen historischen Ge-
schehen völlig analogen Position. Es war auch aus
diesem Grunde ihre Beziehung zu den Juden eine
sehr nahe und teilnehmende, und es blieb nur das
Bedauern, daß jedes Volk einen anderen Messias er-
wartete. Crom well sagt: »Groß ist mein Mitleiden
mit diesem armen Volke, welches Gott erwählt und
dem er sein Gesetz gegeben hat. Jesus verwerfen sie ,
weil sie ihn nicht als Messias anerkennen.« Es bleibt
ihm die Hoffnung und der Wunsch, daß altes und
neues Testament sich einmal versöhnen und Juden
und Puritaner zusammengehen werden .
So heben zwischen dem Talmudjuden und dem Pu-
ritaner die Diskussionen an über die kommenden Din-
ge. Wenn der Jude geheimnisvoll darauf hinweisen
kann, wie sehr in seinem eigenen Kreise, ja in seinem
eigenen Hause mit den Mitteln der religiösen Übun-
gen an der Vollendung der Zeit gearbeitet wird, kann
der Puritaner, Gläubiger und Praktiker zugleich, zu-
frieden darauf hinweisen, daß in seinem Lande längst
die Nutzanwendung diskutiert und propagiert werde .
Da ist zum Beispiel die verpflichtende Heiligkeit des
Sabbath nachgewiesen und die Forderung erhoben
worden, ihn an die Stelle des Sonntages zu setzen.
Da laufen Vorschläge, das englische Parlament in sei-
40 ZWEITES KAPITEL
ner bisherigen Struktur aufzulösen, und es so zusam-
mentreten zu lassen, wie früher das jüdische Synhe-
drin tagte. Da ist insbesondere von der ultrarepu-
blikanischen Gruppe der Levelers Bibel und Bibel-
gläubigkeit so in den Vordergrund gedrängt und die
Einsetzung der Thora als allgemeines Staatsgesetz so
dringend befürwortet worden, daß Crom well als vor-
sichtiger Mann in einer Parlamentsrede zu derÄuße-
rung genötigt war: »When they teil us, not that we
are to reguläte Law, but that Law is to be abrogated
and subverted and perhaps wish to bring in Judaical
Law. . . «
So liegen die Dinge in England, und so weit sind sie
schon gediehen. Aber was das Gedeihen anbelangt,
braucht sich der Jude vom Puritaner nicht übertreffen
zu lassen. Er lächelt. Er kann zwar nicht solche
parlamentarischen Demarchen aufweisen, aber er
kann seinem englischen Freunde eine viel größere
und viel bedeutendere Wirklichkeit verraten: eine
Prophezeiung aus dem Sohar, dem großen Grund-
werk der kabbalistischen Welt. Der Sohar verkün-
det: im nächsten Jahrtausend, nach Ablauf von 408
Jahren, werden alle Bewohner der Unterwelt zu
neuem Leben erweckt werden. Das Jahrtausend, das
hier gemeint ist, ist das fünfte der jüdischen Zeit-
rechnung. Es geht also um das Jahr 5408, und das
entspricht dem Jahre 1648 der christlichen Zeit-
rechnung. In diesem Jahre werden sich entschei-
dende Dinge begeben. Die Schrift sagt: \n diesem
Halljahre wird ein jeder zu seinem Erbbesitz zu-
rückkehren .
Das Jahr ist erwähnt und aufgeschrieben? fragt der
Engländer. Mardochai muß ihn sanft belehren: in
der hebräischen Sprache hat jeder Buchstabe zu-
EINE JUGEND 4I
gleich seinen Zahlen wert. Und darvcs doch bei der
Kabbala um die Geheimnisse der Verheißung geht,
die nur dem Schauenden und Eindringenden sich
offenbaren sollen, ist alles, Buchstabe und Zahl,
Wort und verborgener Sinn, innig miteinander ver-
knüpft. Wenn der Sohar sagt: in diesem Jahre, so
legt er auf das Wort »dieses« besonderes Gewicht.
Man muß nachspüren . »Dieses« heißt im Hebräischen
ha'soth. Der Zahlwert beträgt 5408. Das eben be-
deutet das Jahr 1648 der gegenwärtigen Zeit. Es
geht um die Tage der allernächsten Zukunft. Nach
der Auslegung der Weisen wird im Jahre 5408 der
Messias selbst erscheinen i
Weder das Faktum noch die Art, in der der Jude es
ermittelt, entlocken dem Engländer ein Lächeln der
Überlegenheit. Er ist vollkommen mit dem Juden
einig, insbesondere was die nahe Zukunft der Ereig-
nisse angeht. Dagegen weicht er mit Hartnäckigkeit
von ihm ab in der Bestimmung des Jahres . Es wird
nicht das Jahr 1648 sein, sondern das Jahr 1666.
Wenn der Jude den Sohar hat, so hat der christliche
Sektirer die Offenbarung Johannis. Aus dieser ist
zu berechnen und ist von vielen Theologen berech-
net worden, daß in dieses Jahr die Wiederkehr Christi
und der Beginn des Tausendjährigen Reiches fallen
werde. Allerdings ist das nicht die letzte und end-
gültige Erlösung. Es ist nur ein Zwischenreich, es
ist die chiliastische Idee der »Fünften Monarchie«
im Sinne der Apokalypse. Es beginnt dann, aus der
Sprache des Buches Daniel gefaßt, die Herrschaft der
Heiligen . Uralte Sektirer-Ideen feiern hier Aufer-
stehung. . Eine breite, unterströmige Schicht von
Menschen erwartet auch in der christlichen Welt die-
ses messianische Ereignis, das sich in dem alten heili-
42 ZWEITES KAPITEL
gen Lande vollziehen wird und zu dessen Durch-
führung die Mitwirkung der Juden unbedingt not-
wendig ist. Zwei Welten, die sich aus dem Glauben
her nicht verstehen können, wollen sich im Glauben
treffen. Hüben und drüben bezwingen Herzen für
eine Sekunde ihren Schlag und horchen in das All
hinein.
Wenn Mardochai Zewi von solchem Gedankenaus-
tausch heimkommt, muß es für den Sohn eine selt-
same Erregung sein, aus anderen Winkeln der Welt
her von Dingen zu hören, die seit langem Inhalt sei-
nes Tuns und Denkens sind. Bestätigungen dringen
auf ihn ein, die eine unerhörte Gewalt haben. Träu-
me, Erwartungen, Gebilde aus dem Herzen und der
Phantasie haben da draußen längst ihre eigenlebige
Gestalt angenommen . Es gibt also alle diese Dinge in
der wirklichsten Wirklichkeit. Man braucht sich mit
seinen Ideen, die zuweilen doch zum Erschrecken
nötigen, nicht mehr in die Einsamkeit zu flüchten.
Man darf schon an ihre faßbare Gestalt glauben, darf
davon reden, darf sich dazu bekennen, wenn auch
erst in tastenden Andeutungen. Die entscheidende
Erkenntnis ist diese: er treibt Dinge, die in einer er-
schreckenden Nähe und Endlichkeit liegen . Er treibt
nicht Fernes und Zukünftiges . Er ist mit seinem Tun
in die Gegenwart gesetzt. Was er heute tut, denkt,
erdichtet, ersehnt, kann morgen Gestalt werden. Die
Welterlösung ist angesagt . Es ist das Amt dessen zu
vergeben, der die Führung dazu in die Hand nimmt:
das Amt des Messias. Die Welt wartet auf einen
Messias ...
DRITTES KAPITEL
GEMETZEL
DRITTES KAPITEL 45
WÄHREND DAS LEBEN IN SEINER NÄCHSTEN
Umgebung sich in Gläubigkeit, aber auch in wachsen-
dem Behagen und Wohlstand ausdehnt und bewegt,
verdichten sich in Sabbatai Zewi unmäßige Erwartun-
gen zu einer Spannung sondergleichen . Die kabba-
listischen Bücher und Begriffe und Vorschriften ha-
ben ihre Schuldigkeit getan . Sie haben ihn zur Be-
reitschaft geführt. Aber weiter nützen sie in diesem
Augenblick nichts. Jetzt braucht er das Geschehen,
das Ereignis. Die Welt schuldet ihm den Vorgang,
der den aufgespeicherten Sprengstoff zu Entladung
und Wirkung bringt. Er verlangt das Unmögliche,
weil er es für sich braucht. Geschieht denn nichts
in der Welt, was sinnlos, ungewöhnlich und erre-
gend genug ist, daß er es zu sich heranziehen und
auf sich selbst als Bestätigung beziehen kann } Doch .
Es scheint, als ob dort oben in Europa, in Polen und
in der Ukraine , wo die Massen der gelehrten und
reichen Juden sitzen, kleine, zuckende, unruhige Be-
wegungen entstanden wären. Man weiß es von den
Spendensammlern, die dort das Geld für die Ar-
men im heiligen Lande zusammenholen . Es sind teils
unbestimmte Gerüchte, teils aus dem Zusammen-
hang gerissene Vorfälle. Da schlägt ein Kosak einen
Juden tot, und der polnische Grundherr, der seine
Güter von eben diesem Juden verwalten ließ, läßt
wiederum den Kosaken totschlagen . Man vernimmt
es, vergißt es, legt es zum Übrigen . Nicht so Sabba-
tai. Er sammelt das Geschehen in sich. .
Dann kommt über Konstantinopel eine Nachricht,
die im ersten Augenblick kein Mensch so recht be-
greift: von der Krim aus werden der Gemeinde Kon-
stantinopel fünfhundert Juden zum Kauf angeboten .
46 DRITTES KAPITEL
Was denn ? Sind die Zeiten des Sklavenhandels wie-
der gekommen ? Handelt man jetzt nicht nur mit
Mohren, sondern auch mit Juden? Nein, nicht so.
Es sind Kriegsgefangene. Kriegsgefangene Juden aus
Polen und der Ukraine. Aber auch das ist nicht recht
zu begreifen . Wo und seit wann führt der Jude Krieg ?
Krieg führen nur Menschen, die ein eigenes Land
haben, oder die zur Seßhaftmachung kein anderes Mit-
tel kennen . Aber der Jude im Galuth will doch nur
Raum; kein Land. Er will Existenz; kaum Leben.
Er braucht den Frieden, aber nicht den Krieg.
Auf den langen Wegen , die Nachrichten gehen , ent-
hüllt es sich langsam : es ist kein Krieg, den die Juden
führen, sondern einer, den der polnische Kleinbauer,
verbündet mit Kosaken und Tataren, gegen den Ju-
den führt; und noch präziser: nicht eigentlich gegen
den Juden, sondern gegen den polnischen Groß-
grundbesitz und gegen den Adel . In diesem Konflikt
stellt der Jude die Beute dar. Jetzt bietet der Sieger
ihn zum Kauf, zur Auslösung an.
Die jüdische Welt beginnt aufzuhorchen . Man weiß
sehr bald: es sind nicht nur Juden erbeutet worden.
Es werden auch Juden getötet. Es sollen schon an
die tausend sein. Man versteht die tieferen Gründe
nicht. Braucht auch nicht zu verstehen, denn wenn
Juden sterben, straft Gott. Und man braucht nur
zu wissen, daß er ein Mittel in Bewegung setzt;
nicht, wie er es tut. Aber aus dieser Haltung kommt
zugleich eine dumpfe Hilflosigkeit. Man ist ausge-
liefert. In die Gebete hinein kommen unablässig neue
Nachrichten : es sind zehntausend Juden erschlagen .
Von vielen ist das Schicksal noch ungewiß. Es kom-
men neue Kaufangebote aus der Krim : tausend Ju-
den zu verkaufen, zweitausend, dreitausend . Es sind
GEMETZEL 47
nicht zehntausend Juden erschlagen, es sind schon
dreißigtausend. Und man weiß nicht, wie es weiter
gehen wird.
Und eines Tages treten in Blicknähe der westlichen
Juden erschreckende Erscheinungen : Flüchtlinge aus
dem Osten. Hunderte, Tausende wanken durch die
Gassen von Frankfurt, Amsterdam, Livorno, er-
schreckt, gehetzt, verarmt und abgerissen, das Grau-
en noch in Miene, Haltung und Gebärde. Sie wollen
nicht rasten ; sie können nicht rasten . Die Panik sitzt
ihnen noch im Nacken. Wer spricht von dreißig'-
tausend Toten ? Es sind längst mehr als sechzigtau-
send. Und auch das wird eine kindliche Zahl, wie die
Wochen und die Monate dahingehen, und wie es
nicht mehr zweifelhaft sein kann, daß das große Sam-
melbecken des östlichen Judentums explodiert ist,
so vehement, daß es jetzt seine Trümmer über die
ganze bewohnte Erde streut. Die letzte hoffnungs-
reiche Judensiedlung im Galuth zerbricht. Die Trüm-
mer schwimmen im Blut. Hunderttausend Tote.
Eine neue Zerstreuung hebt an . Zweihunderttausend
Tote. Sie lassen stöhnend die Köpfe sinken. In die
Gedankenleere dieser dumpfien Verzweiflung dringt,
kaum noch erfaßt und richtig abgeschätzt, eine etwa
abschließende Ziffer: dreihunderttausend Tote.
Wo lag der historische Anlaß zu solchem Geschehen ?
Dort, von wo seit zweitausend Jahren die geschichts-
bildenden Anlässe erwachsen: in der Heimatlosig-
keit; in' jener Situation, in der ein Volk nicht nur
sein eigenes Geschick zu erdulden hat, sondern auch
das seiner Umgebung. In Polen fand sich die dich-
teste Judensiedlung der damaligen Welt. Sie war
straff nach innen organisiert . Sie verfügte über die
schattenhafte Nachahmung einer Gemeinschaft. Sie
48 DRITTES KAPITEL
hatte ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, hat-
te ihr geistiges Leben, ihre Autorität im religiösen
Bezirk, ihre Gerichtsbarkeit. Sie belieferte die jü-
dische Welt mit Auslegungen der Gesetze und mit
Rabbinern . Zu einer Zeit, in der die Entwicklung des
jüdischen Geistes verhängnisvoll unterbrochen war,
hielt sie den Zersetzungsprozeß durch eine Bewegt-
heit des Gehirns auf , die die Müdigkeit des Herzens
vergessen ließ .
Dabei schien ihnen die Sicherheit ihrer Existenz eini-
germaßen garantiert. Sie hatten in die Lücken der
kaum entwickelten polnischen Wirtschaft so früh-
zeitig eingegriffen, daß sie sich ohne greifbare und
sichtbare Not vermehren konnten . Es ging ihnen im
allgemeinen gut. Aber es erfüllte sich an ihnen hier
wie überall in der Welt das ökonomische Gesetz, daß
sie ihre Stellung nur so lange behaupten konnten, bis
ihre Umgebung ihnen in der Erkenntnis des wirt-
schaftlich Notwendigen gefolgt war. Dann erwies
sich ihre Eigenschaft als Fremde: sie wurden be-
drängt. So war es jetzt auch in Polen. Die Juden
waren Schrittmacher der wirtschaftlichen Entwick-
lung gewesen . Jetzt standen ihre Schüler ihnen in der
wachsenden Organisationsform von Kaufmannsgilden,
Handwerkerzünften und städtischen Ständen gegen-
über. Es versteht sich, daß auch die katholische Geist-
lichkeit des Landes, insbesondere die erstarkenden Je-
suiten , zu ihren Gegnern und Bedrängern gehörten .
Aber diesen Druck konnten sie einstweilen ohne un-
mittelbare Gefahr ertragen, denn noch brauchte man
sie, noch waren wichtige Instanzen des polnischen
Reiches an ihnen interessiert: die Krone und der
Adel. Jene, weil der Jude als Ziffer ini Haushalt der
Regierung überhaupt nicht zu entbehren war; dieser.
GEMETZEL 4.^
weil er für die Verwaltung und Ausbeutung seines
Großgrundbesitzes einen Verwalter brauchte, der
ihm^ die kostspielige Existenz eines feudalen Nichts-
tuers sicherte.
So stand also der Jude jetzt schon zwischen erwachen-
dem Bürgertum und Krone und Adel, Darüber hin-
aus mußte er noch die Spannung aushalten, die sich
zwischen Polen und Russen, zwischen Adligen und
Leibeigenen, zwischen Städtern und Kleinbauern,
zwischen polnischen Katholiken und russischen Or-
thodoxen ergab, und die fortschreitend zu einer Ka-
tastrophe drängte. Der Schauplatz dieser Spannungs-
kämpfe war die Ukraine, das Stromgebiet des Dnjepr
und Dnjestr, mit Kiew als Mittelpunkt, Wolhynien
und Podolien im Westen und Tschernigow und Pol-
tawa im Osten. Noch nicht hundert Jahre gehörte
- dieses Gebiet zu Polen , und schon drängten die Zu-
stände zur Entladung. Die polnischen Könige übten
politisch eine schrankenlose Macht aus. Der pol-
nische Adel beherrschte das Neuland wirtschaftlich
durch seinen Grundbesitz und durch den Umstand,
daß alle Bewohner seines Besitzes ihm als Leibeigene
zugewiesen waren. Der Pole sah in dem Russen
ein fremdes, verächtliches, asiatisches Element, Der
Katholik haßte und bekämpfte den griechisch-katho-
lischen Kleinrussen, von dessen Religion er als der
Religion der Knechte sprach . Und der Jude war in
diese Differenzen, die ihn an sich nichts angingen,
dadurch einbezogen, daß sich der Adel vorwiegend
seiner zur Verwaltung der Güter bediente, womit er
nach außen hin, dem bedrückten Ukrainer gegenüber,
als derjenige in die Erscheinung trat, der die tatsäch-
liche Gewalt ausübte. Es verschlug nichts, daß er nur
Beauftragter war. Er war Fremder, also verhaßt. Er
4 Kastein Zewi
50 DRITTES KAPITEL
war ausübendes Organ einer tyrannischen Macht,
also doppelt verhaßt. Weil der Adel vom Leibeigenen
eine Gebühr für die Benützung der Kirche erhob,
mußte er, wenn er etwa heiraten wollte, zum Ver-
walter, zum Juden gehen und sich gegen Erlegung
der Gebühr vom Juden die Kirchentüre aufschließen
lassen. Wurden Abgaben nicht gezahlt, die der
Grundherr gebieterisch von seinem Verwalter for-
derte, dann war es der Jude, der dem Leibeigenen
die letzte Kuh aus dem Stall holte. Der Herr blieb
unsichtbar . Gegen ihn richtete sich der Trieb des Be-
drückten zur Auflehnung und Befreiung. Aber gegen
den Juden richtete sich das Gelüste nach Marter und
Totschlag .
So verdichteten sich unter den gedrückten Ukrainern
Losung und Feldgeschrei zu der Formel: »Gegen
Panen und Juden.« Eine Organisation, die die Kräfte
der einzelnen zusammenfassen und wirksam machen
konnte, stand ihnen schon von langen Zeiten her zur
Verfügung. Die Nähe der großen, unkontrollier-
baren Steppe, die sich bis zur Krim ausdehnte und
aus deren Raumfreiheit immer wieder schweifende
Stämme, insbesondere Tataren, in das Ackergebiet
diesseits der Ströme einbrachen, hatten zur Bildung
einer halb militärischen, halb bäuerlichen, auf Ver-
teidigung und Abwehr gerichteten Gemeinschaft,
dem Kosakentum geführt. Und jenseits der Strom-
schnellen des Dnjepr gab es noch Kosakengemein-
schaften, die völlig frei und unabhängig waren. In
ihnen, den Saporoger Kosaken, sahen die unter-
drückten Ukrainer den nationalen Vortrupp, und von
ihnen gingen die ersten Erhebungen aus . Entlaufene
Leibeigene, Sträflinge und freibeuternde Abenteurer
bildeten den gefährlichen Kern.
GEMETZEL 51
Der erste Versuch wurde schon im Jahre 1637 ge-
macht. Der Kosakenhäuptling Pawlynk bricht in das
Gebiet von Poltawa ein, reißt die Bauern mit sich,
verheert das Land, bricht in Lubny und Lochwiza
ein, verbrennt katholische Kirchen und Synagogen,
tötet katholische Geistliche und Juden. Ein polni-
sches Heer tritt ihm entgegen . Seine Truppen wer-
den besiegt. Der Aufstand bricht zusammen. Ver-
schärfte Bestimmungen über den Umfang der Leib-
eigenschaft sind die Folge. '
Zehn Jahre später, 1648, wird ein zweiter Versuch
gemacht, besser vorbereitet und organisiert, mit ei-
nem Hetman an der Spitze, dem persönlich erfahrenes
Unrecht die auf Befreiung gerichtete Leidenschaft
stärkt: Bogdan Chmelnicky, kurz Chmel genannt.
Er hat ein Programm, zu dessen Durchführung er
zum heiligen Krieg aufruft . Er erstrebt Ausbreitung
des rechten Glaubens, Freiheit der Kosaken und Ver-
nichtung von Panen und Juden. Die ehemaligen
Feinde, die Krimer Tataren, werden seine Bundes-
genossen. Im April 1648 brechen die verbündeten
Heere auf. In zwei großen Schlachten werden die
polnischen Truppen vernichtet. Mit einem Schlag
ist das ganze östliche Dnjeprland dem Aufruhr aus-
geliefert. Die Städte und die jüdischen Gemeinden
sind schutzlos preisgegeben. Perejaslaw, Pirjatin,
Lochwitza, Lubny werden zerstört, ausgeplündert,
entvölkert. Es bleibt nur leben, wer seinen Übertritt
zum orthodoxen Glauben erklärt.
Diese Erfolge machen Mut . Der Aufstand greift auf
das Gebiet von Kiew über. Eine Welle von Schrek-
ken und Blut geht über das Land. Im Mai 1648
stirbt Wlädislaw IV. von Polen. Damit wird dem
Widerstand jede Führung und Organisation ge-
4*
52 DRITTES KAPITEL
nommen . Wölhynien und Podölien werden in den
Aufstand einbezogen. Die Juden räumen das flache
Land und suchen Zuflucht in den festen Städten.
Sie fallen teils durch List der Kosaken, teils durch
Verrat der Polen, die sich durch Preisgabe der Juden
Schonung erkaufen wollen und dann doch nieder-
gemacht werden. So fällt Nemirow durch List, so
fällt Tulczyn durch Verrat, so Bar trotz gemeinsamer
Verteidigung durch Polen und Juden vor der Über-
macht. Auch Polonnoje fällt durch Verrat. 12.000
Juden hatten sich dorthin geflüchtet. Wer nicht in
die Gefangenschaft der Tataren gerät oder sich taufen
läßt, wird getötet. Wilder und verzweifelter wird
die Flucht. Ostrog, Saslawl, Dubno nehmen zu kur-
zer Rast an die fünfzigtausend flüchtige Juden auf.
Die Landstraßen sind buchstäblich übersät mit Wa-
gen, Gegenständen, maroden Menschen. Was sich
in Städten oder auf der freien Landstraße noch er-
reichen läßt, wird getötet. In Konstantino w wird ge-
metzelt. Heeresgruppen trennen sich ab und betäti-
gen sich in Litauen und Weißrußland. Reste der
flüchtigen Gemeinden von Pinsk, Brest, Tscherni-
gow, Starodub werden vernichtet. In Homel wird
ganze Arbeit geleistet. Zamosc, Lublin, Narol, To-
maszow, Szczebreszin und viele, viele andere Städte
bereichern den Katalog eines Mordens, das kaum in
der Geschichte seinesgleichen hat.
Denn hier wurde nicht nur Krieg geführt. Hier
wurden Leidenschaften ausgetragen und Triebe des
Blutes zutiefst und hemmungslos befriedigt. Religiö-
ses Bestreben und tierischer Blutdurst treffen sich da
in einer erschreckenden Wiederholung anderen histo-
rischen Geschehens. Kein Dekalog, kein Gebot des
Nicht-töten-sollens hindert den Orthodoxen, den
GEMETZEL 53
Gegner vor die Alternative : Bekehrung oder Tod zu
stellen . Hin und wieder hatten die Kosaken mit sol-
cher Alternative wenigstens einen augenblicklichen
Erfolg. Es traten hier und da Juden zu ihrem Glau-
ben über, um ihr Leben zu retten. Aber an den mei-
sten Orten trafen sie auf einen Heroismus der Ableh-
nung und der Standhaftigkeit, den sie, hätte er sich
in ihren Reihen ereignet, als höchstes Heldentum
durch alle Traditionen hin gefeiert und besungen
hätten, der aber, von diesen elenden und verachteten
Juden aufgebracht, nur durch Mord beantwortet
werden konnte. Die Geschichte und das Schicksal
der Juden haben einen besonderen Begriff entstehen
lassen, den Kiddusch haschem, das bedeutet: die
Heiligung des göttlichen Namens, das Besiegeln der
Treue zu ihrem Gott durch das Erdulden von Marter
'und Sterben. Auch andere Völker haben Märtyrer.
Keinem aber ward das Schicksal, für zwei Jahr-
tausende das Martyrium zum Bestandteil ihres Le-
bens und ihrer Geschichte erheben zu müssen.
So kommen Ereignisse wie diese zustande: in Nemi-
row stellt der Hetman Ganja an die Juden das An-
sinnen, seinen Glauben anzunehmen. Der Leiter des
jüdischen Lehrhauses Jechiel-Michel ben Elieser da-
gegen ruft seine Gemeinde zum Kiddusch haschem
auf. Am 10. Juni 1648 nehmen an die 6000 Juden
den Märtyrertod auf sich .
Tulczyn in Podolien wird von dem Ataman Kriwo-
noß besetzt . Er läßt die Juden auf einen freien Platz
zusammentreiben und fordert Bekehrung. Sie leh-
nen ab . 1 5.000 Juden lassen sich töten .
In Polonnoje hat die Flucht mehr als zehntausend
Juden zusammengetrieben. Sie sind schon zermürbt,
und einige greifen zur Bekehrung. Aber die über-
54 DRITTES KAPITEL
wiegend größte Zahl erkennt die Treue als verbind-
licher an und wählt den Tod. In Ostropol sammelt
der Kabbaiist Simson dreihundert seiner Getreuen
in Sterbemänteln um sich in der Synagoge und beant-
wortet den Übertritt durch Gebete . Sie werden im
Gebet getötet.
In Homel will Chmelnicky selbst die Eroberung für
seinen Glauben machen. Das geistliche Oberhaupt
der Juden, Rabbi Elieser, braucht nur zu mahnen:
»Gedenket, Brüder, des Todes unserer Stammesge-
nossen, die sich um der Heiligkeit des Namens willen
geopfert haben. <( Das genügt. Die Juden bitten ein-
ander um Vergebung und überantworten ihre Seele
Gott. Dann werden mehr als 2000 erschlagen.
Und es ist kein leichtes Sterben, das ihnen da be-
schieden ist. Wohl denen, die in die Hände der be-
rüchtigten Tataren fallen. Denen geschieht nichts.
Die Tataren machen nur Gefangene und verkaufen
sie an die Juden in der übrigen Welt. Ganze Ge-
meinden ziehen den Tataren entgegen, um sich frei-
willig in ihre Gefangenschaft zu begeben . Wer dem
Kosaken begegnet, hat nichts mehr zu hoffen . Ein ge-
treuer, zu peinlich auf die Einzelheit bedachter
Chronist, Nathan Hannover, vermerkt aus der Fülle
dessen, was er gesehen, Dinge wie diese: »Den einen
zogen die Kosaken die Haut ab, um das Fleisch
den Hunden vorzuwerfen. Den anderen brachten
sie schwere Wunden bei, ohne ihnen jedoch den
Gnadenstoß zu versetzen , und warfen sie sodann auf
die Straße hinaus, um ihre Todesqual zu verlängern.
Andere wieder wurden bei lebendigem Leibe be-
graben. Sie erdolchten Säuglinge in den Armen der
Mütter und rissen viele wie einen Fisch in Stücke.
Schwangeren Frauen schlitzte man den Bauch auf.
GEMETZEL 55
riß die Frucht aus dem Leibe und schleuderte sie der
Mutter ins Gesicht. Anderen preßte man lebende
Katzen in den Leib hinein, nähte ihn dann wieder
zu und hieb den Unglücklichen die Arme ab , damit
sie sich nicht helfen könnten. Säuglinge wurden auf
der Brust ihrer Mütter aufgehängt. Manche wurden
auf Lanzen aufgespießt, gebraten und den Müttern
gereicht, damit sie ihr Fleisch kosten mögen. Mit-
unter warf man Haufen jüdischer Kinder ins Was-
ser, um die Furten zu ebnen . . . «
Neben diesen nervenverzehrenden Feststellungen ge-
hen die kleinen Berichte von der Eschet chajil, der
heldenhaften Frau. Da hat ein Kosak ein schönes
Judenmädchen aufgefangen und will sie zu seiner
Frau machen. Sie scherzt mit ihm und verrät ihm,
daß sie gegen Kugeln gefeit sei. So erreicht sie, daß
er auf sie schießt und sie tötet. Eine andere, die ein
Kosak zur Ehe zwingen will, ist unter der Bedingung
einverstanden, daß sie in der Kirche jenseits des
Flusses getraut werden . Auf dem Wege dorthin
springt sie von der Brücke in den Fluß.
Aber das Heldentum der einzelnen und der Tau-
sende vermag nicht die Lähmung zu beheben, die
die jüdische Welt angesichts dieser Gemetzel an-
kriecht. Acht Monate hat die Sturmflut gedauert,
von April bis November 1648. Keine Kreuzzüge,
keine schwarze Pest haben so unter den Juden ge-
wütet. Was diese Menschen aus der Not und der
Ungunst des Alltags gesündigt haben, haben sie so
tief und teuer bezahlt, wie es sonst in der Welt nicht
Brauch ist.
Die ganze jüdische Welt hält den Atem an. Noch ist
dieses Unglück nicht voll begriffen . Zu schnell und
turbulent war der Ablauf, zu plötzlich alle Verbin-
56 DRITTES KAPITEL
düngen unterbrochen, als daß sich ein umfassendes
Bild hätte gestalten können . In dieses schweigende
Erwarten dringen jetzt Erscheinungen und Rufe,
Menschen und Schriften. Da sind die Flüchtlinge
in den jüdischen Zentren Westeuropas und der Tür-
kei. Da ziehen, wie sonst für die Armen in Palästina,
jetzt Sendboten durch das Land und veranstalten
Kollekten zum Loskauf derer, die in Gefangenschaft
der Tataren geraten sind. Sie sammeln in Ismir,
Saloniki, Konstantinopel, Venedig, Livorno, Ham-
burg, Amsterdam, Frankfurt. Männer von Gelehr-
samkeit und Autorität unterziehen sich diesem Hilfs-
werk. Von Konstantinopel aus leitet es der angesehe-
ne David de Carcassoni. Er macht sich selbst auf
die Reise nach Venedig, mit Berichten und Doku-
menten versehen. Von dort bekommt er Empfeh-
lungsschreiben an Saul Morteira, den Rabbiner der
portugiesischen Gemeinde in Amsterdam. Wohin er
kommt, findet er das gleiche Bild; nichts interessiert
die Juden mehr, als allein die bange Frage nach dem
Sinn und Ausmaß dieses Geschehens . Ihre Geschichte
hat ihnen eine besondere Denkform vermittelt. Sie
begreifen weder wirtschaftliche Zusammenhänge,
noch die politische, religiöse und rassenmäßige
Spannung, aus der heraus das polnische Judentum
zwischen Hammer und Amboß geraten mußte . Sie
haben es mit der Auswirkung auf ihre eigene Ge-
schichte zu tun, und da ist die Auslegung eindeutig:
ihr letztes Zentrum in der Diaspora ist zerstört. Zu
den zahllosen Zerstreuungen, in denen ihr Schick-
sal ablief, ist eine neue hinzugefügt, verbunden mit
dem Sterben von Hunderttausenden, vermehrt um
eine maßlose Not und Verelendung der Überleben-
den. Es ist der augenfällige, blutige Beweis geliefert.
GEMETZEL 57
daß die Kette ihrer Leiden noch nicht beendet ist.
Wenn aber das Leid in einem Volke zu einer stän-
digen Begleiterscheinung wird, so bekommt es auch
seinen vertieften Sinn . Es muß einen vertieften Sinn
bekommen, wenn es ein Volk nicht stumpf und ge-
fühllos machen soll. Hier setzt der Sinn ihre Ge-
schichte in der Zerstreuung fort: alles Leiden dient
der Prüfung und der Läuterung. Alles Leiden ist die
Vorstufe ihrer endlichen Erlösung. An diese Erlö-
sung glauben sie schon 1600 Jahre lang. Immer dach-
ten sie, jetzt sei es genug; jetzt würden sie für reif
befunden. Und doch war es immer noch nicht ge-
nug. Immer noch gab es eine Fortsetzung. Dieses-
mal aber revoltiert die jüdische Seele tief von innen
heraus. Es geht ein gewaltiges, schmerzliches Sich-
auflehnen durch die Geister; ein hemmungsloser,
V begehrender Schrei durch die Gemüter, der gegen den
himmlischen Thron anrennt: dieses Mal muß es ge-
nug sein! Es kann nichts mehr kommen, als die Er-
lösung. W^enn dieses Leid nicht diesen Sinn hat, so
trägt es überhaupt keinen Sinn . Dann ist es sinnlose
Grausamkeit, sinnwidriges Schicksal, ein gedanken-
loses Verworfensein und Vergessen werden von Gott.
Und da sie wieder das nicht glauben können, da es
doch die Grundlagen ihres Lebens annagt, kehren sie
mit einem unendlichen Willen zum Leben und zur
Erfüllung ihrer Sendung wieder zur Hoffnung zu-
rück: es sind die letzten, die endgültigen Schläge des
Schicksals gewesen . Da diese gequälten Seelen nicht
die Vorstellung einer neuen Zerstreuung ertragen , be-
greifen sie sie nur als den Beginn der Sammlung.
Dieser^^Gedanke an die endgültige Erlösung erfuhr
durch die polnischen Gemetzel nicht etwa den ent-
scheidenden Anstoß, sondern nur die entscheidende
58 DRITTES KAPITEL
Vermehrung. Die Vorgänge in Polen gaben dem la-
tenten Messianismus nur eine schaurige Aktualität.
Aber auch der latente Messianismus war zu jener
Zeit mit ungewöhnlicher Spannung geladen. Man
befand sich doch in dem Jahre, das nach vielen
Arten der Auslegung, aus vielen Quellen der geheim-
nisvollen Ausdeutung als das messianische Jahr err-
kannt und berechnet war; 1648 . Die Tage des Mes-
sias sollten doch anbrechen ! Und was war statt des-
sen geschehen ? Es klagt der Krakauer Rabbiner Lipp-
man Heller in der Vorrede zu einer Elegie: »Im
Jahre 408 (1648), dem wir alle als einem Garten
göttlicher Pracht, als der Zeit der Rückkehr Israels^
in seine Heimat entgegen sahen, wurde mein Blut in
Strömen vergossen . « Der Posener Rabbiner Scheftel
Horowitz fragt in Empörung und Erschütterung
seinen Gott, ob er es etwa mit Absicht habe ge-
schehen lassen, daß das größte Gemetzel sich im
Monat Siwan zugetragen habe, in eben jenem Mo-
nat, in dem die Juden die Thora empfangen haben.
Auch er klagt um die Verheißung: »Im Jahre 408,
da ich meine Freiheit wieder zu erlangen hoffte, taten
sich die Missetäter zusammen, um Dein Volk aus-
zurotten . «
So geht diese vorwurfsvolle Klage durch viele Lieder
und Bußgebete, durch Kinnoth und Selichoth, so
gehen sie in die Reihenfolge der Gebete über, so ver-
bindet sich von neuem das Leid mit der Liturgie, so
werden morgen Kinder im frühesten Alter beten und
lernen , um wieviel an Schmerz und Hoffnung ihre Ge-
schichte über Nacht bereichert worden ist, so wird
die Gegenwärtigkeit ihrer Vergangenheit wieder be-
stätigt, und aus der Trauer um den Verlust des Zen-
trums der Gelehrsamkeit ringt sich ein böses Wort-
GEMETZEL 59
Spiel. Aus Polonia wird: po Ion jah. Hier ruhte
Gott.
Der latente Messianismus ist an dem Punkte ange-
langt, in dem die Theorie ihre Grenzen sprengt und
der Gedanke bereit ist, sich in die Wirklichkeit des
Daseins zu begeben. Sie sind entschlossen, dieses
grauenhafte Jahr als den Beginn des messianischen
Jahres zu wollen. Auf das Titelblatt seiner Chronik
Je wen Mezula, der tiefste Abgrund, schreibt Nathan
Hannover die Worte: Bi* schnath biathha'moschiach,
im Jahre der Ankunft des Messias. Und er entdeckt,
daß der Name des großen Peinigers Chmel nur eine
Abkürzung ist für die Worte : Cheble moschiach jabo
le'olam, Geburtswehen der Welt, die den Messias
gebärt. Und Cheble moschiach ist das,^ wovon
die jüdische Mystik schon seit langem zu berichten
weiß, und wenn es andere nicht entdeckt haben, so
enthüllt es jetzt Rabbi Ephraim aus Wreschen: die-
ses Wort hat den Zahl wert des Jahres 1648.
So wollen sie mit allen Fasern ihrer Seele den Mes-
sias .
Dieses Wollen tastet nun den Raum des Möglichen
ab . Sie haben nur eine Möglichkeit : den Angriff auf
Gott. Es gibt eine Möglichkeit, näher zu Gott zu
kommen, ein Mehr an Würdigkeit und Anspruch zu
erringen . Es gibt eine Stufe der Selbsterziehung , der
Selbsterläuterung und der Heiligkeit. Die Kabbala
hat ihnen die Wege gewiesen. Was in Safed, der
Hochburg des Kabbalismus, ihre leidenschaftlichen
Vertreter Ari und Vital gelehrt, geträumt und ge-
T^^eissagt haben, bleibt nicht mehr nur auf den Be-
zirktes Orients beschränkt. Es erobert Schritt für
Schritt die jüdische Welt . Die innere und äußere
Not hat den Juden reif gemacht für Lehre und Ver-
6o DRITTES KAPITEL
heißung der Kabbala. Sie wird eine WafFe in ihrer
Hand zum Angriff auf ihren Gott. Sie fasten, büßen,
kasteien sich, läutern und reinigen sich. Sie tun es
längst nicht mehr um ihres persönlichen Vorteils, um
ihrer individuellen Erlösung willen . Sie denken dabei
an das ganze Volk, an die Gesamtheit. Der Messias
soll kommen. Sie wollen ihm den Weg ebnen. Sie
beten aus Synagogen und Stuben und von den Grä-
bern ihrer großen Vorfahren her, Tag und Nacht, aus
allen Teilen der Welt, unablässig, mit einer gesteiger-
ten, ekstatischen Hartnäckigkeit. Sie haben den Ge-
neralangriff auf Gott begonnen .Er muß nachgeben 1 -
Was hier im Bezirk der Wirklichkeit und desEksta- ^
tischen geschieht, ist für viele erschreckend neu, für '
manche wohl bekannt, aber für einen Menschen er-
hofft, erwartet, ersehnt, mit aller Inbrunst herbei ge-
wünscht: für Sabbatai Zewi. Nicht, daß er auf das
Elend seines Volkes wartet. Aber da doch die Welt
auf einen Messias wartet, kann es nicht anders sein,
als daß ihr das Leid geschieht, das ihr vor dem Kom^-
men des Messias geschehen muß . Daß es aber so
kommen würde, so wirklich, so völlig als Not des
nackten Leibes und nicht nur der Seele, daß es so
massenweise und brutal auftreten würde, konnte auch
er nicht erwarten . Das verschiebt seine ganz auf Idee,
auf Spekulation und Seele gestimmte Haltung auf das
entscheidendste. Was nützt hier die Verheißung ei-
ner Vereinigung mit Gott, wenn überall Menschen
unterwegs sind, die nirgends zur Ruhe kommen kön-
nen ? Für die Toten und die Verschmachteten braucht
man keinen Himmel einzurennen . Es genügt ein
Stück Erde für die Lebenden. Die Seelen erlösen?
Ja. Aber erst das Volk erlösen. Jeden Tag sieht er
die flüchtenden und die losgekauften Menschen . Un-
GEMEtZEi: 6l
ablässig finden neue Berichte den Weg in das Han-
delszentrum Ismir. Immer neue Schriften mit Be-
richten von grauenhaften Einzelheiten werden ge-
druckt und verbreitet. Von Gemeinde zu Gemeinde
in der Welt gehen Nachrichten von Büß werk undmes-
sianischer Hoffnung.
Es schlägt alles in ihm und über ihm zusammen.
Kann man da nicht helfen? Muß man da nicht hel-
fen? Wie darf man hier schweigen, da doch alles Ge-
schehen und alles übervolle Leid sehnsüchtig sich
hinwendet zu jenen Verheißungen, die sein tägliches
Denken und Bemühen sind? Was nützt ihm aller
Glaube, er stände als Mensch besonderer Begnadung
inmitten der geheimnisvollen Erkenntnisse, die auf
die Erlösung gehen, wenn er nicht imstande ist,
daraus den Schluß zu ziehen und zu antworten: ich
weiß, wie euch zu helfen ist? Zwar die Idee, die er
bislang begriffen hat, war nicht auf so viel Wirklich-
keit gerichtet. An die Seelen hat er gedacht, an ihreii
mystischen, religiösen Bezirk; Aber jetzt kommen
Menschen, die aus wirklichen körperlichen Wunden
bluten, und rufen nach Erlösung, weil sie nicht wol-
len, daß man sie ewig der feindlichen Welt aussetzt
und sie alle, alle totschlägt. Der mystische Messia-
nismus ist mit der realen Not des Tages durchtränkt
und zu einem politischen, zu einem nationalen gewor-
den.
Er sieht endlich ein, daß man diese beiden Formen
der Erlösung nicht trennen könne, daß man sie als
eine Einheit nehmen müsse. Aber indem er das be-
gre^ft^bleibt ihm die Prüfung nicht erspart, was er
über das Begreifen hinaus hier tun kann. Muß er
selbst etwas dabei tun? Er muß* Er begreift sich
nicht mehr anders denn als Mensch, der vom Ge-
62 DRITTES KAPITEL
schick in den Vordergrund der Dinge gestellt ist.
Er steht schon zu lange und zu brennend dort, um
noch einer aus der Masse sein zu können . Wenn
bis heute alles dazu gedient hat, ihn zu isolieren, ihn
bedeutsam zu machen , ihn seine Sonderstellung er-
kennen zu lassen, warum sollte denn allein dieses ent-
scheidende Geschehen nicht dazu dienen? Die Zeit
schreit. Vielleicht ist der Ruf an ihn gerichtet . -
Er wird noch einsamer und verschlossener. Er kriecht
in sich hinein und sucht den Zusammenhang zwi-
schen sich und dem Geschehen. Vor seinen Ohren
sind die Rufe um Erlösung. Sie gewinnen in der
Einsamkeit verpflichtende Kraft. Immer muß doch
^/«Mensch in der Zeit sein, welcher antwortet. Er,
Sabbatai, könnte es sein, wenn es genügte, daß Men-
schen nach einem Messias rufen . Es darf aber nur
antworten, wen Gott zum Messias ernannt hat. Daß
die Zeit und alles Geschehen in der Zeit übermächtig
nach ihm rufen, ist ihm bald nicht mehr zweifelhaft.
Aber das Recht zur Antwort ist ihm noch nicht ge-
geben. Nichts und niemand hat ihn befugt. Er ist ein
Anwärter auf das Amt des Messias aus eigenem
Recht. Niemand sagt zu ihm: Du bist es!
Er beginnt, vorsichtig seine Schüler zu befragen,
welchen Rang in der Welt und in der Zeit sie ihm
wohl zuerkennen mögen. Er fragt wie der Messias
aus Galiläa: »Wer glaubt Ihr, daß ich sei?« Und sie
erkennen ihm jeden Rang der Gelehrsamkeit und
Weisheit und Heiligkeit zu. Aber keiner sagt: »Du
bist der Messias. « Das erschüttert und erschreckt ihn
tief. Alle Dinge und Ereignisse haben ihn bisher be-
stätigt. Jetzt bleibt die Bestätigung aus. Er versucht
es auf anderem Wege . Wenn er aus den Verloren-
heiten seiner Gebete zu seinen Freunden zurück-
GEMETZEL 63
findet, wie wenn er aus einer Wolke zur Erde her-
nieder stiege, fragt er sie: »Habt Ihr gesehen, daß
ich gleich dem Messias in der Verheißung des Jesaja
auf Wolken einhergefahren bin?« Sie schweigen er-
schreckt und verneinen, aber sie gewöhnen sich an
seine Berichte, Fragen und Auslegungen. Wenn er
bei den nächtlichen Spaziergängen Lichter sieht, die
auf ihn zukommen, oder geheimnisvolle Stimmen vom
Meere hört, die auf ihn einreden, sehen auch sie das
Licht und hören die Stimmen. Wenn er ihnen die
heuesteil Berichte aus aller Welt vermittelt, geschüt-
telt von Entsetzen und Mitleid und dem gehüteten
Geheimnis des Anrufes, glauben sie ihm, wenn er
den Vers des Jesaja auf sich bezieht: »In meinem
Herzen ist der Tag der Ahndung angebrochen, und
das Jahr meiner Erlösung ist gekommen.«
Während er sie Schritt für Schritt leitet, ihm zu ver-
trauen und ihm dereinst das noch Verhüllte zu glau-
ben, gangelt er gleichzeitig sich selbst an seiner über-
großen Bereitschaft, sich als Messias anrufen zu las-
sen . Bald ist da keine Grenze mehr zwischen Wunsch
und Wirklichkeit. Für ihn steht schon alles Kommen-
de so fest, daß man es getrost vorweg nehmen darf.
Er ist wie ein Mensch, der schon heute über einen Ge-
genstandverfügt, den man ihm selbst morgen erst schen-
ken soll. Er glaubt, daß er es darf. Sein Vertrauen zu
dem, was er erwartet, ist blind. Daß er aber unge-
wöhnliche Verantwortung auf sich lädt, bedenkt er
nicht. Aus solcher Haltung wächst der Verbrecher
aus Unterlassung, nicht aus Tat. -
So muß es kommen, daß er sich eines Tages, noch im
AblauFdes Jahres 164 8, seinen engsten Freunden nach
vielen Andeutungen und geheimnisvollen Auslegungen
als Messias bekennt. Und Schweigen verlangt.
64 DRITTES KAPITEL
Sie erschrecken nicht mehr. Ihre Gläubigkeit und Be-
reitwilligkeit ist sehr groß. Sie erkennen ihn an. Da
sie als erste der Offenbarung gewürdigt worden sind,
ist ihre Anhänglichkeit ohne Grenzen . Sie bilden seine
erste verborgene Gemeinde,
VIERTES KAPITEL
ANRUFUNG DES NAMENS
5 Kaßtein Zewi
VIERTES KAPITEL 67
DAS JAHR 1648, DAS JAHR DER MESSIANISCHEN VER-
heißung, geht seinem Ende zu. Von den vier Enden
der Welt her wächst in einem Volke die Bereitschaft
und die Vorbereitung. Aber es geschieht nichts, was
sich als Erhörung und Erfüllung deuten läßt. Kein
Anzeichen läßt sich wahrnehmen. Es weiß niemand,
daß zu dieser Zeit sich in Ismir ein junger Kabbaiist
von 22 Jahren seinen engsten Freunden als Messias
bekannt hat. Die Spannung ist straff bis zum Zer-
reißen.
Auch Sabbatai bewegt sich an der äußersten Grenze
zwischen Erwartung und Ausgeliefertsein an die Bil-
der seiner Vorstellungen. Wenn jetzt noch einige
Wochen vergehen, dann hat das Schicksal alle Er-
wartungen und Verheißungen Lügen gestraft. Dann
bricht mit dem Ablauf des Jahres alle Sicherheit des
Glaubens zusammen. Das ist so unvorstellbar, daß
es schlechthin nicht sein darf. Da der Messias ver-
heißen ist, muß er kommen. Und da nirgends in der
Welt einer aufsteht und sagt: »Ich bin es«, so geht
es immer wieder ihn selbst an, ist er immer wieder
von neuem und jetzt dringender als je vor die Frage
gestellt: »Wenn nicht ich, wer sonst .f^«
Möglich, daß ein anderer als er berufen ist. Aber er
bekennt sich nicht. Warum nicht? Fehlt es ihm an
der letzten Bestätigung von oben? Dann wird jener
vermeinte andere wohl nicht der wahre Messias sein.
Dann bleibt es doch wohl bei ihm haften, bei Sab-
batai Zewi . Zwar ist auch bei ihm noch nicht alles
gekl^xtjund die letzte Eindeutigkeit des Anrufes noch
nicht erfolgt. Aber er hat doch schon einen Versuch
gemacht, hat das Göttliche herausgefordert und ist
von keinem Blitzstrahl als Lästerer erschlagen wor-
5*
68 VIERTES KAPITEL
den. Er hat sich in der Heimlichkeit bekannt und
gewann dadurch nur neues Vertrauen in sich selbst.
Vielleicht braucht es zu allem nur noch das Bekennen
in der hellen Öffentlichkeit. Die Zeit drängt. Es ist
kein Verbrechen, wenn man ihre Not aufnimmt und
ihr antwortet. Es mag sein, daß es ihn zerschlägt
und für sein Leben vernichtet. Aber es muß gewagt
werden .
Stammelnd, erschüttert und aufgewühlt wankt Sab-
batai unter der halben Erkenntnis einher, wankt durch
die Nächte und die Gassen, unwiderstehlich hinge-
zogen zur Synagoge, wo die täglichen Bekenntnisse
und Gebete aufsteigen in den Raum, der keine Ant-
wort gibt. Er steht da, den Blick auf die verhüllten
Betenden gerichtet, zerberstend unter dem Wider-
streit von Furcht und dem Drang nach einer erlösen-
den Manifestation, und während alle Dinge und
Menschen sich zu einem wirren Haufen von blenden-
dem Licht vor ihm zusammenballen, betritt er den
Almemor, den erhöhten Platz, von dem aus die hei-
lige Schrift vorgelesen wird, und schreit hemmungs-
los den vollen, nie in der Zerstreuung ausgesproche-
nen Namen Gottes in das Gewirr der Stimmen hinein.
Es wird mit einem Schlage grabstill . Was war das ?
Das war doch der Schem ha'mforasch, der volle Na-
me Gottes, den allein in Jerusalem und an der Tem-
pelstätte der Hohe Priester aussprechen durfte ! Und
dann darf man ihn noch aussprechen, wenn man sich
um der Heiligung eben dieses Namens willen dem
Geschick des Märtyrers ausliefert. Aber dieser junge
Chacham ist doch kein Dummkopf, daß er diese Ge-<
böte nicht kennt! Also ein Lästerer seines Gottes?
Unvorstellbar, denn in der allgemeinen Frömmig-
keit der Zeit ist er der Frommsten einer. Aber sie
ANRUFUNG DES NAMENS 69
wissen, daß die Zeit nicht nur fromm, sondern auch
übermäßig von innen her erregt ist. Vielleicht hat es
den jungen Menschen auf dem Almemor überrannt
und umgestoßen, daß er nicht weiß, was er tut und
folglich nichts zu verantworten hat. Aber wie dem
auch sei : es bleibt ein Verstoß von unvorstellbarer
Schwere. Es ist vielleicht nicht ihre Aufgabe, in
einer so zerrissenen Zeit das Amt des Richters zu
übernehmen. Mag Gott sich selber wehren, wenn
er sich hier zu Unrecht angerufen und beschworen
fühlt. Es ist eine Beschwörung, denn wer den vollen
Namen Gottes ausspricht, ruft ihn bei seinem Wesen
an, zwingt ihn herbei, beschwört ihn. Der Priester
darf es, denn er ist dazu eingesetzt. Der Märtyrer
darf es, denn es ist seine letzte Heimkehr. Und ein-
mal wird es der Messias dürfen, weil dann sein Ruf
nur Antwort auf die Ernennung durch Gott ist. Da
dieser junge Mensch aber alles drei nicht ist, muß es
böse Folgen geben. Sie haben Angst davor. Man darf
diesen Vorgang nicht laut werden lassen. Man muß
ihn unterdrücken, damit es draußen nicht Aufsehen
und Unruhe gibt. Man muß sich blind und taub
stellen, vertuschen, weiter beten, vergessen, was da
geschehen ist. Und die Stimmen der Beter erfüllen
von neuem und mit lauteren Gesängen den Raum
der Synagoge. Es ist nichts geschehen. Es darf nichts
geschehen sein . Einige Jünger Sabbatais heben er-
regt die Hände und wollen etwas rufen. Aber das
tote Schweigen lähmt sie; der turbulente Lärm der
Gebete erdrückt sie. Sie schweigen. -
Da isfeiner unter den Betenden, Isaac Sylveyra, der
genau so wie die anderen Beter die drei Möglichkei-
ten durchdenkt, und den es doch bei der dritten wie
eine plötzliche Erkenntnis durchzuckt : dieser Mensch
70 VIERTES KAPITEL
da sieht aus wie einer, der das Recht auf solches Be-
kenntnis hat ! Er sieht zu ihm auf und fragt ver-
schüchtert: »Messias?« Seine Worte sind im auf-
brausenden Chorus der Gebete nicht zu verstehen,
aber Sabbatai, dessen Augen gierig an jedem Ge-
sicht hängen, versteht aus der Formung der Lippen,
daß wenigstens einer ihn verstanden, wenigstens ei-
ner das Symbol seines Bekenntnisses richtig aufge-
nommen hat. Vielleicht sind da noch andere, die
glauben möchten , und die sich doch feige an der Offen-
barung vorbeischleichen . Sie beten laut und schreien
nach einem Messias, und vor dem, der sich ihnen dort
auf dem Almemor anbietet, schließen sie die Augen.
Eine wilde Bitternis ist in Sabbatai Zewi. Ist alle
Selbstzucht, ist alles Beten, Kasteien, Sich-härmen,
Zweifein und Ringen nur dafür gewesen, um dieses
laute, ablehnende Schweigen zu ernten? Er bedenkt
nicht, ob dieses Verneinen der Menschen nicht eine
Antwort sei, die von dem untrüglichen Instinkt ge-
geben ist, und die er folglich demütig hinnehmen muß .
Er ist kein demütiger Mensch. Er ist hochmütig,
weil er seine Anerkennung fordert. Er fühlt sich als
ein verkannter Messias. Der wahre Messias, weiß
er, wird von den Menschen verleugnet werden. Da-
rum fühlt er sich doppelt als Messias . Darin ist Trotz.
Er wird sie zur Anerkennung zwingen , wie er schon
den einen, Isaac Silveyra gezwungen hat. Dieser ist
sein erster Anhänger. Und diesem gibt er später zum
Lohn eine Krone,
Es gibt eine Erzählung voll tiefen Sinnes aus j ener Zeit :
in einem Lehrhaus sitzen junge Menschen um einen
Tisch und fragen einen berühmten Rabbi: »Woran
erkennt man den Messias? Daran, daß er Wunder
tut?« Der alte Rabbi zieht erstaunt die Augenbrauen
ANRUFUNG DES NAMENS 71
hoch. «Wunder? Wunder hat auch der Jehoschuah
aus Nazareth getan. Und er ist doch nicht unser
Messias gewesen. Den Messias erkennt man daran,
daß alle an ihn glauben und keiner an ihm zweifelt. «
Nach dem ekstatischen Bekenntnis in der Synagoge zu
Ismir verläuft Sabbatais Tagewerk nun in den kleinen
Beniühungen, eben dieses Ziel zu erreichen, daß alle
an ihn glauben und keiner an ihm zweifelt . Die große
Gebärde vor der Masse der Betenden war ein Schlag
ins Leere. Dieser Augenblick war vielleicht der ehr-
lichste und ungewollteste in seinem Leben. Aber da
es nach solchem Augenblick kein Zurück gibt und sol-
che Ekstase nicht willkürlich von neuem herbeigerufen
werden kann, muß er sich auf die nüchterne, sach-
liche, wühlende und unterminierende Kleinarbeit be-
schränken. Silveyra bringt ihm zwei andere, bedeu-
tende Anhänger, den Mose Calmari und den Mose
Pinheiro, den Schwager des großen italienischen Rab-
biners und Kabbalisten Joseph Ergas. Sie bilden den
Kern eines Konventikels, der Sabbatai ohne Frage
und Voraussetzung als den berufenen Messias an-
erkennt. Sie sind darauf bedacht, ihren Kreis lang-
sam, aber mit unbedingt gläubigen und zuverlässigen
Menschen zu erweitern. Dafür ist es vor allem nötig,
daß nichts geschieht, was sie in den Augen der großen
Masse verdächtig oder bedenklich macht. Sie machen
sich daher strenge Beobachtung aller Gesetzesvor-
, Schriften zur Pflicht . Man könnte sie nach ihrem Ver-
halten in dieser Zeit für eine Gruppe besonders from-
mer Menschen halten, wenn von ihnen nicht immer
wiedertleine Bewegungen und Unruhen ausgingen.
Es sind insbesondere die Armen , denen sie ihre Auf-
merksamkeit zuwenden . Arme gibt es in dieser Zeit
der Not selbst in der wohlhabenden Stadt Ismir, denn
72 VIERTES KAPITEL
es drängen sich zu viele dorthin, die an dem Aufblü-
hen der Stadt und der Gemeinde teilhaben wollen.
Besonders aus dem nahen Palästina kommen von der
Not getriebene Menschen . Denn bis dahin wirkt sich
die Ungunst der Zeit aus . Der Strom der Spenden
aus Polen ist unterbrochen . Die einst Almosen gaben,
brauchen jetzt selber Unterstützung. Die Sammlun-
gen in der jüdischen Welt werden zugunsten der ta-
tarischen Gefangenen veranstaltet. In der heiligen
Stadt Jerusalem ist Hungersnot ausgebrochen . Und
an diese Menschen, die der Hunger vertrieben hat,
wendet sich Sabbatai, Denn die müssen am ersten
verstehen, daß es etwas Ungeheuerliches ist, wenn
Juden in dieser Zeit selbst von dort noch vertrieben
werden, wohin sie zurückkehren sollen. Solche Di-
aspora ist nur vor dem letzten Ende, vor der endgül-
tigen Sammlung möglich.
Er findet Anhänger unter ihnen, und zuweilen, wenn
seine Tröstungen und Verheißungen sehr eindring-
lich sind, brechen kleine Tumulte aus. Sie gehen in
die Synagogen und Lehrstätten und wollen die an-
deren aufrütteln und sie für das Erkennen des Mes-
sias zugänglich machen. Es gibt Dispute, die sehr
heftig werden und in Streitigkeiten ausarten . Es ent-
stehen daraus Spannungen und Feindschaften, die
den Frieden der Gemeinde gefährden.
Die Rabbiner haben auf dieses Treiben ein sehr wach-
sames Auge. Sie lassen sich jede Einzelheit berich-
ten, die in dem Kreise um Sabbatai vor sich geht.
Bei ihnen ist die Aussprechung des Schem ha'mfo-
rasch nicht vergessen. Insbesondere Escapa, der ehe-
malige Lehrer des Sabbatai, kennt seinen Schüler sehr
gut; zu gut, um nicht zu wissen, daß es ihm nicht
darauf ankommt, eine Wirklichkeit mit einem Phan-
ANRUFUNG DES NAMENS 73
tasiebilde ZU vermengen . Er weiß, daß Sabbatai nicht
nur ein frommer Mensch ist, sondern auch ein ehr-
geiziger. Ehrgeiz ist aber das Gegenteil von Fröm-
.migkeit . Zwar wird im Augenblick von Sabbatai nur
die gesteigerte Frömmigkeit sichtbar, und so muß Es-
capa sich angesichts der kleinen Unruhen, die um
seinen ehemaligen Schüler entstehen, darauf be-
schränken , ihm eine Verwarnung zugehen zu lassen .
Er solle Ruhe geben . Die Zeit sei unruhig genug. Sie
bipdürfe keiner besonderen Erregung mehr .
Und in der Tat setzten die Erregungen aus dem tat-
sächlichen Geschehen nicht aus . Im November 1648,
als Jan Kasimir, der Kardinal und Primas von Gne-
sen, als Nachfolger Wladimirs IV. zum König von
Polen gewählt worden war, hatte er Friedensver-
handlungen mit Chmelnicky eingeleitet, und das Ge-
metzel hatte für kurze Zeit geruht. Dann begann es
im Sommer 1649 von neuem. Zwar wurde Chrhel-
nicky von den reorganisierten polnischen Truppen
geschlagen, aber doch fand er im folgenden Jahre er-
neute Gelegenheit zum Angriff auf Polen und Juden.
Langsam begann die Zahl der jüdischen Opfer sich
der Kontrolle zu entziehen . Aber es schien der letzte
Anprall des Sturmes gewesen zu sein. Mit einem
Male wurde es still. Mit der tragischen Anpassungs-
fähigkeit, die sie sich im Laufe ihrer Geschichte er-
worben hatten, richteten die geduckten Juden sich
wieder auf. Sie sahen : Jan Kasimir hat den Chmel-
nicky entscheidend geschlagen, mindestens ihn für
lange^Zeit unschädlich gemacht. Ihr Leben und ihre
Existenz waren für heute und morgen garantiert . Und
schon sahen sie wieder Zukunft und Lebensmöglich-
keiten. Sie begannen sogleich, ihre Organisation, das
Rückgrat ihrer Existenz, wieder aufzubauen. Sie he^-
74 VIERTES KAPITEL
riefen für das Jahr 1650 nach Lublin die Vertreter
der vier polnischen Länder, den Vier-Länder- Waad,
und bauten die zertrümmerte Ordnung und den zer-
brochenen Zusammenhang wieder auf. Sie erwirkten
von Jan Kasimir, daß die unter den Drohungen zum
Christentum Übergetretenen wieder zum Judentum
zurückkehren durften. Sie bewirkten die Frei-
lassung der gefangenen Frauen und Kinder. Sie
kauften mit ihren letzten Mitteln die Gefangenen von
den Tataren los . Sie vermehrten die Zahl ihrer
schwarzen Gedenktage um den Fasttag des 20. Si-
wan, den Tag der Zerstörung von Nemirow. Sie
untersagten einander, um das Andenken der Mär-
tyrer zu ehren, für die Dauer von drei Jahren Bro-
kat und Samt oder Seide zu trägen. Sie beginnen
schon wieder mit der Dauer zu rechnen . Sie beginnen
schon wieder, alles Leid in Gedichten und Klage-
liedern und Gebeten zu sublimieren. Ihre Begabung
für das Leben ist nicht geringer als die für das Ster-
ben .
Etwas von diesem ungewöhnlichen Willen zum Le-
ben und zur Wirklichkeit geht auch auf die übrige
jüdische Welt über. Zwar kommen die messianischen
Ideen nicht zur Ruhe, weil sie immer latent vorhan-
den sind. Aber da die erregenden Vorgänge ih der
Außenwelt stiller werden, bleibt auch die Idee im
Geistigen verhaftet und drängt nicht übermäßig nach
ihrer Gestaltung. Nur ein Mensch wie Sabbatai Zewi
kann sich mit diesem Zustand der Dinge nicht ab-
finden. Er hat den Schritt jenseits der Grenze ge-
macht. Er ist nicht bereit, ihn zurückzunehmen. Er
übersieht ganz klar die Einmaligkeit dieser Konstel-
lation , daß der latente Messianismus vor der Explo-
sion steht, daß Hunderttausende trotz allem bereit
ANRUFUNG DES NAMENS 75
sind , einen Messias in aller Wirklichkeit anzunehmen ,
wenn er sich darbietet. Vor der Zeit, die nach
einem erlösenden Menschen sucht, steht ein Mensch,
der nach einer aufnahmebereiten Zeit sucht. Die bei-
den können sich begegnen und eine große Bewegung
auslösen. Sabbatai ist bereit, das Seinige dazu zu
tun.
Aber seine Umgebung ist nicht bereit, das zu dul-
den. Sie erkennt an, daß ein Messias kommen muß.
Aber sie anerkennt nicht diesen jungen Menschen,
der unter ihren Augen aufgewachsen ist, dessen Klug-
heit sie bewundert, dessen Sonderbarkeit sie belä-
chelt, dem sie insgeheim nachträgt, daß er sich mit
Geheimnis umgibt, dem sie die frevelhafte Ausspre-
chung des heiligen Namens noch nicht verziehen hat,
und dem sie es sehr verargt, daß er sich der Armen
bemächtigt und Unruhe unter ihnen stiftet. Er hat
sich zwar noch nicht offen als Messias bekannt, son-
dern hat es bei der symbolischen Demonstration be-
wenden lassen. Aber daß er eines Tages Ernst mit
seinem Anspruch machen wird, steht sicher zu er-
warten. Und dem wollen sie vorbeugen; nicht nur,
weil sie ihm persönlich den Anspruch streitig ma-
chen, sondern auch, weil sie einen klugen, wägenden,
kaufmännisch rechnenden Instinkt für die Zeit haben.
Diese Zeit braucht außen und innen Ruhe, Ruhe um
jeden Preis, damit die offenen Wunden heilen kön-
nen. Wer diesen Heilungsprozeß stört, zieht sich die
Feindschaft derer zu, die über das Wohl des Volkes
wach€ai_der Rabbiner.
Sabbatai weiß das. Er hält sich zurück, vermeidet
jedes offene und demonstrative Auftreten und wirkt
unter der Oberfläche und im kleinen Kreise weiter.
Da sind seine Erfolge allerdings beträchtlich . Es muß
76 VIERTES KAPITEL
schwer gewesen sein, ihm zu widerstehen, wenn er
einen Menschen überzeugen wollte. Und anderer-
seits hat er einen großen Bundesgenossen: die Er-
wartung der Menschen. Er nützt sie aus, um seine
Anerkennung zu mehren. Wie ein Krämer sammelt
er Anhänger um Anhänger, bis seine Gefolgschaft so
groß sein wird, daß er sich ohne Gefahr des Mißlin-
gens nach außen hin bekennen kann . In ihm ist nichts
mehr von der leidenschaftlichen Geste, aus der er die
Aussprechung des heiligen Namens gewagt hat. Er
ist so verhalten, daß er den Eindruck der Feigheit
macht, und er duckt und versteckt sich vor den Rab-
binern.
Sie verfolgen und beobachten ihn so scharf, daß sie
endlich genug Material in Händen haben, um einen
entscheidenden Schlag gegen ihn zu führen . Sie tun
ihm nicht die Ehre an, ihn als Messias zu bekämpfen ;
sondern sie verhängen über ihn als Unruhestifter und
als Verbreiter von Irrlehren den Bann , den Cherem .
Sie sprechen gegen ihn die großen Verwünschungen
aus, die eigentlich ein Schrei der Notwehr sind, die
eine gefährdete Gemeinschaft ausstößt: »Nach dem
Beschluß der Engel und dem Urteil der Heiligen ban-
nen, verstoßen, verwünschen und verfluchen wir Sab-
batai Zewi, mit der Zustimmung des heiligen Gottes
und dieser ganzen Gemeinde, vor der heiligen Thora
mit den sechshundertdreizehn Vorschriften, die in
ihr verzeichnet sind, mit dem Fluche, mit dem
Elias die Knaben verfluchte, und mit allen den Ver-
wünschungen, die im Gesetz geschrieben sind. Ver-
flucht sei er am Tage, und verflucht sei er bei Nacht;
verflucht, wenn er sich niederlegt, und verflucht,
wenn er aufsteht; verflucht, wenn er ausgeht, und
verflucht, wenn er heimkehrt. Gott soll ihm nicht
ANRUFUNG DES NAMENS 77
verzeihen . Zorn und Grimm Gottes sollen gegen
ihn entbrennen und über ihn alle Flüche bringen , von
denen im Gesetz geschrieben steht. Verlöscht werde
; sein Name unter dem Himmel und sein Andenken
ausgeschieden aus der Gemeinschaft Israels. Und soll
niemand mit ihm umgehen, nicht mündlich, nicht
schriftlich, niemand ihm eine Gunst erweisen, nie-
mand unter einem Dache oder vier Ellen in seinem
Umkreis weilen, und niemand eine Schrift von seiner
Hand lesen . «
Wenn die Rabbiner von Ismir um die Wirkung ihres
Bannspruches gewußt hätten , dann wäre er unaus-
gesprochen geblieben. Sie hätten Sabbatai sich selbst
und seinem kleinen konspiratorischen Wirken über-
lassen, bis seine Bemühungen sich verzettelt und er-
schöpft hätten . Aber so haben sie in sein Leben das
Element gebracht, aus dem er fortan weiter lebt, und
das ihm zu einem unaufhaltsamen Aufstieg verhilft :
das Angestoßen werden durch eine Kraft von außen,
die Passivität, die die Dinge mit fast weiblicher In-
brunst aufnimmt und sie im feigen Erdulden und Un-
terordnen zu einer Macht verarbeitet und umwandelt.
Das hat der Urheber dieses Bannspruches, sein Leh-
rer Escapa, sehr wohl bedacht, denn erkannte nicht
nur das Gehirn, sondern auch das Gemüt seines Schü-
lers. Darum war der Rat, den er den Rabbinern zur
Beseitigung dieses Ärgernisses gegeben hatte, auf
rjichts weniger gegangen als auf die Beseitigung Sab-
batais. Man konnte ihm daraus nicht einmal einen
Vorwurf machen, denn das jüdische Gesetz verhäng-
te über den, der den heiligen Namen unbefugt aus-
sprach, die Todesstrafe. Das Bußgeld, schlug Es-
capa vor, solle die Gemeinde übernehmen, und die
Rabbiner sollten dem Täter, weil er ein gutes Werk
78 VIERTES KAPITEL
verrichtete, im voraus die Sünde verzeihen. Aber das
schien den anderen ein Mittel, das in keinem Ver-
hältnis zur Wirkung stand. Sie entschieden sich für
den Bann und damit im Ergebnis, für den Beginn der
größten messianischen Bewegung, die das Judentum
je in der Zerstreuung erlebt hat.
Die Schwere, die in einem Bannfluch liegt, berührt
Sabbatai nicht im mindesten . Verständlich wird ihm
dagegen sehr, daß ihm Gefahr drohe, und daß seines
Bleibens in Ismir nicht länger sei. Er weiß, daß dieser
Bann nur ein gemindertes Todesurteil ist, und er hat
weder die Kraft noch den Willen zu einer trotzigen
Haltung. Er beschließt vielmehr, auszuweichen, zu
fliehen . Aber selbst dieses Ausweichen und Fliehen
wird für ihn sogleich zur Quelle eines neuen Erlebens .
Mag Escapa den Bann begründen wie er will : Sab-
batai weiß, daß man in ihm den Messias treflFen will.
Mit tiefer Genugtuung stellt er fest, daß die Welt auf
sein Tun reagiert. Es wird ihm damit der Beweis
geliefert, wie wichtig sein Tun ist. Und weil es so
wichtig ist, muß er die Folgen auf sich nehmen . Und
diese Folgen - man sieht förmlich, wie sich alles in
Zufriedenheit überschlägt - sind das Leid; jenes
Leid, das dem Messias von alten Zeiten her ver-
heißen ist, jenes Leid, das sehr tief im Messiasgedan-
ken wurzelt. Der Messias wird verkannt und ver-
folgt und muß leiden. Das ist eines der Zeichen, an
denen man ihn erkennt. Und diese Zeichen offen-
baren sich jetzt sichtbar im Schicksal des Sabbatai
Ze wi . Der Fluch wird ihm zum Segen .
Ehe er Ismir verläßt, gibt er in vertrautem Kreise
bekannt, was er weiß : diese Stadt, die ihn heute ver-
jagt, wird ihn eines Tages wie einen König empfan-
gen. Es mag Jahre dauern, bis er wieder kommt,
ANRUFUNG DES NAMENS 79
aber er kommt wieder. Und in dieser Gewißheit er-
nennt er für seine zukünftige Residenz zwei seiner
Schüler als Stellvertreter: Chaim Dow aus Saloniki
und Schalom Israel aus Isinir. Vor ihnen bekennt er
sich feierlich als der wahre und berufene Messias.
Von ihnen verlangt er, daß sie für die Dauer seiner
Verbannung für ihn und in seinem Sinne wirken .
Dann begibt er sich auf Reisen, reich ausgestattet mit
Geldern seines Vaters und seiner Brüder. Ein neuer
Anstoß hat ihn getroffen. Tiefer wird das Verharren
bei dem Amte, das er auf sich genommen hat. Sein
Glaube an sich selbst wird wie Stahl. Jetzt hat die
Welt tatsächlich einen Messias bekommen.
In dem Wege, den er jetzt einschlägt, liegt kein klarer
und vorbedachter Plan , und die vielen Abweichungen
der Quellen über die Reiseroute machen es wahr-
scheinlich, daß es ein hin und her, ein hierhin und
dorthin gewesen ist, wie der Zufall von Begegnun-
gen, von Zustimmung oder Ablehnung es gerade füg-
te . Aber immer ist er darauf aus , zu wirken , für
sich zu werben, seinen Anspruch vorzulegen und An-
erkennung und Gefolgschaft zu verlangen, Da sein
Vater und seine Brüder an ihn glauben, wird es die
Verwandtschaft nicht minder tun. Folglich begibt
er sich nach Morea. Dort weiß man von ihm. Dort
erfährt er zum ersten Male die tiefe Genugtuung, daß
Gerüchte und halb legendäre Erzählungen ihm schon
vorausgeeilt sind . Darum hält es ihn hier nicht lange .
Wenn schon die kleinen, abgelegenen Orte von ihm
wissen ,<!;5rerden es die großen Zentren des Judentums
um so mehr. Vor allem schwebt ihm Jerusalem vor.
Aber dieser Ort hat eine so verpflichtende Kraft zu
Handlungen und letzten Entscheidungen, daß er sich
lieber erst am Rande des Kreises versucht. Er taucht
8o VIERTES KAPITEL
in einer Reihe griechischer Städte auf, ohne daß greif-
bare Ereignisse zu verzeichnen sind. In Athen wird
er als gelehrter Mann freundlich empfangen, aber so-
bald die Nachricht von dem verhängten Bann be-
kannt wird, isoliert man ihn, so daß ihm nichts bleibt,
als abzureisen .
Er ist keineswegs entmutigt . Da die Umstände ihn
dauernd in Bewegung halten , bleibt er auch innerlich
in Bewegung. Er kalkuliert richtig, daß an sein Er-
scheinen doch überall Erinnerungen verbleiben wer-
den, deren Summe eines Tages die Anerkennung sein
kann . Schon daß seine reichen Geldmittel ihm ein
pomphaftes Auftreten ermöglichen, ist wichtig und
eindrucksvoll. Von diesem Umstand macht er aus-
giebig Gebrauch, wie er sich jetzt entschließt, in Sa-
loniki, der Hauptstadt Mazedoniens, die Probe aufs
Exempel zu machen .
Saloniki ist eine überaus wohlhabende und gelehrte
Judenstadt, beherbergt lo.ooo Türken und 4000
Griechen, aber 22.000 Juden, Frauen und Kinder
nicht mitgerechnet. Dreißig Synagogen sind in der
Stadt und zwei große Lehrhäuser mit Tausenden von
Schülern aus dem ganzen Orient her. Hier hat die
Lehre der Kabbala sich eine Hochburg errichtet, und
hier kann Sabbatai auf Verständnis hoffen , Aber die
Erfahrungen haben ihn klug gemacht. Er hält mit
seiner Offenbarung und mit seinem Anspruch zurück,
weil er erst feststellen muß, wieweit diese Menschen
bereit sind, der Idee eines lebendigen Messias ihre
Zustimmung zu geben. So sagt er, wie er die Rab-
biner besucht, nichts über sein Messiastum. Er
kommt schlechthin als ein Gelehrter, und als solcher
kann er überall gute Aufnahme erwarten. Dennoch
ist er für die Rabbiner von Saloniki kein unbeschrie-
ANRUFUNG DES NAMENS 8l
benes Blatt. Vielleicht wissen sie nichts von dem
Bann, bestimmt aber wissen sie, daß er vor Jahren
einmal öffentlich in der Synagoge den Sehern ha *mfo-
rasch ausgesprochen hat. Und sie begehren von ihm
zu wissen, warum er es getan hat.
Damit ist ihm eine einzigartige Möglichkeit gegeben,
zu bekennen: ich durfte es, weil ich der Messias bin.
Er macht keinen Gebrauch davon . Er fühlt sich wohl
noch zu isoliert . Darum weicht er mit ernst abwehren-
der Gebärde aus : das sei ein Geheimnis , das er eines
Tages enthüllen werde, wenn die Zeit dafür gekom-
men sei.
Aber wenn er schon nicht den Mut hat, zu bekennen,
so kann er andererseits doch nicht darauf verzichten,
sich in einer symbolischen Handlung zu entladen und
abzuwarten , ob die anderen ihn nicht von selbst ver-
stehen und ihm nicht spontan aus dem Begreifen zu-
rufen: »Du bist der Messias«. So wie er es in Ismir
getan hat, wo ihm ein Mensch antwortete . Vielleicht
antworten hier mehrere.
Er lädt die Rabbiner der Stadt zu einem großen und
prunkvollen Fest ein . Während sie essen und trinken
und weise Gespräche führen, ^ erhebt sich Sabbatai
plötzlich und nimmt hinter einem Vorhang her eine
Thorarolle. Alle sehen ihn erstaunt an. Was wird
da kommen ? Sabbatai tritt vor sie hin , glühend im
Gesicht, die Rolle des Gesetzes dicht an sich ge-
drückt, als halte er einen Menschen, und verlangt,
daß die Rabbiner zwischen ihm und der Thora die
Eheschließung vollziehen !
Werden sie aufspringen, das Symbol verstehen und
ihm zurufen, was er erwartet .f" Nichts dergleichen ge-
schieht. Er stößt auf verlegenes, befremdetes, un-
williges Schweigen . Vom Ende der Tafel kommt eine
6 Kastein Zewi
82 VIERTES KAPITEL
verärgerte, verächtliche Stimme: »Der Mensch ist
verrückt!« Und die anderen nicken ihm zu: Ja. Sie
erheben sich und wollen gehen. Da lacht Sabbatai
kalt und höhnisch hinter ihnen her, daß sie sich noch
einmal umwenden. Er ist der Situation völlig ge-
wachsen und will seine Gäste nicht gehen lassen,
ohne sie zuvor ins Unrecht gesetzt zu haben . Warum
sie die}Propheten lügen strafen wollen ? fragt er sie .
Es hätten doch die Propheten gesagt, daß die heilige
Schrift, dieser Inbegriff der Wahrheit, die Gattin de-
rer sein müsse, die die Wahrheit lieben . Und das sei
der Sinn der Einladung gewesen, sie eine solche Feier
erleben zu lassen .
Sie zucken die Achseln, etwas verlegen, etwas ver-
ärgert und noch mit dem Schimpfwort »verrückt« auf
den Lippen. Aber wieder ist da einer, Isaac Levi, ein
Verwandter seines Lehrers Escapa, den das Symbol
mächtig angegriffen und erfaßt hat, der heimlich zu-
rückbleibt, wie die andern gehen, und sich in furcht-
samer Vertraulichkeit Sabbatai nähert. »Der wahre
Sinn.?« fragt er. Und Sabbatai, wissend um die Be-
deutung des einzelnen, der ergriffen ist, läßt jede
Hemmung vor ihm fallen und bekennt sich ihm als
der in der Zeit erwählte und berufene Messias . Aber
er beschwört ihn zugleich, davon zu schweigen, so-
lange er in Saloniki sei, und erst zureden, wenn er
abgereist sei . Isaac Levi verspricht es, ein treuer und
in der Folge wichtiger und wirkender Anhänger.
Wie er es nicht anders erwartet hat, geht Sabbatai
am anderen Tage der Rat der Rabbiner zu, die Stadt
möglichst bald zu verlassen , falls er nicht aus ihr ver-
trieben werden will . Sabbatai sträubt sich nicht . Lei-
den und Verfolgtwerden gehören doch zu seinem
Amt. Er hat hier im Augenblick auch nichts mehr
ANRUFUNG DES NAMENS 83
ZU tun. Ein anderer wird für ihn, wenn er erst fort
ist, das Bekenntnis ablegen. Dann sieht es so aus, als
kämen die Dinge auf ihn zu, und als müsse er nur ge-
horchen. Und daß dem so ist, glaubt er schon selbst,
wie er sich anderen Tages auf den Weg nach Kon-
stantinopel macht.
Konstantinopel war auch für die orientalischen Juden
und für ihre Angelegenheiten die Hauptstadt des tür-
kischen Reiches, und sie übertrugen d^n dort woh-
nenden Gelehrten und Rabbinern frei-willig eine be-
sondere Autorität, insbesondere eine übergeordnete
Gerichtsbarkeit . Aber auch die nichtgelehrten Juden
profitierten von dem Wohlstand und der Kultur einer
Hauptstadt. Hier war eine behaglich situierte und
einflußreiche bürgerliche Oberschicht entstanden, die
das jüdische Milieu der Stadt beherrschte . Während
Sabbatai sich in Ismir zu den Armen geschlagen hatte,
hält er, sich hier zu den Wohlhabenden, da er doch
ohne und gegen sie nichts ausrichten kann . Auch hier
ist er schlechthin der Gelehrte, zugleich aber auch der
weitgereiste, weltgewandte und vermögende Mann,
alles in allem Eigenschaften, die ihm die volle Sym-
pathie der jüdischen Bourgeoisie eintragen.
Es versteht sich, daß er mit dieser rein gesellschaft-
lichen Tätigkeit nicht lange zufrieden sein kann . Er
verliert den Zweck seiner Reisen nicht einen Augen-
blick aus den Augen . Wo er nicht unmittelbar wirken
kann, muß er die Wirkung mindestens vorbereiten.
Darum^^sieht er sich in den Kreisen der Kabbalisten
nach gleichgestimmten Seelen um . Und er findet sie .
Da ist zunächst Elia Carcadchione, ein älterer ein-
siedlerischer Kabbaiist, dem er sich zwar noch nicht
bekennt, den er aber als treuen und zuverlässigen
Freund und als Anhänger der Idee eines Messias in
6*
84 VIERTES KAPITEL
der Zeit gewinnt. Aber entscheidender und nach-
haltiger wird seine Bekanntschaft mit dem Kabba-
listen Abraham Jachini, einem Schüler des berühm-
ten Joseph di Trani.
Jachini hat viele Fähigkeiten, die ihn in Konstanti-
nopel und weit im Ausland bekannt machen . In Kon-
stantinopel tritt er als Prediger in den Synagogen auf
und erläutert die Kabbala . Er verfaßt auch selber kab-
balistische Schriften, und wenn sie dem jüdischen
Bürger der Hauptstadt nicht verständlich sind, so
liegt das, wie er bescheiden meint, an ihrer geheim-
nisvollen Tiefe, und nicht etwa daran, daß sie mit
unklarer Mystik, eigenwilligen, richtungslosen Phan-
tasien und mit Traumerlebnissen voll geheimnisvoller
Erotik geladen sind. Wenn Jachini nicht eigene Wer-
ke schreibt, schreibt er fremde Texte ab, und darin
hat er es zu einer bedeutenden Kunstfertigkeit ge-
bracht. Seine Kopien sind von Sammlern und Ge-
lehrten der Welt sehr begehrt, und bis nach Amster-
dam hin verkauft er seine kalligraphischen Meister-
werke .
Abraham Jachini und Sabbatai Zewi haben so viel
innere Verwandtschaft, daß sie sich schnell befreun-
den. Aber die Führung bleibt bei Sabbatai, der zwar
der Jüngere ist, aber nicht in das Uferlose hinaus-
schwärmt. Darum kann er Jachini, ohne daß er es
merkt, zu einem gefügigen Werkzeug erziehen, zu
einem zuverlässigen Helfer, wenn er jetzt zum drit-
ten Male eine symbolische Manifestation versucht,
einen neuen Anlauf nimmt, um den träge auf einen
Messias wartenden Menschen die Augen zu öffnen .
Sie haben in ihren gemeinsamen Studien einen Beleg
dafür gefunden, daß um das Jahr 1460 ein jüdischer
Astronom namens Abraham verkündet habe, der
ANRUFUNG DES NAMENS 85
Messias würde zu der Zeit geboren werden, in wel-
cher die Planeten Jupiter und Saturn im Zeichen der
Fische vereinigt wären. Wahrscheinlich verstanden
weder Sabbatai noch Jachini etwas von der Astro-
nomie, aber für Sabbatai ist dieses kosmische Bild von
einer solchen Eindringlichkeit, daß er sich seiner für
seine Symbölhandlung bedient. Er nimmt einen
Fisch, legt ihn wie ein Kind in eine Wiege und geht
damit durch die belebten Straßen des Juden vierteis .
Die Leute drängen sich heran und fragen nach dem
Sinn dieses sonderbaren Aufzugs . Er bedeutet ihnen ,
daß unter dem Zodiakalzeichen der Fische Israel aus
seiner Sklaverei erlöst werden würde.
Da sind viele Menschen, denen ein solch greifbares
Symbol und solch eine geheimnisvolle Ausdeutung ge-
fällt. Aber die rabbinischen Autoritäten sind über
diesen Vorgang höchst ungehalten . Wie kann ein so
angenehmer und scheinbar so kluger junger Mensch
solche Torheiten begehen ? Er benimmt sich wie ein
unreifes Kind , und man muß ihm bewußt machen , daß
er sich wie ein Kind benommen hat, schon um es den
Neugierigen und den immer nach Erregung und Sen-
sation lüsternen kleinen Leuten zu beweisen . Darum
schicken sie einen Schulmeister zu Sabbatai, damit er
ihn belehre und zur Raison bringe. Der Schulmeister
nimmt seine Aufgabe sehr ernsthaft, und wie Sabba-
tai wagt, seinen Belehrungen zu widersprechen,
macht er von den Privilegien seines Amtes Gebrauch
und verprügelt den renitenten Schüler.
Wäre Sabbatai nicht ein von seiner Idee Besessener
gewesen, er hätte den Ort solcher Demütigung frei-
willig verlassen . Aber er fügt diesen Vorgang völlig
ungerührt in die Kette der Leiden und Verfolgungen
ein, die ihm als Messias beschieden sind. Und, wie
86 VIERTES KAPITEL
die Rabbiner bei schwerer Strafeden Juden verbieten,
mit Sabbatai auch nur zu verkehren, nimmt er auch
diese Isolierung gläubig als eine Notwendigkeit hin.
Konstantinopel ist ihm noch zu wichtig und das Er-
gebnis noch zu gering, als daß er es ohne Druck von
außen verlassen sollte. Und die kommenden Er-
eignisse rechtfertigen dieses würdelose Verweilen .
Es kommt aus Jerusalem der Almosensammler David
Capio, ein kluger Mann und ein Eiferer seines Glau-
bens. Er bittet nicht um Almosen, sondern fordert
sie. Für Wohltätigkeit und für Pflicht gibt es in der
hebräischen ^jrache und damit in der Vorstellung der
Juden jener Zeit nur ein einziges Wort: Mizwah.
David Capio verlangt Mizwah zugleich als Teil der
Buße, die er den Juden dringend ans Herz legt, denn
ohne Buße und Almosen kann das jüdische Volk nicht
erlöst werden, und gerade in diesen Zeiten deutet
alles daraufhin , daß eine Erlösung nahe sei . Da horcht
Sabbatai auf. Er zieht Capio mit reichen Spenden für
die Armen in Jerusalem zu sich heran . In der Folge
hocken sie zu vieren zusammen, Capio, Jachini, Car-
cadchione und Sabbatai, und bereden die Möglich-
keiten der kommenden Dinge. Es ist eine Verschwö-
reratmosphäre, das Abtasten eines Kreises mit einem
geheimnisvollen Mittelpunkt. Aber ehe es noch zur
Enthüllung kommt, verdirbt Sabbatai mit seinem Un-
gestüm alles.
Es kommen eines Tages zu Capio, während sie solche
Besprechungen abhalten , mehrere Rabbiner und wol-
len von Capio hören, was er ihnen über das Leid der
Zeit und über seine Beendigung sagen könne. Da
explodiert Sabbatai . Er schreit sie an , daß sie nichts
von der Zeit verstehen könnten, da sie nicht einmal
etwas von Gott verständen. Gott, belehrte er sie.
ANRUFUNG DES NAMENS 87
habe die Welt nicht aus Notwendigkeit geschaffen,
sondern aus reiner Liebe, und damit die Menschen ihn
als Schöpfer und Meister anerkennten . Aber in ihnen
wäre weder Liebe noch Achtung noch Bußfertigkeit.
Eines Tages werde Gott sie furchtbar aufwecken.
Das sind Zornentladungen, von denen er selbst nicht
ahnt, wie bald sie Wirklichkeit werden sollen, denn
schon im folgenden Jahre, 1659, wird Konstanti-
nopel von einer Feuersbrunst heimgesucht, unter der
gerade die Juden schwer zu leiden haben, und dieser
und jener erinnert sich des Mannes, der ihnen ein
Symbol zeigte, und den sie als Antwort verprügeln
ließen .
Aber im Augenblick läuft den Rabbinern bei dieser
Zornrede die Geduld über. Es wird Sabbatai der
knappe Befehl zugestellt, unverzüglich aus Konstan-
tinopel zu verschwinden. Jetzt, wö ihm Gewalt an-
gedroht wird, weicht er aus. Aber auch dieses Aus-
weichen wird ihm - wie immer - zum Anlaß einer
ungewöhnlichen Machtbereicherung .
Abraham Jachini hat längst begriffen, um was es im
Wollen und im Schicksal des Sabbatai Zewi geht. Er
hat längst erfühlt , daß er auf einer heftigen , gierigen Su-
che nach einer Bestätigung seiner Berufung ist . Jachini ,
der Kabbaiist, weiß, daß in dieser Zeit ein Messias
kommen muß . Möglich, daß dieser es ist. Möglich daß
es ein anderer ist . Wichtig ist allein , daß einer kommt .
Und wer zuerst kommt und sich bekennt und an-
erkan^twird, der wird in Wahrheit der Messias sein.
Das ist keine Blasphemie. Es ist darin das Wissen ver-
dichtet, daß ein Messias ja nicht um seiner selbst
willen kommt, sondern daß er nur mit einem Auftrag
belehnt wird. Darum kann es getrost dieser sein,
Sabbatai. Es fehlt ihm nichts zu seiner Messiani-
88 VIERTES KAPITEL
tat . . . außer der Anerkennung. Ihm diese Anerken-
nung geben zu können, wäre ein verdienstliches
Werk. Es ist ein erregender Gedanke, an der Ent-
hüllung des Messias und an der Erlösung der leiden-
den Welt Teil zu haben . Es schüttelt und durch-
wühlt ihn die Vorstellung, er selbst stehe einmal als
tätige und verursachende Kraft an den Stufen des
messianischen Thrones, und vom Gesmhl her zeigt
einer auf ihn und sagt : Der da hat mich zuerst er-
kannt !
Aber was kann er dazu tun ? Er kann nur die Kabbala
auslegen und gut schreiben; besser noch: gut ab-
schreiben, so schreiben und abschreiben, daß keiner
das Original von der Kopie unterscheiden kann. Er
kann Urkunden herstellen , in Papier und Tinte und
Schriftführung und Zeitausdruck so genau, daß nie-
mand zu sagen wagt, sie seien erst jetzt und unter seinen
Händen entstanden. Wie viele solcher »echten« Ur-
kunden hat er schon in den Handel gebracht und sie
an reiche christliche Sammler verkauft. . .
Wie Sabbatai kommt, um sich von ihm zu verab-
schieden, empfängt er ihn mit geheimnisvollem
Ernst. Er führt ihn in ein abgelegenes Zimmer des
Hauses. Dort öffnet er eine Truhe und entnimmt
ihr ein zusammengerolltes Pergament . Man sieht auf
den ersten Blick: es ist sehr alt, es ist Jahrzehnte
lang so eingerollt und zusammengebunden gewesen.
Das Papier ist etwas zerknittert, die Schrift zittrig
und leicht abgeblaßt. Ein altes, sehr altes Schrift-
stück. Er gibt es Sabbatai in die Hand. »Lies!«
Er liest die Überschrift: »Die große Weisheit Salo-
mos.« Und wie er fragend aufsieht, bedeutet ihm
Jachini: »Ich habe es vor einiger Zeit in einer Höhle
gefunden. Es geht Z)/VÄ an.«
ANRUFUNG DES NAMENS 89
Dieses ist der Inhalt: »Ich, Abraham Acher, war
vierzig Jahre lang in einer Höhle eingeschlossen, in
Betrübnis wegen der fortdauernden Herrschaft des
großen Ungeheuers, das im ägyptischen Strome haust,
und suchte das Geheimnis zu enträtseln, warum die
Zeit der Wunder noch nicht kommen wollte. Und
siehe, da ertönte die Stimme meines Gottes, welche
rief: im Jahre 5386 wird dem Mardochai Zewi ein
Sohn geboren werden, den man Sabbatai heißen wird.
Er wird den großen Drachen bezwingen und die
Schlange niederringen . Er wird der wahrhaft Gesalb-
te sein. Er wird auf meinem Thron sitzen. Sein
Reich wird ewiglich währen, und außer ihm soll
Israel keinen anderen Erlöser haben . . . «
Sabbatai hat zu Ende gelesen . Es ist zwischen
den beiden ein schwerwiegendes , verständnisvolles
Schweigen. In dieser Situation gibt es keinen Be-
trüger und keinen Betrogenen . Der eine gibt ein Mit-
tel, und der andere nimmt es, weil sie Beide zutiefst
an die Notwendigkeit des Zweckes glauben. Aus
diesem Glauben her ist die Urkunde echt. Auf sie
darf sich mit reinem Gewissen jeder berufen, der
an ihren Inhalt und an den Messias Sabbatai Zewi
glaubt. So ausgerüstet, verläßt Sabbatai die Haupt-
stadt zu weiteren Reisen . Abraham Jachini bleibt als
sein Anhänger und Verkünder zurück.
FÜNFTES KAPITEL
ACKERBODEN
FÜNFTES KAPITEL 93
ACHT JAHRE LANG IST SABBATAI ZEWI JETZT
schon auf Reisen, nirgends haftend, überall von sei-
nem Zweck besessen und auf Wirkung ausgehend, ein
Sämann, von dem man noch nicht weiß, ob er gutes
Korn oder Unkraut hinter sich aufwachsen läßt . Aber
für das eine wie das andere braucht er einen Boden,
der zur Aufnahme bereit ist. Und zwar ist es in der
Geschichte der Gläubigkeiten immer der gute Acker-
boden, nie der trockene Acker, der sich darbietet.
Und während Sabbatai Zewi reist, liegen rings um
ihn die von der Pflugschar der Ereignisse aufgeris-
senen Felder . Nach einer Ruhepause von knapp fünf
Jahren hat in Polen der zweite Akt der Tragödie be-
gonnen. Chmelnicky, mit seinen Erfolgen unzufrie-
den und wegen seiner Niederlage auf Rache be-
dacht, hat in dem Zaren Alexej Michailo witsch einen
Bundesgenossen gefunden. Der meldet bei der pol-
nischen Krone Ansprüche auf die seinem Reich be-
nachbarten Teile von Weißrußland und Litauen an.
Zur Bekräftigung des Anspruches dringen im Som-
mer 1 654 die vereinigten Heere der Moskowiter und
der Kosaken in Polen ein . Entsprechend den verän-
derten politischen Bedingungen hat sich die Parole
gewandelt . »Für Russen tum und Rechtgläubigkeit ! «
Aber das Ergebnis ist für die Juden das gleiche . Sie
werden auch von dieser Parole getroffen , weil sie nicht
rechtgläubig sind . So entsteht ein neuer Katalog von
verwüstefen- Städten und vernichteten Gemeinden:
Smolensk, Mstislawl, Bychow, Homel, und vielen
anderen. Genau wie bei dem ersten Sturm metzelii
die Kosaken schlechthin, während die Bundesgenos-
sen sich auf die Vertreibung oder die Gefangennahme
beschränken. Im Herbst 1655 werden in Mobile w,
94 FÜNFTES KAPITEL
Witebsk und Wilna alle Juden niedergemacht, so-
weit sie nicht geflohen sind, oder der zwangsweisen
Taufe verfallen . An diesen Massenmorden haben die
griechischen Popen einen entscheidenden und verur-
sachenden Anteil . Das gut befestigte und verteidigte
Lemberg entging auch diesesmal der Einnahme . Ver-
geblich verlangte Chmelnicky von der Stadt Auslie-
ferung der Juden mit der Begründung : »Die Juden
müssen uns als Feinde Christi und der ganzen Chri-
stenheit mitsamt ihrem Vermögen, ihren Weibern und
Kindern ausgeliefert werden.« Für den Mißerfolg
hielt er sich in Lublin schadlos , Seine Kosaken drin-
gen am Vorabend des Laubhüttenfestes in die Stadt
ein, rauben sie aus, treiben die Juden in die Syna-
goge und stecken sie von allen Seiten in Brand . Wer
dort nicht umkommt, wird von den Kosaken, die wie
irrsinnige Bluthunde durch die Straßen rennen, in
einer so grauenhaften Weise niedergemacht, daß dar-
auf verzichtet werden muß, die Berichte von Augen-
zeugen zu zitieren.
Als sei es damit nicht genug, werden die Juden noch
in einen anderen Konflikt einbezogen, der sie gleich-
falls nichts anging. Im Herbst 1655 bricht Karl X.
Gustav von Schweden in Polen ein und besetzt fast
ungehindert ganz Groß- und Kleinpolen. Er be-
trachtet die Juden nicht als Kriegsbeute und behan-
delt sie folglich mit Schonung. Wie sollten sie es ihm
anders vergelten als durch eine loyale Haltung ? Aber
diese Haltung wurde ihnen verdacht. Während in
der anderen Ecke des Reiches ihre Brüder ermordet
wurden , mutete man ihnen hier eine patriotische Hal-
tung zu . Wie der Befreiungskampf der Polen unter
ihrem nationalen »Erlöser« Stephan Czarniecky ein-
setzt, werden die Juden das Opfer einer Rachsucht,
ACKERBODEN 95
vor deren Formen selbst die Bestialität eines Chmel-
nicky zu einem bescheidenen Anflug von Grausam-
keit wird. Brest- Kujawskj Gnesen, Lissa, Plozk,
Lenczyka, Kalisöh, Sandomierz, Opatow, Chmjel-
nik, Woidislaw und viele andere Orte ergeben die
Stich Worte eines Martyriologiums, das in der Ge-
schichte nicht seinesgleichen hat . Selbst polnische
und deutsche Chronisten bezeichnen das Verhalten
der Polen als »barbarisch und durchaus unchristlich.«
Eine genaue Feststellung der Zahl der Opfer aus
diesem vielfachen Gemetzel ist nicht möglich . Schät-
zungen der Zeit gehen bis zu einer halben Million .
Jedenfalls sind es mehr, als den Kreuzzügen und den
Wirren der schwarzen Pest insgesamt erlegen sind.
Bei Anlegung der neuen Steuerrollen ergibt sich, daß
etwa siebenhundert Gemeinden verschwunden sind,
oder nur noch in geringen Resten bestehen, daß in
der östlichen Ukraine kein einziger Jude mehr lebt
und in Wolhynien und Podolien etwa noch ein Zehn-
tel der Juden am Leben iist.
Bei dem ersten Überfall konnten die Juden noch
schreien, sich empören, eine Literatur des Marty-
riums schaffen . Jetzt sind sie stumm geworden . Die
schriftlichen Aufzeichnungen sind fast ausschließlich
Kataloge von Orten und Menschen. Sie hocken
stumm, hoffnungslos und in abgründiger Verzweif-
lung über den Resten. Sie ziehen schattenhaft und
ohne Willen jede Straße, die sich ihnen zur Flucht
und zum Aus weichen bietet. Sie beleben die großen
Heerstraßen. SchifFstransporte bringen an die drei-
tausend litauischer Juden nach Texel in den Nieder-
landen . Ungezählte Tausende strömen nach Deutsch-
land, Mähren, Böhmen, Österreich, Ungarn, Ita-
lien und nach den türkischen Provinzen, Sie er-
96 FÜNFTES KAPITEL
scheinen überall nicht nur als die Träger eines natio-
nalen Elends, das nach einer Erlösung dringend ver-
langt. Sondern sie bereiten, wie sie hier und dort
Fuß fassen und sich als Händler, Lehrer und Rab-
biner niederlassen, die Zeit noch in ihrem besonderen
Sinne für eine messianische Idee im kabbalistischen
Geiste vor; und wo sie nicht das tun, durchsetzen sie
doch die westeuropäische Judenheit mit ihrer Gelehr-
samkeit und ihrer intensiven Beschäftigung mit. Tal-
mud und Kabbala . Sie vertiefen damit eine Bedeu-
tung, die sie schon früher hatten. Da sie, im Sinne
jüdischer Gelehrsamkeit, wirklich die Auslese der
Klugheit darstellten, bezogen die westeuropäischen
Juden ihre Lehrkräfte mit Vorliebe aus dem polni-
schen Sammelbecken . Man muß anerkennen , daß in
ihrer Heimat ihre Klugheit ihnen nicht zum Vor-
teil gereichte, weil sie daraus leicht zu einer überheb-
lichen Haltung gegenüber ihrer nichtjüdischen Um-
gebung neigten. Aber während es Völker gibt, die
nicht einmal für ein Kapitalverbrechen einstehen müs-
sen, gibt es andere, die schon die Tatsache ihrer Un-
beliebtheit mit dem Leben bezahlen.
So haben diese polnischen Ereignisse nicht nur das
Bewußtsein der übrigen Juden von ihrem erlösungs-
bedürftigen Schicksal vertieft, sondern ihnen auch
Not und Hoffnung zugleich an lebendigen Beispielen
in ihrer Nähe vergegenwärtigt und ihre geistige Hal-
tung erneut aus Talmud und Kabbala her orientiert;
Gut oder nicht: es förderte ihre Isolierung; es ver-
schloß sie gegen die Lockungen einer Welt, in der
ein Descarte und ein Spinoza versuchten, den Men-
schen größere Freiheit und Selbsterkenntnis zu ver-
mitteln ; es verwies sie erneut auf sich selbst und ihre
Sehnsüchte. Indem sie ihr Geschick streng historisch
^^^ BBNOIT SPINOSA
in. Fdin-ie^^ iffj j . (2g & de A4 ans.
■iliiii "
ACKERBODEN 97
auffaßtefi , bezeichneten sie die polnische Katastrophe
als den dritten Churban , das heißt : als die dritte Zer-
störung des Tempels.
Während sich die Juden so auf den mystischen Weg
begeben, auf dem ein erregtes Gemüt den Messias
begreift, müssen sie die sonderbare und befriedi-
gende Feststellung machen, daß sie von einer reichen
Gesellschaft von Gläubigen umgeben sind, die nicht
Juden sind. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an
treten unter den Christen in Deutschland, Frankreich,
Holland, England und Polen immer wieder Messias-
gestalten auf. Man wird schon die Wiedertäufer zu
Münster dahin rechnen können . Karl V. läßt 1534
einen Spanier namens Salomon Malcho verbrennen,
der sich als Christus und Messias bezeichnet. 1550
tritt in Polen Jakob Melstinski auf, behauptet, er sei
Christus , und wählt sich zwölf Apostel . Wenige Jahre
später predigen , ebenfalls in Polen , zwei Männer das
gleiche Thema., In Delft ruft sich 1 556 David Jorries
als den rechten Christus aus . Drei Jahre nach seinem
Tode ereilt ihn die Strafe, Er wird exhumiert und
verbrannt. 16 14 ernennt sich in Langensalza Eze-
chiel Meth zum Großfürsten Gottes, zum Erzengel
Michael . Ein Jahr später verkündet Jpsajas StiefFd :
»Ich bin Christus. Ich bin das lebendige Wort Got-
tes.« 1624 prophezeit zu Oppenheim in der Pfalz
der Sekretär Philippus Ziegler, daß in Holland ein
Messias aus dem Stämme David geboren werden wür-
de. HansiSeyl von Gerlingen erklärt 1648, ihm sei
ein Engel des Herrn erschienen und habe ihm die
Verwüstung des Landes Württemberg durch das
Schwert des Türken, durch Pestilenz und Seuchen
angezeigt. In Stuttgart prophezeit Christina Re-
gina Büderin. 1654 tritt in England eine Gestalt von
7 Kästeln Zewi
98 FÜNFTES KAPITEL
seltsamer Eindringlichkeit auf den Plan, der Quaker
Jakob Naylor . Während er hinter dem Pfluge her-
geht, ruft ihn eine Stimme mit den Worten an, die
nach dem biblischen Bericht an Abraham ergingen:
»Gehe du aus deinem Land, aus deinem Geschlecht
und aus deines Vaters Hause . . . « So fühlt er sich als
Messias berufen und kommt im Oktober 1657 nach
Bristol, schon von Jüngern umgeben, während zwei
Frauen sein Pferd führen . Sie singen die alte jüdische
Anrufung »Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der
Gott Israels.« -
Das Verhör, das die Behörden dann mit ihm anstel-
len, ist mit historischer Reminiszenz bis an den Rand
geladen . »Bist du der König von Israel ?« - »Du sagst
es . Ich habe kein Königreich in der Welt ; aber ich
herrsche in meinem Vater.« - »Bist du das Lamm
Gottes, in welchem die Hoffnung Israels steht?« -
»So ich nicht das Lamm wäre, würde ich nicht ge-
sucht werden , damit man mich verschlingt . Und die
Hoffnung Israels steht in der Gerechtigkeit des Va-
ters; sie mag auch gefunden werden, von wem sie
will.«
Hier scheint die messianische Begabung eines erreg-
ten Menschen schon angerufen zu sein von den Kraft-
strömungen, die aus dem Bezirk des Judentums der
Zeit kommen. Darum erstaunt es nicht zu hören,
daß bald darauf der Skandinavier Öliger Pauli auf
Grund einer Vision, die ihm geworden ist, sich zum
König der Juden kraft göttlichen Gebotes ausruft.
Auch in Frankreich wollen Sympathieerklärungen für
einen jüdischen Messianismus laut werden, aber Ri-
chelieu, Rationalist aus Angst vor dem Mystizismus,
läßt solche Verkünder schnell und rücksichtslos besei-
tigen . Aber wie die Luft von solchen Vorstellungen
ACKERBODEN 99
gefüllt war, erhellt daraus, daß zu jener Zeit, da tat-
sächlich noch nichts geschehen war, aus Augsburg
mit dem Datum des 24. September 1642 der nach-
folgende Brief verbreitet werden konnte: »Von Kon-
stantinopel berichtet der dort residierende Ambassa-
deur, daß ein neuer Messias von einer Jüdin in der
Türkei zu Ossa geboren ist. Er hat viele Städte und
.Schlösser an sich gebracht, auch das ganze Land
Ägypten und die untersyrischen Provinzen . Dem Don
Sebe, König von Persien, hat er einen Säbel zu-
schicken lassen, andeutend, er müsse abtreten und
ihm sein Reich gutwillig übergeben. Ebenso hat er
es mit dem Sultan gemacht, indem er ihn aufforderte,
Jerusalem und Damaskus abzutreten. Der Sultan hat
Angst bekommen und seine Residenz von Konstan-
tinopel nach Mekka verlegt. Er nennt sich Jesus Eli
Messias, ein allmächtiger Gott Himmels und der
Erde. Er ist geboren 1641, den 24. September, bei
Bassiliske in einem Dorfe Ossa, von einer Jüdin Ga-
maritta, so eine schöne, jedoch gemeine Person sein
soll . Bei der Beschneidung nach acht Tagen fing er
gleich an zu reden, Wunder zu tun und sich als Mes-
sias zu verkünden . Am Himmel sind am Tage seiner
Geburt schreckliche Zeichen gesehen worden. Die
Sonne ist mittags acht Stunden verfinstert gewesen ;
eine Stimme ertönte, auf hundert Meilen hörbar:
»Bekehret euchl Heute ist der wahre Messias ge-
boren!« - Man hat feurige Drachen in der Luft
gesehen und viele Teufel. Er sieht jetzt schon aus
wie einer von 24 oder 25 Jahren. Seinen Vater kennt
man nicht. Er ist gut von Hals, mit spitzigem Kopf,
türkischem Angesicht, gerunzelter Stirne, erschreck-
lichen Augen, langen Ohren, großen Mannes ge-
spitzten Zähnen . . . « und so fort.
17*
100 FÜNFTES KAPITEL
Solche Beriehte, obgleich in ihrer phantastischen Form
vereinzelt, sind doch nichts als Ausläufer des allge-
meinen Interesses, das die Zeit in vielen ihrer geisti-
gen Vertreter wenn nicht den Juden selbst, so doch
der Idee des Judentums und seiner endlichen Erlö-
sung entgegenbringt. Von England und seinen Puri-
tanern ist schon gesprochen worden . In London gab
Edward Nicholas 1648 ein Werk heraus, das er dem
englischen Parlament widmen konnte: »Apology for
the honorable nation of the Yews . « Er will mit die-
sem Buche nicht nur den Papisten einen Hieb ver-
setzen, sondern in allem Ernst den Nachweis führen,
daß das Wohl und Wehe der Völker von der Art ab-
hänge, wie sie die Juden behandeln. Denn offensicht-
lich habe Gott sie in allen Katastrophen für einen ge-
heimen Zweck existent erhalten . An ihrer glorreichen
Zukunft könne somit kein Zweifel sein . - In Frank-
reich gibt Isaac de Peyrere, ein Hugenotte, der im
Dienste des Herzogs von Conde steht, ein Buch her-
aus : Von der Heimkehr der Juden . Er ist überzeugt,
daß für die Juden das Ende der Zerstreuung gekom-
men sei . Sie würden jetzt in das heilige Land zurück-
kehren, und da der König von Frankreich der älteste
Sohn der Kirche sei, müsse er es übernehmen, das
älteste Kind Gottes, das Volk Israel, in seine Heimat
zurückzubringen . - Da ist weiter Abraham von Fran-
kenberg, ein Edelmann aus Schlesien, ein Jünger des
Jakob Böhme, mit seinem abschließenden Urteil:
»Das wahre Licht wird von den Juden kommen . Ihre
Zeit ist nicht mehr ferne.« - In Danzig sitzt Jo-
hannes Mochinger, ein Mann aus altem Tiroler Adels-
geschlecht, Führer eines geistigen Kreises, der die
Heimkehr und Erneuerung des jüdischen Volkes mit
in seine mystischen Erwartungen aufgenommen hatte
ACKERBODEN lOI
und ihnen beredten Ausdruck gab . Der Holländer
Heinrich Jesse veröffentlicht sein Buch »Von dem
baldigen Ruhm Judas und Israels«. Der böhmische
Mystiker Paulus Felgenhauer erkennt zwar einen
weltlichen Messias nicht an, vermittelt aber seine reli-
giösen Ideen den Juden in einer Schrift, die den In-
halt im Titel trägt: »Frohe Botschaft für Israel vom
Messias, daß nämlich die Erlösung Israels von
allen seinen Nöten, seine Befreiung aus der Gefangen-
schaft und die ruhmreiche Ankunft des Messias nahe
sei, zum Tröste für Israel aus den heiligen Schriften
von einem Christen, welcher ihn mit den Juden er-
wartet . «
Es sind überhaupt in der Zeit eine ganze Anzahl von
Theologen, Philologen und Historikern für das jü-
dische Problem interessiert. Zum Teil war es eine
Folge der Mode, Polyhistor zu sein und sich mit den
drei klassischen Sprachen griechisch, lateinisch und
hebräisch zu beschäftigen . Das vermittelte immerhin
intimere Kenntnisse des Talmud und der rabbini-
schen Literatur, und damit die Befugnis, zu den
jüdischen Problemen Stellung zu nehmen. Da sind
der holländische protestantische Theologe Joseph Sca-
liger, der »König der Philologen«, Johannes Buxtorf
der Ältere, aus Basel, ein ungewöhnlich befähigter
Hebraist, ferner Hugo Grotius und Johannes Seiden,
endlich Christine von Schweden, die Tochter Gustav
Adolfs, die nicht nur exzentrisch, sondern auch klug
war . Für allie diese Menschen erfordert das Interesse
an der Zeit, sich mit dem Judentum zu beschäftigen,
und neben allen religiösen und mystischen Gründen
lag noch ein politischer Grund von besonderer Aktua-
lität vor; die Wiederzulassung der Juden nach Eng-
land.
102 FÜNFTES KAPITEL
Politische, wirtschaftliche und religiöse Motive mach-
ten dieses Bemühen besonders interessant. Die Ini-
tiative dazu war von Manasse ben Israel ergriffen
worden . Er war einer der Rabbiner der Amsterdamer
Gemeinde, ein sehr belesener, rühriger und enthu-
siastischer Mann, ein geschickter Kompilator, der
unter den nichtjüdischen Gelehrten großes Ansehen
genoß und von ihnen als Repräsentant des geistigen
Judentums der Zeit angenommen wurde. In den Dis-
kussionen mit seinen gelehrten Freunden tritt ihm
immer wieder das Argument entgegen, daß zwar die
Wiederherstellung des jüdischen Reiches unzweifel-
haft erfolgen werde, dal3 es aber bislang noch an zwei
Voraussetzungen fehle, die sich aus dem biblischen
Schrifttum ergäben: an dem Wiedererscheinen der
von Salmanassar in Gefangenschaft geführten zehn
Stämme aus dem Reiche Israel, und sodann an dem
Auftreten eines Messias, der das Signal zur Rück-
kehr zu geben habe.
Das Schicksal der zehn Stämme hatte in der Tat die
Vorstellungen der Juden nicht weniger beschäftigt
als die Erwartung eines Messias. Es ist ja auch ein
erregender Gedanke, daß von einem Volke, dessen
Signum die Unvertilgbarkeit zu sein scheint, der
größte Teil eines Tages verschleppt wird und so spur-
los verschwindet, daß nirgends mehr mit einiger
Sicherheit Nachweise für seinen Verbleib zu finden
sind . Ein solches Vakuum erträgt die Phantasie eines
Volkes auf die Dauer nicht. Indem ihre Phantasie
den schwachen Spuren nachging, erfanden sie den
geheimnisvollen Fluß Sabbation, der in einer unbe-
kannten Gegend, irgendwo hinter Arabien, mit großer
Gewalt daherströmt. Jenseits dieses Flusses lassen sie
die verlorenen zehn Stämme wohnen. Unter ihnen
ACKERBODEN 103
befindet sich ihr großer Führer Mosche, der von den
Toten wieder auferstanden ist. Er und das Volk war-
ten dort auf den Tag, an welchem der Messias er-
scheinen wird . Bis dahin bleiben sie im Verborgenen ,
aber bis dahin kann auch kein Sterblicher zu ihnen
kommen. Denn der Sabbation ist ein Fluß von Eigen-
artiger Gewalt. Sechs Tage in der Woche schäumt er
mit riesenhaften Wellen daher und wirbelt große Fels-
stücke mit sich, die jeden Übergang unmöglich ma-
chen. Nur am siebenten Tage der Woche, arri Sab-
bath, ruht der Fluß und liegt weit und still. Und
wenn es dann einem Menschen gelingt, über das
Wasser zu kommen, stehen am anderen Ufer braune,
dunkelhaarige Menschen mit Pfeil und Bogen, die
den Unberufenen ohne Gnade töten. Wenn aber zu
ihnen die Nachricht vom Erscheinen des Messias
kommt, ziehen sie über den Fluß, in Stämmen geord-
net, jeder mit einer Fahne, die das Symbol des Stam-
mes trägt, weit mehr als hunderttausend schwer be-
waffnete Krieger, die sich und ihrem Gott die ganze
Welt unterwerfen . Es wird eine unblutige Unterwer-
fung sein, denn die Völker werden ihre göttliche Sen-
dung anerkennen . Nur - und hier bricht der Wider-
hall übermäßigen Erduldens grell in die friedfertige
Phantasie des Volkes ein - gegen Deutschland wer-
den sie einen wirklichen Krieg führen.
Der Gedanke an diese zehn Stämme bekommt jetzt,
über die theoretische Diskussion der Gelehrten hin-
aus, neue Nahrung aus Gerüchten , unverbürgten Brie-
fen und Reiseberichten . Urplötzlich sind Menschen
da, die etwas von den verlorenen Stämmen gesehen
oder gehört haben, als verdichte sich in ihnen zu
Bild und Vorstellung, was in den Herzen eines Vol-
kes als Unbewußtes schwingt. Da heißt es, daß hinter
104 FÜNFTES KAPITEL
Marokko ein Heer von 800.000 Juden aufgetaucht
sei, und sie zögen, eine gewaltige Kolonne, in Rich-
tung auf Arabien . Briefe aus Livorno wissen , ge-
mäß Nachrichten aus Kairo, daß die Stämme Reu-
ben, Gad und der halbe Stamm Manasse im An-
marsch auf Gaza sind und die Stadt beinahe erreicht
haben . Präziser aber, sieh als Augenzeuge bekennend
und die Wahrheit des Mitgeteilten mit seinem Eide
erhärtend, berichtet im Jahre 1644 ein Marrane An-
tonio de Montezinos, der sich nach seiner Rückkehr
zum Judentum Aaron Levi nennt, an Manasse ben
Israel., Er erklärt, daß er auf seinen Reisen bis nach
Südamerika gekommen sei. Dort habe er Bekannt-
schaft mit einem indianischen Mestizen namens Fran-
cisco del Castillo geschlossen und von ihm das Ge-
heimnis erfahren, daß er um den Aufenthalt der zehn
Stämme wisse, jedenfalls aber um die Anwesenheit
von Juden in einer verborgenen und unzugänglichen
Gegend des Landes. Auf sein Bitten habe del Ca-
stillo ihn tatsächlich zu eingeborenen Juden geführt,
die ihm, Montezinos, erklärten, daß sie aus dem
Stamme Reu ben seien. Ihre Vorfahren seien schon
vor den Indianern hier im Lande gewesen, und sie
wüßten auch noch von der Existenz zweier Stämme
Joseph auf einer Insel in der Nähe . .
Es versteht sich, daß eine Legende sich leichter ver-
breiten läßt als ein exakter Bericht, weil jene nur
der Gläubigkeit und nicht der Kritik untersteht. Aber
Montezinos steht gogen alle Angriffe zu seinem Be-
richt. Er geht noch ein zweites Mal nach Südamerika,
bestätigt und vervollständigt seinen Bericht und legt
noch auf dem Sterbebette einen Eid auf die Wahr-
heit seiner Mitteilungen ab.
Nun ist also für Manasse ben Israel und seine Freun-
ACKERBODEN 105
de an dem Faktum nicht mehr zu zweifeln . Er kann
es getrost als Argument in seiner Schrift Esperan9a
de Israel verwenden, die er 1650 in Amsterdam er-
scheinen läßt, und die er an Oliver Crom well zur
Begründung seiner Bitte auf Zulassung der Juden in
England richtet. Das Zusammentreffen der verschie-
denen Berichte und Heuser Wartungen ergibt, neben
anderen Argumenten , eine einzigartige Begründung:
die zehn Stämme sind nach der Theorie, die Manasse
selbst aufstellt, bis in die Tatarei und bis nach China
hin verstreut worden. Von dort her werden ein-
zelne Gruppen oder Stämme den Weg nach dem ame-
rikanischen Kontinent gefunden haben. Immerhin
sind die überhaupt noch vorhandenen Reste jetzt als
aufgefunden zu betrachten und ihre. Rückkehr dem-
nach möglich. Ist das aber der Fall, so wird auch der
gesamte Erlösungsgedanke in den Bereich der Ver-
wirklichung gerückt. Wenn England jetzt also die
Juden wieder zuläßt, so übernimmt es damit kein
großes Risiko, denn mit Rücksicht auf die Nähe
der messianischen Zeit werden die Juden doch nur
für kurze Zeit dorthin kommen . Andererseits - und
das ist dem frommen Crom well gegenüber ein ge-
wichtiges Argument - kann die Erlösung erst kom-
men, wenn die Zerstreuung der Juden vollständig
ist. Sie ist es nicht, solange in England keine Juden
wohnen . Und folglich würde England sich schuldig
machen, wenn es sich durch eine Weigerung dem
göttlichen Heilsplane widersetzte und das Ende der
Diaspora verhinderte.
Manasse hat den Erfolg seiner Bemühungen nicht
mehr erlebt. Es waren in England noch zu viele
Widerstände zu überwinden. Aber sicher ist, daß
Crom well , um wenigstens vor seinem Gewissen ent-
I06 FÜNFTES KAPITEL
lastet zu sein , inoffiziell die langsame Infiltration von
Juden nach England duldete und begünstigte . So
konnte ihm niemand mehr den Vorwurf machen, die
Erlösung der Juden verhindert zu haben .
So kommen dem Erwarten der jüdischen Welt unaus-
gesetzt öffentliche Diskussionen der christlichen Um-
welt zur Hilfe. Diese Diskussionen haben das Er-
scheinen eines jüdischen Messias zur unbezweifelten
Voraussetzung. Unklarheit und Streit herrscht nur
über die Natur dieses Messias . Die an das Tausend-
jährige Reich glauben, sehen in der Heimkehr der
Juden und dem Erscheinen ihres Messias nur eine
Zwischenlösung . Für die Dauer dieses Reiches sollen
die Juden Gelegenheit haben, sich zum wahren Mes-
sias, nämlich Christus zu bekennen, der ebenfalls in
der fünften Monarchie wieder erscheinen werde .
Andere, die solcher Bekehrung der Juden weniger
sicher sind, hoffen auf einen Ausgleich zwischen dem
jüdischen und dem christlichen Messias. Crom well,
der praktische Heilige, erwartet, daß während der
fünften Monarchie die Juden massenweise zum Chri-
stentum übertreten würden.
Manasse ben Israel hält allen diesen einschränkenden
Erwägungen in seiner Schrift »Der edle Stein« den
jüdischen Standpunkt entgegen: die vier Reiche, die
den vier Tieren in der Johanneischen Offenbarung
entsprechen, sind schon dagewesen und haben sich
schon erledigt, nämlich das babylonische, das per-
sische, das griechische und das römische Reich. Folg-
lich wird das fünfte Reich das der Juden sein .
Von solchen Erwägungen und Diskussionen dringt
immer noch genug in das Bewußtsein der breiten
Masse ein, um ihnen das Gefühl zu vermitteln, daß
ihre religiöse Erwartung das Licht des Tages 'nicht
ACKERBODEN 107
mehr zu scheuen habe. Während in einer fremden
und wesentlich feindlichen Umgebung sonst jede
ihrer Regungen und Äußerungen auf mißgünstige Ab-
lehnung stieß, stehen sie mit einem Male vor dem
Wunder, daß man ihnen zustimmt, sie ermuntert und
geistig fördert. Der Anteil der NichtJuden an der Emp-
fänglichkeit der jüdischen Welt für die geschehen-
den und kommenden Dinge ist wahrlich nicht gering
einzuschätzen. Ohne solche Mitwirkung sind die
nachfolgenden Ereignisse in der Tiefe ihrer Auswir-
kung nicht voll zu begreifen, jedenfalls nicht, soweit
die abendländische Judenheit in Frage kommt.
Hier gab es zudem eine Aktualität, die seit 150 Jah-
ren in Permanenz erklärt war, an die man schon im
Begriff war, sich zu gewöhnen, die man aber jetzt
sehr folgerichtig in die allgemeine Richtung der Din-
ge einbezog : die spanische Inquisition und das Mar-
ranentum, das sie im Gefolge hatte. Die Auffassung,
die der spanische Katholizismus über die Ausbreitung
und Durchsetzung des wahren Glaubens hatte, war
im Grunde schlicht, man könnte sagen: primitiv.
Sie unterschied sich von der Art, in der etwa die
mohammedanischen Vorgänger der Spanier ihren
Glauben ausbreiteten, eigentlich nur in der Kompli-
kation des Verfahrens, während sie es in der Grau-
samkeit der Ausführung wesentlich übertraf. Die In-
quisition, auch wenn man sie historisch betrachtet,
bleibt ein psychisches Phänomen . Da wird das Ge-
bot »Du sollst nicht töten« und der schlichte Gedanke
der Nächstenliebe mit allem Bombast kirchlicher und
dogmatischer Jurisprudenz zur Verächtlichmachung
und Tötung des Andersgläubigen benutzt . Die Pro-
pagierung des Glaubens geschieht, indem man dem
Opfer die Wahl läßt zwischen dem Wasser der Taufe
I08 FÜNFTES KAPITEL
und dem Feuer des Scheiterhaufens. Als Zwischen-
glied ist ein raffiniertes System geistiger und körper-
licher Folter ausgebildet. Die Juden, die sich in Spa-
nien, ihrem einstmals so blühenden Zentrum, als
Opfer dieses Verfahrens und dieser geistig-seelischen
Einstellung darboten, setzten dem einen psycholo-
gischen Phänomen nun ein anderes entgegen: so-
weit sie nicht vertrieben wurden oder flüchteten oder
unter Foltern oder auf dem Scheiterhaufen verende-
ten, lebten sie nach der freiwilligen oder erzwungenen
Taufe nach außen streng und peinlich in den Formen
der neuen Religion (nicht des neuen Glaubens), wäh-
rend sie innerlich mit unerschütterlicher Treue am
Judentum festhielten . Sie führten eine Scheinexi-
stenz, immer bewacht von dem Arg wohn der Inquisi-
toren, beider geheimen Ausübung ihrer traditionellen
Religionsbräuche und der unterirdischen Feier ihrer
nationalen Feste stündlich von Entlarvung und
Tod bedroht. Siegeben ihrer unterirdischen Existenz
eine solche Intensität und Bluthaftigkeit, daß diese
Haltung über ihr eigenes Leben hinaus für Genera-
tionen ausreicht, daß Kinder, Enkel und Urenkel
noch in sich diese Zweiteilung des Lebens tragen und
wie gefangene Tiere am Spalt des Gitters lauern , um
beim ersten unbewachten Augenblick in die Freiheit
des Auslandes auszubrechen und dort, mit der Last
eines Jahrhunderts auf dem Herzen, sich erlöst und
glücklich zum Erbteil in ihrem Blute wieder zu be-
kennen. Immer wieder, und noch in dieser Zeit,
sind die Gerichtssäle der Inquisition mit Bänken von
Angeklagten besetzt, die des Marranentums , der
heimlichen Ausübung des jüdischen Glaubens, an-
geklagt und überführt werden . Immer wieder flam-
men die Scheiterhaufen und fressen Juden, deren
ACKERBODEN 109
Taufe keinen Wandel der Gesinnung zur Folge hatte.
Feierliche Autodafes verbrennen Marranen in Cuen-
ca, Granada, San Jago de Compostella, Cordoba,
Lissabon, Valladolid, Lima. Eine verzweifelte Un-
sicherheit hat sich der spanischen Inquisition be-
mächtigt angesichts des Umstandes, daß jetzt noch,
in der Mitte des 17. Jahrhunderts, längst konver-
tierte Judenabkömmlinge aus der neuen Religion wie-
der ausbrechen. Eine zeitgenössische Quelle um-
reißt die Situation sehr deutlich: »InSpanien und
Portugal sind Mönchs- und Nonnenkloster voll von
Juden . Nicht wenige bergen das Judentum im Her-
zen und heucheln wegen weltlicher Güter den Chri^
Stenglauben . Von diesen empfinden einige Gewissens-
bisse und entfliehen, wenn sie können. In Amster-
dam und in mehreren anderen Gegenden haben wir
Mönche, Augustiner, Franziskaner, Jesuiten, Do-
minikaner. Es gibt in Spanien Bischöfe und feierlich
ernste Mönche, deren Eltern und Verwandte hier
und in andern Städten wohnen, um das Judentum
bekennen zu dürfen , «
Die Nachrichten von der Verbrennung von Mar-
ranen, eben der Juden- Katholiken , findet zu der Zeit
einen schnellen Weg und eine schnelle Verbreitung
durch die vielfachen persönlichen und kaufmännischen
Beziehungen zwischen der Iberischen Halbinsel und
den Niederlanden. Hier, in diesem Lande ungewöhn-
licher innerer und äußerer Freiheit, haben die Juden
schon mit dem Beginn der allgemeinen Austreibung
aus Spanien (1492, im Jahre, da die Welt durch die
Entdeckung Amerikas erweitert wurde) eine Heim-
stätte gefunden. Nach hierhin fliehen die meisten
Marranen, die aus dem seelischen Kerker ausge-
brochen sind. Hier machen die Heimgekehrten den
HO FÜNFT ES KAPITEL
schüchternen oder ernsten oder ekstatischen Versuch,
wieder in die alten Glaubensformen und in die alte,
heimatliche Sprache des Hebräischen einzudringen.
Hier wird gleichwohl mit einer Treue, die weit über
dem Begriff der Assimilation steht, in spanischer Spra-
che geschrieben, gedichtet und geklagt, so vielfach
und so ernsthaft, daß innerhalb der spanisch-portugie-
sischen Judengemeinde von Amsterdam so etwas wie
eine spanische Dichterakademie entstehen konnte. In
solchem Milieu, in dem so viele Menschen für sich
persönlich unter ungewöhnlichen Opfern und Ge-
fahren das Problem der Rückkehr und Befreiung ge-
löst hatten, war verständlicherweise für die Gesamt-
idee einer jüdischen Erlösung ein besonders günsti-
ger Boden bereitet. Die Rückwirkung solcher Grund-
haltung und des persönlichen Geschickes der Mar-
ranen auf die übrige Judenheit war beträchtlich . Hier
fand man, wie bei den Juden in Polen, ein Leben und
ein Sterben um der Heiligung des Namens willen, und
immer neue spanische Prozesse lieferten der Phanta-
sie und der Erwartung ständig neue Nahrung.
Noch 1632 hatten unter Philipp IV. bedeutende In-
quisitionsprozesse stattgefunden, besonders in Valla-
dolid. 1639 standen in Lima 6^ Marranen unter An-
klage, von denien 17 verbrannt wurden. Unter ihnen
war der Arzt Franzisco Maldonadda Silva, dessen
Schicksal die Gemüter besonders erregte. Er hatte
die Kühnheit, sich öffentlich zum Judentum zu be-
kennen und es sogar zu predigen . Er nannte sich Eli
Nazareno und lebte, wie früher die Essäer gelebt
haben. Man kerkerte ihn ein, 14 Jahre lang, ver-
anstaltete immer wieder Disputationen mit ihm, um
ihn mürbe oder vernünftig zu machen . Dann brach
man die Bemühungen ab , indem man ihn verbrannte .
ACKERBODEN 1 1 1
Ein noch größeres Interesse fand das Schicksal von
Isaakde Castro- Tartas jcines jungen Marranen , der mit
seinen Eltern nach Amsterdam entkommen war und
dort den Entschluß faßte, unter den Marranen eine all-
gemeine Bewegung zur Rückkehr in das Judentum zu
entfachen . Auf der Fahrt nach Brasilien , die er zu die-
sem Zwecke unternahm, wurde er in Bahia erkannt,
festgenommen, nach Lissabon verschleppt, vor das
Inquisitionsgericht gestellt, verurteilt und auf dem
Scheiterhaufen verbrannt. Noch aus den Flammen
schrie er das Bekenntnis »Höre, Israel!« in die Welt
hinaus. Und die Welt erblaßte und zitterte. Selbst
NichtJuden erschütterte eine solche Haltung der
Treue . Es ist die Geschichte des Don Lope de Vera
y Alarcon überliefert, eines jungen Spaniers aus alt-
adligem Geschlecht, den das Studium der hebräischen
Sprache und die Vorbilder in seiner Umgebung dazu
veranlaßten, zum Judentum überzutreten. Man ker-
kerte ihn ein , und bis zu seinem Tode auf dem Schei-
terhaufen mußte man ihm einen Knebel in den Mund
stecken, weil man die Hartnäckigkeit nicht ertrug,
mit der er den Namen des jüdischen Gottes immer
wieder anrief.
Alle diese Dinge zusammen : äußeres und inneres Ge-
schick, seelische Disposition und zeitliches Ereignen,
Notwendigkeiten und Zufälligkeiten, Latentes und
Aktuelles in ihrer Gemeinsamkeit und Wechselwir-
kung machten die Juden bereit und aufnahmefähig
für eine Erscheinung, die sich mit genügender Selbst-
überzeugung als der Vollender ihres Schicksals anbot .
Eine Zeit und ein Mensch begannen für einander
reif zu werden .
SECHSTES KAPITEL
DER PROPHET UND DIE DIRNE
8 Kastein Zewi
SECHSTES KAPITEL I15
DIE VERTREIBUNG AUS KONSTANTINOPEL, DIE IHN
in Besitz der unschätzbaren Urkunde des Jachini ge-
bracht hat, ermutigt Sabbatai zu einem neuen Vor-
stoß . Er wagt trotz Bann und Feindschaft eine Rück-
kehr nach Ismir. Er ist überzeugt, daß man ihn nicht
töten wird, denn er hat aus den Berichten der Freunde
längst erfahren, daß der Kreis seiner Anhänger und
derer, die an ihn als einen Messias glauben, sich be-
trächtlich erweitert hat. Sein Beginnen ist also un-
gefährlich. Es ist aber für ihn nötig, selbst einmal zu
sondieren, wie weit die Dinge gediehen sind, und mit
welchem Wirkungsgrad er rechnen kann.
Er hat in seinen Plan als mögliche Stätte der Wirkung
oder des endgültigen Bekennens zwei Orte einbezo-
gen: Jerusalem und seine Heimatstadt Ismir. Nach
Jerusalem wagt er sich noch nicht, weil dort noch kein
Boden vorbereitet ist. In Ismir muß er jetzt die Fest-
stellung machen, daß er zwar einen erweiterten Kreis
von Anhängern hat, daß aber um ihn und diesen Kreis
eine hohe Mauer aus Schweigen und Ablehnung er-
richtet ist. Es zieht aber auch niemand aus der Tat-
Sache, daß über ihn der Bann verhängt ist, eine Fol-
gerung. Das ist schon ein sehr wichtiger Fortschritt,
und dieser Umstand ermutigt ihn, einige Monate in
Ismir zu bleiben . Er ist dort mit seinen Freunden zu-
sammen, studiert mit ihnen, berichtet, was er gesehen
und getan hat, zeigt ihnen die Urkunde des Jachini,
vernimmt und verbreitet, was die Stadt auf dem Han-
delswege an neuen Nachrichten bekommen hat, und
hält sich im übrigen abwartend zurück. Er muß aber
dabei endlich erkennen, daß für ihn hier noch kein
Feld für eine größere Manifestation ist. Hier bleiben,
bedeutet für ihn verlorene Zeit. Es lockt wieder die
8»'
Il6 SECHSTES KAPITEL
Unabhängigkeit und Beweglichkeit des Reisens . Hier
in Ismir wird ihm ja nicht einmal etwas zuleide ge-
tan, woraus er neue Erregung und Bestätigung schöp-
fen könnte. So nimmt er Abschied, läßt sich vom
Vater und den Brüdern mit Geld ausstatten und nimmt
seine Wanderung wieder auf.
Eine Reihe von Stationen zeichnet sich durch beson-
dere Ereignisse und besondere Ausführlichkeit der
Berichterstattung aus . Sabbatai ist schon eine auf-
fallendeErscheinung geworden. Was haben die Juden
des Orients, durch ihre Lage abseits von den Wegen
der großen Welt doppelt isoliert, sich anderes mitzu-
teilen, als das, was sie von ungewöhnlichen Menschen
ihres Kreises sehen und hören ? Und von diesem Sab-
batai Zewi weiß man, daß er ein großer Chacham ist,
ein bedeutender Ausleger und Kenner der Kabbala .
Er hat einmal denSchem ha ' mforasch ausgesprochen .
Der große Cherem ist gegen ihn verhängt worden .
In Saloniki hat er Hochzeit mit der Tochter Gottes,
der Thora gefeiert . In Konstantinopel ist eine wich-
tige, geheimnisvolle Urkunde aufgefunden worden,
die er im Besitz hat, aber überderei^ Inhalt er vorsich-
tiges Schweigen bewahrt . Und wenn er in die einzel-
nen Orte zu den jüdischen Gemeinden kommt, wirkt
zu diesen Berichten noch seine Erscheinung, die einer
seiner Historiker, Abraham Cuenqui, wie folgt schil-
dert : »Er war ein gleich einer Libanonzeder hoch auf-
geschossener Mann, dessen frisches, bräunliches, von
einem schwarzen Vollbart umrahmtes Gesicht in
Schönheit erstrahlte, und der in seinem fürstlichen
Gewände sowie durch sein kraftstrotzendes Aussehen
einen großartigen Anblick bot.« So taucht er in He-
bron auf, lehrt, erläutert, sammelt für ein späteres
Ziel Anhänger und erschüttert die Menschen durch
DER PROPHET UND DIE DIRNE 117
die fanatische Hingebung, mit der er des Abends
seine Andacht an den historischen Stätten der Erz-
vätergräber , den Höhlen von Machpelah, verrichtet.
Die Empfindung , er sei ein außergewöhnlicher
Mensch, begleitet ihn, wie er sich zu neuen Fahrten
auf den Weg macht.
Dann taucht Sabbatai gegen das Jahr i6öo in Kairo
auf. Hier findet - oder wahrscheinlicher: sucht er
einen Mann , der in der orientalischen Judenheit un-
gewöhnliches Ansehen genießt, und der in seiner gan-
zen Haltung einen Prototyp der Zeit darstellt : Raphael
Joseph Chelebi . Der ist der offizielle Vertreter der
ägyptischen Judenschaft und in seinem Beruf Zaraf
baschi, Münzmeister und Zollpächter am Hofe des
türkischen Statthalters . Er ist unermeßlich reich und
führt eine wahrhaft orientalische Haushaltung . Wenn
er sich in der Öffentlichkeit zeigt, trägt er Pracht-
gewänder, wie sie für seine hohe und wichtige Stel-
lung angemessen und vorgeschrieben sind . Aber das
ist alles nur Außenfläche und Schein . Nur seine en^
geren Freunde wissen, daß er unter dem Staats-
gewand einen groben, härenen Anzug trägt, die Klei-
dung des Büßers. Sie wissen auch, daß er selbst von
der üppigen Haltung seines Hauses keinen Gebrauch
macht. Er führt ein völlig asketisches Dasein. Er
fastet, kasteit sich, nimmt Bußübungen vor, wie die
strengsten Vorschriften der praktischen Kabbala es
erfordern . Er hat sich eigens einen bedeutenden Kab-
balisten angestellt, der seine Bußübungen über-
wacht und leitet, Samuel Vital, den Sohn des be-
kannten Chaim Vital Calabrese aus Safed. Seine
Wohltätigkeit gegenüber anderen Juden kennt keine
Grenzen, und damit er nie ohne Wohltaten vor Gott
steht, auch wenn keine besonderen Forderungen an
Il8 SECHSTES KAPITEL
ihn herantreten, hat er ständig 50 Talmudisten und
Kabbalisten in seinem Hause und an seiner Tafel.
Dieser Chelebi büßt nicht etwa ein persönliches Ver-
schulden ab, will auch nicht für sich selbst zu einem
Erlösungsziel gelangen. Sondern er gehört zu den
vielen in der Zeit, die aus dem Leid des Volkes und
der Volksseele den Weg zum Mystizismus gefunden
haben, die ihr Büß werk in das Ringen mit Gott um
die Erlösung der Gesamtheit einbeziehen, und denen
Macht, Einfluß und Reichtum persönlich nichts mehr
geben können . Sie leben außerhalb ihres Amtes - wie
Chelebi - in einem Kreise von Gleichgesinnten und
sehnen das »Ende der Zeiten« herbei, jüdische Tol-
stois ohne Problematik und Zerrissenheit.
Hier findet Sabbatai einen Empfang, wie er ihn sich
herzlicher und ergebener nicht wünschen kann . Che-
lebi ordnet sich dem um vieles jüngeren Menschen so
gläubig und bedingungslos unter, daß Sabbatai nicht
zögert, sich ihm rückhaltslos zu bekennen. Und da-
mit hat er einen treuen, blindgläubigen und reichen
Anhänger gefunden, der in der Zukunft viel zur Eb-
nung seines Weges beiträgt. Fast zwei Jahre ver-
bringt Sabbatai in seinem Hause, und während dieser
Zeit gehen aus dem Kreise um Chelebi, der jetzt ein
Kreis um Sabbatai wird, unablässig Berichte in die
Welt hinaus . Sie sprechen noch nicht vom Messias ,
insbesondere nicht vom Messias Sabbatai Zewi, aber
es sind Vorbereitungsakte von starker Eindringlich-
keit, die nach und nach Sabbatai zum Mittelpunkt
eines Interesses machen, das eines Tages jede Aus-
weitung vertragen wird. Es fehlt nur noch, um das
letzte wagen zu können, jener tragfähige Boden der
Popularität, ohne die nie ein Führer oder Messias
von den Massen aufgenommen worden ist. Und um
DER PROPHET UND DIE DIRNE 119
solche Popularität zu gewinnen, beschließt Sabbatai
endlich, den Ort seiner Tätigkeit in das bisher ge-
miedene Zentrum Jerusalem zu verlegen . Diese Stadt
steht im Mittelpunkt der Blicke einer Welt, der Welt,
auf die es Sabbatai ankommt. Er darf jetzt schon wa-
gen, sich in diesen Mittelpunkt zu stellen.
Auf dem Wege dorthin kommt er durch die Stadt
Gaza, und hier wirft ihm das Schicksal eine Gabe von
phantastischer Einmaligkeit in die Hände, eine Gabe,
die seinem Leben und Wirken die entscheidende
Wendung gibt: den Propheten, der das Kommen des
Messias verkündet .
Es lebt dort Nathan Benjamin Levi, nach der deut-
schen Abstammung seines Vaters auch Nathan Asch-
kenasi genannt, und später, wie sein Name schon
über die Welt hin bekannt ist, nach seinem Geburts-
ort Nathan Ghazati . Der Vater sammelt für die Ge-
meinde Jerusalem Spenden in Europa, und das ein-
zige, was er für die Ausbildung seines Sohnes tun
kann, ist, daß er ihn zum Studium, das heißt: zum
Erlernen von Talmud und Kabbala nach Jerusalem
schickt. Dort lebt er von Almosen, wie die meisten
übrigen Juden auch. Aber da er ein heller Kopf ist,
und besonders im Ausdruck sowohl des gesprochenen
wie des geschriebenen Wortes über eine besondere
Eindringlichkeit verfügt, verweist sein berühmter
Lehrer, der Rabbi Jakob Chagis, ihn an den reichen
Samuel Lisbona in Gaza. Der tut, was man in der
Zeit für einen zukunftsreichen Kopf zu tun pflegte,
auch wenn er bettelarm war : er gibt ihm seine Toch-
ter zur Frau, von der man sagt, sie sei trotz ihrer
Einäugigkeit sehr schön gewesen. Er stattet den
Schwiegersohn so reichlich mit Mitteln aus, daß er
hinfort sorgenlos seinen Studien obliegen kann.
120 SECHSTES KAPITEL
Nathan Ghazati ist ein fast weltlicher Gelehrter, ein
lebensfreudiger und zufriedener junger Mensch, den
auch das eingehende Studium der praktischen Kab-
bala nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Aber noch
vor seinem zwanzigsten Lebensjahr ändert sich plötz^
lieh diese Haltung. Er beginnt, mit den Vorschriften,
die er bisher theoretisch gelernt und gelehrt hat,
Ernst zu machen und sie in die Praxis umzusetzen.
Er wird ernst, verschlossen, zurückgezogen, wort-
karg. Er beginnt mit Bußübungen und Kasteiungen
und äußert hie und da, im Kreise von Schülern und
anderen Gelehrten, Behauptungen über Dinge, von
denen er ihrer Meinung nach unmöglich etwas wis-
sen kann, die sich aber bei Nachprüfung als richtig
herausstellen . Es kann also nicht fehlen, daß man ihm
besondere und geheime Begabungen zuspricht und
dementsprechend besondere Achtung zollt . Es genügt
bald, daß man ihm den Namen eines Menschen auf
ein Blatt Papier schreibt, damit er von ihm das Schick-
sal und alle seine Handlungen, die guten und die
bösen , berichten kann.
In dieser Eigenschaft als Hellseher findet er viel Zu-
spruch von weit her. Es gehen ihm die Listen von
Namen zu, hinter denen er vermerken soll, welche
Sünde einer begangen habe und welche Buße der ge-
lehrte Nathan ihm dafür anrate . Einmal schreibt man ,
um ihn auf die Probe zu stellen, den Namen eines
Gestorbenen und den eines jüngst geborenen Kindes
mit auf die Liste. Er vermerkt neben dem Toten:
Seine Erlösung ist durch den Tod gekommen ; und
neben dem Säugling : Er ist ohne Sünde .
Das sind übernatürliche Fähigkeiten, die bei dem
Volke Glauben erwecken und bei den Gelehrten
Mißtrauen . Darum erscheint eines Tages eine Kom-
DER PROPHET UND DIE DIRNE I2I
mission von fünf Rabbinern aus Jerusalem, um die-
sen Fähigkeiten auf den Grund zu gehen. Es ist
nichts über den Ausgang dieser Prüfung übermittelt,
aber der Kranz von Legenden, der um ihn wächst
beweist, daß die Prüfung nicht ungünstig ausfiel.
Eine Volkserzählung scheint auf diesen Vorgang
anzuspielen : es kommt ein großer Gelehrter aus Jeru^
salem zu ihm, neugierig, was es mit seinen Fähig-
keiten auf sich habe . Zu ihm sagt Nathan Ghazati :
Geh' auf den Friedhof. Dort wirst Du einen alten
Mann finden, der ein Fell um die Hüften trägt und
eine Schale Wasser in der Hand. Nimm das Wasser,
gieße es über seine Hände aus und sage dabei: ver-
zeihe es dem Volke Israel 1 —Der Gelehrte geht zum
Friedhof, findet niemanden dort, kommt zurück und
sagt: Es ist niemand da. - Geh' noch einmal, sagt
ihm Nathan, und diesmal findet der Gelehrte einen
Alten, wie er ihm beschrieben worden ist. Er tut,
wie Nathan ihm anbefohlen hat. Da öffnet der Alte
den Mund und sagt : Das Blut sei Dir verziehen . -
Heimgekehrt erfährt der Gelehrte, der Alte sei der
Prophet Sacharjah gewesen, den die Juden erschla-
gen haben . Durch diesen symbolischen Akt auf dem
Grabe sei das Blut abgewaschen und die Sünde ver-
ziehen.
Diese tieferen Sichten erscheinen aber nur als Vor-
bereitung zu einer größeren, auf den letzten Kern
der Zeit, eben den Messianismus gerichteten Sicht.
Nathan Ghazati ist durch seinen Vater, der weit in
der Welt umher kommt, sehr eingehend über alle
Vorgänge da draußen unterrichtet. Auch von Sab-
batai Zewi hat er genaue Kenntnisse, und er kann jede
Station seines Weges und jedes Detail seiner Hand-
lungen genau verfolgen . Auch von der Handschrift
122 SECHSTES KAPITEL
des Jachini hat er Kenntnis gehabt, und es besteht
sogar die Möglichkeit, daß er eine Abschrift davon
besaß, denn in späteren Jahren gibt Sabbatai Zewi
unter seinem Eide vor dem Rabbinat in Adrianopel
an, daß Nathan ihn durch eine alte Schrift, in der
sein, Sabbatais Name eingefügt gewesen sei, zum Be-
kenntnis seines Messiastums verführt habe . Bei rich-
tiger Ausdeutung der Psyche Sabbatais kann min-
destens der Besitz einer solchen Handschrift bei Na-
than Wahrheit gewesen sein .
Es wird auch in Nathaii das Zusammenwirken von
Zeitströmungen, Zeitereignissen und eigener Dis-
position gewesen sein, was ihn unaufhaltsam dazu
drängt, sich völlig auf den messianischen Gedanken
umzustellen und zu beschränken. Eindringlich pre-
digt er von der Notwendigkeit der Buße. Alle, die zu
ihm kommen oder schriftlich Rat von ihm erbitten,
weist er daraufhin, daß bald der Messias erscheinen
werde. Er wiederholt so lange, so drängend, mit
solcher Beredsamkeit, daß er um sich eine Atmo-
sphäre gespanntiester Er Wartung schafft. Was er tut,
was er sagt, wird sogleich geglaubt, vergrößert, ver-
zerrt, rings verbreitet wie eine Wahrheit, überallhin
weiter gegeben in den Ausmaßen des Wunderbaren
und der Form von Legenden . Und wenn seine Worte
und Verkündigungen den Orient durchlaufen haben
und ini Abendland gelandet sind, sind es zeitgenössi-
sche Berichte geworden, die wie der folgende, vom
Pfarrer Buchenroeder übermittelte aussehen: »Die
Juden aus Alexandrien berichten in Briefen, daß in
Gaza ein Prophet aufgestanden sei, 26 Jahre alt, der
viele Zeichen und Wunder tue. Er rufe die Juden
wegen des Kommens des Messias zur Buße auf. Sie
sollten sich vor Jerusalem versammeln. Das ist auch
J
DER PROPHET UND DIE DIRNE 123
geschehen, und nachdem sich etliche Tausend vor
Jerusalem versammelt hatten , ist aus den Wolken ein
Öl herabgeflossen, auf das Haupt ihres Messias. Da-.
bei ließ sich eine Stimme hören: Das ist der Messias,
der Israel von allen seinen Feinden erlösen, aus allen
Ländern wieder versammeln und den Gottesdienst
wieder aufrichten soll. Des Messias Name soll sein
Benhadad, von vierzig Jahren ungefähr. Um die-
selbe Zeit hat sich eine feurige Wolke auf dem Berge
Zion in Jerusalem sehen lassen , worauf der Prophet
an alle Juden in allen Ländern geschrieben hat, daß
sie sich versammeln und nach Jerusalem kommen
sollen. Dort und alsdann werde er ihnen sagen, wo
die Lade des Bundes und alle anderen Sachen, die im
Lande waren, und die Jeremias versteckt habe (wie
aus dem 2. Buche, i. Kapitel der Makkabäer zu
lesen sei), gefunden werdien können, und es werde
darauf ein Altar vom Himmel kommen, darauf die
Juden ein Opfer legen sollten, welches hernach mit
Feuer vom Himmel werde angezündet und verbrannt
werden, und also ihr alter Gottesdienst wieder be-
ginnen und bis ans Ende der Welt fortdauern werde .
Den Juden aber hat er geboten, unterdessen rechte
Büße zu tun, und den Propheten Jeremias fleißig zu
lesen. Die Türken und Heiden würden freiwillig
kommen und dem neuen Messias das Reich abtreten .
Sie sagen auch, daß zur selben Zeit der Prophet
Nathan das Hörn geblasen habe, welches sie für ein
großes Glück halten . Das Weitere werde in zwei
Monaten geschehen . Unterdessen stehen teils Juden
noch im Zweifel, ob es wahr sei, weil noch keine
Briefe aus Jerusalem und anderen umliegenden
Plätzen kommen; teils aber glauben sie es fest. So
wird für gewiß berichtet, daß die Juden in hellen
1 24 SECHSTES KAPITEL
Haufen nach Aleppo gezogen, in der Absicht, den.
König im Mohrenland zu bekriegen . Seien aber von
den Einwohnern Aleppos unter Zuziehung vieler
Türken auf die einundfünfzigtausend stark ausgefal-
len , und die Juden geschlagen , eine große Niederlage
bereitet. Nun hört man nur noch, daß die Juden ihre
Häuser verkaufen und sich zum Aufbruch fertig
machen . . . «
Solche Berichte sind Phantasien , die gleichwohl einen
Teil der späteren Ereignisse ahnungsvoll vorausneh-
men. Und sie übersteigern in nichts die Haltung
eines Menschen, in dem die Ekstatik mit ganz beson-
derer Vehemenz zum Ausbruch kommt . Einmal , ge-
gen das Wochenfest hin , ruft Nathan Ghazati die Ge-
lehrten der Stadt zu sich und lernt mit ihnen den ganzen
Abend und bis in die Nacht hinein aus den Schriften .
Gegen Mitternacht kommt ein großes Schlafbedürfnis
über Nathan, und um es zu verjagen, geht er im
Zimmer auf und ab und spricht Gebete. Aber die
Müdigkeit wird immer drückender und die Abwehr
immer mühsamer. Da bittet er einen der Freunde,
er möge ihm ein Lied vorsingen, und wie er es be-
endet hat, bittet er einen anderen, das gleiche zu tun.
Aber die Müdigkeit will nicht weichen . Sie wandelt
sich langsam in eine qualvolle Hinfälligkeit, in eine
drückende, beängstigende Verstörtheit, daß er be-
ginnt, im Zimmer umher zu taumeln und hilf lös
an seinen Kleidern zu zerren . Die andren stehen er-
schreckt und sehen plötzlich, daß er den Halt verliert
und zu Boden fällt. Sie stürzen zu ihm hin, wollen
ihm helfen, ihn aufrichten, und müssen entsetzt fest-
stellen, daß er mit geschlossenen Augen, ganz lang
und starr daliegt, Sie rufen einen Arzt, und auch der
kann nach einer kurzen Untersuchung nur sagen:
DER PROPHET UND DIE DIRNE 125
tot. Da breiten sie ein Leinentuch über ihn und
hocken fassungslos und erschüttert in den Winkeln.
Nach geraumer Zeit hören sie eine tiefe, dunkle
Stimme, die mühsam einzelne Worte formt. Sie reißen
erschreckt das Tuch von Nathan und hören: Worte
und Stimme kommen aus ihm, aber die Lippen be-
wegen sich nicht. Und was er sagt, qualvoll aus dem
Unterbewußtsein in den bekennenden Laut gepreßt,
sind Worte vom Nahen des Messias und seines Pro-
pheten . Die Seele lallt die Botschaft von der Erlösung.
Dann, wie Worte und Laute sich erschöpft haben,
geht ein tiefes , zitterndes Atmen durch den starren
Körper, Die Brust hebt sich. Ein langer, befreiender
Seufzer. Er öffnet die Augen. Sie helfen ihm, richten
ihn auf, überfallen ihn mit Fragen : was war dir ? —
Aber er weiß nichts zu erinnern. Sie berichten ihm,
was vorgegangen ist. Da schweigt er bedrückt und
verschlossen .
Bald daraufkommt die Nachricht, daß Sabbatai Zewi
auf der Reise von Kairo nach Jerusalem in Gaza Rast
machen werde. Alle nehmen an einem solchen Be-
such lebhaftes Interesse, aber Nathan empfindet mehr
als Interesse . Für ihn ballen sich Ahnungen zusam-
men, die sich auf diesen Menschen konzentrieren.
Und wie zur letzten Bestätigung errreicht ihn in die-
sen Tagen ein Schreiben des Isaac Levi aus Saloniki,
in dem er ihm das Geheimnis anvertraut, daß Sab-
batai Zewi sich ihm als der erwählte und berufene
Messias zu erkennen gegeben habe.
Von diesem Augenblick an ist Nathan Ghazati nicht
mehr erregt und unruhig. Alles Tasten, Erwarten,
Ahnen, alles Drängen aus dem Unbewußten und alles
Hoffen auf das Unfaßbare hat jetzt mit einem Schlage
Richtung und Ziel bekommen. Es ist alles singe-
126 SECHSTES KAPITEL
fangen und einbezogen in die eine Aufgabe, für die
er von heute bis zu seinem letzten Tage sein Leben
mit jedem Wort, jeder Regung und jedem Gedanken
einsetzt; diesem kommenden Menschen und Mes-
sias Sabbatai Zewi ein Wegbereiter und Verkünder
zu sein. Ihm dienen, ihm helfen, für ihn Zeugnis ab-
legen, sein Prophet und seine Kreatur zu sein, für
ihn leiden, wenn es sein muß, oder auf den Stufen
seines Thrones sitzen, wenn es sein kann.
Er trifft alsbald Vorbereitungen zu einem großen
Empfang. Ohne daß er seinen Freunden und Mit-
gelehrten den letzten Grund und seine eigene Kennt-
nis offenbart, weiß er sie leicht zu überreden daß
man dem ankommenden Gaste ganz besondere Eh-
rungen darbringen müsse . Sie glauben ihm gerne und
lassen ein üppiges Gastmahl richten, an einer Tafel,
an deren Kopfende ein erhöhter, thronähnlicher Sitz
für den Gast errichtet, und über dem Schmuck werk
nach Art königlicher Insignien angebracht ist. In
allgemeiner Freude und glänzender Feierlichkeit ver-
läuft das Mahl. Wie das eigentliche Essen beendet
ist und, der Sitte gemäß, Gruß und Segensspruch an
den Gast gerichtet werden müssen, reichen die Ver-
sammelten wie auf Verabredung dem Jüngsten, aber
dem Würdigsten unter ihnen, Nathan Ghazati, den
Becher mit Wein . Er erhebt ihn in zitternden Hän-
den, streckt ihn gegen den Gast aus, und mit seinen
Worten und seinem Segen reißt er das Tor der sabba-
tianischen Bewegung weit und unwiderruflich auf:
»Baruch habah baschem adonai . . . Gelobt sei der,
der im Namen des Herrn kommt. Der barmherzige
Gott segne unseren König Sabbatai Zewi!«
Am Kopfende des Tisches ist eine heftige Bewegung .
Sabbatai ist aufgesprungen, daß die Becher klirren.
DER PROPHET UND DIE DIRNE 127
Er Streckt die Hand gegen Nathan Ghazati aus.
»Schweig ! « schreit er durch den Raum . Nathan stellt
den Becher hin und schweigt. Sabbatai geht langsam
aus dem Zimmer.
Was ist das ? Wehrt sich hier letzte und große Scham-
haftigkeit gegen das nackte Aussprechen und Ange-
rufenwerden ? Weicht hier eine echte Bescheidenheit
vor der Pomphaftigkeit des verliehenen Titels zu-
rück? Hindert etwa Furcht ihn daran, das angewie-
sene Amt mit seinem Unmaß der Verpflichtungen zu
übernehmen ? Oder ist das alles nur geschickte Regie,
die Gebärde eines Menschen, der eines Tages sagen
wird : ich habe es nicht gewollt , aber Ihr habt es mir
zugerufen und auferlegt. Darum liegt die Verant-
wortung bei Euch und nicht bei mir. - Es hat im
späteren Leben Sabbatais Situationen gegeben, in
denen er eine solche Haltung eingenommen hat. Im
Augenblick hindert ihn jedenfalls diese leidenschaft-
liche Gebärde des Widerstandes nicht daran, mit
Nathan Ghazati in engster Fühlung zu bleiben und
von allem , was Nathan später für ihn und für die Pro-
pagierung seiner Messianität unternimmt, beden-
kenlos Gebrauch zu machen . Wie er nach Jerusalem
weiterreist, scheiden die Beiden als durch die Idee
eng verbundene Freunde .
Der Aufenthalt in Jerusalem ist von beträchtlicher
Dauer. Er währt etwa drei Jahre, und man sollte
meinen, daß die Länge der hier verbrachten Zeit in
keinem angemessenen Verhältnis stehe zum Ertrag.
Denn welche Wirkungsmöglichkeiten bestehen hier,
und was tut Sabbatai hier ? Jerusalem ist zwar für die
religiöse Vorstellung ein sehr wichtiger Ort, aber er
ist doch ein sehr armer und einflußloser Ort gewor-
den . Die Aufwendungen der Judenheit für die Opfer
1 28 SE CHSTES KAPITEL
der polnischen Katastrophe sind so erheblich gewe-
sen, daß dagegen die Spenden nach Jerusalem völlig
zurückgetreten sind. Es reicht nicht mehr aus, um
die Armen dort zu ernähren. Hungersnot bricht aus,
die viele Einwohner dazu zwingt, auszuwandern und
anderswo Unterschlupf zu finden. Dabei sind die
Anforderungen, die die türkische Behörde an die Ge-
meinde stellt, ungewöhnlich hohe, und bei jeder
Zahlungsstockung werden Repressalien angedroht.
Pas dient weiter zur Entvölkerung der Stadt. Zu-
rück bleiben im wesentlichen nur diejenigen Armen,
deren Mittel nicht einmal zu einer Ortsveränderung
ausreichen, sowie diejenigen, deren Lebensführung
nach den Vorschriften der praktischen Kabbala sie
an sich schon höchst bedürfnislos macht. Die Ge-
lehrten und Rabbiner des Ortes genießen im übrigen
nicht einmal im jüdischen Orient eine besondere
Autorität .
Und in einem solchen Milieu verbringt Sabbatai ge-
ruhig drei kostbare Jahre seiner Existenz. Er muß es
und tut es, indem er das Nützliche mit dem Notwen-
digen verbindet . Das hat gute Gründe . Das vom Sohar
als das Jahr der Erlösung verkündete 1648 . Jahr ist
ergebnislos verlaufen. Sabbatais Bemühen hat keine
Entscheidung herbeiführen können . Mit einer gran-
diosen Gebärde hat er daraus die Konsequenz ge-
zogen. Was die jüdische Prophezeiung nicht gehalten
hat, muß (die christliche erfüllen . Wenn das Jahr 1 648
sich als Irrtum oder Fehlschlag erwies, so kann im-
merhin das von den Christen errechnete apokalypti-
sche Jahr 1666 noch die Erfüllung bringen. Sabba-
tais denkwürdige Leistung besteht darin, dieses Jahr
der jüdischen Mystik und dem allgemeinen Volks-
glauben als Zeitpunkt der jüdischen Erlösung auf-
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DER PROPHET UND DIE DIRNE 129
oktroyiert ZU haben 5 mit einer suggestiven Kraft, die
nicht einmal die Fragestellung zuließ , warum denn
nun ein Jahr durch das andere abgelöst und ergänzt
werden müsse oder könne. Sabbatai will, daß es das
1 666 sei, und er setzt es durch. Alles was er tut, dient
der Vorbereitung, und es enthüllt sich bald, wie
glänzend und durchdacht sie war.
Also wartet er seine Zeit in Jerusalem ab und begrün-
det inzwischen seine Popularität unter den Armen,
Von neuem haben seine Brüder ihn reichlich mit
Geldmitteln ausgestattet. Er lebt einen seltsamen Ge-
gensatz zwischen der Pracht seines Auftretens und
einer fast pietistisch anmutenden Frömmigkeit, die
er gerne und hemmungslos in aller Öffentlichkeit be-
tätigt. Er begibt sich zu stundenlangen Andachten
an die geheiligten Gräber der Vorfahren und betet
und singt und vergießt heiße Tränen . Es ist in diesem
seelischen Exhibitionismus nichts Verwerfliches, denn
er ist ehrlich undkommtaus dem tiefsten Gefüge seines
Wesens. Er lebt die Dinge, die er tut. Seine Schau-
stellungen sind Bekundungen seiner Persönlichkeit.
Zu dem Ruf des frommen, ja fast heiligen Menschen,
den ihm das einträgt, kommt eine besondere Form
der Popularität, die er sich dadurch erwirbt, daß er
sich überall auf seinen Wegen mit den Kindern be-
schäftigt und Geld und Zucker werk an sie verteilt.
Darum lieben ihn die Mütter. Und die Frauen lie-
ben ihn, weil er nicht nur fromme Psalmen singt,
sondern auch Lieder, die mit verhaltener erotischer
Erregung geladen sind und denen er, wenn man
nach ihrer Bedeutung fragt, einen besonderen mysti-
schen Sinn unterstellt. Besonders ist darunter ein
spanisches Liebeslied, das uns von Pfarrer Coenen
in einer holländischen Übertragung aufgezeichnet
9 JCastein Zewj
130 SECHSTES KAPITEL
und übermittelt ist: Opklimmende op een bergh,
eh nederdalende in een valeye, ontmoette ick Melis-
seide, de Dochter van den Kayser, dewelcke quam
uyt de banye, van haer te wasschen. Haer aenge-
sichte was blinckende als een deegen , haer ooghleden
als een stalen böge, haer lippen als coraelen, haer
vleesch als melck etc. (Dieses etc., mit dem Coenen
abschließt, ist sehr bedauerlich.) Die Frauen glauben
ihm jedenfalls, daß dieses Lied auf den Talmud und
das Hohe Lied Bezug habe.
In der Vorbereitung seinerUmgebung auf diekommen-
den Ereignisse leistet ihm ein offensichtlicher Phan-
tast, Baruch Gad, durch eine Mystifikation wirksame
Hilfe . Gad war Spendensammler für Jerusalem und
bereiste in dieser Eigenschaft Persien. Von dort
kommt er jetzt zurück und berichtet von großen
Abenteuern , die er bestanden hat, und aus denen ihn
ein Jude aus dem verschwundenen Stamme Naphtali
errettet hat. Dieser Jude hat, ihm ein Schreiben aus-
gehändigt, das von den Juden jenseits des Stromes
Sabbation geschrieben worden ist, und in dem in
kabbalistischer Terminologie davon berichtet wird,
daß die zehn Stämme auf das Erscheinen des Mes-
sias warten, um dann in hellen Haufen hervorzu-
brechen . Dieses Schreiben wird geglaubt . Man stellt
Abschriften davon her und schickt sie den Sendboten
nach, um ihnen die Arbeit zu erleichtern.
Was aber die Popularität Sabbatais entscheidend und
mit gutem Recht begründet, ist folgender Vorgang:
Wieder einmal hat der Gouverneur von Jerusalem
an die völlig verarmte Gemeinde beträchtliche Geld-
forderungen gestellt. Da sie nicht zahlen kann, droht
er mit Ausweisung aller Juden . In dieser Not wen-
den sie sich an Sabbatai Zewi, ob er ihnen durch seine
DER PROPHET UND DIE DIRNE 131
vielen Beziehungen nicht helfen kann . Und Sabbatai
verspricht Hilfe. Er weiß, wo sie zu bekommen ist. Er
unternimmt sofort eine Reise nach Kairo und trägt
seinem Freunde Chelebi sein Anliegen vor. Der
zögert nicht einen Augenblick, die gesamte, nicht
gerade geringe Summe zur Verfügung zu stellen.
Den Erfolg erntet Sabbatai. Wie er zurückkommt,
jubelt ihm das Volk als seinem Retter zu . Das Wort
»Erlöser« taucht zum erstenmale spontan auf. Es
wird auf ihn der Satz geprägt: halach schaliach u'ba
maschiach, er zog hinaus als ein Gesandter und kam
zurück als ein Erlöser .
Diese Reise ist noch in einem weiteren Sinne mit
seinem Schicksal verknüpft: er kommt von Kairo als
zum dritten Male verheiratet zurück. Ein solcher
Vorgang ist in dem damaligen Judentum nur dem
Faktum nach belangvoll , insofern die Eingehung eine
Ehe zu den selbstverständlichen religiösen Verpflich-
tungen gehört. Aber die Frau, die Person, spielt
durchweg keine Rolle. Es gibt gute und schlechte
Hausfrauen. Da:s ist alles. Die Innigkeit des Fami-
lienlebens, die Beobachtung der Ritualvorschriften
und das Gebären von Kindern umreißen ihre Wir-
kung und Bedeutung . Aber dem ungewöhnlichen
Menschen Sabbatai Zewi, dessen Ehe zweimal ge-
scheitert ist, muß auch eine ungewöhnliche Frau be-
schieden sein. Das Schicksal versagt sie ihm nicht
und führt sie ihm auf phantastische Weise zu .
Sarah, Sabbatais dritte Frau, stammt aus Polen.
Wer ihre Eltern sind, weiß man nicht. Es steht nur
fest, daß sie gestorben sind, als Sarah etwa sechs Jahre
alt war. Von der Zeit an befindet Sarah sich in
einem Kloster. Es ist wahrscheinlich, daß man sie
als Findelkind aufgelesen hat, weil die Eltern in den
9*
132 SECHSTES KAPITEL
Pogromen umgekommen sind. Eine andere Fassung,
die wohl auf Zweck abgestellt ist, sagt, man habe
sie in das Kloster entführt, und die Eltern seien aus
Gram über die vergeblichen Versuche, ihr Kind wie-
der zu bekommen , gestorben . So oder so: immer für
das Leben eines Kindes ein gewaltsamer, eindrucks-
voller und nachhaltiger Beginn ; für ein jüdisches
Kind aus dem Osten ganz besonders , weil es vom
zartesten Alter an mit den lebendigen Eindrücken des
Milieus und einer von allem Anfang an auf praktische
Religiosität abgestimmten Erziehung förmlich im-
prägniert wird. Ein solches Kind wird plötzlich in
ein polnisches Kloster gebracht und einer Atmo-
sphäre ausgeliefert, die in Anziehung und Abstoßung
gleich stark auf ein solches Gemüt wirken muß . Zehn
Jahre, also bis in die Zeit ihrer vollen Reife hinein,
bleibt Sarah unter Heiligenbildern, Kerzen, Weih-
rauch, Gesängen, Gebeten in der Zelle isoliert, oder
in der verhängnisvollen Gemeinschaft mit andren
Nonnen. Nach zehn Jahren ist ihr Wesen gestanzt,
geprägt, für das ganze Leben mit einer seltenen Ge-
radheit in Tugend und Laster festgelegt.
Eines Tages, wie die Juden des dem Kloster benach-
barten Dorfes auf ihren Friedhof kommen, um einen
Toten beizusetzen, finden sie auf den Gräbern
ein sehr schönes junges Mädchen mit zerrissenen
Kleidern, dem Aussehen nach eine Jüdin. Sie fragen
erstaunt nach dem Woher und Wohin . Da erzählt
Sarah von der Geschichte ihres Lebens, was sie da-
von bekennen will, oder so viel sie selbst davon be-
greifen kann . Vielleicht lügt sie. Vielleicht ist sie das
Opfer des doppelten Angriffes der jüdischen so gut
wie der katholischen Mystik. Es ist ihr, berichtet sie,
vor zwei Nächten der Geist ihres Vaters erschienen .
DER PROPHET UND DIE DIRNE 133
Er konnte im Tode keine Ruhe finden , weil er seine
Tochter mitten im Herzen eines anderen Glaubens
wußte. Nun ist er da und weint und klagt. Was soll
ich tun ? hat das Mädchen ihn gefragt. Die Antwort:
Fliehe aus dem Kloster . Geh* auf den nächsten jüdi-
schen Friedhof und setzte Dich auf die Gräber. Nach
zwei Tagen werden die Juden kommen, um einen
Toten zu begraben. Die werden Dir weiter helfen,
bis Du an Dein Ziel gekommen bist. - Welches Ziel ?
fragen die erstaunten Juden . Sarah schweigt darüber.
Weiß vielleicht noch nichts von einem Ziel , oder will
es als Geheimnis für sich behalten . Sie berichtet wei-
ter : da ist sie noch in der gleichen Nacht aus den
hochgelegenen Klosterfenstern in die Tiefe gesprun-
gen. Ihr Vater hat ihr dabei geholfen, indem er ihren
Leib hielt. Sie zeigt den Frauen Nägelspuren an
ihrem Körper, die von den Händen ihres Vaters her-
rühren sollen . Die Frauen sehen und glauben . Und
sie nehmen Sarah mit in das Dorf.
Das ist eine ängstliche und gefährliche Entdeckung,
die sie da gemacht haben, denn dieses Mädchen,
obgleich Jüdin von Geburt, steht doch im Eigentum
eines anderen Glaubens, und das Kloster wird eines
Tages sein Eigentum von ihnen zurückfordern kön-
nen, wenn die Sache ruchbar wird. Darum wird ihre
Anwesenheit mit dem größten Geheimnis umgeben .
Man versteckt sie hier und dort. Inmitten all dieser
Heimlichkeit hockt Sarah ruhig, nachdenklich und
schön.
Nachforschungen ergeben, daß bei der Sprengung der
Gemeinde, in der Sarahs Eltern wohnten, ein Bruder
von ihr, Samuel, entflohen und nach Amsterdam ver-
schlagen ist. Er lebt dort als Händler mit Tabak.
Man beschließt Sarah dorthin zu bringen . Man ist
134 SECHSTES KAPITEL
froh, den gefährlichen Besuch los zu werden. Unter
den nötigen Vorsichtsmaßregeln wird sie von Ge-
meinde zu Gemeinde geschafft, bis sie die deutsche
Grenze passiert hat, immer Mittelpunkt von Inter-
esse und Geheimnis. Es ist nicht zu ermitteln, wie
lange diese Reise in unendlichen Etappen gedauert
hat. Gerade über diese erste Zeit nach ihrer Freiheit
schweigen die Berichte auffällig. Was von ihr in
legendärer Form berichtet wird, bezieht sich alles
auf ihre Vorgeschichte und auf die Umstände ihrer
Auffindung. Bald ist sie von einem polnischen Edel-
mann geraubt worden, der sie zur Taufe bewegen
wollte. Bald wächst sie in einer christlichen Familie
auf, die sie zur Frau für ihren Sohn bestimmt . Beide
Male erscheint nächtlich der Geist des Vaters und er-
rettet sie. Eine religiöse Variante läßt bei ihrer Ent-
deckung auf dem Friedhof einen Zettel auf ihrer Klei-
dung sich vorfinden, auf dem die Worte stehen: Die-
ses wird die Frau des Messias sein .
An die spätere Zeit, wie gesagt, geht der dichtende
Wille des Volkes nicht heran. Es scheint, als ob
eine letzte Scham und ein letztes Zurückweichen vor
dem Ungewöhnlichen dieser exzentrischen, erotisch
eindeutigen, aber ungewöhnlich lebendigen Erschei-
nung den Drang, sich mit ihr zu beschäftigen, lahm
gelegt habe. Sie müssen hier das Feld den Chronisten
überlassen, insbesondere dem der sabbatianischen
Bewegung feindlichen , der dieser an sich schon unge-
wöhnlichen und für ihre jüdischen Begriffe erschrek-
kenden Erscheinung voll Argwohn nachspürt. Sie
stellen fest, daß Sarah in der Tat bei ihrem Bruder
in Amsterdam gewesen ist. Hier, am Ziel ihrer aben-
teuerlichen Fahrt, nach der sie nun bei normalem
Verlauf der Dinge in die Ruhe und Ordnung hätte
DER PROPHET UND DIE DIRNE 135
einkehren müssen, um vielleicht eines Tages von
ihrem Bruder ausgestattet und an einen braven Juden
verheiratet zu werden , entreißt sie sich endgültig
einem solchen herkömmlichen Ablauf der Dinge. Mit
ungewöhnlichen Ereignissen aufgewachsen, setzt sie
ihr Leben jetzt mit ungewöhnlicher Begründung und
ungewöhnlichen Mitteln fort. Sie erklärt: es wird
in der Welt ein Messias erscheinen, diesem Messias
bin ich zur Braut bestimmt. - Und durch nichts zu
halten und zu bereden, macht sie sich auf zur Wan-
derung in die Welt, diesen Messias zu suchen.
Wir wissen nicht, nach welchem Plan sie gewandert
ist. Man muß wohl verneinen, daß sie Nachrichten
über Sabbatai Zewi und seinen Aufenthalt gehabt
hat, Denn dann hätte sie sich vermutlich direkt nach
dem Orient gewandt, um mit ihm zusammen zu tref-
fen . Aber sie zieht von Amsterdam aus durch Hol-
land, durch Deutschland, durch die Schweiz und bis
nach Italien. Überall wirkt ihre Schönheit erregend,
macht ihr Geschick und die Bestimmung, zu der sie
sich berufen fühlt, die Menschen teilnehmend . Aber
als habe sie schon jetzt Königliches zu verschenken,
weicht sie vor der Erregung der Männer, die sie aus-
löst, um keinen Schritt zurück; nimmt auf, wer sie
begehrt; gibt sich besinnungslos jedem hin, der dar-
um bittet, kommt zu jedem Mann, der ihr ein Brief-
lein mit solcher Aufforderung in das Haus sendet.
Zur Frau eines Heiligen bestimmt, lebt sie das Da-
sein einer Dirne, dabei in ihrer Sicherheit und der
Beharrlichkeit, mit der sie das große Ziel verfolgt,
völlig ungestört. Sie bleibt bei keinem Manne haften,
geht mit nachtwandlerischem Instinkt von Ort zu Ort
weiter, verachtet die, die sie beschimpfen, und er-
klärt denen, die sie um den sonderbaren Zwiespalt
136 SECHSTES KAPITEL
zwischen Bestimmung und Lebensführung befragen i
weil ich nicht heiraten darf, bis der Messias mich
eines Tages nimmt, hat Gott mir die Befugnis ge-
geben, mein Blut zu beruhigen, wo ich kann und will .
So wirkt sich in ihr und an ihr aus, was Eros und Re-
ligiosität in der Tiefe der Psyche an Gemeinsamkeit
des Ursprungs haben. Von Amsterdam, Frankfurt,
Mantua und Livorno liegen Berichte vor, die ihren
Anspruch als Messiasbraut und ihren Lebenswandel
darstellen. Gelehrte und Rabbiner begeben sich zu
ihr, um diese seltsame Erscheinung zu prüfen, und
es mutet wie Anklänge aus den Hexenprozessen des
Mittelalters an, zu sehen, wie ihre Schönheit und
sinnliche Eindringlichkeit ihnen Angst macht, und
sie doch, in Zeit und Glauben befangen, ihr über-
natürliche Fähigkeiten zuschreiben . Aber ungleich
ihren mittelalterlichen Glaubensgegnern nehmen sie
das Untergründige und Unfaßbare nicht zum Anlaß,
einen Menschen auf die Folter zu spannen und aufs
Rad zu legen. Jene fürchteten und haßten Eros
und befreiten sich von der Beklemmung durch Tot-
schlag. Diese scheuen Eros und weichen ihm aus,
in dem sie seine Wirkungen zu sublimieren trachten .
Jene hatten ein Dogma und hackten jedem die Beine
ab, der sich in dieses Prokrustesbett nicht fügen woll-
ten. Diese sind dogmenfrei und sind jedem religiösen
Anruf verhängnisvoll geöffnet. So begreifen sie von
diesem schillernden Wesen endlich nur, daß sie die
Braut eines Messias sein will. Aber sie können ihr
nicht helfen, da es noch keinen Messias gibt.
Zu dieser Zeit hält Pinheiro, Sabbatais getreuer An-
hänger, sich in Livorno auf. Er versteht sofort die
Zusammenhänge, die hier obwalten. Sabbatai be-
findet sich gerade in Kairo , um von Chelebi Geld für
DER PROPHET UND DIE DIRNE 137
Jerusalem zu erbitten. Er gibt ihm Nachricht mit
allen Einzelheiten, die er erfahren kann. Und nun
begibt sich etwas Seltsames: Sabbatai erklärt sogleich,
daß dieses Mädchen ihm zur Frau vorbestimmt sei.
Zwei Ehen hat er lösen müssen, weil es an der
himmlischen Bestätigung mangelte . Aber dieses Mal
ist kein Zweifel. Sarah ist ihm, und zwar ausdrück-
lich in seiner Eigenschaft als Messias, zur Frau be-
stimmt. Er verkündet das unter dem Jubel seiner
Anhänger und der freudigen Zustimmung Chelebis,
der sofort Boten und Begleiter nach Livorno ent-
sendet, um Sarah nach Kairo zu holen.
Sie empfängt die Boten mit einem königlichen Gleich-
mut und folgt ihnen ohne weiteres. Erst an diesem
verhältnismäßig ungefährlichen und romantischen
Punkt setzen die Volkserzählungen wieder ein. Da
lautet eine Variante: sie ist, ohne von der Existenz
Sabbatais eine Ahnung zu haben, auf ihren Wan-
derungen bis nach Kairo gekommen und zu Ghelebi .
Sie hat ihm ihr Lebensschicksal berichtet, und seine
Tafelrunde, der er davon Mitteilung macht, rät ihm,
das Mädchen auszustatten und zu verheiraten. Er
ist dazu bereit, aber Sarah sträubt sich. Sie erklärt:
Der, den sie heiraten werde, befinde sich zur Stunde
auf dem Meere in großer Lebensgefahr. Aber der
Geist ihres Vaters werde ihm helfen. - Elf Tage
später trifft Sabbatai Zewi ein, und seine Begleiter
wissen wirklich von großen Gefahren der Fahrt zu
berichten. Seeräuber haben das Schiff verfolgt, aber
auf Sabbatais Gebet hin habe Gott sie über das Meer
gestreut. - Eine andere Version: Sie erklärt Chelebi,
sie müsse nach Jerusalem gehen , weil ihr Gatte sich
dort befinde. Chelebi schickt sie mit einem zuver-
lässigen Führer dorthin. Wie sie kaum die Stadt be-
138 SECHSTES KAPITEL
treten haben, kommt Sabbatai im Kreise von Anhän-
gern daher. Sarah ruft: Dieser Weise ist mein Gatte.
Sabbatai sieht sie an und antwortet: Dieses Mädchen
ist meine Braut. -
In Kairo rüstet inzwischen Chelebi eine Hochzeit
von einem wahrhaft orientalischen Pomp. Es wird
schon kein Hehl mehr daraus gemacht, daß diese
königlichen Zurüstungen dem Messias gelten . Seine
Vermählung ist für den Kreis in Kairo der Augen-
blick, in dem sie seine Messianität offen vor der Welt
bekennen wollen. Und Sabbatai sträubt sich nicht
dagegen. Das Jahr 1665 ist angebrochen. Der
Weg zum letzten Bekenntnis ist sehr kurz geworden .
Wieder bietet ihm das Schicksal ein ungewöhnliches
Zusammentreffen, und wieder nimmt er eS in einer
Art auf, die nach außen hin die Wirkung göttlicher
Fügungen hat.
Sabbatai hat niemals eine Frau erwartet . Frauen spie-
len für sein Gefühls- und VorstellungslebenkeineRolle.
Seine seelischen und sinnlichen Bedürfnisse wer-
den im Bezirk seiner Religiosität genügend befriedigt.
Sein zweimaliges Ausweichen ist eindeutig. Er hat
auch zu Sarah keinerlei erotische Beziehungen, weder
vor noch in der Ehe. Eine Darstellung der späteren
Ereignisse wird es beweisen. Ihn bewegt zu der
spontanen Erklärung, dieses Mädchen sei ihm zur
Braut bestimmt, weder ihre Schönheit noch ihr Schick-
sal noch ihr sinnliches Fluidum, sondern einzig ihre
Erklärung, sie sei dem Messias zur Frau ausersehen.
Also kalte Berechnung? Nein, sondern die Unfähig-
keit, die Dinge noch anders zu sehen als in ihrer mög-
lichen Beziehung zu sich selbst. Er ist längst der
Sklave seiner Idee geworden. Was geschieht, ge-
schieht für ihn, ohne daß es einer Nachprüfung be-
DER PROPHET UND DIE DIRNE 139
darf. Er trägt die Idee nicht: sie hat ihn unterjocht,
und darum bleibt das Menschliche in ihm völlig brach
und unberührt . Nicht eine Spur von Liebe ist in ihm
zu dieser Frau. Sie ist die Königin, die ein Messias,
ein königlicher Mensch, haben muß. Damit ist ihr
Zweck und ihre Bedeutung für ihn erschöpft. Nicht
einmal das berührt ihn, daß Sarah in der Folgezeit
ganz offensichtlich zu einem Anziehungspunkt für
junge Menschen wird, und daß sie, unter religiöser
Verbrämung und mit antik anmutenden königlichen
Gesten , insgeheim ihr früheres Leben mit den jungen
Männern seines Kreises fortsetzt. Es besteht eben
zwischen den Beiden, die sich da treffen, nicht der
Schatten menschlicher Beziehungen. Beide sind die
gläubigen Lügner ihres eigenen Geschickes. In der
Besonderheit ihres äußeren und inneren Schicksals
treffen sie sich und gehen sie für den Rest ihres Lebens
nebeneinander her.
So ist die Hochzeit, die in Kairo gefeiert wird, nicht
eine Vereinigung des Sabbatai und der Sarah, sondern
des Messias mit seiner Königin. Bescheidene Ver-
suche wagen sich an ihn heran, die ihm die Bedeu-
tung ihres Vorlebens erkenntlich machen wollen.
Wäre er als Mensch beteiligt gewesen , hätte er sagen
müssen, daß für ihn die Frau seiner Wahl rein und
ohne Vergangenheit sei. Da er nur als Träger einer
Idee beteiligt ist, antwortet er : »Auch dem Propheten
Hosea hat Gott befohlen, eine Dirne zur Frau zu
nehmen.« Er will hier ein großartiges, prophetisches
Symbol materialisieren . Aber da er es in der Wirk-
lichkeit nicht leben und gestalten kann, degradiert
diese Antwort diese Frau nur zum anderen Male.
Aber er spürt nichts davon . Ihm genügt das Bewußt-
sein, daß die vorbestimmten Ereignisse ihn ein ent-
140 SECHSTES KAPITEL
scheidendes Stück weiter dem Ziele zu getragen ha-
ben. So kehrt er nach Jerusalem zurück. Sein V/eg
führt wieder über Gaza. Dort wartet Nathan, der
Auslöser seines Schicksals.
SIEBENTES KAPITEL
POSAUNEN
SIEBENTES KAPITEL HS
NATHAN GHAZATI HAT DEN ZUSAMMENHANG MIT
Sabbatai Ze wi nicht verloren , wedier den inneren noch
den äußeren . Er hat das Schweigegebot jener ersten
Begegnung richtig verstanden, aber befolgen kann er
es nur so lange, wie das Glühende in ihm nicht über-
mächtig wird und einen Ausdruck sich erzwingt .
Unleugbar tragen die äußeren Geschehnisse der letz-
ten Zeit dazu bei, seine übergroße Bereitschaft in
Visionen und Verkündigungen ausbrechen zu lassen .
Seine Umgebung ahnt schon, daß es zu einem Aus-
bruch kommen werde, denn er hat seit einiger Zeit
das Lernen in den Schriften eingestellt.
Am 25. Elul 5425, an einem Sabbath im Spätsom-
mer des Jahres 1665, kommt endlich eine große Vi-
sion über Nathan Ghazati. Er sieht das Licht, das
zur Stunde der Erschaffung der Welt geleuchtet hat.
Wie in den Gesichten des Jecheskel brennen feurige
Schriften am Himmelsgewölbe auf. Er kann sie Wort
für Wort lesen. »So sprach Gott: Euer Erlöser
kommt, Sabbatai Zewi !« Und dann siebter den Mes-
sias selbst, über den Himmel schreitend, angezogen
wie ein Engel . Endlich und zu allem dröhnt aus den
unfaßbaren Höhen herunter eine Stimme, die nicht
von dieser Welt ist: »Von nun an in einem Jahre und
einigen Monden wird offenbar werden und werdet
Ihr erschauen das Reich des Messias, der aus dem
Hause David kommt . «
Nach diesem Vorgang finden die Freunde ihn wie
einen Rasenden, Schaum vor dem Munde. Wie er
die Fassung wieder erlangt hat, steht das Gesehene
und Gehörte mit unverminderter Deutlichkeit vor
ihm. Er wiederholt es ihnen. Er predigt es eindring-
lich. Er schwört ihnen bei der lebendigen Welt,
144 SIEBENTES KAPITEL ^
daß jedes Wort lautere Wahrheit sei . Er verrät ihnen ,
indem er wieder auf die Handschrift des Jachini
anspielt, daß er die gleiche Verkündigung in einem
alten Dokument aus dem Jahre 5386, also eben dem
Geburtsjahre Sabbatais, gelesen habe. Er tritt aus
der unverpflichtenden Sphäre des hellsichtigen Men-
schen heraus in die helle Öffentlichkeit und in das
verpflichtende Amt dessen, der aufgerufen ist: des
Propheten.
Und in diesem Amt ist er beharrlicher und treuer als
der, den er ankündigt.
Sogleich beginnt er seine Tätigkeit. Er verfaßt ein
Sendschreiben, an keinen bestimmten Empfänger ge-
richtet, schlechthin für die »Brüder in Israel« be-
stimmt, eines, das mit zauberhafter Schnelligkeit und
in einer Unzahl von Abschriften seinen Weg durch
die ganze jüdische Welt findet und nach wenigen
Wochen schon in Saloniki, in Konstantinopel, in
Venedig, Livorno, Amsterdam, Hamburg, Frank-
furt, Paris, London, Posen und Lemberg gelesen wird
und wie ein Posaunenstoß in den Schlummer der
Erwartung dringt :
>>Kund sei euch, Brüder in Israel, daß unser Mes-
sias in der Stadt Ismir zur Welt gekommen ist und
den Namen Sabbatai Zewi führt. Bald wird, er sein
Reich allen offenbaren . Er wird die Königskrone dem
türkischen Sultan vom Haupt nehmen und sie sich
auf sein eigenes Haupt setzen . Gleich einem kana-
anitischen Sklaven wird der Türkenkönig hinter ihm
her schreiten müssen, denn sein, des Sabbatai, ist
die Macht. Dann aber, nach neun Monaten, wird
unser Messias den Augen Israels entschwinden, und
niemand wird sagen können, ob er noch am Leben
oder tot sei. Aber er wird jenseits des Stromes Sab-
.Ä-^
POSAUNEN 145
bation ziehen , den , wie man weiß , noch kein Sterb-
licher überschritten hat. Dort wird er sich mit der
Tochter Mosis vermählen, und von dort aus wird un-
ser Messias mit Meister Moses und allen verschol-
lenen Juden hoch zu Roß nach Jerusalem ziehen . Er
reitet auf einem Drachen und zügelt ihn mit einem
Zaum, der aus einer siebenköpfigen Schlange be-
steht. Auf diesem Zuge werden ihn die Feinde
Israels, GogundMagog, mit einem mächtigen Heere
überfallen. Aber nicht mit gewöhnlichen Waffen
wird der Messias seine Feinde besiegen . Seines Mun-
des Hauch wird hinreichen , sie niederzustürzen , und
sein Wort allein wird sie vollends vernichten. Nach
seinem Einzug in Jerusalem wird Gott vom Himmel
einen Tempel von Gold und Edelsteinen herabgleiten
lassen, in deren Glanz die ganze Stadt erstrahlen
wird. In ihm wird der Messias als Hoher Priester
opfern . Alsdann werden die Toten der ganzen Welt
aus ihren Gräbern aufstehen. Ich eile, dieses alles
euch bekannt zu machen.«
In dieser Prophetie sind weltlicher und religiöser
Messianismus eine Synthese eingegangen. Das ent-
sprach völlig der Einstellung der Zeit. Es ist aber
auch kennzeichnend, daß das an Leiden gewöhnte
Bewußtsein der Juden automatisch eine Verzögerung
der Erlösung einschaltet. Ohne einen letzten Hieb,
ohne ein letztes und nochmaliges und endgültiges
Unheil scheint ihnen ihre Befreiung nicht mehr denk-
bar . Das zu betonen , kann Nathan sich nicht genug
tun. Es ist noch ein ausführliches Schreiben über-
mittelt, das der Prophet an Chelebi in Kairo gerich-
tet hat . Auch ihm teilt er in den gleichen Ausdrücken
wie in dem ersten Sendschreiben mit, daß und wie
^ die Erlösung der Welt sich vollziehen werde . Bei
10 Kastein Z&vri
146 SIEBENTES KAPITEL
Sabbatais nochmaliger Vermählung jenseits des Sab-
bation verweilt er etwas ausführlicher. Moses, der
von den Toten auferstanden ist, hat eine Tochter,
Rebekka, ein Mädchen von vierzehn Jahren. Die
hat Gott dem Messias als die wahre Braut zugewie-
sen. Er wird sie heiraten, und Sarah, die man jetzt
Königin nennt, wird die Sklavin der Tochter Mosis
sein. Das ist das einzige Mal, daß er Sarah in seinen
Manifesten und Mitteilungen je erwähnt, und es hat
den Anschein, als habe er einen Widerstand gegen
sie nie überwinden können.
Dann stellt er Chelebi vor,, wie unendlich viel der
Messias schon gelitten habe . » . . . und darum sind
alle Juden in seine Hand gegeben , damit er mit ihnen
nach seinem Willen tue . Die er verurteilen will , ver-
urteilt er, und die er erheben will, erhebt er. In einem
Jahre und einigen Monaten wird er dem türkischen
Kaiser das Reich nehmen, ohne irgend welchen
Krieg, allein durch das Singen von Liedern und Lob-
gesängen. Er wird den Türken überall mit hin über
die Erde nehmen, wo er gewinnt oder erobert. Diese
Könige sollen alle Sklaven des Sultans werden, aber
der Sultan allein sein Sklave. Da soll auch kein Blut-
vergießen unter den Christen stattfinden, ausgenom-
men in Deutschland.« Aber auch damit ist die Er-
lösung noch nicht geschehen . Sondern es werden
noch vier bis fünf Jahre darüber vergehen. Dann erst
geht Sabbatai über den mystischen Fluß. Die Herr-
schaft der nunmehr gebesserten Welt übergibt er dem
Großtürken und befiehlt ihm, die Juden in ihrem Be-
sitz zu belassen. Aber nach drei Monaten steht der
Sultan gegen die Juden auf, von seinen Ratgebern
angestiftet. Da wird die Not groß. In der ganzen
Welt gibt es dann viel Unglück. Nur die Stadt Gaza
POSAUNEN 147
wird eine Ausnahme machen. Die ist der Beginn
seines Königreiches. Diese Stadt liebt Sabbatai so,
wie David die Stadt Hebron geliebt hat. Gegen das
Ende dieser Zeit geschehen dann die Wunder, von
denen im Sohar geschrieben steht. Dann werden alle
erlöst, die noch unter dem Joch sind. Dann werden
auch diejenigen wieder auferstehen, die sich um das
heilige Land besondere Verdienste erworben haben.
Aber vierzig Jahre darauf erfolgt dann die allgemeine
Auferstehung der Toten .
Die Ausführlichkeit dieses Schreibens, das ebenfalls
in zahllosen Vervielfältigungen seinen Weg durch die
Welt macht, ist aus einem doppelten Zweck gerecht-
fertigt. Nach der ersten, spontanen Äußerung ist für
die Verbreitung und Verdeutlichung des Kommen-
den eine Erläuterung, gleichsam ein Kommentar not-
wendig. Dann aber auch ist dieser Brief eine Ant-
wort Nathans auf eine Anfrage Chelebis, was es mit
den Dingen auf sich habe, die man von Sabbatai und
seinem Betragen in Jerusalem hört. Und das sind
allerdings für einen Juden sonderbare und erschrek-
kende Vorgänge.
Sabbatai ist mit seiner Königin in Jerusalem einge-
zogen , läßt sich als Erretter der heiligen Stadt bejubeln ,
nimmt die öffentliche Verkündigung Nathans mit ge-
lassener Selbstverständlichkeit zur Kenntnis und
•sträubt sich nicht dagegen, wenn seine Anhänger und
die Armen, die zu ihm als dem befreienden Menschen
und Sendboten halten, ihn bei seinem öffentlichen
Auftreten als König und Messias ausrufen. Er ist
schon sehr selbstherrlich geworden . Chelebi hat ihm
viertausend Taler für die Armen der Stadt mitge-
geben, und die Rabbiner machen Anspruch darauf,
sie selbst und nach dem gewohnten Schlüssel zu ver-
10*
148 SIEBENTES KAPITEL '
teilen. Sabbatai kümmert sich um diesen Anspruch
nicht. Er verteilt die Gelder so, wie er es für rich-
tig hält, und es versteht sich, daß er dabei in erster
Linie seine Anhänger und Freunde bedenkt. Die
Rabbiner geraten in einen Paroxismus der Wut und
drohen ihm den Bann an. Sabbatai ist aber heute
schon so weit, das solche Drohungen ihn nicht mehr
berühren. Er tut, was er will,ound seine Freunde,
einschließlich Chelebi, weisen ihm das selbstverständ-
liche Recht zu einem solchen Verhalten zu. Aber
etwas anderes bedrückt und verstört sie : Sabbatai , die-
ses Vorbild an Frömmigkeit, beginnt das Gesetz zu.
verletzen, zu mißachten. Er tut so, als ständen die
Regeln und Vorschriften nicht seit mehr als tausend
Jahren heilig und unverrückbar fest. Für ihn gibt
es keine Gebetszeiten mehr und keine Gebetsordnung.
Er betet, was er will und wann er will. Für ihn gibt
es keine Vorschriften über das Tragen von Kleidung
und über Feiertage und keine Speisegesetze mehr.
Und das ist ein so ungeheuerliches Verbrechen , daß
sie es nicht begreifen.
Sie sind geneigt, zu glauben, daß eine solche Blasphe-
mie nicht in seinem Gehirn und in seinem Willen ent-
standen ist. Da ist plötzlich ein Mann neben Sabba-
tai Zewi aufgetaucht, einer, von dem man nicht weiß,
woher er gekommen ist, und was er will : Samuel Pri-
mo. Der Messias bezeichnet ihn als seinen Sekretär,
und er nennt sich ebenso. Aber das ist nur die Ver-
kleidung einer auffälligen Beziehung von Herrschaft
und Abhängigkeit. Sabbatai tut nichts mehr ohne
seinen Sekretär Primo. Nicht, daß er ihn befragt
und seinem Rat folgt; sondern so: Primo denkt
etwas, Primo bringt etwas zum Ausdruck, und Sab-
batai tut es in der ÖfFentlichkeit . Was Sabbatai denkt
POSAUNEN 149
und verkündet, verläßt den engen Umkreis und wird
der Mitwelt zugänglich erst in dem Augenblick, in
dem Primo solche Verkündigung nach seinem freien
Willen und Entschluß in Worte gekleidet hat . Nur
noch die ganz spontane Äußerung von Mensch zu
Mensch ist Sabbatai freigegeben . Alles andere unter-
liegt der Redaktion und der Korrektur durch Primo ,
Dabei drängt er sich nie in den Vordergrund, und
selbst wenn er den Messias wie eine Marionette an
ihren Fäden bewegt und lenkt, bleibt er schweigsam
im Dunkel der Kulissen verborgen.
Jn dieser Rolle ist Primo geblieben, so lange Sabba-
tai selbst in seiner Rolle als Messias blieb. Er hat viel
besser als sein Herr gewußt, was für die Begründung
und die Existenz eines Messias nötig sei. Er hat die
schwachen Punkte in seiner Begründung und Lebens-
führung gesehen und sie versteckt oder überdeckt .
Er hat immer neue Manifestationen erfunden, die
das Verhalten des Messias rechtfertigten. Er hat den
richtigen Instinkt dafür, daß ein ungewöhnlicher
Mensch ein Anrecht auf ungewöhnliches Verhalten
habe, und daß die Massen, die ihm glauben sollen,
selbst vom Befremdlichen stärker ergriffen werden
als vom Herkömmlichen und Vulgären . Er glaubt an
den Messias, aber er hält ihn für schwach. Er dient
der Idee, indem er sich zum Diener des Ideen trägers
macht. Und in dieser Eigenschaft muß er ihn not-
wendig unterjochen .
Primo hat als erster den Mut, die Folgerungen aus
den Ereignissen zu ziehen. Während Sabbatai nur
auf sich und seine eigene Wirkung bedacht ist, be-
greift Primo, daß jetzt das religiöse Judentum an
einem entscheidenden Wendepunkte steht, und daß
im religiösen Bezirk mit der Wirkung eingesetzt wer-
150 SIEBENTES KAPITEL
den muß. Er sieht ein, daß das gesamte rabbinische
Judentum in seiner Entwicklung und in seiner jetzt
gewordenen Gestalt nur ein Notprodukt ist, dessen
wirksamste Bedingung Diaspora heißt. Alles, was
geboten und verboten ist, hat nur darin seine zeitliche
Bedeutung. Es stammt nicht von Gott. Die Men-
schen haben nur ein kompliziertes System von Ver-
teidigungsstellungen um das göttliche Gesetz er-
richtet, damit es ihnen, fern von ihrem Lande, ihrem
Tempel , ihrer Tradition im eigenen Volkstum und
unter art- und glaubensfremde Völker versetzt, nicht
völlig verloren gehe. Er begreift auch wohl, daß die
Entwicklung an einem gefährlichen Punkt der Kom-
pliziertheit und der ewig unfruchtbaren Haarspal-
terei angelangt ist. Um so mehr Grund, mit allem
Nachdruck daraufhinzuweisen, daß jetzt, mit dem
Einbrechen der messianischen Zeit, ein grundsätz-
licher Wandel eintreten müsse . Es geht heimwärts !
Das Gesetz der Diaspora ist für die Fremde geschaf-
fen. Es muß eingerissen werden. Viele Tausende
werden nicht sogleich begreifen, was es heißt: der
Messias ist gekommen . Aber sie werden es verstehen ,
wenn man das religiöse, das kultische, das orthodoxe
Gesetz niederreißt, mit dem sie von Sonnenaufgang
bis in die Nacht hinein Zeit ihres Lebens verkettet
waren.
Ein Messias muß es auf diese Belastungsprobe an-
kommen lassen. Primo kann sein Verhalten auch je-
derzeit decken durch die Anschauungen, die im So-
har verankert sind: wenn der Messias die Olam ha-
Tikkun, die Welt der Ordnung heraufbringt, dann
verliert in dieser neuen Welt alles an Bedeutung, was
es bisher im Judentum an Gesetzen über Erlaubtes
und Verbotenes gegeben hat. Dann wird auch der
POSAUNEN 151
große Ritualkodex der Juden, der Schulchan Aruch
(der gedeckte Tisch), seine verbindliche Kraft ein-
büßen. Also sündigt der Messias nicht, wenn er die
Gebote mißachtet. Er beweist eben gerade dadurch,
daß er der Messias ist. Er beginnt mit der neuen
Ordnung, die seines Amtes ist. Irgendwo im Un-
endlichen sitzt der »Heilige Alte«, der »Alte der Ta-
ge«, den man früher einmal unzureichend »Gott« ge-
nannt hat. Er, dessen Weltplan in seiner Intention
vollkommen war, und der doch an der Unreinheit der
Materie zur Un Vollkommenheit herabgesunken ist,
hat jetzt aus sich, aus seinem heiligen Schöße den
Messias als neue göttliche Person entlassen , den Mal-
ka Kadischa, den »heiligen König«, den wahren und
vollendeten Urmenschen der neuen Welt, Adam Kad^
mon. Ihm hat er Kraft und Auftrag gegeben, end-
lich die letzte Ordnung in die Welt zu bringen , alles
Böse und alle Sünde aufzuheben , alle gefallenen Gei-
ster zu beschwören, den Weg wieder freizumachen für
das Einströmen göttlicher Gnade auf die Erde. Das
tut der Messias. Er sündigt nicht.
Es ist auch für Sabbatais Anhänger nicht schwer,
das zu begreifen , und es ist doch qualvoll und müh-
sam, von einem Tage zum anderen die Dinge aus
dem Alltag zu verbannen, mit denen sie in über-
mäßiger Verbundenheit gelebt haben . Darum ist es
. Primos und auch Nathans Aufgabe, immer tiefer die
Voraussetzung für die Aufhebung des Gesetzes, eben
den Anbruch der messianischen Zeit, zu beweisen.
Dieses gelingt ihnen weit besser in der Nähe als in
der Ferne. In Jerusalem ist die Meinung über Sab-
batai und sein Auftreten durchaus geteilt. Verargt
man ihm von Seiten der Rabbiner schon sehr die
eigenmächtige Verteilung der Spenden , so erregt Na-
1 5 2 SIEBENTES KAPITEL
thans Sendschreiben vollends Verärgerung und unlieb-
sames Aufsehen . Die Gemeinde Jerusalem befindet
sich da, wie man erkennen muß, in einer peinlichen
Lage. Es herrscht dort ein türkischer Gouverneur,
der es sich scheinbar zur Aufgabe gesetzt hat, zwar
die Juden nicht zu lieben, aber doch von den Spen-
den, die aus der ganzen Judenheit hier zusammen-
strömen, seinen gerüttelten Anteil in Form von Steu-
ern, Kontributionen und willkürlichen Strafen in An-
spruch zu nehmen. Die Bekanntgabe von Nathans
Sendschreiben und die tumultartigen Szenen, die
daraufhin im jüdischen Viertel entstehen, vielleicht
auch die Nachricht, daß Sabbatai viel Geld aus Kairo
mitgebracht hat, sind ihm ein willkommener Anlaß
zum Einschreiten . Daß Sabbatai den Sultan entthro-
nen will, veranlaßt ihn nicht etwa, sich mit diesem
Rebellen zu befassen, oder auch nur nach Konstan-
tinopel zu berichten, sondern lediglich zu einer er-
heblichen Anforderung von Strafgeldern von den
Juden.
Mit einigem Recht sehen sie in Sabbatai den Ur-
heber dieser neuen Bedrückung, und sie fordern
ihn unter Androhung des Bannes auf, die Stadt so-
fort zu verlassen . An der Spitze seiner Gegner steht
der Rabbi Jakob Chagis , und seine Gegnerschaft mag
noch dadurch verschärft worden sein , daß er in seiner
nächsten Verwandtschaft eine glühende Begeisterung
für Sabbatai feststellen muß .
Ob der Bann wirklich ausgesprochen worden ist,
steht nicht fest. So oder so hatte Sabbatai ihn auch
nicht mehr zu fürchten . Er ist jetzt zum ersten Male
völlig frei in seinen Entschlüssen . Wenigstens scheint
es nach außen so, während im Innen Verhältnis immer
mit Primos Einfluß gerechnet werden muß. Nicht die
POSAPNEN 153
Furcht vor dem Bann, sondern der Wille, jetzt die
Entscheidung herbeizuführen, sind für die Abreise
von Jerusalem entscheidend. Sie erfolgt auch nicht,
wie früher jeder Ortswechsel erfolgt ist; als Flucht.
Es werden vielmehr große Vorbereitungen getroffen .
Vor allem werden zwei Sendboten auserwählt, die
in die Welt ziehen und die Kunde von Sabbatais
Messianität verbreiten sollen : Sabbatai Raphael und
Matthatia Bloch. Der eine wird nach Europa be-
ordert, der andere nach Ägypten. Bloch bekommt
später zum Lohn für seine Dienste eine Krone .
Sodann wird ein pompöser Reisezug zusammenge-
stellt. Das Rabbinatjerusalem versucht noch einmal,
erregt durch diese gelassenen und weitschweifigen
Vorbereitungen, seinem Gegner einen Hieb zu ver-
setzen . Es erstattet gegen Sabbatai wegen Gesetzes-
verletzung und Gotteslästerung Anzeige bei dem Rab-
binat in Konstantinopel, und muß es wohl in so ein-
dringlicher Form getan haben, daß Konstantinopel
sich veranlaßt sah, in einer Urkunde, die 25 Unter-
schriften trägt, den Chacham Baschi Jomtof ben Jaser
an der Spitze, an die Gemeinde in Ismir Anweisung
zugeben, Sabbatai auf irgendeine Weise unschädlich
zu machen, falls er dorthin kommen sollte.
Sabbatai erfährt es , aber er kümmert sich nicht darum .
Dagegen tritt Nathan , ein erzürnter Prophet, auf den
Plan. Er richtet ein empörtes Schreiben an die Ge-
meinde Jerusalem und verkündet ihr, daß zur Strafe
für dieses Verhalten gegen den Messias fortan nicht
mehr Jerusalem , sondern Gaza die dem Messias wich-
tige Stadt sein werde. Der weitere Verlauf der Dinge
hat dieser Drohung immerhin eine solche Eindring-
lichkeit gegeben, daß die Gemeinde Jerusalem bald
darauf eine Abordnung zu Sabbatai nach Ismir
154 SIEBENTES KAPITEL
schickte, um sich wegen ihres Verhaltens zu ent-
schuldigen.
Sabbatai gibt jetzt das Ziel seiner Reise bekannt: Is-
mir ! Es zieht ihn immer wieder nach der Stadt seiner
Geburt und seines ersten Werdens. Es ist, als müßte
sein Wirkungswille sich gerade dort durchsetzen, wo
er den ersten leidenschaftlichen Anlauf genommen hat
und gescheitert ist. Dabei kann diese Stadt politisch
für ihn nichts bedeuten . Da sein Auftreten nun ein-
mal im Orient erfolgt, müßte es in das historische
Zentrum von Jerusalem oder das faktische von Kon-
stantinopel verlegt werden . Aber in beiden Orten ist
er mißliebig. Ismir hat ihn zwar gebannt, aber er
darf dort mit der alten Anhängerschaft rechnen . Er
kann damit rechnen, daß ein besonderer Stolz die
Menschen erfüllen wird, daß gerade ein Sohn ihrer
Stadt zum Messias ausersehen ist. Auch ist Ismir
als neuer Mittelpunkt der Handels wege der Verbrei-
tung von Nachrichten besonders günstig. Und wie
belanglos und vergessen der gegen ihn verhängte
Bann geworden ist, hat er Vorjahren schon bei seiner
stillschweigenden ersten Rückkehr feststellen können .
Nathan tut das seinige, ihm den Weg dorthin leicht
zu machen und den Einwohnern von Ismir durch das
Verhalten andrer Orte ein gutes Beispiel zu geben.
Die Reise Sabbatais führt über Aleppo. Dorthin
schreibt der Prophet einen warnenden Brief und er-
mahnt die Einwohner, den Messias gut aufzuneh-
men und nicht dem Vorbild Jerusalems zu folgen,
damit sie nicht das Schicksal von Jerusalem teilen
müßten. Nathan betrachtet nämlich die Strafe, die
der Gouverneur der Gemeinde auferlegt hat, als
Folge der schlechten Behandlung, die sie Sabbatai
zugefügt hat. »Denkt daran, daß die Zeit nahe ist!«
POSAUNEN 155
beschwört er die Menschen. Und er hat Erfolg. Er
spricht nicht nur zu glaubensbereiten Juden, son-
dern auch zu Orientalen. Es darf bei allen diesen
Vorgängen nicht vergessen werden, daß zwei Um-
stände die Glaubwürdigkeit aller Nachrichten erheb- ^
lieh vermehren: im Orient die leichte, phantasie-
begabte Empfänglichkeit der Menschen, im Abend-
land der Reiz der Entfernung und der Respekt vor
dem geschriebenen Wort.
Sabbatai findet in Aleppo einen begeisterten Empfang .
Er ist, obgleich er sich noch nicht offenbart hat, für
sie schlechthin der Messias . Sie taumeln vor Freude .
Es berauscht sie die Ehre, daß der Messias bei ihnen
Rast macht. Sie schreiben an die Gemeinde Konstan-
tinopel einen überschwenglichen Brief : der Messias
sei bei ihnen. Jetzt werde Gott erfüllen, was er durch
seine Propheten verheißen habe . Sie hätten sich nicht
nur auf das verlassen, was Nathan ihnen berichtet
habe, sondern mit eigenen Augen gesehen, daß täg-
lich um diesen Menschen Zeichen und Wunder ge-
schähen. Schon begibt sich bei ihnen das, was für
die ganze Folgezeit eine, erregende Begleiterscheinung
von Sabbätais Auftreten wird: daß Menschen in
Krämpfen und Zuckungen zu Boden fallen und von
dem Erscheinen des Messias und seiner Erwähltheit
stammelnde Kunde geben .
Sie bitten ihn eindringlich, doch einige Zeit, wenn
auch nur zwei Monate, bei ihnen zu bleiben. Er
kann sich nicht dazu entschließen. Gerade dieser
Empfang hat ihm die Möglichkeiten des Augenblicks
gezeigt. Er muß sie ausnutzen. Zu allem drängt die
Zeit. Es ist Spätherbst des Jahres 1665. Bis zum
neuen Jahre sind es nur noch wenige Wochen . Da
darf nichts versäumt werden . Er muß sie abschlägig
1 56 SIEBENTES KAPITEL
bescheiden. Daß sie ihm aber eine Ehreneskorte bis
Ismir stellen wollen, nimmt er dankbar entgegen.
Während der ganzen Reise geht Sabbatai in einen
großen weißen Gebetsmantel eingehüllt. Seine Beglei-
ter aus Aleppo, die Gegend und Sitten kennen, wollen
ihn bereden, den Mantel abzulegen, da man an ihm
den Reisezug schon von weitem als einen jüdischen
erkennen und damit Räuber anlpcken könne. Denn
hier in der Gegend gelten die Juden als reich und
werden mit Vorliebe ausgeplündert. Aber Sabbatai
erklärt, er müsse so gehen . Das sei göttlicher Befehl.
Wie die Leute der Eskorte nach Aleppo zurückkom-
men, sind sie von den Aufregungen der Fahrt und
der Pracht des ganzen Aufzuges völlig überwältigt.
Sie haben es alle gesehen und berichten es überein-
stimmend, daß nachts eine Legion von Menschen den
Zug von beiden Seiten begleitet hat, die dann, wenn
es Morgen wurde, nicht mehr zu sehen waren. Sie
berichten das auch getreulich nach Konstantinopel.
Sie ziehen außerdem aus der Tatsache, daß nunmehr
die erlösende Zeit angebrochen ist, die selbstverständ-
liche Folgerung. Sie lassen Handel und Handwerk
ruhen. Die Wohlhabenden bilden einen Fonds für die
Armen, damit sie nicht mehr zu arbeiten brauchen
und sich in frommer Zurückgezogenheit auf die hei-
lige Zeit innerlich vorbereiten können.
Die widersprechenden Berichte, die von Jerusalem
und Aleppo nach Konstantinopel gelangen , erzeugen
dort eine unbeschreibliche Aufregung . Das schlechte
Gewissen regt sich. Sabbatai, das ist doch der junge
Gelehrte aus Ismir, den die Rabbiner hier einmal
durch einen Schulmeister haben verprügeln lassen.
Und der zieht jetzt als Messias durch das Land.?
Jachini rührt sich und schafft durch seine Predigten
POSAUNEN 157
bald eine kompakte Anhängerschaft . Zwischen ihnen
und ihren Gegnern erheben sich wilde Dispute, ge-
nährt von Berichten, deren Herkunft nicht feststell-
bar ist. Freunde und Feinde vernachlässigen ihre
Geschäfte und disputieren, reden aufeinander ein,
beschimpfen sich, schlagen sich. Es wird so unruhig
im Juden quartier, daß die Rabbiner die Angst über-
fällt. Sie haben keine Neigung, das Schicksal von
Jerusalem zu teilen.
Sie befürchten, daß, wenn Jerusalem nur mit Geld
gestraft worden ist, ihnen, so nahe der Residenz des
Sultans in Adrianopel, die Strafe an Leib und Leben
gehen könnte. Darum verbieten sie mit schweren An-
drohungen jeden Disput über Sabbatai und den Mes-
sianismus .
Das nützt nichts. Solche Leidenschaften lassen sich
nicht einfach verbieten . Es geht hier ja nicht um theo-
retische Konflikte, etwa um die Frage, ob man sich
für den Sabbath die Nägel erst am Freitag oder schon
am Donnerstag schneiden soll, sondern es geht tat-
sächlich um den Kern ihrer inneren und äußeren
Existenz. Da bestreiten die Gegner heftig, daß die
Vorzeichen, die für das Kommen des Messias in dem
Schrifttum angegeben sind, schon eingetroffen seien.
Da muß zunächst einmal der Messias aus dem Stam-
me Benjamin gekommen sein. Wo ist er? Es muß,
wieMaleachi prophezeit hat, der Tempel wiederher-
gestellt sein . Der Tempel ist Schutt, soweit er nicht
türkische Moschee ist . Auch die äußeren Voraus-
setzungen in der Person des Messias stimmen nicht,
von den inneren ganz zu schweigen . Er muß aus dem
Stamme David sein. Dafür liegt bis jetzt kein Beweis
vor. Er muß, wie aus dem Propheten Micha abzu-
leiten ist, in Bethlehem geboren sein. Auch Kimchi
158 SIEBENTES KAPITEL
und Raschi bestätigen das. Unwiderlegbar ist er in
Ismir geboren. In keiner Schrift ist gesagt, daß der
Messias Sabbatai Zewi heißen solle . Hundert andere
Namen trägt er: Fürst der Welt, Fürst des Ange-
sichts, Hüter Israels und so fort. Er soll auch der
Schönste unter den Menschen sein in Ansehung sei-
ner Gerechtigkeit. Aber er hat in Jerusalem nicht ein-
mal den Armen gerecht ausgeteilte Er soll, wie Jesaja
sagt, klüger als Salomo und größer als Moses sein.
Nicht mit einer einzigen Schrift kann er seine Klug-
heit belegen . Hat er - gewichtiges Argument - über-
haupt je eine Zeile geschrieben ? Und welche Taten
kann er aufweisen, die ihn größer als Moses machen ?
Die Massenhaftigkeit und Gewichtigkeit dieser Argu-
mente verfängt nicht gegenüber Menschen, die das
stärkste und unwiderlegbarste Argument besitzen:
die Bereitwilligkeit zum Glauben . Was Jeremias und
was Jesaja über den Messias sagen, gilt schlechthin
von diesem Messias Sabbatai. Siebegreifen, wasEze-
chiel sagt, als jetzt und für diesen Messias gültig:
»Ich werde sein wie ein guter Hirte. Ich werde meine
Lämmer in allen Ländern sammeln, wo sie zerstreut
sind . Ich werde sie wieder in ihr Land bringen , und
ich werde ihnen einen Hirten geben , der mein Knecht
David sein wird . <( Und was sie mit dem Gehirn nicht
beweisen können, beweisen sie mit Dingen und Er-
scheinungen aus der Zeit. Ein Komet ist am Him-
mel aufgetaucht. Was kann er anders bedeuten als
den Beginn der Zeit? Unter ihnen sind Menschen,
die Erscheinungen gehabt haben . Sie haben Sabbatai
erblickt, mit der dreifachen Krone als Messias, als
König und als Besieger aller Völker der Welt. Will
einer behaupten, das wäre Lüge und nicht innere
Wahrheit.'' Und wenn es noch eines Beweises bedarf,
POSAUNEN 159
SO diese Nachricht aus Aleppo: in der Synagoge zu
Aleppo ist der Prophet Elias erschienen, in einem
weißen Gewände und mit einem Gürtel aus schwar-
zem Leder. Das bedeutet, daß der Messias erschie-
nen ist. - Nein, sagen die Gegner. Die Nachricht
aus Aleppo mag richtig sein, aber sie bedeutet nur,
daß »der große und schreckliche Tag des Herrn«
kommen wird.
Diese Dispute werden genährt durch unablässig neue
Briefe, die in Konstantinopel ankommen und von
Hand zu Hand gehen. Es sind endlich deren so viele,
und sie sind in ihrem Inhalt teils von so skrupelloser
Absurdität, daß die Rabbiner auf den Gedanken kom-
men, es möchten irgendwo Menschen sitzen, die
solche Briefe aus ideellen oder gar gewinnsüchtigen
Absichten herstellen. Sie forschen nach und stoßen
tatsächlich auf eine ganze Fälscher Werkstatt, die sich
die Industrialisierung des Wunderglaubens zur Auf-
gabe gemacht hat. Sie belegen die Fälscher mit
empfindlichen Strafen. Aber Wirkung erzielen sie
damit nicht. Was die Dispute für einen Augenblick
verstummen und selbst die Gegner beklommen den
Atem anhalten läßt, ist vielmehr die Nachricht: Sab-
batai Zewi ist in Ismir eingetroffen, und die Stadt bebt
vor dem Übermaß an Freude !
ACHTES KAPITEL
TUMULT
11 Ka&tein Zewi
ACHTES KAPITEL 163
EINE ZEIT IST FÜR DAS ERLEBNIS REIF, WENN SIE
den Mut hat, für eine Sekunde die klägliche Kontrolle
des Gehirns auszuschalten und sich auf die Notwen-^
digkeiten des Herzens zu verlassen. Es ist für den
Wert des Erlebens nicht entscheidend, ob es vor der
Vernunft bestehen kann. Vernunft ist Fessel, Erleb-
nis ist Befreiung; und selbst wenn es böse ausgeht,
liegt in dem, was es eigentlich darstellt: Antwort auf
einen Anruf, der entscheidende Gewinn . Vernunft ist
Monolog des Individuums. Erlebnis ist Zwie-
sprache der Kreatur mit Gott.
Sabbatai Zewi hat selbst fast nichts dazu getan, die
Bereitschaft dieser Zeit herbeizuführen. Soweit sie
nicht Allgemeingut war, haben andere das Entschei-
dende getan . Er selbst verfügte nur über den untrüg-
lichen Instinkt, wo er auftreten und ernten könnte.
Solche nachspürende Erwägung brachte ihn auf den
Weg nach Ismir . In dieser Stadt ist eine viel größere
Bereitschaft, als er je hat erwarten können. Das hat
er vor allem seinen Brüdern zu danken . Sie sind durch
ihre kaufmännische Tätigkeit reiche Leute geworden ,
und sie verwenden ihren Reichtum großzügig im In-
teresse ihres Bruders. Sie verteilen mit vollen Hän-
den Geld an die Armen und die kleinen Leute, die
Arbeiter, Fischer und Handwerker. Sie geben es zu
dem frommen Zweck, damit diese Menschen in Ruhe
und ohne Not sich auf die neue Zeit vorbereiten
können . Im Ergebnis wirkt es wie ein Stimmenkauf
für den Messias. Vielleicht handeln sie ganz be-
wußt und aus politischen Motiven, weil es ihnen
wichtig ist, von allem Anfang an eine so starke An-
hängerschaft für ihren Bruder bereitzustellen, daß
schon sein erstes Auftreten von keiner Gegnerschaft
n*
l64 ACHTES KAPITEL
mehr gefährdet werden kann . Zwar ist in Ismir der
Bann gegen Sabbatai längst vergessen, aber hier, wie
in Jerusalem und in Konstantinopel, ist die Teil-
nahme auf Seiten des Volkes und der Widerstand auf
Seiten der Gelehrten . So wie es überall auf der Welt
ist.
Für Ismir ist in diesem Augenblick entscheidend,
daß die Gelehrten zwar gegen Sabbatai sind, daß sie
aber keine Autorität mehr besitzen. Die latente Stim-
mung der Zeit , die in Abschriften verbreiteten Offen-
barungen Nathans, Gerüchte aus Kairo, Jerusalem
und Aleppo, Sabbatais alte Schülerschaft und das
Geld seiner Brüder bewirken zusammen einen Zu-
stand drängender Erwartung, der durch die' interes-
sierte Teilnahme der europäischen Kauf leute noch
gesteigert wird und jeden Anlaß zur Explosion willig
hinnimmt. In solcher Stimmung empfangen sie die
Nachricht, daß der Messias vor den Toren der Stadt
ist.
Die Gassen geraten in Bewegung. Die Menschen
drängen zum Rande der Stadt. Da kommt ihnen ein
Zug entgegen, der den Schaulustigen eine noch nie
gesehene Augenweide bereitet : Menschen in Pracht-
gewändern, staubbedeckt von der Reise, laut Psal-
men singend, erregt, tanzend; junge Menschen und
würdige Alte, verzückte Gesichter und ernste, mit
den Runen der Weisheit gezeichnet. Man hat schon
vernommen, daß von allen Enden des Orients her
Männer ihre Familien verlassen haben, um Teil-
nehmer dieses Einzuges zu sein, Und unter ihnen
geht ein hochgewachsener, dunkler, schöner Mensch
mit fanatischen Augen : der Messias . Neben ihm -
unerhörtes Ereignis für diese Juden - neben ihm eine
Frau in einem Mantel aus weißer Seide, sehr schön
TUMULT 165
und so Stolz, wie man sieh Königinnen vorstellt. Und
über dem ganzen Zuge lagert eine Wolke von brau-
senden, leidenschaftlich erregten Stimmen. Ein
Märchen wird Wirklichkeit , stellt sich hier dar und
ist doch noch schöner als die bildhafteste Vorstellung,
weil man es greifen und daran glauben kann, ohne
Widerlegung und Erwachen fürchten zu müssen.
Es schwemmt den Menschen den Boden unter den
Füßen weg. Sie beginnen zu rasen, zu schreien:
»Messias!!« Datritt Sabbataiaus dem Zuge hervor
und hebt die Hand auf. Weggewischt jede Stimme.
Der Messias wird reden ! Er redet und untersagt
ihnen, ihn Messias zu nennen. Sie sollen es nicht
eher tun , als bis er es ihnen gestatten wird .
Die eben noch hemmungslos schrien , schweigen so-
fort . Wenn der Messias es will , bezwingen sie sogar
ihre Leidenschaft. Schon völlig ihm verfallen, be-
gleiten sie ihn nach dem Hause seiner Brüder, wo er
wohnen wird . Dort begibt er sich sofort in einen ent-
legenen Raum und beginnt zu fasten . Die Menge
steht draußen und wartet.
Warum will Sabbatai nicht, daß man ihn als Messias
anruft .f* Zu diesem Zwecke ist er doch nach Ismir
gekommen . Warum schaltet er angesichts der Er-
regtheit der Massen, die ihm doch von der ersten
Sekunde an völlig untertänig sind, noch diese Ver-
zögerung ein, die den Eindruck einer raffinierten,
auf äußerste Vermehrung der Spannung gerichteten
Regie macht? Offenbar, weil er es in der Hand be-
halten will, wie die Dinge ablaufen und sich ent-
wickeln. Man wird sehen, daß noch eine besondere,
von außen kommende Begrüßung vorgesehen ist,
deren Eintreffen er erst abwarten will . Darum hält
er die Massen zurück. Das ist aber auch das letzte
l66 ACHTES KAPITEL
Mal, daß es ihm gelingt. Auch der mißwollendste
Betrachter muß für den weiteren Verlauf der Er-
eignisse zugeben , daß die Stimmung und Verfassung
der Menge ihn überwältigt hat. So viel Bewußtseins-
momente man ihm auch sonst unterstellen muß : von
hier ab unterliegt er der suggestiven Kraft eines see-
lisch überaus erregten Volkes .
Für den Augenblick ist die Menge sich selbst über-
lassen und kann nur aus den Nachrichten, die aus
dem Hause der Brüder Ze wi kommen , geringe Nah-
rung holen . Aber auch das mindeste kann ihr schon
zur Legende und zum Wunderbericht werden . Viel-
leicht hat zwischen Sabbatai und seinem Bruder Elias
ein Disput über irgend eine Frage stattgefunden.
Durch die Gassen aber läuft folgende Erzählung :
Elias glaubt nicht an die Berufung seines Bruders.
Er hat auch Furcht davor gehabt, daß die Türken
den Juden Strafe auferlegen, weil sie einen Messias
anerkennen, der die Sultanskrone rauben will . Darum
hat er sich gesagt, es sei besser, daß einer sterbe, als
daß alle Juden in Not gerieten. Eines Tages, wie er
seinen Bruder allein im Zimmer trifft, fällt er ihn mit
einem Schwerte an . Sabbatai bleibt unbeweglich . Er
schaut seinen Bruder nur an . Vor diesem Blick weicht
Elias zurück und fällt wie ein Toter zu Boden . Aber
von jetzt an glaubt er an den Messias.
Zur Untätigkeit verurteilt und doch sehr bereit, ihre
Ergebenheit zu bekunden, wählen sie unter sich eine
Leibwache von einigen hundert Männern und Frauen ,
die Tag und Nacht vor dem Hause des Messias
warten. Es ist immerhin eine Tätigkeit, wenn sie
auch nicht genügt, die ständig wachsende Ungeduld
zu befriedigen. Die Menschen glauben jetzt selbst,
daß Sabbatai guten Grund gehabt habe, ihnen Schwej-
TUMULT 167
gen aufzuerlegen. Sie flüstern von einem wichtigen
Ereignis, das er erwarte, und sie erwarten es fiebernd
mit ihm. Endlich, am 4.Tewet, dem 12. Dezem-
ber, kommt das Ereignis. Es treffen vier Männer
ein, braun wie die Mohren, Wanderstäbe in der
Hand. Sie gehen durch die Gassen und fragen die
Menschen nach dem Hause Sabbatais. Zwei von
ihnen sind nicht unbekannt. Es sind Mosche Galante
und Daniel Pinto . Sie kommen von Aleppo und sind
Überbringer einer Botschaft. Die Menschen zeigen
ihnen den Weg und beginnen zu drängen und zu fra-
gen: was für eine Botschaft? und woher? Es ist die
Botschaft der Gemeinde Aleppo und vom Propheten
Nathan aus Gaza. Über den Inhalt können sie nichts
sagen. Sie tragen verschlossene Briefe bei sich.
Die Boten und ein Gedränge von Volk kommen vor
Sabbatais Haus. Es wird Nachricht hineingegeben:
Boten sind da. Es kommt Antwort heraus : Sabbatai
ist mitten in dem großen Fasten. Er will es nicht
unterbrechen . - Aber das Volk lehnt sich auf, wird
ungeduldig, beginnt zu schreien. Die Botschaft ist
doch an den Messias gerichtet, an ihren Messias, und
ihr Inhalt geht sie genau so an wie Sabbatai . Er soll
sein Fasten unterbrechen, soll die Gesandten empfan-
gen, die Briefe öffnen, sie lesen und den Inhalt dem
Volke bekanntgeben. Er gibt endlich nach, mit der
Geste dessen, der sich dem Anruf des Volkes nicht
verschließen will.
Der eine Brief enthält eine Huldigung der Gemeinde
Aleppo. Der andere ist eine Begrüßung des Prophe-
ten Nathan, überschwänglich und voll blühenden
Wortreichtums in der Anredeformel , weitschweifig
und belanglos im Text, wenn man ihn mit der son-
stigen Diktion Nathans vergleicht . Es ist die ständige
l68 ACHTES KAPITEL
Wiederholung des Themas: du bist der wahre Mes-
sias ; an dich glaube ich ; durch dich wird die Erlösung
kommen . Aber für das Volk ist das Ereignis wichti-
ger als die Formulierung. Sie empfangen eine ent-
scheidende Bestätigung. Da kommen ernsthafte, ge-
lehrte Männer nach Ismir gepilgert, von weit her,
mit Worten, deren Ton sie tiefer begreifen als den
Inhalt. Es ist die erste offizielle Deputation und Hul-
digung an den Messias . Und sie haben so lange war-
ten müssen, daß sie alles annehmen, was ihrer Freude
endlich freie Bahn verschafft . Die Ekstase bricht aus .
Sie rufen ihn wieder als ihren Messias an, mit einer
unerhörten Heftigkeit, gegen die es keinen Wider-
stand mehr gibt .
Es reißt auch Sabbatai mit. Indem er das Eintreffen
dieser Botschaft als das auslösende Moment annimmt,
erklärt er, daß er sein Fasten nunmehr nicht nur un-
terbreche, sondern völlig einstelle. Es sei kein Raum
mehr für Fasten , Freuen sollen sich alle Menschen .
Und er gibt sein erstes Dekret auf religiösem Gebiete
bekannt : von heute an bis zum Ende dieses Jahres
darf nicht mehr gefastet werden I Zu Ehren dieses
Augenblickes muß vielmehr ein großes Fest gefeiert
werden ! - Das ist für die Masse Balsam und Rausch-
trank zugleich. Ihr Feiertag beginnt.
Sabbatai belohnt die Boten fürstlich, veranlaßt seine
Freunde, ein gleiches zu tun, und schickt sie als Trä-
ger weitester Wirkung für ihn wieder auf den Heim-
weg. Hier drinnen in der Stadt hat er gewonnenes
Spiel. Wenn er sich fortan auf der Straße sehen läßt
- er tut es gerne und, zu mancherlei Zwecken - ist
er stets von den Hunderten seiner Leibgarde umgeben .
Jeder Schritt aus dem Hause gestaltet sich zu einem
pompösen öffentlichen Aufzug. Vor ihm her wird
TUMULT 169
eine Fahne getragen, auf die ein Psalm als Devise ge-
schrieben ist: »Die Rechte des Herrn ist erhoben.«
Die Menschen kommen mit kostbaren Teppichen
und Decken aus den Häusern und breiten sie vor ihm
auf der Straße aus. Aber mit großer Gebärde der Be-
scheidenheit und Demut tritt er nicht darauf, sondern
geht seitwärts am Rande entlang. Das hindert ihn
nicht, einen großen silbernen Fächer zu tragen, mit
dem er von Zeit zu Zeit diesen und jenen feierlich
berührt. Und die, denen das geschieht, glauben, daß
sie damit dem Himmel geweiht seien. Er hat sich
einen goldenen Siegelring machen lassen mit einer
zu einem Kreis gewundenen Schlange darin ; viel-
leicht als vage Erinnerung an das ägyptische Symbol
der Ewigkeit, vielleicht - wie er selbst angibt - weil
das Wort Nachasch, Schlange, den gleichen Zahl-
wert habe wie das Wort Maschiach. Er veranstaltet
mit seinen Getreuen, von Fackelträgern umgeben,
auch nächtliche Umzüge mit Lärm und Liedern . Das
war an sich nach den Gesetzen der Stadt ein straf-
bares Beginnen , denn nur den ,fränkischen* Kauf leuten
war es gestattet, sich nachts mit einer Laterne in den
Straßen zu zeigen . Aber das Volk kümmert sich um
solche Verbote nicht mehr. Es hat auch von der tür-
kischen Wache nichts zu fürchten, weil die sich vor
der fanatischen Menge vorsichtig zurückzieht. Das
dient immerhin zum Anlaß, in der ganzen Welt zu
verkünden, daß die Behörden nicht wagten, die Juden
in ihrer messianischen Freude auch nur im geringsten
zu stören.
Zwei Tage nach der Ankunft der Boten, am 6. Te-
wet, dem 14. Dezember 1665, begibt Sabbatai sich
in feierlichem Aufzuge in die Synagoge. Vor siebzehn
Jahren hat er hier schon einmal gestanden und hat an
170 ACHTES KAPITEL
verschlosseneTore gerüttelt , ein entbrannter Jüngling ,
der noch glaubte, es genüge, sich in einem Symbol zu
bekunden, um Verständnis und Nachfolgerschaft zu
erringen. Heute ist er älter und reifer, und die Rol-
len sind so verhängnisvoll vertauscht, daß in ihm die
Überzeugung entstehen kann, er ernte mit gutem
Recht und Gewissen eine Saat, die er vor langem aus-
gestreut habe. Denn jetzt rütteln die Menschen an
ihm, und während sie nichts suchen als einen Führer
auf dem Wege zu ihrer Erlösung, fühlt Sabbatai sich
als Mensch, als Persönlichkeit, als Individuum ange-
rufen . Er steht da, um auf den Anruf, wie er ihn ver-
steht, die Antwort zu geben. Er gibt sie, während
das Dröhnen des Schofarhornes durch die Synagoge
geht, auf dem Almemor stehend, nicht mehr ein Wer-
bender, sondern ein Gewährender, Erfüllender. Die
Menschen zittern, und er verkündet: Ich bin der
Messias ! - Einmal hat er sich angeboten . Jetzt ruft
er sich selber aus. Er hört das Echo, eines, das die
Geschichte der Juden seit mehr als einem Jahrtausend
nicht mehr vergeben hat und niemals wieder vergeben
wird: Es lebe unser König, der Messias Sabbatai
Zewi !
Ein König mehr denn ein Messias, begibt er sich von
der Synagoge in sein Haus, um dort königlichen Emp-
fang zu halten und die Glückwünsche der Untertanen
und Gläubigen entgegenzunehmen. Den ganzen
Tag ziehen Menschen an ihm vorüber, küssen seine
Hand, küssen den Saum seines Kleides. Neben ihm
thront Sarah, schön, erregt, selbst in diesem turbu-
lenten Chor noch eine starke, eigene Note. Man sieht
unter den Gratulanten viele, von denen man gestern
noch wußte, daß sie Gegner Sabbatais waren. Heute
haben sie sich den Tatsachen gefügt. Wer nicht in-
TUMULT 171
nerlich überzeugt ist, begreift dennoch, daß hier in
aller Realität ein König Hof hält, der jedenfalls hier
und in diesem Kreise die Gewalt und Autorität eines
Königs besitzt. Dieser Tatsache fügen sie sich. Sie
brauchen sich dessen nicht zu schämen, denn es kom-.
men auch zahlreiche NichtJuden, um sich vor diesem
König zu verbeugen. Das Treiben geht bis in die
Nacht hinein .
Alle Ereignisse, die jetzt folgen, bis zum Schluß des
Aufenthalts in Ismir, drängen sich auf den Raum von
16 Tagen zusammen, vom 7. bis zum 22. Tewet,
das ist: vom 15. bis zum 30. Dezember 1665. Sie
haben nirgends ihresgleichen.
Am andreen Morgen, dem 7. Tewet, wie das Volk
wieder zu seinem Hause strömt, wird es mit einer
seltsamen Nachricht empfangen. Sabbatai berichtet,
daß in der verflossenen Nacht der Geist Gottes sich
ihm offenbart und ihm verkündet habe, daß er,
Sabbatai, um der Würde des Messias wirklich teil-
haftig zu werden, sich seiner Frau Sarah nunmehr
nähern müsse. Ein gleicher göttlicher Befehl sei an
Sarah ergangen, daß sie sich ihrem Gemahl fügen
müsse. Und so sind beide dem Befehl Gottes nach-
gekommen . Ganz wie nach dunklem Volksbrauch im
Orient wird der Menge in aller Öffentlichkeit das
Bettlaken mit den Spuren der Virginität gezeigt . Das
Volk empfängt die Nachricht und ihre bildhafte Be-
stätigung mit hellem Jubel .
Was ist das? Wahrheit.? Betrug.? So weit hier die
Virginität Sarahs dargetan werden soll , ist es ganz
zweifellos Betrug. Man mag für Sarahs Lebenshal-
tung jedes Verständnis aufbringen, aber man kann
nicht leugnen, daß sie zahllose sexuelle Beziehungen
aüfzu weißen hatte. Also ist der Nachweis der Virgi-
172 ACHTES KAPITEL
nität künstlich und muß einem Zwecke gedient ha-
ben. Will er auf ein Wunder hinweisen, daß Sarah
trotz ihrer Mädchenzeit wieder Jungfrau geworden
ist? Will er der strengen Auffassung dieser schlichten
Leute von der Unberührtheit eines jüdischen Mäd-
chens bis zur Ehe eine Konzession machen und dem
gegnerischen Gerede von ihrer Dirnenhaftigkeit die
Spitze abbrechen? Möglich auch, daß dieser Vor-
gang seiner eigenen Rechtfertigung dient, und die öf-
fentliche Demonstration nur eine Begleiterscheinung
ist. Vielleicht ist es beim Volke, bestimmt aber ist es
bei seinen Gegnern noch nicht vergessen, daß er ein-
mal zwei Ehen unter befremdlichen Umständen hat
auflösen müssen. Damals berief er sich zur Recht-
fertigung seines Verhaltens auf göttliche Anweisung.
Heute schließt er den Ring seines Beweises . Damit
findet er beim Volke Glauben und Anerkennung .
Nicht so bei seinen Gegnern . Wie höhnisch sie über
seine Beziehungen zu Sarah denken, bringt eine zeit-
genössische - nichtjüdische - Quelle mit einiger
Grobheit zum Ausdruck: » Sarah ... die aber eben-
sowenig mit ihm zufrieden war, als wenn sie einen
Priester der heidnischen Göttin Cybele oder einen
Verschnittenen bekommen hätte. Er enthielt sich,
wie er selbst sagte, dieser Frau, so wie er es auch
gegen die ersteren getan hatte.«
Die ungewöhnliche Bedeutung, die Sabbatai selbst
diesem Vorgang zumißt, ergibt sich daraus, daß er
sogleich einen feierlichen Zug nach der Synagoge ver-
anstaltet. Er bedient sich dabei eigener und neuer
Symbole. Vor ihm her gehen Männer, die Schalen
mit Konfitüren und Vasen mit Blumen tragen . Da-
hinter geht ein Mann , der einen Kamm in einem Fut-
teral trägt. Er selbst läßt sich von zwei Chachamim
TUMULT 173
begleiten, die ihm zur Seite gehen und seinen weißen
Mantel halten . Er trägt seinen silbernen Fächer wie
einen Aaronsstab und teilt wieder Würdigkeiten aus ,
indem er den und jenen damit berührt. So kommen
sie zur Synagoge, und dort betätigt er sich sogleich
mit einer neuen Manifestation . Er nimmt einen Stock
und schlägt damit sieben Mal gegen das Tabernakel ,
in dem die Thorarollen aufbewahrt stehen. Dabei
spricht er den vollen Namen Gottes aus. Ist es eine
symbolische Wiederholung des Vorganges, als Mo-
ses in der Wüste den Felsen schlug, damit er Wasser
für die Dürstenden hergebe ? Ist es ein Anpochen bei
Gott, ein Anrennen gegen ihn? Ein Hinweis auf
die Unverletzlichkeit des Messias } Es bleibt ein sym-
bolischer Akt, dessen Inhalt ihm selbst nicht klar ge-
wesen sein wird, und der die Züge einer Affekthand-
lung trägt. - Den Sinn dieses ganzen Aufzuges er-
gänzt Sabbatai jetzt durch eine Prophezeiung: Sa-
rah sei in dieser Nacht mit einem Sohne schwanger
geworden. Aber dieses Kind werde nicht leben.
Hier wird sichtlich zum andren Male eine Zweckbe-
hauptung aufgestellt . Wenn sich gerade in der Per-
son des Messias, des Gesegnetsten unter den Men-
schen, der eine große Segen des jüdischen Bewußt-
seins, der Segen von der Nachkommenschaft, nicht
erfüllen soll, so ist das entweder nur als Strafe zu be-
greifen, oder als besondere himmlische Anweisung.
Es sei denn, daß man sich zu dem blasphemischen
Gedanken entschließe, es fehle an der Möglichkeit
oder der Voraussetzung einer Nachkommenschaft des
Messias. Wenn das Volk auch diese Verkündigung
hinnimmt wie alles und jedes , so hat es doch eine stille
Enttäuschung darüber nie verwinden können und
diese leere Stelle in seinem Vorstellungsbilde vom
174 ACHTES KAPITEL
Messias durch die Erfindung ausgefüllt. So findet sich
in der sabbatianischen Verteidigungsschrift des Baruch
de Arezzo die Angabe , dem Messias seien ein Sohn und
eine Tochter geboren. Andere Quellen lassen nach
seinem Abfall einen Sohn geboren werden, der Ismael-
Mardochaigeheißen haben soll . Fromme Erfindungen.
Der Messias ist ohne Nachkommen gestorben .
Wie Sabbatai diesen Auftritt zur Bekundung neuer
Symbole verwendet, so benutzt er den anschließen-
den Gottesdienst zu einer für jüdische Begriffe ein-
schneidenden Änderung der herkömmlichen Gebets-
ordnung. Um zu bekunden, daß jetzt jeder Alltag
zu einem Feiertag geworden sei, singt er beim Ein-
tritt in die Synagoge einen Psalm, der nach dem Ritu-
ale nur für den Gottesdienst am Sabbath bestimmt war .
Er besteht auch darauf, daß der Gottesname immer
voll ausgesprochen werde. Daran klammert er sich
mit besonderer Hartnäckigkeit . Dazu mag ihn die
mystische Bedeutung veranlaßt haben, die in den Leh-
ren der Kabbala der Aussprechung des Sehern ha'm-
forasch beigelegt wird. Sie sagen: Gottes Schöpfung,
als Vollkommenes gewollt, konnte sich nicht als Voll-
endetes darstellen , weil die Menschen der Sünde ver-
fielen. Voneinander getrennt sind die höhere und die
niedere Welt. Da die Weltordnung gestört ist, ist
selbst die Vollkommenheit Gottes gestört. Er hat
sich in unerreichbare Fernen zurückgezogen, und
sein Name ist wie die Welten auseinander gerückt.
Wenn aber der Messias kommt und die sittliche Ord-
nung der Welt wieder herstellt, wird auch die Ein-
heit Gottes und die klare Einheitlichkeit seines Na-
mens wieder hergestellt . Darum ist die Aussprechung
des vollen Namens eines der lebendigsten Zeichen für
den Beginn der Gnadenzeit.
TUMULT 175
Was die Menschen vor siebzehn Jahren zu einem
angstvollen Schweigen gebracht hat, reißt sie jetzt
noch tiefer in die Begeisterung hinein. Einer nach
dem andern erhebt sich, tritt zum Almemör und hul-
digt dem Messias durch das Aussprechen eines Segens
und durch die Stiftung einer bestimmten Summe Gel-
des zu Zwecken der Wohltätigkeit. Während sie
sonst, einem alten jüdischen Gesetz der Diaspora ge-
treu, in ihre Gebete immer einen Segensspruch auf-
genommen haben für das Oberhaupt des Landes, in
dem sie sich gerade befanden, vernachlässigen sie
jetzt das Gebet für den großen und gefürchteten Sul-
tan. Sie haben jetzt endlich ein eigenes Oberhaupt,
für den sie Segenssprüche voll inniger und schlichter
Gläubigkeit aufstellen. Tausende im ganzen Orient
und in Ägypten und Italien beten für ihn diesen Mi-
scheberach, diesen Segen: »Der die Hilfe gibt den
Königen und Regierungen und den Fürsten, dessen
Königreich das Königreich aller Welten ist: Gott, der
große undgerechte und schreckliche, der heilige König,
der gelobt sei , da es keinen gibt wie ihn , der da thront
und auf die Throne setzt und den Bund schafft für Da-
vid, seinen Knecht, damit er den Thron besteigein sei-
nem Königtum, das bis in Ewigkeit dauern wird -
er möge segnen und hüten und stärken und aufrichten
und erheben, hinauf, hinauf, unseren Herrn, unse-
ren König, den Weisen, den Heiligen, Frommen,
Erhabenen, ihn, den Sultan Sabbatai Zewi, den gött-
lichen Messias, den Messias des Gottes Jaakobs, den
himmlischen Löwen, den König unserer Gerechtig-
keit, den König der Könige Sabbatai Zewi. O König
aller Könige: bewahre ihn doch durch deine Barm-
herzigkeit, laß ihn am Leben und schütze ihn in allen
seinen Ängsten und seinem Mißgeschick. Erhebe
176 ACHTES KAPITEL
die Sterne seines Königreiches und beuge die Herzen
aller Fürsten und Herrscher, um ihm wohl zu tun,
zugleich uns und ganz Israel. Amen!«
In diesem Segen schütten die Menschen ihr Herz aus.
Dazu opfern sie von ihrem Besitz. Und empfangen,
jeder einzeln, den Segen Sabbatais: »Der, der unsere
Väter Abraham, Jizchak und Jaakob gesegnet hat,
segne auch N, N., weil er freiwillig die Summe von
, . . gegeben hat.« (Wobei die Aufzählung einer Geld-
summe nicht zu verwundern braucht, wenn man
die ständige Aktualität von Spenden und Almosen im
jüdischen Leben in Betracht zieht.)
Von dem Gelde, das so eingeht, und von den vielen
Beträgen, die die Menschen ihm als Geschenk in das
Haus bringen, macht Sabbatai einen bemerkenswer-
ten Gebrauch. Für sich nimmt er nichts, denn er hat
wohlhabende Brüder . Was er nicht an die Armen aus-
teilt, verwendet er dazu, Juden, die in den Galeeren,
den damaligen Gefängnissen sitzen, freizukaufen.
Es werden nicht gerade große Verbrecher gewesen
sein, die er da befreit hat, denn es war derzeit wohl
nicht besonders schwierig, auf die Galeere zu kom-
men . Jede unbewiesene Denunziation und jede unbe-
glichene Schuld führte schon dahin . Aber doch wird
unter ihnen dieser und jener gewesen sein, dessen
handfeste Unbedenklichkeit sich sogar für die Zwecke
eines Messias verwenden läßt . Alle aber werden froh
gewesen sein, aus dieser Sklavenhaft plötzlich in die
Freiheit und in die unbesorgte Freude der sabbati-
anischen Festtage gehen zu können . Sie bilden spä-
terhin zusammen mit andren ergebenen Anhängern
des Messias eine Art von Stoßtrupp, der die noch
Zögernden oder die besonders Hartnäckigen mit un-
geistigen aber eindringlichen Argumenten zum
TUMULT 177
Schweigen bringt, oder sogar zu offiziellen , wenn auch
vielleicht innerlich widerstrebenden Gefolgsleuten
macht .
Denn noch hat Sabbatai nicht die ganze Stadt be-
dingungslos für sich. Manche Einzelne, viele Ge-
lehrte und fast die gesamte Rabbinerschaft sind ge-
gen ihn. Sie beschränken sich nicht darauf, der Be-
wegung nur ferne zu bleiben. Sie betrachten sie als
eine Gefahr für die Bevölkerung und als ein nationa-
les Unglück für die gesamte Judenheit. Darum müs-
sen sie, was in ihren Kräften steht, dagegen tun.
Heimlich wie Verschwörer, und damit die Volks-
menge nicht von ihrer Zusammenkunft und ihren Be-
schlüssen erfährt, versammeln sie sich im Hause des
unverdächtigen Juda Murtia. Die drei angesehen-
sten Rabbiner, Aaron de la Papa, der das Amt des
religiösen Oberhauptes der Stadt inne hat, Benveni-
ste und Salomon Algazi, ein angesehener Talmudist,
führen bei dieser Versammlung den Vorsitz . Die
Ereignisse werden in jeder Einzelheit besprochen und
abgewogen . Das geringste, was Sabbatai im Ergebnis
vorzuwerfen ist, stellt sich als Betrug und als Gottes-
lästerung dar. Sie haben sich Abschriften aller kur-
sierenden Briefe, insbesondere Nathans Offenbarung
und seines ausführlichen Berichtes an Chelebi nach
Kairo besorgt . Sie stellen nach vielen Disputen und
mit zahlreichen Belegen fest, daß der Inhalt aller
OfFenbarungen und Berichte mit Inhalt und Sinn der
heiligen Schriften in unlösbarem Widerspruch stehe ,
Also ist das Recht, sogar die Pflicht gegeben, gegen
Sabbatai, einzuschreiten .
Aber was ihm tun? Welche Machtmittel hat man
jetzt noch in Händen, um ihm seine Tätigkeit zu ver-
bieten? Kein Zweifel, daß er ihnen freiwillig nicht
12 Kastein Zewi
178 ACHTES KAPITEL
gehorchen wird. Man kann nochmals einen Bann ge-
gen ihn aussprechen, aber das würde eine leere Geste
sein. Niemand würde sich darum kümmern, am
wenigsten Sabbatai . Man würde noch den Nachteil ein-
tauschen, den Zorn der ganzen Bevölkerung auf sich
zu ziehen. Was man gegen ihn tun muß, muß so
endgültig sein> daß er eben nicht weiter wirken kann.
Aus dieser Erwägung zieht einer der Chachamim den
Schluß und spricht erregt das Todesurteil gegen Sab-
batai aus .
Vor dieser Lösung, auch wenn sie eine endgültige
darstellt, schrecken die meisten zurück. Vielleicht
bleibt doch noch dieses und jenes als Milderungs-
grund anzuführen . Und einer wagt die Frage an den
Chacham, warum er ein so strenges Urteil fälle. Ge-
wiß, Sabbatai sei nicht der Messias. Aber habe sein
Auftreten nicht immerhin bewirkt, daß sehr viele
Juden ein Bekenntnis ihrer Sünden abgelegt und in
Büß werken ihre Reue bekundet hätten? Einen Men-
schen, der, wenn auch Betrüger, das bewirkt hat,
darf man nicht töten .
Dieses Argument droht die Stimmung der Verschwö-
rer zu beeinflussen. Da greift Benveniste in sein Ge-
wand und bringt einen Brief zutage. Es ist ein Schrei-
ben aus Konstantinopel an das Rabbinat in Ismir,
eine leidenschaftliche und haßerfüllte Aufforderung,
dem Treiben des Sabbatai durch das endgültigste Mit-
tel, das es gibt, durch den Tod, ein Ende zu machen .
Der alte Jomtof ben Jaser hat vor seine Unterschrift
die Worte gesetzt: »der Mann, gegen dessen Neue-
rungen wir uns auflehnen, ist wie einer anzusehen,
der nicht an Gott glaubt, und wer ihn tötet, soll so
von Gott angenommen werden, als ob er viele See-
len gewonnen hätte. Ja, die Hand, die sich aufhebt.
TUMULT 179
um diesen Menschen umzubringen , soll von Gott
und den Menschen gesegnet sein.«
Dieses Schreiben , Benvenistes Beredsamkeit und das
Bewußtsein, mit andren Einsichtigen einer Überzeu-
gung zu sein, geben den Ausschlag. Unter Zustim-
mung la Papas fassen sie den Beschluß, Sabbatai zu
töten. Sie beschließen ferner, da sie beim Volke auf
keinerlei Mitwirkung rechnen können , aus ihrer Mitte
einen zu bestimmen, der das Urteil vollstreckt. In
dieser Situation feiert der Messias, der nicht unter
ihnen ist und nichts von der Verschwörung weiß,
einen großen Sieg: es findet sich keiner, der bereit
ist, das Urteil zu vollstrecken. Niemand will der
erste sein, der Hand an ihn legt. Untergründig geht
die Erwägung: viele halten ihn für den Messias; viel-
leicht ist er es wirklich.
So gehen die Verschwörer mit einem Urteil ausein-
ander, das keine Folgen haben kann. Aber etwas von
dieser geheimen Besprechung ist doch durchgesickert
und mit orientalischer Beredsamkeit noch am gleichen
Tage - wir halten am 8 . Tewet, dem 16. Dezember
- im Volke bekanntgeworden. Von ihm erfährt es
Sabbatai. Es sind keine Einzelheiten, insbesondere
erfährt er nichts von dem Todesurteil. Aber daß es
überhaupt Menschen gewagt haben, sich als seine
und seiner Idee Gegner zu bekunden , erfüllt ihn mit
einem wilden, ganz unköniglichen Groll. Seine
Autorität ist angetastet, als Mensch und als Messias.
Er brennt darauf sie wieder herzustellen .
Jene haben behauptet, daß sein messianisches Tun
im Gegensatz zu den heiligen Schriften stehe. Das
ist ein schwerwiegender Angriff, der ihm verhängnis-
voll werden kann. Er muß also jenen beweisen, daß
es hier nicht um die Heiligkeit der alten Schriften
12*
l8o ACHTES KAPITEL
geht, sondern um die Zulässigkeit und die verpflich-
tende Wirkung seiner eigenen Handlungen. Er hat
jetzt zu bestimmen, was Religion ist und was nicht,
was heilig ist und was profan . Heilig und folglich
wahr ist immer das, was die Menschen heute glau-
ben. Es ist an der Zeit für ihn, jedem Vergleich zwi-
schen den Schriften und seiner Messianität den Boden
zu entziehen. Und so, voll Trotz, geheimer Furcht
und Schöpfer Wahnsinn, läßt er einen besonderen
Bettag ausrufen mit der Anweisung, daß die Juden an
diesem ganzen Tage in der Synagoge bleiben sollen .
Es geschieht widerspruchslos, was er angeordnet hat.
Die Menschen stehen den ganzen Tag betend in der
Synagoge. Sabbatai trägt wieder seinen silbernen
Fächer, läßt zwei Gelehrte neben sich gehen, läßt vor-
auf die Männer mit den Konfitüren und den Blumen-
vasen schreiten, nimmt wieder einen Stock und
dröhnt damit gegen die heilige Lade. Das Volk nimmt
alles hin, überzeugt, daß hier nach Gottes Befehlen
geheime Dinge geschähen .
Mit diesem Beweis seiner Autorität ist Sabbatai aber
noch nicht zufrieden. Er hat noch von Mensch zu
Mensch mit seinen Gegnern eine Rechnung auszu-
gleichen. Er wagt noch keinen unmittelbaren An-
griff gegen sie, weil er nicht sicher ist, wie weit er
sich auf seine Anhänger verlassen kann, und ob sie vor
der Aufforderung, sich gegen ihre bisherigen geisti-
gen Oberhäupter aufzulehnen, nicht doch versagen
werden . Darum entschließt er sich zu einem unge-
fährlichen Verfahren, das in Art und Ausführung von
bedenklicherUnwürdigkeit ist: zu einer Denunziation
seiner Gegner beim türkischen Kadi der Stadt.
Wie er sich zu diesem Gang rüstet, läuft auch schon
das Gerücht durch die Stadt, Sabbatai Zewi sei im
TUMULT l8t
Begriff, den Kadi von seinem Posten zu verjagen. So-
fort strömen die Menschen zusammen, begierig auf
neue Wunder. Sabbatai tritt aus dem Hause und
sieht die Menschenmenge. Sogleich beginnt er zu
singen: »Die Rechte des Herrn ist erhöht; die Rechte
des Herrn behält den Sieg.« Das Volk stimmt in
das Lied ein. Die Fahne wird entfaltet. Der feier-
liche Umzug geht durch die Gassen bis vor das Haus
des Kadi. Während sich vor der Türe die Menge
Kopf an Kopf staut, geht Sabbatai, nur von einem
seiner Brüder begleitet, hinein, um Audienz zu ver-
langen. Obgleich er ein ausgezeichnetes Arabisch
spricht, verwendet er doch dem Kadi gegenüber nur
die hebräische Sprache und bedient sich seines Bru-
ders als Dolmetscher. Es verlautet, daß er, als der
Kadi ihn empfing, doch von einiger Verlegenheit ge-
wesen sein soll und zunächst nicht gewußt habe, was
er ihm sagen sollte. Aber dann zählt er eine Reihe
von Namen auf, Namen von Personen, die er unter
seinen Gegnern vermutet, und klagt sie an, Schmä-
hungen gegen den König ausgesprochen zu haben.
Der Kadi nimmt die Anklage entgegen und spricht
von Bestrafung der Schuldigen .
Es wurden in der Tat erhebliche Geldstrafen über
die von Sabbatai beschuldigten Juden verhängt. Seine
eigenen Freunde müssen aber wohl der Auffassung
gewesen sein, daß solche Denunziation eine Infamie
sei. Sie werfen ihm vor, daß er eine falsche Anzeige
•erstattet habe. Aber Sabbatai belehrt sie lächelnd:
sie haben doch Schmähungen gegen den König aus-
gestoßen; nämlich gegen mich . Und dafür verdienen
sie Strafe. - Aber selbst diejenigen, die diese hinter-
hältige Auslegung anerkennen, verargen es ihm sehr,
daß er seinen persönlichen Zwist vor einer türkischen
l82 ACHTES KAPITEL
Behörde zum Austrag gebracht hat . Es ist strenger
Brauch bei ihnen, Angelegenheiten zwischen Juden
vor den eigenen jüdischen Gerichten zu erledigen.
Sabbatai hat einstweilen keinen Anlaß , sich um solche
Meinungen zu bekümmern . Für ihn erwächst selbst
aus dieser Haltung kleinlichster Rachsucht noch eine
Mehrung an Macht und Ansehen im Volke . Wie er
nach der Audienz beim Kadi das Haus verläßt,
stehen draußen noch die Menschen, und wie sie ihn
sehen, strahlend und selbstzufrieden, begrüßen sie
ihn mit Jubel und Gesang. Und nach wenigen Stun-
den geht schon wieder eine Legende von Mund zu
Mund. Wer mag sagen, wie sie entsteht? Ist in einer
Gruppe von Menschen, die sehr stark an etwas Ge-
meinsames glauben, immer einer, der lügt.? Oder
preßt die Kraft des kollektiven Gefühls immer aus
einem die gebundene Erzählung als Dichtung her-
aus? Oder tun sie nichts andres als ihr Vorbild, der
Messias: Wünsche so stark austragen, daß man sie
als Wahrheit berichten darf?
Dieses ist die neue Legende : als Sabbatai das Audienz-
zimmer des Kadi betrat, war niemand im Räume. Da
nahm der Messias ohne weiteres den Platz des Kadi ein ,
erhob sich auch nicht, als der Kadi kam. Mehr noch:
um ihm seine Verachtung und seine -Überlegenheit zu
beweisen, trat er seinen Rock mit Füßen. Der Kadi
wagte keine Gegenwehr. Als Sabbatai dann sprach,
ging eine Flamme von seinem Munde aus, versengte
den Bart des Kadi und hätte beinahe das ganze Zim-
mer in Brand gesetzt . Auch erhob sich zwischen ihm
und dem Türken eine feurige Säule. Da flüchtete der
Kadi zu Sabbatais Bruder und flehte ihn an, diesen
Mann da fortzubringen. Das sei kein Mensch, son-
dern ein Engel Gottes ....
TUMULT 183
Und die nicht ganz an die Wahrheit dieser Wunder-
geschichte zu glauben vermögen, glauben doch, daß
ein Wunder schon darin liege, daß der Kadi Sabbatai
empfangen, angehört und entlassen habe, ohne ihm
wegen des Geredes von seiner Messianität etwas zu-
leide zu tun. Diese sind die gläubigen Realisten.
Heimgekehrt von diesem ersten Angriff auf seine
Gegner, setzt er seine königliche Hofhaltung fort,
und in der Art, wie er es tut, vermehrt er die Unge-
wöhnlichkeit seiner Handlungen um eine, die bei den
Juden helle Verwunderung erregen muß: er läßt die
Frauen zu sich kommen, sitzt mit ihnen an der Tafel
und spricht mit ihnen wie ein gütiger und weiser Va-
ter . Solches Beisammensein mit Frauen ist zwar nicht
verboten, aber es widerspricht jedem Herkommen.
Bis jetzt war die jüdische Frau durch Gewohnheit
und Sitte isoliert. Sabbatai hebt diese Isolierung auf.
Er stellt die Frau dem Manne gleich. Er setzt sogar
durch, daß zu den Vorlesungen aus der Thora auch
Frauen den Almemor betreten, und daß über sie der
Segen gesprochen wird . Es ist der Beginn einer Eman-
zipation, die so lange dauert wie sein Wirken als
Messias . Sarahs Einfluß is,t dabei unverkennbar . Auch
sie durchbricht für sich rücksichtslos die Schranken
des Herkömmlichen . Auf sie ist es zurückzuführen ,
daß jetzt Männer und Frauen zusammenkommen,
auf der Straße, bei den Umzügen und bei Festlich-
keiten. Gerade die Festlichkeiten, diese seltsame
Mischung von Tafelfreuden und geistig-religiöser Ge-
hobenheit, bekommen durch die Anwesenheit der
Frauen ein andres Gesicht. Die Freude an solchen
Veranstaltungen wird menschlicher, wirklicher,
durchbluteter. Sie vermittelt doppelt das Gefühl,
mitten im Anbruch einer neuen Zeit zu stehen . Zum
184 ACHTES KAPITEL
ersten Male seit undenkbaren Zeiten sieht man Män-
ner und Frauen mit einander tanzen . Ein neues Le-
bensgefühl wacht auf. Sarah lebt es ihnen in aller
Unbedenklichkeit vor, indem sie jeden Mann in ihre
Sinnlichkeit hineinzieht, den sie gerade begehrt.
Was seine Gegner Sabbatai vorwerfen, daß er seine
Frau zu solchem Verhalten aufgefordert oder ermu-
tigt habe, muß keineswegs eine bösartige Erfindung
sein. Das auffällige Schweigen der sonst so mittei-
lungsfreudigen Zeitberichte über Details gerade ihres
Lebens kann nur aus einer Schamhaftigkeit erklärt
werden, die vor dem Aussprechen der Wahrheit
zurückscheut.
Für Sabbatai kommt nach seiner ganzen Einstellung
zu Frauen nichts auf seine persönliche Befriedigung
an, vielmehr alles auf seinen Willen zur Wirkung.
Durch seine Behandlung der Frauen sucht er seinen
Einfluß auf die Männer zu festigen, zugleich ein neues
Element in seiner Anhängerschaft zu gewinnen.
Versöhnlich wirkt dabei besonders, daß er auch wie-
derholt mit seinen beiden von ihm geschiedenen
Frauen zusammenkommt, ohne Rücksicht darauf, daß
nach rabbinischem Gesetz ein Mann mit seiher ge-
schiedenen Frau weder sprechen noch überhaupt
unter einem Dache weilen darf. Aber der höhere
Zweck macht alles erlaubt, und dieser Zweck ist nach
Sabbatais Erklärungen kein geringerer als die Er-
lösung der Frau überhaupt. Er stellt ihnen dar, wie
sie heute noch mit der ersten Sünde ihrer Urmutter
Eva belastet seien . Damals ist der Fluch über sie ver-
hängt worden:
Zum Weibe sprach er :
Mehren und mehren will ich deine Mühsal, deine
Schwangerschaft, in Mühen sollst du Kinder gebären .
TUMULT 185
Nach deinem Manne sei dein Verlangen, er aber
walte dir ob .
Von diesem göttlichen Fluche will er, der Messias,
die Frauen erlösen. Dafür ist er in die Welt gekom-
men. Indem er die Sünde Adams erlöst und aufhebt,
wird er auch die Frauen befreien und sie glücklich
machen wie die Männer. Die Frauen hören es,
begreifen jetzt vielleicht zum ersten Male die be-
drückende Unfreiheit ihrer Existenz, und bekennen
sich weinend und hoffnungsvoll zu dem, der sie auch
von- der naturgegebenen Mühsal zu erlösen ver-
spricht, wie er jetzt schon ihren Alltag aufgelockert
und farbig gemacht hat.
Daß nunmehr Frauen aktiv in die Bewegung ein-
greifen, macht sich jetzt so bemerkbar, wie es zu-
weilen bei Revolutionen der Fall ist, wenn zu den
Erwägungen und Beweggründen der Männer der
Instinkt von Frauen sich als auslösendes und antrei-
bendes Moment gesellt. Und es sind revolutions-
ähnliche Vorgänge, die sich jetzt in dem weiteren
Feldzug gegen Sabbatais Widersacher abspielen . Da
er fast die ganze Stadt beherrscht, kann es nicht aus-
bleiben, daß jedes Wort des Mißfallens oder der
offenen Feindschaft ihm zugetragen wird .Solche Stim-
men zum Schweigen zu bringen, ist ihm jedes Mit-
tel recht. Nur braucht er jetzt nicht mehr zum Kadi
zu laufen und den Denunzianten zu spielen . Er hat
seine Garde fanatisierter Anhänger, die die Austra-
gung der Feindschaft für ihn besorgt. Er hetzt sie wie
ein rachsüchtiger Diktator auf jeden, der ihm ver-
dächtig scheint, oder ihm als gegnerisch bezeichnet
wird. Da ist der Kaufmann Nachman Gaza. Er hat
sich miß wollend gegen den Messias ausgesprochen.
Schon stürmt die Masse gegen sein Haus an . Er wird
l86 ACHTES KAPITEL
rechtzeitig gewarnt und entflieht nach Alexandrien .
Auch Salomon Algazi kann eben noch äußerster Ge-
fahr durch die Flucht entgehen.
Da ist weiter der wichtige und gelehrte Gegner Aaron
de la Papa. Der macht aus seiner wütenden Feind-
schaft, die nicht nur eine sachliche gewesen zu sein
scheint, keinen Hehl, öffentlich verkündet er, daß
Sabbatai ein Übel im Judentum sei, und daß es das
Beste wäre, ihm Gift zu geben. Er vergleicht ihn mit
RSubeni und nennt ihn einen Betrüger gleich jenem.
Er ist von Herzen bereit, den Messias zu be-
grüßen, wenn er kommt; jeden, nur nicht diesen.
Diesen Gegner zu beseitigen ist Sabbatais glühend-
ster Wunsch. Es muß möglich sein, ihn mit der Ge-
walt einer entfesselten Volksmenge aus dem Wege zu
räumen. Es könnte damit zugleich erprobt werden,
ob er die Waffe der Kollektivleidenschaft schon so
fest in der Hand hat, daß er es ohne Gefahr eines
Rückschlages wagen darf, sie gegen das geistige Ober-
haupt der Stadt zu richten. Was jetzt in der Aktion
gegen den Kaufmann Chaim Pegna geschieht, mutet
wie eine Generalprobe zu einem Drama der Rach-
sucht und Gehässigkeit an.
Chaim Pegna hat inmitten dieses gläubigen Tumultes
rundheraus erklärt, Sabbatai sei nicht der Messias.
Keines der Merkzeichen, wie sie in den Schriften
aufgezeigt wären, treffe auf ihn zu. Für Dispute und
Beweise ist er völlig unzugänglich. Sabbatai ver-
nimmt das. Es braucht nur eine kurze Andeutung
von ihm, und schon setzen sich die Vollstrecker sei-
nes Zornes in Bewegung, um Pegna mit Gewalt zu
bekehren oder ihn zu verjagen . Aber Pegna ist hart-
näckig. Weder diskutiert er, noch ergreift er die
Flucht. Er verschanzt und verbarrikadiert sich in
TUMULT 187
seinem Hause, bereit, Widerstand zu leisten. Aber
auch das Volk ist hartnäckig und beginnt, Pegnas
Haus zu belagern und es mit Steinen zu bombardie-
ren. Vielleicht hätten sie in ihrem aufgespeicherten
Zorn das Haus erstürmt undPegna umgebracht. Aber
es ist ein Freitag in der winterlichen Jahreszeit. Es
dunkelt früh, und der Sabbäth bricht an, genügend
Anlaß für die Menschen , die Belagerung abzubrechen
und in die Synagoge zu gehen. Pegna kommt aus
seiner Barrikade hervor und begibt sich ebenfalls zum
Gottesdienst , und zwar in die portugiesische Synagoge .
Auch am folgenden Tage geht er zum Gebet. Er
glaubt damit rechnen zu können, daß an diesem heili-
gen Tage Burgfriede herrsche, wie ihn das Volk aus
sich selbst heraus zu Beginn des Sabbath erklärt hat.
Aber er täuscht sich . Er hat jetzt nicht mehr mit dem
Volke zu tun, sondern mit einem Hysteriker, der
einem Paroxysmus der Wut verfallen ist. Während
Sabbatai den feierlichen Dienst zelebriert, wird ihm
die Nachricht überbracht, Pegna sei in der Synagoge
der Portugiesen und verharre dort bei seiner feind-
seligen Haltung. Sabbatai sendet sofort einen Boten
an den Vorstand der portugiesischen Gemeinde und
läßt ihm befehlen , den Chaim Pegna aus der Synagoge
zu werfen. Der Vorstand hält kurze Beratung ab.
Dann schickt er den Boten mit ablehnendem Be-
scheid an Sabbatai Zewi zurück: nein, sie haben
nicht das Recht, einen Menschen von seinem Gottes-
dienst zu verjagen .
Wie Sabbatai diese Antwort vernimmt, ist es um
seine Fassung geschehen. Daß man ihm mit einem
Nein zu antworten wagt, macht ihn zu einem Ber-
serker. Er tobt auf, reißt an die fünfhundert Men-
schen mit sich und stürmt auf die Straße. Der Sab-
l88 ACHTES KAPITEL
bath ist heilig, aber die Autorität des Messias ist hei-
liger. Sie rasen wie die Entfesselten hin zur portu-
giesischen Synagoge. Da hat man den Lärm schon
von weitem gehört und hat das Tor verschlossen.
Sabbatai hämmert mit den Fäusten dagegen, schreit
besinnungslos : sie sollen ihm den Pegna herausgeben .
Antwort von drinnen: Pegna ist nicht mehr da. Er
ist über das Dach der Synagoge geflohen . Sabbatai
beharrt : dann sollen sie ihm öffnen . Er will hinein .
Antwort von drinnen : nein . Hier wird Gottesdienst
abgehalten. Hier werden keine Feindschaften ausge-
tragen .
Sabbatai sieht sich nach seinem Gefolge um. Er ist
blaß vor Wut. Da stehen die schlichten Menschen:
Fischer, Arbeiter, Ruderknechte, Eierhändler, Ge-
flügelverkäufer. Sie verstehen. Plötzlich sind Äxte
und Beile zur Hand. Der Messias selbst ergreift eine
Axt. Und dann donnern die Schläge gegen das Tor.
Es zersplittert. Sie dringen in die Synagoge ein.
Drinnen schweigen ihm die Angst und das Entsetzen
vor solcher Entweihung von Tag und Ort entgegen .
Aber Sabbatai hat dafür kein Empfinden. Er begreift
nur, daß unter diesen Menschen, die ihm den Pegna
nicht haben herausgeben wollen, doch noch heimliche
Gegner sein müssen . Er geht auf die Kanzel und be-
ginnt zu reden und zu wettern. Was ist das für ein
Gottesdienst.? Was für Gebete werden hier gesagt?
Es sind keine gültigen Gebete mehr. Seine Gebete
soll man von jetzt an hier sagen . Heiligkeit der Über-
lieferung .? Er zieht einen Band des Pentateuch aus der
Tasche und hält ihn hoch. Das da ist heiliger als die
ganze Thora. Er legt die Hände wie einen Trichter
an den Mund, als ob er die Posaune blase, und wen-
det sich so nach den vier Himmelsrichtungen . Und
TUMULT 189
dann überfällt ihn eine Ahnung von seiner Situation ,
sinnlos schief gesehen und grotesk mit einer großen
historischen Situation verkoppelt: er denkt plötzlich
an Jesus. Ist es eine Erinnerung an das Auftreten des
Jeschu hanozri im Tempel zu Jerusalem unter den
Wechslern ? Findet er eine Parallele in den Gestalten
und ihrem Schicksal? Begreift hier plötzlich ein
Außenseiter den anderen ? Hier, im Zenith seiner tat-
sächlichen Macht, überkommt ihn der Gedanke an
Verfolgung und Martyrium . Sicher will er Jesus nicht
verteidigen, denn gerade der ist es ja, der von der
andersgläubigen Umgebung der jüdisch-messiani-
schen Erwartung entgegen gehalten wird zum Beweise
dafür, daß der wahre Messias schon erschienen sei ,
Aber dennoch steht hier ein Außenseiter zum anderen ,
weiß der eine Verfolgte sich in seinem Schmerz, sei-
ner Unruhe, in dem Pathos des Verfolgt- werdens
eins mit dem anderen . Er hebt die Augen anklagend
zum Himmel . Dann schreit er die Juden an : »Was
hat Jesus von Nazareth euch getan , daß Ihr ihn so
mißhandelt habt? Trotz allem werde ich ihn in die
Zahl der Propheten einreihen ! «
Dann packt ihn wieder die Wut. Er muß sich Luft
machen. Er nennt Gegner bei ihrem Namen, ins-
besondere die Rabbiner, und beschimpft sie als
Schweine, Kamele, Hasen, Dachse, mit den Namen
der Tiere, die im Pentateuch, im Buche »Er rief« als
unrein aufgeführt werden, und von deren Fleisch zu
essen als Sünde verboten ist. Man soll den Kerlen,
wettert er, nichts als vom Fleisch dieser unreinen
Tiere zu essen geben . Dann geht er zur heiligen Lade
und nimmt die Thorarolle heraus . Er trägt sie in der
Synagoge umher und singt dabei. das Lied von der
spanischen Königstochter Melisseide. Und wie ihn
190 ACHTES KAPITEL
einige verständnislos anschauen, erklärt er ihnen, die-
ses Lied stehe im Zusammenhang mit den Psalmen
und dem Hohen Liede. Nur ihm ist der geheime
Sinn bekannt, ihm, dem Messias.
Da wagt Benveniste als einziger endlich einen Vor-
stoß. Er tritt vor Sabbatai hin und fragt ihn, welche
schlüssigen Zeichen er dafür zu geben habe, daß er
der Messias sei? Daraufgibt Sabbatai keine sachliche
Antwort. Er entgeht der Gefahr, sich mit dem klüg-
sten Kopf von ganz Ismir öffentlich in einen Disput
einzulassen. Wozu auch, wenn einer ^durch Macht
antworten kann ? Pathetisch reckt er sich auf und ant-
wortet dem Benveniste mit den gleichen erdrücken-
den Worten, mit denen er selbst hier vor Jahren ver-
flucht wurde : mit der Aussprechung des großen Ban-
nes . Dann läßt er Benveniste durch seine Anhänger
aus der Synagoge werfen. Er verkündet hinter ihm
drein, morgen müsse der Rabbi ihn um Verzeihung
bitten, sonst werde er ihn Kamelfleisch essen lassen.
Mit diesem Vorgang ist seine Kraft zu Exzessen einst-
weilen erschöpft. Er ruft noch einzelne Menschen
auf und verlangt von ihnen, daß sie den vollen Gottes-
namen aussprechen. Dann verläßt er die Synagoge.
Seine Gefolgschaft begleitet ihn, tief durchdrungen
von der Gewalt des Messias und der geheimen Trag-
weite aller seiner Handlungen. Sie sind keine Ge-
lehrten . Für sie sind Beweise und Zitate kein Le-
benselixier. Dagegen begreifen sie sinnfällige, kon-
krete Vorgänge um so williger und besser . Dieser
Vorgang in der portugiesischen Synagoge hat seine
Anhängerschaft ungewöhnlich vermehrt, weil jetzt
auch diejenigen einlenken, denen seine Herrschaft
über die Masse Angst macht.
Wohin die Dinge jetzt laufen, hat Aaron de la Papa
TUMULT igi
als erster begriffen . Er ist über Nacht aus Ismir ge-
flohen, um aus der Entfernung weiter gegen Sabba-
tai kämpfen zu können. Damit ist der letzte offene
Gegner in der Stadt - so weit eine jüdische Gegner-
schaft in Frage kommt - verschwunden. Wer nicht
zu ihm hält, wagt es jedenfalls nicht zu bekunden.
Es kommen jetzt Menschen zu ihm mit Geschenken
und Ergebenheitserklärungen, die ausschließlich dem
Zwecke dienen, sich bei ihm als Machthaber in gutes
Ansehen zu bringen .
Dennoch bleibt, von seinen Freunden zögernd aus-
gesprochen, der Vorwurf an ihm haften, daß er durch
seine Aktion gegen die portugiesische Synagoge den
Sabbath entweiht habe. Es trifft von la Papa, der sich
in irgend einem benachbarten Orte aufhält, ein Brief
an seine verlassene Gemeinde ein, in dem er darauf
hinweist, daß gerade ein Messias das Gesetz halten
und erfüllen müsse, und daß er es niemals übertreten
dürfe. Dieser Mann in Jsmir könne schon aus dem
Grunde kein Messias sein. Sabbatai zuckt darüber
die Achseln. Er erklärt kategorisch, daß er völlig
außerhalb des Gesetzes stehe. In allen seinen Taten
wohne ein Sinn, den die kleinen Gehirne nicht begrei-
fen könnten.
Zu diesen kleinen Gehirnen rechnet er auch la Papa.
Er erklärt ihn seines hohen Amtes für unwürdig. Er
erläßt noch am gleichen Tage, dem 9. Tewet, dem
17. Dezember 1665, ein Dekret, nach welchem
Aaron de la Papa von seinem Amte entsetzt wird. Zu
seinem Nachfolger ernennt er . . . Benveniste, der auf
das Todesurteil gegen Sabbatai gedrungen hat, den
er als Schwein und Kamel beschimpft und gegen den
er den großen Cherem ausgesprochen hat. Ein Irr-
tum? Eine große Gebärde? Nein, nur ein seltsames
192 ACHTES KAPITEL
Kapitel aus der sabbatlanischen Politik. Wenn Sab-
batai auch mit dem äußeren Erfolg seiner Erstürmung
der Synagoge zufrieden sein kann, so hat ihn hernach
doch wohl das Gefühl dafür beschlichen, daß zum
mindesten die vulgäre Beschimpfung seiner Gegner
mit der Würde eines Messias nicht zu vereinbaren
sei. Er möchte da ein wenig ausgleichen, und findet
Gelegenheit dazu, wie seine Freunde ihn fragen,
warum er einen so angesehenen und gelehrten Mann
als ein Kamel, als ein Gamal beschimpft habe. Mit
einer Behendigkeit, die nur eine Zeit begreift und gut-
heißt, der aus Mangel an lebendigen Eindrücken das
Jonglieren und geistige Spielen mit Worten zu einem
Inhalt werden mußte, erklärt Sabbatai: seine Freunde
legten seine Worte wieder einmal falsch aus. Nicht
Gamal habe er gemeint, sondern Ge'mul, das Ver-
dienst, die Vergeltung . Es ist eine Anspielung auf den
dem Juden geläufigen Begriff Ge^miluth chassadim für
einen, der Gutes tut, Gutes vergilt.
Es versteht sich, daß seine Freunde diese gewaltsame
Auslegung willig und vielleicht sogar etwas beschämt
wegen ihrer engen Auffassungsgabe entgegennehmen .
Erstaunlicher ist schon, daß auch Benveniste sich ent-
schließt, den ihm angetanen Schimpf zu vergessen
und sich bei dieser Interpretation zu beruhigen.
Zwischen ihm und Sabbatai haben Verhandlungen
stattgefunden. Man kennt den Inhalt nicht. Aber
im Ergebnis bezeugen sie erneut die erstaunliche
Fähigkeit Sabbatais, Menschen zu behandeln und für
sich zu gewinnen. Anderen Tages steht Benveniste
auf der Gasse, und wie der tägliche pomphafte Auf-
zug mit Sabbatai an der Spitze daher kommt, ruft er
aus: »Brüder, dieses ist der wahre Messias!« Und
der Messias erntet den vielfachen Lohn seiner Diplo-
TUMULT 193
matie: ein großer Gegner ist als Freund gewonnen,
das Volk jubelt vor Freude darüber, daß dieser gei-
stige Führer jetzt zu ihnen gehört und der Friede in
der Gemeinde hergestellt ist. Die Stadt ist völlig in
seiner Hand. Wer jetzt noch Gegner ist, wagt sich
nicht zu rühren . Er setzt Benveniste öffentlich und
feierlich in sein Amt ein , eine sinnfällige Bekundung
seiner unbeschränkten Autorität.
Wie alles ihm zufällt - nicht, weil er Anspruch darauf
hat, sondern weil Zeit und Menschen mit Bereit-
schaften überladen sind - so fällt ihm auch noch der
Triumph zu, seinen erbitterten Feind Chaim Pegna
auf seiner Seite zu sehen. Was Drohungen und An-
griffe und Verfolgungen bei diesem hartnäckigen
Manne nicht haben bewirken können, bringt ein
erschütterndes Erlebnis zustande . Wie er auf der
Flucht aus der Synagoge in sein Haus zurückkommt,
findet er dort seine beiden Töchter auf der Erde
liegen, zitternd, sich windend, Schaum vor dem
Munde. Und während er noch an Krankheit, gar
an Vergiftung glaubt, muß er wahrnehmen, daß eine
religiöseEkstase sie befallen hat, und daß sie weissagen
wie die Menschen einer aufgeschlosseneren Zeit.
Deutlich ist die Verkündung der einen : »Ich sehe
den weisen Sabbatai Zewi auf einem Thron hoch oben
im Himmel sitzen , mit einer Krone auf seinem
Haupte!«
Vor solchem Ausbruch des Unbewußten streckt
Pegna die Waffen . Was so tief aus Gemüt und Wesen
eines Menschen kommt, kann nicht anderem dienen
als der Ausrufung der Wahrheit . Er geht am anderen
Tage in das Haus Sabbatais, und vor ihm stehend,
ruft er aus: »Sabbatai Zewi ist der wahre Messias!«
Sie schließen Frieden miteinander. Durch das Volk
13 Kastein Zewi
194 ACHTES KAPITEL
geht eine tiefe Welle der Erregung, daß gerade die
Töchter des Leugners es gewesen sind, die ihn zur
Umkehr brachten . Späterhin und auf dem Wege der
schmückenden Berichterstattung wird dieser Vor-
gang zu einer Wundergeschichte, die das Gewicht zu
Unrecht auf Sabbatai verlegt: ein jüdischer Kauf-
mann aus Livorno, Joseph Pynas, habe ein Gespräch
von Türken belauscht, in dem sie verabredeten, sich
die Stimmung der Juden zunutze zu machen und sie
auszuplündern . Pynas sei darauf zu seinen Schuld-
nern gegangen und habe auf Zahlung gedrängt, da-
mit er zu seinem Gelde komme, ehe die Türken alles
nähmen. Sabbatai habe es verdrossen, daß dieser
Mann so wenig Zutrauen zum Messias habe. Er be-
fiehlt seinen Leuten, den Mann kräftig zu verprü-
geln und ihn zu überzeugen , daß der Messias vor den
Türken keine Furcht habe. Wie nun Pynas die Men-
schenmenge sieht, die gegen sein Haus anstürmt,
übermannen ihn Furcht und Erregung, und er fällt
wie ein Toter zu Boden. Die Menschen halten ihn
für tot und berichten es Sabbatai . Dem ist inzwischen
sein Auftrag leid geworden, und er begibt sich in Pynas
Wohnung. Mit einer Berührung seines silbernen
Fächers bringt er ihn wieder zum Bewußtsein, oder
- wie das Volk weiß - zum Leben . Auch wenn dieser
Vorgang sich nicht auf Pegna beziehen soll, bestätigt
er doch die Art, in der Gegner erledigt und Anhänger
gewonnen wurden.
Die religiöse Ekstase, in die Pegnas Töchter verfallen
sind, bleibt kein vereinzelter Fall. Es geschieht, was
geschehen muß, wenn Menschen unter ungewöhnlich
schweren Lebensbedingungen ihre materielle und ihre
religiöse Existenz als eine unvollendete Einheit zu
leben gezwungen sind, wenn der unablässig fühlbare
TUMULT 195
Druck eines Jahrtausends sich aus dem umhegten und
umworbenen Bezirk ihres Glaubens her zu lösen ver-
spricht, und wenn eine besondere innere Begabung
für das Erfassen und Erleben religiöser Tatbestände
durch den blendenden Schein einer Wirklichkeit und
Erfüllung auf das äußerste erregt wird. Männer,
Frauen und selbst Kinder verfallen dem Zustand
der Verzückung . Man spricht von vierhundert Ein-
zelnen, die zu dieser Zeit in Ismir prophezeit und
ge weissagt haben . Mag sein ,daß darunter viele waren ,
bei denen ein hysterischer Wille zum sensationellen
Verhalten ausschlaggebender für ihre Demonstration
war als ein wirkliches, von innen wirkendes Über-
rannt werden . Für den Rest bleibt es noch bei einem
seelischen Phänomen, das sie selbst und ihre Zeit-
genossen ungewöhnlich erregte und erschreckte . Da-
rum sind die Berichte darüber sehr zahlreich. Es
scheint zweckmäßig, einige zu zitieren.
Es berichtet Ricaut, der derzeit englischer Konsul in
Ismir war: »Es waren mehr als vierhundert Männer
und Frauen, die das herannahende Reich des Sab-
batai verkündeten. Selbst die noch kaum lallenden
Kinder sprachen mit aller Deutlichkeit den Namen
des Sabbatai, des Messias und des Gottessohnes aus.
Die im fortgeschritteneren Alter stehenden sanken
ohnmächtig hin, worauf sie mit überschäumendem
Munde die Befreiung und das kommende Heil der
Israeliten kündeten und von den Visionen sprachen,
in denen sich ihnen Zion und der Triumph des Sab-
batai offenbart hätte.«
Sodann, in auffallender Ähnlichkeit, nur mit Wert-
urteilen durchsetzt, eine anonyme zeitgenössische
deutsche Quelle: »Ja die Kinder selbsten, die kaum
noch ein Wort lallen kunten, haben den Namen des
13*
196 ACHTES KAPITEL
Sabbatai, des Messiae und Sohnes Gottes, gantz deut-
lich ausgesprochen. Wie denn auch der Höchste ver-
hängt und dem Teufel so große Gewalt gegeben, die-
ses Volk zu betriegen, daß ihre Kinder eine Zeitlang
besessen worden und man in ihren Leibern unter-
schiedene Stimmen gehört : diejenige aber, die schon
etwas erwachsen gewesen, seynd Anfangs ohnmäch-
tig zu Boden gefallen , nachgehends einen Schaum vor
dem Munde ausgeworffen, und von der Erlösung und
künftiger Glückseligkeit der Israeliten geredet, wie
auch, daß sie Gesichter von dem Eöwen Juda und
des Sabbatai Ze wi Triumph gesehen hätten , ver-
meldet; und ob zwar dieses sich alles wirklich und in
der Tat also zugetragen, so kann es doch nur allein
des Teufels Betriegereyen^ wie die Juden hernach es
selbst gestanden, zugeschrieben werden. . .«
Auch Coenen, der interessierte Augenzeuge aller Vor-
gänge in Ismir, kann nur feststellen, daß hier sich
begibt, was er, der evangelische Theologe, als eine
Erfüllung der Verheißung aus dem Propheten Joel
betrachtet : »Und darnach soll es geschehen , daß ich
meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch, und
ihre Söhne und Töchter sollen prophezeien.« So weit
ihm die Ekstasen echt scheinen , sagt er von ihnen :
»Inder daet es is dit werck niet anders geweest dan of
een konst des Duyvels.« Wo er seine Bedenken hat,
meint er: »men koster genoegsaem een gemaecktheyt
in mercken, gelijk in de Quakers van England.«
Es ist von Baruch de Arezzo eine solche Prophe-
zeiung überliefert worden, die er einem Manne
namens Jeschurun zuschreibt, eine stammelnde, zuk-
kende Folge von Worten, immer wie aus neuem in-
neren Krampf wiederholt, durchsetzt mit Zitaten
aus den täglichen Gebeten: »Gott, ich hörte deinen
TUMULT 197
Ruf: König, König der Könige wird herrschen in
Ewigkeit. Höre Israel, Gott unser Herr, Gott ist
einzig. Der König ist gekrönt worden mit der Krone.
Unser König Sabbatai Zewi. Gott schütze Israel.
Unsere Bitten sind erhört. Von den Tiefen habe ich
geschrien. Eine große Freude. Es sei gelobt, der
schon lebt. Bringt die Krone unseres Königs. Wehe
dem^ der nicht glaubt, daß er erwählt sei* Gnade
dem, der die Gnade hat, in dieser Zeit zu leben.
Göttliches Lied der Gnade jedem Gottesgläubigen.
Höre uns Gott und erlöse uns. Schon gab man ihm
die Krone. Sein Königreich ist ein Königreich der
Ewigkeit. Danket Gott, denn gut ist er. Gott der
Wahrheit. Messias der Wahrheit. Sabbatai Zewi
der Wahrheit . Große Freude sei über euch . Öffne
deine Hände. Gott ist ein Herr. Da Gott zurück-
kehrt aus der Gefangenschaft Zions, sei große Freude
den Juden. Danket dem Herrn des Himmels, denn
einen König gab er uns . Wehe dem, der nicht an ihn
glaubt I Der göttliche Stern unseres Königreiches ist
aufgegangen. Gott, ich und mein Leben stehen vor
dir . Als ein Engel habe ich zu dir gerufen . Gelobt sei,
der in seinem Namen kommt. Gott wird es dir ver-
gelten am Tage der Sorge. Wahrheit, Wahrheit,
Wahrheit! Hilf uns, o Gott, wie deine Barmherzig-
keit ist . Es gibt keinen bösen Trieb . Gott erhörte
meine Bitte . . . « Und so fort bis in die Erschöpfung
hinein, alles vier, fünf Mal wiederholt, in den präg-
nanten, zusammerigerissenen Wendungen der he-
bräischen Sprache.
Die Juden leben in diesen Tumulttagen von Ismir so
völlig auf sich gestellt, so ganz verloren in der Be-
trachtung dessen, was ihnen wichtig war, daß sie
ihren gewohnten Alltag darüber mit großzügiger
198 ACHTES KAPITEL
Gleichgültigkeit vernachlässigen. In aller Begeiste-
rungvergessen sie nicht, daß der Anbruch der messi-
anischen Zeit an die seelische Vorbereitung der Men-
schen besondere und erhebliche Anforderungen stellt.
Da es ihnen mit ihrem Glauben Ernst ist, widmen sie
sich auch mit einem erschütternden Eifer der Er-
füllung der religiösen Gebote . Sie begreifen : Sünde
von Mensch gegen Gott, von Mensch gegen Mensch,
von Mensch gegen die Gesamtheit, Sünde als Inr
begriff alles dessen, was einer in kleinlicher Selbst-
befangeriheit an Würde und Wohlwollen und Liebe
zum anderen, zum Du, zum Außen verfehlt, ist
Quell und Ursache alles Unfriedens, alles Unglücks,
aller Erduldungen. Damit muß ein Ende gemacht
werden . Das muß abgegolten und abgebüßt werden .
Was in dem heiligen Feste ihres Jahres verankert
liegt: Versöhnung, was - wenn auch nur als Idee -
begriffen zu haben, diesem Volke in der Geschichte
des Seelenlebens einen besonderen Platz zuweist, wird
jetzt in die Wirklichkeit übersetzt. Sie tun es mit den
Mitteln, die sie aus ihrer Tradition kennen: durch
Buße in jeder Form. Männer, Frauen und Kinder
beten; sie fasten, zuweilen in einem Übermaß, daß
der Körper darunter zusammenbricht und der Büßer
stirbt; sie legen sich alle Arten von Kasteiungen und
Entbehrungen auf; sie nehmen das symbolische
Tauchbad jeden Tag, selbst mitten im Winter, in
den kalten Wassern des Meeres . Um auch den Rest
der Seelen, die noch nicht geboren sind, in die Kör-
perhaftigkeit eingehen zu lassen, werden in großer
Anzahl schon die Kinder mit einander verheiratet
und damit das letzte Hindernis für den Beginn der
Erlösungszeit beseitigt. Sie geben von ihrem Ge-
ringen oder von ihrem Überfluß dem, der weniger hat
TUMULT 199
als sie, oder sie geben es dem Messiass, oder schicken
es nach Jerusalem. Sie vernachlässigen ihren Beruf
und ihre Geschäfte. Sie wollen kein Geld mehr ver-
dienen, denn in der zukünftigen Zeit hat alles Ma-
terielle keinen Sinn und Wert mehr. Sie beginnen,
ihre Häuser und die Einrichtungen zu verkaufen, da
sie sie doch auf dem Zuge nach Jerusalem nicht mit
sich schleppen können .
Sie ringen mit allen Mitteln um ihre innere Erlösung,
und von Zeit zu Zeit fühlen diese und jene, daß sie
freigeworden sind und daß man ihnen verziehen hat .
Ihre Freude ist übergroß . Sie sind jetzt in einen neuen
Zustand eingegangen und stehen an der Schwelle
jener Welt, in der die bisherigen Begriffe von Gut
und Böse keine Geltung mehr haben. Was sie jetzt
tun, ist ohne Beziehung zur Sünde, ihr Gesang so
gut wie ihr Tanz, ihre üppigen Gastereien so gut wie
die Unbedenklichkeit ihrer erotischen Betätigung, die
bis dahin von der Klammer des Gesetzes zu einem
Akt von religiöser Prägung zusammengehalten wurde .
Sie sind ohne Gesetz und folglich zügellos. Die Er-
lösung führt sie zu der gleichen Haltung, wie später-
hin, beim Zusammenbruch der Bewegung, es das Ex-
trem, die Verzweiflung tat. Auch da wurden sie
zügellos und ausschweifend, weil sie überlegten, daß
nur aus dem tiefsten Abgrund der Sünde die Befrei-
ung kommen könne.
Die Einwohner von Ismir und die europäischen Kauf-
leute sind interessierte, aber im allgemeinen unbe-
teiligte Zuschauer dieser Vorgänge. Ihr religiöses
Mitverstehen legt ihnen Reserve auf. Sie sind an-
fangs auch noch nicht davon überzeugt, daß diese
Bewegung ernsthaftere Formen annehmen und sich
auf längere Dauer auswirken werde . Aber es kommt
200 ACHTES KAPITEL
ein Augenblick, in dem ihr eigenes Interesse recht
empfindlich berührt wird. Ihre Geschäfte leiden un-
ter, der Bewegung. Die Makler, die Dolmetscher,
die Arbeiter, Händler, Ruderknechte, Fischer und
Handwerker arbeiten nicht mehr. Sie legen Handel
und Wandel einfach lahm . Und da man sie nicht mit
Gewalt zur Arbeit zwingen kann, muß ein Weg ge-
funden werden, ihnen die Ursache ihres Faulen-
zens zu nehmen . Die Türken insbesondere befürch-
ten, daß es zu größeren Unruhen kommen werde,
zumal das Gerede von der bevorstehenden Ent-
thronung des Su)|ans schon Gassengespräch gewor-
den ist.
Eine Abordnung der angesehensten Einwohner be-
gibt sich endlich zum Kadi der Stadt und fordert ihn
auf, irgend etwas zu unternehmen, damit der Han-
del seinen Gang gehe und die Unruhen vermieden
würden. Dem Kadi sind die Vorgänge in der Stadt
wohl bekannt; er mißbilligt sie zwar, aber er duldet
sie dennoch, da er nicht weiß, was er gegen sie unter-
nehmen soll. Ihm ist die Situation recht unbehaglich.
Er kann doch nicht die ganze jüdische Bevölkerung in
Haft setzen lassen, und wenn er ihren Messias in
Haft setzt, werden die Juden ihm das Gefängnis
stürmen. Immerhin verspricht er, sich die Rabbiner
der Gemeinde am anderen Tage kommen zu lassen .
Sie erscheinen, Benveniste an der Spitze,, ein wenig
erregt und beunruhigt, aber doch in dem sicheren
Gefühl, es bei dem Stand der Dinge auf eine Kraft-r
probe ankommen lassen zu können. Das entgeht dem
Kadi nicht und trägt nicht dazu bei, ihm die Un-
behaglichkeit seiner Rolle zu erleichtern . Er hält den
Rabbinern eine große Ansprache, in der er alle seine
Bedenken über die Volksbewegung zum Ausdruck
TUMULT 201
bringt. Vielleicht ist es eine begründete Bewegung,
vielleicht auch nicht . Er selbst ist jedenfalls auch noch
nicht davon überzeugt, daß Sabbatai Zewi der Mes-
sias sei. Er will aber auch nicht ohne weiteres an ihm
zweifeln. Schließlich sind die Türken doch auch ein
gläubiges Volk, und sie haben mit den Juden gemein-
same Erzväter und Propheten. Er sagt: »Wir sind
nicht unfolgsam gegen Gottes Gebote. Wir wissen,
daß am Ende der Welt ein Messias kommen muß,
dem wir uns beugen werden. Beweist uns, daß es der
ist, den Ihr erwählt habt. Dann werden wir bereit
sein, ihn anzuerkennen. Bringt ihn hierher. Ich
will ihn prüfen. Ich will ihn selbst auf den Thron
setzen. Aber wenn ihr mich nicht überzeugt. . . <<
Und nun folgen einige flügellahme Drohungen, mit
denen es ihm nicht sehr ernst ist.
Er rechnet auch kaum damit, daß Sabbatai vor ihm
erscheinen wird, so wenig, wie es Sabbatai in den
Sinn kommt, sich dieser Aufforderung des Kadi zu
fügen. Die Rabbiner sind etwas betreten über den
Auftrag, den sie ihrem Messias auszurichten haben.
Dagegen ist das Volk in heller Begeisterung, weil es
hier eine Gelegenheit wittert, Zeugen unerhörter
Wundertaten zu sein . Mit ihm freuen sich die heim-
lichen Gegner, wenn auch aus anderer Begründung.
Helle Haufen sammeln sich vor Sabbatais Hause *
Es sind wieder die Unentwegten darunter, die ihm
mit dem Herzen nicht weniger dienen als mit ihrer
Arbeitsfaust. Sabbatai hätte in dieser Situation be-
stimmen können, was er wollte* Aber er löst die Si^
tuation auf eine schlichte und im Ergebnis sehr nach-
haltige Weise . Statt dem Kadi zu gehorchen und vor
ihm Wunder zu wiederholen, die er ja gemäß der
Legende längst vollbracht hat, hält er an das Volk eine
202 ACHTES KAPITEL
Ansprache und sagt> es gäbe da irgendwo einen hung-
rigen Satan, der ihn verfolge. Man müsse diesen
Satan satt machen, damit er Ruhe gebe.
Eine solche Äußerung ist ein deutlicher Wink für
die Reichen unter seinen Anhängern, den sie wohl
verstehen, und dem sie eiligst nachkommen . Statt des
Messias bringen sie dem Kadi Geld . Und er nimmt
es an.
Wie das ruchbar wird, sind die Türken sehr erbost.
Sie begeben sich erneut zum Kadi und stellen ihm
ein Ultimatum zum Einschreiten gegen die Juden.
Er verteidigt sich damit, daß die Annahme des Gel-
des an sich ja kein Grund sei, nicht doch etwas gegen
die Juden zu unternehmen . Aber er lehnt es ab , gegen
sie Gewalt anzuwenden . Er will die Verantwortung
dafür nicht übernehmen . Da die Juden in der Stadt
die Majorität haben, fürchtet er, einen Aufstand her-
vorzurufen, von dem er weiß, daß er ihm nicht ge-
wachsen i^st. Er beruhigt sich bei dem Gedanken,
daß er die Juden einstweilen ein wenig eingeschüch-
tert habe. Dagegen verspricht er den Türken, so-
gleich Bericht nach Konstantinopel zu geben und An-
weisungen einzuholen , was er endgültig unternehmen
solle. Um noch ein übriges zu tun und zugleich jede
Verantwortung von sich abzuwälzen, läßt er Sab-
batai den Befehl zustellen, sich binnen drei Tagen
nach Konstantinopel zu begeben, um sich dort vor
dem Großvezier zu verantworten .
Sabbatäi kümmert sich um diesen Befehl nicht im
mindesten. Seine Stellung gegenüber dem Kadi ist
inzwischen endgültig und eindeutig bestimmt durch
neue Wunderberichte, die durch die Stadt gehen.
Darnach sind in diesen Tagen, da der Kadi gegen den
Messias etwas unternehmen wollte, in der Nacht der
TUMULT 203
Erzvater Abraham, der Prophet Elijahu und Mar-
dochai, der Pflegevater der Königin Esther, beim
Kadi erschienen . Der Prophet Elijahu schwebte auf
einer feurigen Säule. Der Kadi erhob sich sofort von
seinem Lager und bat die Drei, sich zu setzen. Sie
taten es, und die feurige Säule stellte sich zwischen
den Kadi und seine Besucher. Die Säule strahlte eine
solche Glut aus, daß sie den Kadi zu verbrennen
drohte. Er bat flehentlich, der Prophet möge diese
Glut mildern. Elijahu tat es sogleich, aber er warnte
den Kadi ernsthaft, irgend etwas gegen die Juden zu
unternehmen, oder Beleidigungen anderer gegen sie
zu dulden . Der Kadi versprach es . Und er hielt sein
Versprechen. -
So erfüllt ist die Gegenwart des Volkes vom Gesche-
hen des Wunderbaren, daß sie überall Mirakel sehen.
Es geschieht ihnen immer irgend ein Gesicht oder
eine Begegnung . Da sieht einer mitten ani Tage auf
einem Felde eine feurige Säule. Ein anderer hat
sie in der Nacht gesehen . Ein dritter sah den Mond
aus den Wolken kommen, und er war ganz feurig.
Andere haben gesehen , daß der Himmel sich öffnete
und ein feuriges Tor zeigte . Darin stand ein Mensch
mit einer Krone auf dem Haupte, und seine Züge
waren die des Sabbatai Zewi. Einem anderen, der
am Strande entlang ging, begegnete es, daß er einen
Stern vom Himmel in das Meer fallen sah, und vom
Meere stieg der Stern wieder zum Himmel hinauf.
Und es ist ihnen alles, was da geschieht, ganz ver-
traut. Es sind ihnen nur Illustrationen zu den Vor-
aussagungen des Joel: »Und ich werde Wunder-
zeichen am Himmel und auf der Erde geben, Blut
und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne soll sich
in Dunkelheit verwandeln und der Mond in Blut,
204 ACHTES KAPITEL
ehe der große. und schreckliche Tag des Herrn
kommt.«
Bei dieser Aufgeschlossenheit für das Wunder und
bei dieser Süchtigkeit nach dem Erleben des Wunder-
baren kann es endlich auch nicht ausbleiben, daß
ihnen eine: Gestalt erscheint, die so liebevoll wie selten
eine von der Tradition bedacht und von der zärtli-
chen Phantasie des Volkes umhegt worden ist: eben
die des berühmten Propheten Elijahu aus der Zeit
des Königs Ahab. Dieser Prophet ist ihnen nicht ge-
storben . Er ist nur von der Erde weggenommen wor-
den . Auf einem feurigen Wagen ist er zum Himmel
hinaufgefahren % Von dort aus entfaltet er nun seit
Jahrhunderten seine unsichtbare Allgegenwärtigkeit .
Es ist noch heute dem jüdischen Kinde ein märchen-
haftes Gleichnis, daß an den beiden ersten Abenden
des Passahfestes an der Tafel ein Platz frei gelassen
ist. Ein Glas Wein steht da. und während die Li-
turgien gesungen werden, öffnet man an einer be-
stimmten Stelle der Vorlesung die Türe, damit Eli-
jahu eintreten kann . Er kommt, trinkt unmerkbar von
dem Wein und segnet den Sinn des Festes durch seine
Gegenwart, so wie er auch immer gegenwärtig ist,
wenn ein jüdischer Knabe durch das Rituale der Be-
schneidung in den Bund aufgenommen wird. Das
Passah dient, dem Andenken an die Befreiung aus
Ägypten, zugleich der Hoffnung auf eine neue Heim-
kehr, .zusammengedrängt in den Schlußruf der Vor-
lesung: I^e*schahah habah bi'jeruschalaim, im kom-
menden Jahre in Jerusalem ! Und so ist für diese
erneute Befreiung, die große messianische, Elijahu
nach der Tradition der Vorbote. Wenn er sich zeigt,
ist die entscheidende Zeit gekommen .
Folglich zeigt er sich jetzt. Immer wieder melden
TUMULT . 205
sich Menschen j die ihm begegnet sind; Eine Frau
sieht ihn im Traume. Eine andere trifft am Freitag
einen unbekannten alten Mann, der sie um ein Al-
mosen angeht. Es ist Elijahu. Er tritt in jederlei Ge-
stalt auf 5 oft noch unsichtbar und sich nur durch sein
Verhalten andeutend . Aber da man weiß: er ist da,
läßt man an jeder Tafel einen Platz für ihn frei und
stellt ihm Speisen hin, von denen er nimmt, ohne
daß sie sich vermindern. Da war ein Mann, den diese
unmerkbare Gegenwart betrübte, und er ordnete an ,
daß der Tisch über Nacht gedeckt bleibe . Am ande-
ren Morgen ist seiner Erwartung Genüge geschehen:
der Wein ist ausgetrunken. Elijahu hat den Becher
zum Dank mit Olivenöl gefüllt . Weit umher berich-
tet wird der Vorgang, der sich im Hause des Salomo
Carmona abspielte . Carmona hat Freunde, zum Mit-
tagessen geladen, und wie einer während des Mahles
die Wand hinaufblickt, an der die schönen blanken
Zinnteller zur Zierde befestigt sind, beginnt er selig
zu lächeln, erhebt sich und verneigt sich tief zur
Wand hin. Denn dort, in dem metallenen Schein,
steht Elijahu. Die anderen erheben sich ebenfalls und
verneigen sich mit ihm .
Die Nachwirkung solcher Vorgänge in den Gemütern
der Gläubigen ist ungewöhnlich groß und wird ver-
mehrt durch ein gleich wunderbares Ereignis, das
aus Konstantinopel ihnen berichtet wird und das greif-
bare und praktische Folgen hat: da geht ein Jude
durch die Straßen und trifft einen Mann, den er dem
Ansehen nach für einen Türken hält. Per Mann
spricht ihn an, und da erkennt der Jude, daß es Eli-
jahu ist. Der Prophet ermahnt ihn, die Gesetze der
Thora schärfer zu beachten. Er weist ihn auf das
Gesetz hin, das in dem Buche ,Er rief verzeichnet
206 ACHTES ICAPITEL
Steht: »Abrunde nicht die Ecke eures Haupthaares ,
verdirb nicht die Ecke deines Bartes.« Das ist eines
der Gesetze, durch das der Jude an der Nachahmung
der Sitten seiner Umgebung gehindert werden soll.
Er ruft ihm weiter ins Gedächtnis zurück, was in dem
Buche ,In der Wüste* Gott dem Mosche als Anwei-
sung an das Volk gibt : » Sie sollen sich ein Fransen-
geblätter macheh an die Zipfel ihrer Kleider für ihre
Geschlechter, und sie sollen aii das Zipfelgeblätter
einen hyazinthnen Faden geben ; so seis euch zu ei-
nem Blattmal . . .« Die Zipfel, die vier Ecken des
Kleides, die Arba kanfoth, haben diesem Gewand-
stück, dessen Anblick sie ständig an Gott und seinen
Bund erinnern soll, den Namen gegeben. Nun geht
der Jude heim und berichtet sogleich in einem Briefe
nach Ismir von dieser Begegnung. Der Brief geht in
Abschriften weiter durch das Land. Er bekommt
durch die Person seines geistigen Urhebers ohne wei-
teres verpflichtende Gesetzeskraft . Die Folgen be-
schreibt eine zeitgenössische Quelle sehr verständ-
lich : » . . . denn weil sie ihre Häupter auf türkische
Weise ganz geschoren hatten , so schien es sowohl be-
schwerlich als auch der Gesundheit schädlich zu sein,
wenn sie das Haar' wollten wachsen lassen . So ließen
sie zu beiden Seiten des Hauptes eine lange Haar-
locke wachsen, die ihnen unter der Hauben hervor-
gehangen und wodurch nachgehends die Gläubigen
von den Kpphrim (das heißt; ungläubigen Gegnern)
erkannt wurden.«
Jetzt verfolgt Elijahu das Volk bis in jede Einzelheit
ihres Alltags. Am Ausgang des Sabbath wird Wein
im Hause ausgegossen, weil der Prophet Freude dar-
an hat und imstande ist, den Wohlstand des Hauses
zu mehren . Es soll hier und da Menschen gegeben
TUMULT 107
haben, die sich heimlich einige Tropfen dieses Wei-
nes in den Geldbeutel schütteten. Die Rabbinern be-
fehlen der Gemeinde, als Vorbereitung auf das Ein-
treffen des Propheten schon jetzt die Häuser zu rei-
nigen und die hebräischen Bücher geöffnet hinzu-
legen. Es war da einer, der einen sehr schönen Hund
hatte, an dem er sehr hing. Er verjagte ihn, weil er
bei der Ankunft des Elijahu kein unreines Tier im
Hause haben wollte. Als Sabbatai, wie es derzeit der
Brauch war, zu einer Beschneidung als Gast gebeten
wurde, bat er beim Eintritt in das Haus, noch mit
dem Beginn der Zeremonie zu warten, bis er ihnen
Anweisung gebe. Man wartete folgsam eine halbe
Stunde. Da gab Sabbatai das Zeichen zum Anfang.
Als man ihn späterhin nach dem Grunde fragte, er-
klärte er, bei seinem Eintritt in das Haus sei Elijahu
noch nicht zugegen gewesen . Erst nach einer halben
Stunde sei er erschienen .
Die andersgläubigen Berichterstatter von damals und
von später haben Kübel voll Hohn über diese Men-
schen und ihren Glauben an Elijahu ausgegossen.
Sie hätten es besser nicht tun sollen. Diese Men-
schen haben so in tieferer Wirklichkeit ihren Pro-
pheten gesehen, wie anderthalb Jahrtausende vorher
die Menschen auf der Hochzeit zu Kana Wein getrun-
ken haben. Nur Hochmut oder belangloser Intellekt
werten oder erklären Wunder. Am inneren Gesche-
hen können sie nichts verbiegen.
Was bisher hier in Ismir geschehen ist, drängt sich auf
den Zeitraum einer einzigen Woche zusammen und
dient, wenn von bewußtem Zwecke noch gesprochen
werden kann, der offiziellen Errichtung des messi-
anischen Königtums. Es kommt der 10. Tewet her-
an, der alte, traditionelle Fasttag zum Andenken an
2o8 ACHTES KAPITEL
die Belagerung Jerusalems durch die Babylonier . Da
setzt Sabbatai mit einer großen und dem Volk ver-
ständlichen Idee ein; in der Stunde der Wiederge-
burt des jüdischen Volkes ist kein Raum mehr für
die Trauer über die Zerstörung Jerusalems. Das
Volk wird es wieder aufbauen. Darum wird der
Fasttag des lo. Tewet hiermit für alle Zeiten abge-
schafft.
Zu dieser königlichen Verfügung treten als Ergän-
zung die Dekrete und Edikte, die Primo, Sabbatais
, Sekretär*, in die Welt hinaus sendet. An alle Ge-
meinden in Asien , Afrika und Europa gibt er Nach-
richt von dem Beginn der Erlösungszeit. Er weist
sie an, was sie zu tun haben, um sich für die Zeit vor-
zubereiten ► Er organisiert die Devotion, wie Ercole
von Ferrara sie zu Savonarolas Zeiten für seine Stadt
organisiert hat. Nur daß Primos Edikte Neuerungen,
treffen, die das Gewohnte berühren: er ändert die
herkömmliche Gebetsordnung . Er leitet damit ihr
tägliches Verhalten schon in den neuen Zustand über.
Ein lo. Tewet ist nur einmal im Jahre. Aber Gebete
sagen sie dreimal am Tage . Zum Pathos des Messias
fügt er das, was wichtiger ist und dauernder: die
Realität des kleinen Alltags .
Aber auch diese Änderung wird, insbesondere in Is-
mir selbst, so willig und schnell hingenommen, daß
das Volk beinahe anderen Tages schon wieder bereit
ist für neue Ereignisse . Sie ertragen keinen Stillstand .
Sie kennen keine Wartezeit. Was jetzt so glühend be-
gonnen hat, muß sich feurig ausbreiten und voll-
enden . Unter ihnen lebt der König der Könige . Er
muß das Königlichste tun, das Wunderbarste, das
Unerhörteste. Jedes Mirakel in seinen bekannten und
schon vertrauten Ausmaßen ist zu schwach. Es muß.
Die Krönung Sabbatai Zewis
8
TUMULT 209
um ihnen zu genügen, geschehen, was in ihrer Ge-
schichte einzigartig ist. Und es geschieht. Zwischen
dem 1 1, und dem 22'. Tewet, dem 19 . und dem 30.
Dezember 1665 teilt Sabbatai Zewi die Welt auf ! Er
vergibt Kronen und Königreiche an seine Brüder und
seine engsten Freunde. Isaak Silveira, den, der heim-
lich Antwort gab bei der ersten Anrufung des heiligen
Namens , ernennt er zum König David . Abraham
Jachini, seinen großen Förderer, dem er die Auffin-
dung der schriftlichen Verheißung verdankt, setzt er
für diese königliche Weisheit in das Amt des Salomo
ein. Sein früher Freund und großer Wohltäter Jo-
seph Raphael Chelebi wird zum König Joas ernannt.
Salomo Carmona, bei dessen Gastmahl sich der Pro-
phet Elijahu zeigte, wird zum König Achab ernannt:.
Sein Sendbote Matathia Aschkenasi wird König Assa,
sein Gegner von einst, Chaim Pegna, wird gewürdigt
König Jerobeam zu heißen . Seinen Bruder Elias er-
hebt er zum König des Königs der Könige, das be-
deutet: zum König der Türken. Seinen Bruder Jo-
seph heißt er König der Könige in Juda, und sein Bei-
name ist: Kaiser der Römer.
Die Zuweisung der einzelnen Kronen ist von Sabba-
tai nicht als eine willkürliche gedacht. Jedem erklärt
er vielmehr, welche Seele im Verlauf ihrer Wanden
rungen in ihn eingegangen sei und welche Person er
mithin verkörpere. Sechsundzwanzig Könige und
Fürsten ernennt er insgesamt, und da ist keiner, der
an der Ernsthaftigkeit des Beginnens und an der bal-
digen Wirksamkeit der Amtserhebung auch nur den
geringsten Zweifel hat. Die die Verwirklichung nicht
erwarten können, fügen ihrem Namen schon jetzt den
verliehenen Ehrentitel bei. Sie lassen sich über ihre
Ernennung Dokumente ausstellen und Siegel anfer-
■ 14 Kastein Zewi
210 ACHTES KAPITEL
tigen, die sie unter ihre Briefe setzen. Da ist ein ar-
mer Schlucker, Abraham Rubio, ein Mann, der von
Almosen lebt, und den Sabbatai für seine treue An-
hängerschaft zum König Josia ernannt hat. Freunde
und Bekannte des Rubio erwägen, daß solchem Mann
doch mit Geld besser gedient sei als mit einer zukünf-
tigen Krone. Siedrängen ihn und bieten ihm große
Summen an, daß er ihnen sein Königtum verkaufe.
Aber Rubio lehnt dieses Angebot lächelnd ab. Wer
wird denn auch eine gewisse und nähe und glorreiche
Zukunft um einiger Goldstücke wegen verspielen
wollen?
Aber auch diese Aufteilung der Welt, ein Vorgang
sondergleichen, wird vom Volke nicht als ein ab-
schließender Akt begriffen , sondern nur als eine vor-
bereitende Handlung. Die Verteilung von Kronen
ist die Hergabe ebensovieler Versprechen. Sie müs-.
sen eingelöst werden , wenn nicht alles sich als Trug
und Märchen und leere Gebärde erweisen soll . Noch
stehen die anderen, von der jetzt beendeten Zeit auf
ihre Throne erhobenen Könige mitten in ihrer Ge-
walt. Sie muß ihnen genommen werden, damit
Raum geschaffen werde für ihre Könige von morgen .
So wie der Prophet Nathan Ghazati es verheißen
hat, muß es geschehen. Darum muß als erster Sab-
batai Zewi nach Konstantinopel gehen und den Sultan
entthronen. Anders ist der Lauf ihrer Geschichte
nicht denkbar.
Dieses ist der Augenblick schicksalschwerster Ent-
scheidung im Leben des Messias . Es gibt keine Mög^
lichkeit für ihn, weder eine innere noch eine äußere,
sich diesem Anfordern des Volkes und der Logik im
Ablauf der Dinge zu entziehen . Er hat Nathan und
seine Prophezeiung aufgenommen, er hat das Volk
TUMULT 211
und seinen leidenschaftlichen Willen zu Wunder und
Erlösung nicht von sich gewiesen, sondern sich zu
ihrem Mittelpunkt gemacht. Da sind Geister, die er
gerufen hat, und denen er jetzt gehorchen muß. Sein
Schicksal ist eigenlebig geworden, zwangsläufig. Es
verlangt Handlung von ihm, nicht Entschließung.
Die Entschließung ist ihm vorgeschrieben. Die
Handlung bleibt als die Quelle tiefster Gefahren seine
eigentliche Verpflichtung. In Ismir lebt er getragen
von einer Masse Menschen. Konstantinopel ist
Ferne, Fremde, feindlicher Bezirk. Hier wird er
gedrängt, dort muß er bedrängen. Hier wird ihm
Macht angeboten und zugewiesen . Dort muß er sie
aus Eigenem erringen.
Aber Gefahr oder nicht : die Wahl liegt nicht mehr
bei ihm. Er verkündet also, was er verkünden muß:
er wird sich mit dem Ablauf des Monats nach Kon-
stantinopel begeben . Es ist der letzte mögliche
Augenblick. Das Jahr 1665 ist zu Ende. Das von
ihm selbst angenommene messianische Jahr 1666
bricht an. Die Zeit, die er selber angerufen hat, steht
vor ihm und verlangt seine entscheidende Aktion .
Das Volk vernimmt diese Botschaft mit tiefster Zu-
friedenheit und Gläubigkeit. Aber sie jubeln nicht
mehr. Sie halten im Übermaß der Erwartung den
Atem an, wie Sabbatai Zewi am 22. Tewet, dem 30.
Dezember 1665, eine Saycke, ein kleines Segelschiff
besteigt, um nach Konstahtinopel zu fahren.
14*
NEUNTES KAPITEL
ECHO
NEUNTES KAPITEL 215
DIE NACHRICHTEN VON DEN EREIGNISSEN IN ISMIR
beginnen sich auszubreiten, gleichmäßig nach allen
Seiten hin wie Schallwellen. Und die Verbreitung
hat durchaus nicht jene mittelalterliche Langsamkeit,
an die man für die damaligen Verhältnisse denken
möchte. Juden sind immer irgendwo auf Wander-
schaft und tragen Briefe und Botschaften n>it sich. Und
während der Bote sich in einer Gemeinde ausruht,
geht schon ein anderer mit der Abschrift seiner Be-
richte zur nächsten weiter. Es waren ja auch durch
Primos Fürsorge die beiden offiziellen Sendboten in
die Welt hinaus geschickt worden , die als wandelnde
Stationen für die Aufnahme und Verbreitung von
Nachrichten sorgten . Ihnen kamen die zahllosen Pri-
vatbriefe zur Hilfe, die vom Orient nach Europa gin-
gen, und die in sich wieder durch mündliche und ab-
schriftliche Wiedergabe zu einer neuen Quelle der
Berichterstattung wurden. Und in dem Maße, in
dem der jüdische Orient nicht nur von den Nach-
richten, sondern in aller Tatsächlichkeit von der Be-
wegung selbst ergriffen wird, setzt eine neue und sehr
wichtige Reihe von authentischen Berichten ein : die
der europäischen Kauf leute und der politischen Ver-
treter auswärtiger Staaten, die auch wohl im wesent-
lichen die wirtschaftlichen Interessen ihrer Nationen
wahrzunehmen hatten .
Zu Anfang hatten sie sich um die Bewegung nicht
viel gekümmert. Aber in überraschend kurzer Zeit
berühren die Ereignisse schon den Nerv ihrer In-
teressen. Nicht nur, daß - wie schon dargestellt -
ein Mangel an Arbeitskräften eintritt; auch die jüdi-
schen Kaufleute werden zurückhaltend. Sie gehen
keine neuen Verbindlichkeiten mehr ein. Sie treiben
/
/
21 6 NEUNTES KAPITEL /
ihre Außenstände ein und beginnen mit der Auflösung
ihrer Geschäfte. Auch diejenigen orientalischen Ju^
den, die nicht an den Messias glauben, tragen doch
der Stoßkraft dieser Bewegung Rechnung und legen
sich in ihren Geschäften äußerste Zurückhaltung auf.
Im Ergebnis wird also der europäische Handel im
Orient erheblich betroffen, und die Kaufleute und '
diplomatischen Vertreter beginnen, die Bewegung
zu verfolgen und zu erforschen, Einzelheiten zu er-
mitteln und sie nach Europa zu berichten . Ein Herr
Plettenberg, als »Resident des Kaisers in Dresden«
bezeichnet, vermerkt: »Der Grund, warum unsere
Kaufleute in Ismir nicht über diesen König bis jetzt
berichtet haben, ist der, daß er sich wegen der Un-
gläubigkeit der Juden, sowohl in Ismir wie in Kon-
stantinopel, solange zurückhielt. Er wird jetzt nach
Konstantinopel gehen , und im nächsten Juni wird die
Erlösung Israels in der ganzen Welt bekannt gegeben
werden. Es sind jetzt noch mehr Nachrichten aus
Venedig und Wien gekommen, daß Sabbatai Zewi
schon in Konstantinopel eingetroffen und dort ehrer-
bietig empfangen worden sei.«
Auch der französische Gesandte, Monsieur de Chau-
mont, berichtet seiner Regierung von der ». . . Auf-
regung über den Messias, der in Kürze erwartet
wird. Es wird gesagt, daß der Sultan damit einver-
standen ist, ihm die Herrschaft über ganz Palästina
abzutreten . Der größte Teil der Juden treibt seine
Geschäfte nicht mehr, sondern bereitet die Über-
siedlung nach Jerusalem vor . Erst haben wir uns dar-
über lustig gemacht. Aber allem Anschein nach droht
die Sache jetzt Ernst zu werden.« Im gleichen Sinne
berichtet der französische Konsul in Ismir an Sir
Rosano in Livorno von dem Messias: » ... vor dem
ECHO 217
die Türken großen Respekt haben. Unsere Nation
bleibt in einiger Besorgnis. Gott möge geben, daß
die Sache uns nicht schadet.« Die Signoria von Vene-
dig läßt sich von ihrem diplomatischen Vertreter Bel-
lario ausführlich berichten . Der Großherzog von Tos-
cana und der Herzog von Savoyen werden weiter
unter denen genannt, die sich schriftliche Aufklärung
geben lassen. Im weiteren Verlauf der Dinge wach-
sen dann die Berichte über die kurze Form eines Brie-
fes hinaus und werden Abhandlungen, die kleinere
Schriften und größere Bücher füllen .
Stoff zu solchen Werken bietet die Zeit schon jetzt
in Fülle, allein durch das Übergreifen der sabbati-
anischen Bewegung auf die türkische Judenheit.
W^achsend mit der Entfernung vom Zentrum der Be-
wegung steigert sich die Unkontrollierbarkeit d6r Be-
richte, ohne aber der Intensität des Glaubens Ab-
bruch zu tun. Aber auch die Gegnerschaften werden
im gleichen Maße heftiger, weil sie nicht gleich zu
Beginn von einer erdrückenden Mehrheit der An-
hänger erstickt werden . Zu einer Neutralität konnte
es bei der heftigen Erregung der Gemüter aber nicht
kommen. Die türkische Judenheit spaltet sich in
Anhänger und Gegner, in Meaminim und Kofrim.
Zwischen ihnen werden erbitterte Kämpfe ausge-
tragen, bei denen jedes Mitte! erlaubt ist. Von Jakob
Aschkenasi, dessen Nachkommen später erbitterte
Antisabbatianer sind, wird berichtet, daß er über die
Gegner des Messias sogar die Todesstrafe verhängt
habe. Was aber auf die Länge den Sabbatianern das
entscheidende Übergewicht gibt und die Kofrim min-
destens in das Schweigen der Angst und Vorsicht
drängt, ist der Umstand, daß sie etwas Positives zu
verteidigen haben und mit der Vorbereitung ihres
21 8 NEUNTES KAPITEL
Schicksals auf die ernsthafteste, oft erschreckende
Weise beginnen .
Im Vordergrunde ihres Tuns steht die Buße, Buße
in ihrer besonderen Form und dem besonderen Sinne,
den die hebräische Sprache diesem Worte zuweist.
Sie hat für Buße und Rückkehr und Antwort das glei-
che Wort zur Verfügung: Te*schuwah. Was sie tun, '
ist also Antwort geben auf den Anruf des Gewissens,
Rückkehr in den Zustand der Sündenlosigkeit. Ge-
treu uralten Vorstellungen greifen sie daher zur Ka-
steiung. Was von den Juden der Stadt Saloniki be-
richtet wird, wiederholt sich überall und mag als
Paradigma berichtet werden. Die Juden hier sind
in ihrer Mehrzahl schon seit langem mit der kabbali-
stischen Lehre und insbesondere mit Art und Anfor-
derungen der praktischen Kabbala vertraut. Sie sind
weniger enthusiastisch als die Leute von Ismir, aber
sie sind härter, strenger, fanatischer. Es ist ihnen un-
heimlich ernst mit ihrer Buße. Sie drängen sich zu
ihren Gelehrten hin und tragen ihnen vor, was sie
an Sünden begangen haben. Vier Chachamim sind
ständig damit beschäftigt, diese Beichten entgegen-
zunehmen und zu bestimmen, was einer als Buße da-
für zu leisten habe . Aber meistens genügt es den Buß-
fertigen nicht. Sie gehen weit über das auferlegte Maß
hinaus. Die Fasten werden bis zur letzten Grenze
körperlicher Erschöpfung ausgedehnt. Sie lassen
sich mit Schnee und mit Eisstücken bedecken. Sie
steigen in das Meer und stehen im kalten Wasser bis
zum Umsinken. Sie gießen sich heißes Wachs über
den Körper. Sie lassen sich bis zum Halse in die Erde
eingraben und verharren dort bis zur Ohnmacht. In
dunkler, flagellantischer Sucht schlagen sie sich ge-
genseitig mit Geißeln und mit Nesseln . Bündel von
ECHO 219
Nesseln tragen sie unter ihrer Kleidung auf der nack-
ten Haut. Es ist ein solcher Bedarf an diesem Züch-
tigungsmittel, daß weitum in den Feldern vor det
Stadt nichts mehr davon gefunden wird, und daß es
von weither für teures Geld beschafft werden muß .
Immer dunkler, immer freudloser werden die Buß-
übungen. Da sind Menschen, die sich schwere Steine
auf den Leib wälzen lassen und darunter verharren .
Andere lassen sich mit Steinen bewerfen, zum Zeichen
dessen, daß sie wert seien, gesteinigt zu werden.
In hundert Symbolen von erschreckender Erfin-
dungskraft drücken sie den Jammer über ein sünd-
haftes Leben und die Hoffnung oai>f ein. Dasein in
Reinheit aus.
Und immer wieder geben sie Almosen und liefern
sich freiwillig einer immer wachsenden Armut aus.
Sie halten die Läden geschlossen, und wenn sie doch
geöffnet sind, so nur zu dem Zweck, die Waren und
den überflüssigen Häusrat um jeden Preis zu ver-
schleudern i Sie haben unter sich ein strenges Gesetz
aufgestellt, daß niemand von Juden kauft, oder an
Juden verkauft. Sie wollen nicht, daß der Besitz
nur unter ihnen den Herrn wechsle. Bei Androhung
des Bannes, verschärft um Geld- und Leibesstrafen,
war das verboten, weil es doch nur bekunden würde,
daß einer nicht ah den Messias glaubt und sich heim-
lich für ruhigere Zeiten Reichtum zusammenscharren
will. Sie verheiraten auch ihre Kinder in großer An-
zahl. Von sieben bis acht Hundert solcher Ehen wird
berichtet. Die Bevölkerung von Saloniki steht, wie
die Bewegung gerade ihren Höhepunkt erreicht hat,
in einer ausgesprochenen Verarniung und in der letz-
ten seelischen Bereitschaft.
Nicht in dieser düsteren Form, aber doch mit ange-
220 NEUNTES KAPITEL
spannter Aufmerksamkeit und mit einem sehr berei-
ten Willen antwortet als nächste die italienische Ju-
denheit auf die aufflammende Bewegung. Die Stadt
Livorno geht voran. Sie bestätigt/ als Durchgangs-
punkt der Juden aus dem Orient und insbesondere
der palästinensischen Spendensammler von neuem
ihre Wichtigkeit. Sie mißt sich auch als dem Orte/
von dem aus Sarah zur Königin berufen wurde, be^
sondere Bedeutung zu. Die Sabbatianer bekommen
hier ohne weiteres die Oberhand.
Nicht so still erledigen sich die Dinge in Venedig.
Hier ist intelligenter Boden, wo viel geforscht und
viel gezweifelt wird. Hier ist kein phantasiebegabter
'Orifnte;^m^hr. Bis 1649 hat hier noch Leon Modena
gewirkt, in seiner Jugend ein Wunderkind, als Mann
ein Polyhistor, den sein Amt als Rabbiner nicht
hinderte, mit geistiger Betätigung jeder Art Geld zu
verdienen, um es dann im Kartenspiel und bei rollen-
den Würfeln lebensfreudig zu vertun . Darum war er
auch ein Gegner der Kabbala. Sehr aufgeklärt und
seinen eigenen Volksgenossen sehr kritisch gegen-
überstehend, war auch sein Freund und Amtsgenosse
Luzzatto . Aber im Augenblick wird die Geistigkeit der
Stadt von einem überzeugten Anhänger der Kabbala
beherrscht, von Moses Zacuto, der einmal Mitschü-
ler des Baruch Spinoza gewesen ist. Er hat Amster-
dam verlassen mit dem Ziele, nach Palästina auszu-
wandern, aber er ist in Venedig haften geblieben.
Sein Interesse für die sabbatianische Bewegung ist
groß, aber die Führer der Gemeinde wollen die Ver-
antwortung eines blinden Glaubens nicht tragen . Sie
besehließen, in Konstantinopel anzufragen, wo man
inzwischen doch zuverlässige Einzelheiten festge-
stellt haben wird. Der Briefwechsel, wie ihn Baruch
ECHO 221
de Arezzo mitteilt, ist ein anschauliches Dokument
der Zeit.
»Wenn in unseren Tagen die Welt aufgespalten ist
von allen vier Enden her, vom Osten und vom We-
sten, vom Norden und vom Meer, und wenn sie in
Teile und Parteien zerfällt und großes Geschrei er-
tönt wegen der Botschaft, die zu uns kommt und von
unserer Erlösung spricht, und die Menschen sich tei-
len in solche, die glauben und solche, die nicht glau-
ben : warum sollten wir da nicht kommen und von
dem, der sie weiß, die Wahrheit erfahren ? Er möge
uns sagen, ob es da nicht um eine schlechte und wert-
lose Sache geht. Es steht doch die ganze Welt jetzt
in Sorge und großer Furcht und Bedrängnis. Und
damit nicht, Gott behüte, ein Unheil entstehe, haben
wir uns entsprechend der Aufforderung unserer Ge-
meinde und ihrer großen Anführer entschlossen , diese
unsere armseligen Worte in das Lager Eurer Heilig-
keitzuschicken, um zu erfahren, ob man uns einen Tag
der guten Botschaft bereiten wird, um von der Krone
bis zur Wurzel alles zu hören . Wenn die Stimmen , die
wir hörten, nur wie ein schwebender Turm in der
Luft sind, werden wir wissen , wie gut es ist, die Leute
unserer Gemeinde zu beruhigen und sie in ihrer Trauer
zu- trösten, wenn ihr Traum ihnen wie Schuppen
von den Augen fällt. Wenn Er es ist, aber wenn er
sich nicht beeilen wird, so werden wir auf ihn mit
Zuversicht warten, denn so ist unser Los, und darin
wird unsere Erlösung sein. Wenn es aber zweifel-
haft ist, so sagt uns, wohin Eure Ansicht geht. Die
Augen von ganz Israel sind auf Euch nach Konstanti-
nopel gerichtet. Dieses sind die Worte der Schüler
der Heiligen Schule in Venedig, am 8. Adar 426.«
Konstantinopel antwortet, und zwar in einer kauf-
222 NEUNTES KAPITEL
männischen Einkleidung, die sie aus Vorsicht wäh-
len, weil der Kurier von den Türken abgefangen wer-
den könnte; »Die schönen Worte von Euren Händen,
die die Thora und das Gesetz gerichtet haben, die
heiligen Seiten kamen zu uns und fragen und verlan-
gen Auskunft über Nozath haisim, über die Ziegen-
felle, die Rabbi Israel aus Jerusalem gekauft hat. Da
fiel der Widersacher unter seine Brüder und sagte,
daß er eine große Sünde begangen habe, daß daher
sein Geschäft schlecht ausgeheii und er seine Ware
nicht an den Käufer bringen würde, und daß er schon
das Vermögen seiner ganzen Familie verschleudert
habe. Da haben wir die Angelegenheit geprüft und
uns das angesehen, was der Rabbi Israel, hier gekauft
hat, denn hier ist seine Ware ausgestellt. Wir haben
sie als sehr wertvoll befunden . In jedem Lande nimmt
man sie auf , und wer ihn verleumdet, wird es noch
vor dem Gericht verantworten müssen. Und wie
gute und erfahrene Händler es nach Art und Güte der
Ware beurteilen, wird noch ein großer Gewinn dabei
sein. Aber man muß abwarten, bis der große Jahr-
markt kommt. Mit Hilfe Gottes wird er im nächsten
Jahr sein, und dann wird für teures Blut verkauft wer-
den. Denn die Hand Gottes ist darüber. Die höch-
sten Gründe und die Ursache der Ursachen haben
wir untersucht und sie erforscht und sie geprüft, und
die Wahrheit ist mit Rabbi Israel. Das hat die Un-
tersuchung mit aller Bestimmtheit ergeben . Und für
Euch, die Priester, besteht die Pflicht, diese Wahr-
heit zu erfüllen, wie es sich gebührt, und Gott wird
den Frieden richten zwischen den Streitenden, daß
ihre Taten gut gedeihen, und sie nicht mehr an jener
Sache zweifeln, denn Rabbi Israel ist gottergeben.
Damit (}ie Wahrheit allen kund sei, haben wir diesen
ECHO 223
Brief geschrieben und unterschrieben, und ist alles
richtig und wahr und fest und sicher :
Jomtow Chananjah Ninjakar, Mosche Sagis, Mo-
sche Galante, Abraham Jachini, Kelew Schemuel.«
Mit dem Eintreffen dieses Briefes beginnen auch in
Venedig die Kämpfe für und wider Sabbatai Zewi.
Sie sind heftig, aber kurz. Soweit nicht Zacuto mit
seiner Autorität den Gläubigen hilft, erledigen die
Anhänger den Rest der Gegner unter Anwendung
von Gewalt . Wie Sabbatai von diesen Vorgängen er-
fährt, gibt er Primo auf, der Gemeinde seinen Dank
auszusprechen . Beide, der Messias und sein Sekretär,
begrüßen die Brachialgewalt als Argument für die Be-
wegung mit erstaunlicher Offenheit . Dem Sendboten
Venedigs, Rabbi Mosche ben Nehemias, gibt Primo
eine Antwort mit, in der es heißt: »Ich hörte von den
Enden der Welt Gesänge, als jener Mann zu mir
kam und mir von den Ein wohnern Venezias erzählte,
wie stark und zuverlässig sie sind, und wie ihr Herz
glühend wurde . . . « Einen Gegner haben sie sogar
am heiligen Sabbath geschlagen . Dafür spricht Primo
ein besonderes Lob aus : »Da komme ich, sie zu loben,
weil sie das Gute getan haben, denn das sind die
Worte Sabbatais : es gibt keine größere Heiligung des
Sabbaths als jene, die diese Leute vornehmen.« Und
Sabbatai vermerkt in einer Nachschrift zu diesem
Briefe: »Ihr habt Euch würdig gezeigt. Eure Kraft
möge wachsen, denn Ihr habt den Grund Eures Glau-
bens bekräftigt. Ich werde Euch Euren Lohn zahlen,
der ich ihn an alle Gläubigen mit vollem Maße zahle .
Bezahlt bekommen werdet Ihr von deni Herrn des
Friedens und von mir, Israel, Euerm Vater, dem
Bräutigam, der unter dem Trauhimmel herkommt,
dem Gemahl der Thora.« Und die Unterschrift:
224 NEUNTES KAPITEL
»Der Mann, der der göttliche Messias ist, wie ein
Löwe, stark wie ein Bär, der auserwählte Sabbatai
Zewi.«
Sabbatai darf sich so unterzeichnen. Er darf so spre^
chen, ohne die Wirklichkeit verzerrt zu sehen. Die
Bewegung hat eine Tragfähigkeit erreicht, die sie zur
Durchführung jedes Experimentes befähigt. Ein'^e
planvolle Zusammenfassung und Leitung der Mas-
sen hätte einen Zustand von historischer Dauer ge-
schaffen. Man braucht für die werbende Kraft der
Idee nur die Auswirkung unter den polnischen Juden
betrachten. Allerdings geht sie diese Bewegung im
erhöhten Maße an. Sie sind am äußeren Leid der
Zeit und darum am Willen zur Befreiung am meisten
beteiligt. Dennoch sagt die Spontanität, mit der sie
antworten. Entscheidendes über die suggestive Macht
der Bewegung aus . Sie befinden sich noch mitten in
einer schweren Atempause nach einem Martyrium
sondergleichen. Sie sind kaum mit dem nackten Le-
ben davon gekommen und recken doch plötzlich den
Kopf ganz hoch auf. Sie verkünden mit solcher
Sicherheit und Unbekümmertheit die Wendung in
ihrem Schicksal, daß davon die christliche Bevöl-
kerung betroffen wird und nicht nur an den baldigen
Eintritt dieses Wandels glaubt, sondern auch in
Sorge darüber gerät, was denn nun mit ihrem, dem
christlichen Messias geschehen werde. Wesentlich
um diese Zweifel zu beseitigen, verfaßt Goljatowsky,
Theologe in Kiew, ein Buch, »Der wahre Mes-
sias « , in dem er ungewollt zum Chronisten der da-
maligen Zustände wird: »Sie verließen Haus und
Herd, ließen ihr Tagewerk im Stich und faselten da-
von, daß der Messias sie bald auf einer Wolke nach
Jerusalem führen würde. Manche fasteten ganze
ECHO 225
Tage hindurch, entzogen selbst den kleinen Kindern
jegliche Nahrung und badeten bei grimmigster Win-
terkälte in den Flüssen, wobei sie irgend ein neu ver-
faßtes Gebet zu sprechen pflegten. Auf die Christen
blickten die Juden voll Hochmut und drohten mit
ihrem Messias, indem sie sprachen: wartet nur, bald
werden wir Eure Herreh sein . « Nicht ihre talmu-
dische Gelehrsamkeit, nicht ihr Deuteln an Wort und
Sinn und nicht ihre generationenalte Entfremdung
von der Ursprünglichkeit der Bibel bewahrte sie vor
dem Schicksal, zu gläubigen Empfängern jedweder
Nachricht über den Messias zu werden. Vielleicht
hat auch die Übersteigerung des formalen Intellekts
sie schon wieder auf die andere Seite und zu einem
Begreifen tief aus dem Gemüt her gebracht, wie denn
auch die Gegenbewegung gegen überspitzten Kab-
balismus und überkonsequenten Sabbatianismus unter
ihnen und mit den Mitteln des Chassidismus lebendig
wurde.
Auch Frankreich, das eine verhältnismäßig geringe
Judenschaft hat, nimmt die sabbatianische Idee auf.
In Avignon, wo die Juden von den Päpsten und ihren
Beamten ständig und mit einer stumpfsinnigen Ge-
hässigkeit gequält werden, zieht die Gemeinde still
und unauffällig die Folgerungen aus dem, was ihnen
berichtet wird. Im Frühjahr 1666 stehen sie mit
Kind und Kegel bereit zur Abwanderung nach Jeru-
salem .
Paris ist in großer und andauernder Aufregung . Ein
Bericht der Zeit verlautet von dort: »Sie sammeln
sich unter einem Manne, der nicht, wie berichtet
wird, sagt, daß er der Messias sei, sondern nur, daß
er sich auf göttlichen Auftrag hin erhoben habe, die
zerstreute Nation zu sammeln . . . Abraham Perena,
15 Kästeln Zewi
226 NEUNTES KAPITEL
ein reicher Jude dieser Stadt, ist am letzten Mon-
tag-mit seiner Familie nach Jerusalem abgereist, Man
sagt, er habe ein Landhaus im Werte von 3000 £ zu
viel weniger Geld zum Kauf angeboten, und zwar
unter der Bedingung, daß der Käufer keinen Pfennig
eher zu zahlen braucht, bis er sich davon überzeugt
habe, daß die Juden einen König hätten.«
In England reagieren Juden wie NichtJuden, die
einen verhalten, die andern mit einem sportlich ge-
färbten Interesse . Die Londoner Judenschaft ist noch
neu und gering. Über die offizielle Zulassung ist
noch nicht entschieden, aber sie sind trotzdem vor-
handen und bilden eine Gemeinde, an deren Spitze
Sasportas steht, von dem noch zu sprechen sein wird.
Kaum seßhaft geworden, wird ihnen die Nachricht
vom Ende ihrer Zerstreuung zu einer Quelle der
Zwiespältigkeit. Ein Bericht der Zeit gibt die tref-
fendste und kürzeste Formel für ihre innere Verfas-
sung; »Es sind nur wenige, die daran glauben; doch
wünschen es viele.« Die Puritaner sind ihnen in der
Bestimmung des messianischen Jahres 1 666 ja voran
gegangen, und darum besteht deren Interesse nur in
der Abschätzung des Zeitraumes, den die Verwirk-
lichung in Anspruch nehmen wird. Es werden offi-
ziell Wetten mit der Quote 100:10 daraufhin abge-
schlossen, daß Sabbatai Zewi spätestens binnen 2 Jah-
ren als König von Jerusalem ausgerufen werden würde.
Über den Abschluß solcher Wetten werden regelrech-
te und rechtsverbindliche Urkunden ausgestellt.
Keine Gemeinde und kein Land kann sich der Er-
regung entziehen. In Wien, das Schutzjuden in ge-
sicherter und wohlhabender Position hat, ist die Er-
wartung und Bereitwilligkeit überaus groß. In Mäh-
ren nehmen die Tumulte unter den Juden einen sol-
ECHO 227
chen Umfang an, daß der Landeshauptmann Graf
von Dietrichstein öffentliche Manifeste zur Beruhi-
gung der Bevölkerung verbreiten lassen muß. Von
den Juden in Ungarn wird behauptet, daß sie schon
begonnen hätten, die Dächer ihrer Häuser abzu-
decken. Von Marokko kommt eine Meldung, daß
der Emir eine Verfolgung der Juden angeordnet habe,
weil sie sich allzu offen und nach Auswanderung be-
gierig zu ihrem Messias bekannt hätten .
Den lebhaftesten und aus seinen inneren Ursachen
lebendigsten und wertvollsten Widerhall findet die
messianische Botschaft in den beiden großen Juden-
zentren Amsterdam und Hamburg. An beiden Orten
wird das äußere und innere jüdische Leben durch die
Menge der spanischen und portugiesischen Juden be-
stimmt und beeinflußt. Sie haben, insbesondere in
Amsterdam, keine materiellen Sorgen, sind sogar zum
Teil recht wohlhabend. Sie genießen in Holland
Rechte, die schon jetzt im Begriff sind, volle staats-
bürgerliche Gleichheit darzustellen. In Hamburg
sind sie davon noch weit entfernt und müssen noch
Beschränkungen hinnehmen, deren einziger Sinn oft
die Schikane ist. Aber die Hamburger sind Kaufleute
und sitzen am Meere, zwei Vorbedingungen von
Weitsichtigkeit und aus der Vernunft erwachsenden
Duldsamkeit. So ist das Leben für die Juden also
auch hier erträglich und für die Zukunft hoffnungs-
reich. Dennoch beginnen sie zu zittern und zu fie-
bern, wie die Nachrichten aus dem Orient kommen.
Es ist das innere Leid des Marranentums, das hier
angerufen wird, ein Leid, das nicht so brutal ist
wie das der polnischen Juden, sondern ein sublimier-
tes Leid, und darum vom Geistigen her mit seiner be-
sonderen Wirkungskraft ausgestattet. Sie sind alle-
15*
228 NEUNTES KA.PITEL
samt Rückkehrer in den heimatlichen Bezirk ihres
Glaubens, und die Botschaft vom Messias ist folglich
nur die Fortsetzung ihres Weges, logische Ergän-
zung ihres Heimweges, Abschluß und Vollendung
ihrer Sehnsucht nach einem Ausruhen im Umkreis
ihres Volkes . Aber gemäß dem Wege, den siegegan-
gen sind, nach ihrer Vorgeschichte und Entwicklung
begreifen sie die messianische Idee zwar nicht ohne
ihren mystischen Gehalt, aber doch weltlicher, sach-
licher, politischer als das orientalische und polnische
Judentum. Was den andern ein neuer Beginn ist,
erleben sie als Fortsetzung auf einer höheren und
klareren Ebene. Darum überwiegen in der Art, wie
sie antworten, die leidenschaftliche Freude und der
entfesselte Jubel über die dunklen und schmerzlichen
Büß werke.
Amsterdam ist schon seit langem der Ort, an dem
gute Köpfe und offene Herzen sich um den letzten
Sinn ihres jüdischen Inhaltes bemüht haben. Der
Wille zu einem jüdischen Dasein ist dort in immer
neuen Manifestationen ausgebrochen. Das Schick-
sal des Uriel da Costa ist hier noch nicht vergessen .
Er, Sprößling einer alten Marranenfamilie, dessen
Vater ein strenger Katholik ist, erwacht eines Tages
zur Erkenntnis seiner blutmäßigen und geistigen Zu-
sammenhänge, tritt spontan wieder zum Judentum
über und entflieht nach Amsterdam. In dieser Stadt,
von der die Marranen heimlich, wie von einem Para-
diese flüstern, hofft er jede Erfüllung zu finden. Aber
was er sieht, enttäuscht und bekümmert ihn. Dieses
rabbinische Gebäude soll das Judentum sein, das er
sich aus dem Lesen der Bibel vorgestellt hat.? Er ver-
neint es. Er ignoriert eine Entwicklung, die ihm
falsch und widerspruchsvoll scheint. Er beginnt, so
ECHO 229
ZU leben, wie er es nach seiner Auslegung der Bibel
für richtig hält. Aber unter dem Regime eines de
Herrera ist das unmöglich. Es wird der Bann gegen
ihn ausgesprochen . Da Costa erträgt diesen Ausschluß
aus seiner Gemeinschaft nicht lange. Er kriecht zu
Kreuze und wird wieder aufgenommen. Aber der
Rebell in ihm lebt weiter. Er zweifelt an allem., auch
an der Unsterblichkeit der Seele. Seine Schrift dar-
über wird verurteilt und verbrannt. Wieder steht er
an der Grenze des Ausschlusses . Er widerruft seine
eigenen Gedanken, Trotz im Herzen. Und dieser
Trotz eines Hebenden Kindes liefert ihn zum zweiten
Male dem Bann aus. Wieder beugt er den Nacken,
weil er, der Heimkehrer aus innerer Not, nicht wieder
vor den Toren stehen kann. Erniedrigend und de-
mütigend sind die Zeremonien, unter denen man
seine Freisprechung zuläßt: er liegt auf der Schwelle
der Synagoge, und die Frommen gehen Mann für
Mann über ihn hinweg. Da hat es ihn zerbrochen.
Er verewigt seih Schicksal, seinen Trotz und seinen
Zweifel in der Schrift »Ein Beispiel des menschlichen
Lebens«. Er wartet nicht ab, bis die anderen ihm
beweisen, daß er ein Irrender und Lügner sei. Er
erschießt sich im Jahre 1640.
Sein Genosse und dennoch sein Widerpart im Zwei-
fel und im Schicksal ist ein anderer Marranenspröß-
ling, Baruch de Spinoza, Heimkehrer gleich ihm, der
die Räume des väterlichen Hauses zu eng findet.
Aber der sieht nicht auf sein persönliches Schicksal ,
sondern auf das des Menschen, der Wahrheit, des
Geistes . Kein persönliches Sentiment biegt ihm den
Nacken. Während noch immer Marranen eintreffen,
um sich endlich zum Judentum bekennen zu dürfen,
streift er es von sich ab, als zu eng, als in seiner Idee
230 NEUNTES KAPITEL
ZU wenig verpflichtend für die Menschheit. Während
Sabbatai Zewi durch den Orient wandert, um sich
auf eine Messianität aus letzter jüdischer Tradition
vorzubereiten, verfällt Spinoza, 1656, dem großen
Bann wegen seiner Irrlehren, die die jüdische Tra-
dition in Gefahr bringen. Und während Sabbatais
Ausrufung zum Messias in Amsterdam bekanntwird,
sitzt er abseits, nur noch objektiver Beschauer der
Vorgänge, und äußert nach eingehender Prüfung des
Für und Wider, es bestehe sehr w^ohl die Möglich-
keit, daß die Juden von dieser günstigen Konstella-
tion Gebrauch machten und das jüdische Reich wie-
der herstellten .
Die Amsterdamer Juden sind diesmal mit ihm einer
Meinung, aber aus Geschick und Temperament her
verfügen sie nicht über diese kühle Objektivität . Zwar
sind auch unter ihnen viele Gelehrte von Ruf und
Ansehen, aber ein besonderes Kolorit des geistigen
Lebens, eine wichtige Nuance der Empfindsamkeit,
des Pathos , der Romantik und der Schwärmerei , eine
besondere Phantasie für das Aufnehmen von Nach-
richten und Situationen sind durch die große Anzahl
marranischer Poeten gegeben und in Wirksamkeit ge-
setzt. Es sind keine großen Schöpfer, aber das Dich-
ten in jeder Gattung ist ihnen Lebensbedürfnis . Seit
Manuel de Belmonte ihnen eine poetische Akademie
gegründet hat, blühen sie im wahren Sinne des Wor-
tes auf. Es sind interessante und lebendige Menschen
unter ihnen, so Fray Vicente de Roqamora, ein Mönch
aus Valencia, ehemals Beichtvater der Infantin Maria ,
die später Kaiserin von Deutschland und überzeugte
Judenfeindin ist. Jetzt ist er Arzt, Gemeindevor-
steher und zufriedener Hausherr in Amsterdam. Da
ist der spanische Offizier Enrique Enriquez de Paz,
ECHO 231
dessen Bild man verbrannte, da man seiner selbst
nicht habhaft werden konnte . Jetzt ist er wieder Jude
und schreibt in Amsterdam Komödien. So gibt es
ihrer viele, und es ist verständlich, daß sie aus vollem
Überschwang auf das Erscheinen des Messias reagie-
ren. Ihre Freude ist wie die eines David, der vor der
Bundeslade tanzt. Sasportas, der große Gegner, be-
richtet: »Amsterdam wogte und brauste. Durch die
Plätze und Straßen bewegten sich im tanzenden
Schritt unter Trommelschlag große Haufen von Men-
schen. Auch die Synagogen waren voll von Tanzen-
den, die die Thorarollen in den schön bestickten
Überzügen aus dem Schrein hoben, um sie auf die
Straße hinaus zu tragen. Der Mißgunst und der
Feindseligkeit der christlichen Bevölkerung wurde
nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt, viel-
mehr verkündete man überall mit lauter Stimme die
neu eintreffenden Nachrichten, ohne sich durch den
Spott der Christen irgendwie beirren zu lassen.«
Amsterdam wird, schon wegen seiner weiten Han-
delsbeziehungen, zu einer Nachrichtenzentrale. Der
Ort, an dem sie bekannt gegeben werden, ist nicht
nur die Synagoge, sondern vor allem auch die täg-
liche Börse. Dort laufen insbesondere die Briefe der
Handelskorrespondenten ein. Bedenkliche, die ihre
Vertreter im Orient noch einmal um besondere Aus-
kunft ersucht haben, ob Sabbatai Zewi wirklich der
Messias sei, bekommen die lakonische Antwort:
»Huh, welo acher; er und kein anderer.« Der Brief
geht auf der Börse von Hand zu Hand. Ein Kauf-
mann ist unter ihnen, Anatia, der Wasser in ihren
Wein gießen will. Er versucht, den anderen aus dem
Talmud zu beweisen, daß der Messias nicht kommen
könne, da nicht einmal seine Vorgeschichte erfüllt
232 NEUNTES KAPITEL
sei. Sie sehen ihn scheel und abweisend an. Wie sie
zum Mittagessen heimgehen, erfahren sie, daß den
Anatia während der Mahlzeit der Schlag getroffen
habe. Das ist ein eindrucksvoller Vorgang, weil ihnen
der Zusammenhang völlig klar ist. Es gibt von da an
nicht mehr sehr viele offene Gegner.
Die Nachrichten und ihre Urheber sind nicht immer
sehr zuverlässig, und mancher Wunsch wird als Tat-
sache berichtet. Aber das verschlägt bei dem Zu-
stand der Gemüter nichts . Es genügt etwa ein Brief
der Rabbiner von Jerusalem, in dem sie ihrem Glau-
ben Ausdruck geben, daß der Tempel nun bald wie-
der hergestellt würde. Das ruft unmäßige Freude
hervor. Sie veranstalten große Illuminationen .. Die
Synagogen und jeder Winkel ihres Hauses sind voll
von Lichtern.
Sie machen in ihrer Weise auch völlig Ernst mit den
Ereignissen und ihrer Bereitschaft. Es werden beson-
dere Festtage veranstaltet, die mit Lichtern und Psal-
mensingen und in Anwesenheit vieler NichtJuden in
den Synagogen gefeiert werden . Die Druckereien sind:
überlastet mit der Herstellung eines kleinen Buches in
hebräischer, spanischer und portugiesischer Sprache,
in dem Anweisungen für die innere Vorbereitung auf
die Messiaszeit gegeben werden , Beschreibungen von
Bußübungen und Gebete und Anrufungsformeln . Es
taucht auch ein kleines Buch auf, 4n dem schon die
Feierlichkeiten und Zeremonien verzeichnet stehen ,
mit denen der Messias empfangen und gekrönt wer-
den soll . Es setzen Änderungen der Gebetsordnungen
ein. Während der große Priestersegen sonst nur an
den hohen Feiertagen gesprochen wird, sagt man ihn
jetzt an jedem Sabbath, weil die Zeit der Erfüllung
doch so nahe ist. Schon beginnt man hier und da,
ECHO 233
wie an anderen Orten, mit dem Verkauf der Häuser .
Alles das geschieht von sehr klugen, aufgeklärten und
nachdenklichen Menschen. Sie erhalten ihre beson-
dere Legitimation dadurch, daß sich die angesehensten
Vertreter der Gemeinde und Gelehrte wie Abraham
Pereyra, Isaak Naar, Benjamin Mussafia, de Gastro
und andere der Bewegung anschließen. So wird die
Stadt der »Gelehrten und Dichter« zu einem lauten
Echo auf den Anrufeines Menschen und einer Idee.
Die Anwesenheit von Marranen in Hamburg bedingt
es, daß sie in ähnlicher Weise wie ihre Schwester-
gemeinde Amsterdam antwortet. Sie stehen auch in
einem ständigen Austausch der Nachrichten mitein-
ander . Ihre Freude über die Ereignisse bekommt noch
eine besondere Note dadurch, daß sie daraus eine be-
wußte Demonstration gegen die Schikanen ihrer Um-
gebung machen. Die Anhänger Sabbatais, die Sefar-
dim, sind auch hier in der Überzahl. Unabhängig
von ihrer Gemeinde besteht die jüngere, aschkena-
sische Gemeinde, die aus polnischen und deutschen
Juden besteht. Bei denen ist aus Temperament und
Entwicklung die Begeisterung weniger stürmisch,
aber die allgemeine Freude können sie darum nicht
verkümmern. In den Memoiren der Glückel von
Hameln spiegeln sich diese Zustände. »Was für Freu-
de herrschte, wenn man Briefe (aus der Türkei) be-
kam, ist nicht zu beschreiben. Die meisten Briefe
haben die Sefardim bekommen. Sie sind immer da-
mit in ihre Synagoge gegangen und haben sie dort
vorgelesen. Auch Deutsche, Jung und Alt, pflegten
sich dann dort einzufinden . Die jungen Portugiesen
haben allemal ihre besten Kleider angetan und sich
grüne, breite Seidenbänder umgebunden , - das war
dieLivree von Sabbatai Zewi . So sind sie alle»mitPau-
234 NEUNTES KAPITEL
ken und Reigentänzen« in ihre Synagoge gegangen
und haben mit einer Freude »gleich der Freude beim
Wasserschöpfen« die Schreiben vorgelesen. Manche
haben Haus und Hof und alles ihrige verkauft und
erwarteten jeden Tag die Erlösung. Mein seliger
Schwiegervater, der in Hameln wohnte, ist von
dort weggezogen, hat sein Haus und seinen Hof und
alle guten Hausgeräte stehen lassen und seine Woh-
nung nach Hildesheim verlegt.« Der Schwiegervater
der Glückel ist ein sehr sorgsamer Mann. Er schickt
an seine Kinder nach Hamburg einige Fässer mit
Leinenzeug und getrockneten Lebensmitteln, da er
annimmt, mian werde von Hamburg aus auf dem di-
rekten Wege nach Palästina fahren . Nach langen Mo-
naten, wie alles vorüber ist, packt man die Fässer end-
lich aus, damit die Sachen nicht verderben.
Man hat in Hamburg das Schicksal Sabbatais schon
seit längerer Zeit aufmerksam verfolgt, und es ist im-
mer ein Zweifel geblieben, als welcher der erwarteten
Messiasse er sich erklären werde, als der endgültige,
als der Messias aus dem Stamme David, oder als sein
dem Untergang geweihter Vorläufer und Wegberei-
ter, als der Messias aus dem Hause Benjamin, Die
Selbstausrufung Sabbatais in Ismir im Dezember
1665 beseitigt diese Zweifel. Er ist nach seinen eige-
nen Erklärungen der endgültige Messias aus dem
Hause David . Diese Nachricht wird mit Zufrieden-
heit und Jubel empfangen . Leute von gewichtigem
Ansehen entscheiden sich für den Anschluß an die
Bewegung, so Manuel Texeira, der Resident und
Bankier der Königin Christine von Schweden, ebenso
ihr Leibarzt, der angesehene und befähigte Benedikt
de Castro. Nur Sasportas, der unentwegte Gegner,
bleibt der Bewegung fern. In ohnmächtigem Zorn
ECHO 235
muß er feststellen, daß er der einzige Nüchterne in
einem Kreise von Trunkenen ist. Er klagt: »Und als
ich dies alles mit ansah, vergoß ich ob dieses Schau-
spiels, wiewohl es des Gelächters würdig wäre, stille
Tränen, voller Kummer über die Leichtgläubigkeit
dieser Menschen, aus deren Geiste jede Erinnerung
an unsere wahren Propheten und an unsere Über-
lieferung geschwunden war . «
Sasportas klagt vielleicht zu Recht über die Leicht-
gläubigkeit dieser Menschen, aber er trifft damit nicht
den Kern der Sache. Entscheidend ist, daß alle Nach-
richten einer generationenalten , stets lebendigen und
überzüchteten Erwartung immer neue Nahrung ga-
ben, und daß bei solcher inneren Situation die Kon-
trolle der Vernunft eine theoretische Forderung
bleibt. Gewiß kommen neben authentischen auch
falsche, übersteigerte, phantastische Berichte, aber
schon daß sie solche Verbreitung erfahren, beweist,
daß auch nach den Wunderberichten und Legenden
ein Bedürfnis besteht. Und sie entstehen in immer
neuen Varianten, und zwar zumeist aus nichtjüdi-
schen Quellen . Sie lassen Sabbatai neue Wunder tun .
Er hat den Tod von Verschiedenen vorausgesagt, die
unmittelbar darauf gestorben sind . Er hat auf einem
öffentlichen Platz ein Feuer anzünden lassen und ist
mehrmals hindurchgegangen, ohne Schaden zu neh-
men. Er ist eines Nachts, als er seiner Gewohnheit
gemäß ausging, um das Tauchbad zu nehmen, der
türkischen Wache begegnet, die ihn festnehmen will.
Der Anführer will ihm eins mit der Hellebarde ver-
setzen. Da erstarrt er plötzlich und sein rechter Arm
ist verkrüppelt. Und in Jerusalem, wo gestern noch
Sabbatais Gegner saßen, ereignen sich große Wun-
der. Langsam beginnt der versunkene und zerstörte
236 NEUNTES KAPITEL
Tempel aus der Erde zu steigen . Schon heben sich
die Mauern; Räume, die sonst unter Schutt lagen,
beginnen sichtbar zu werden . Das hat den türkischen
Gouverneur verdrossen, und er hat Soldaten ausge-
schickt, die auch noch die Reste des salomonischen
Bauwerkes niederreißen sollten. Aber wie sie an die
Mauer kommen, werden sie von einer unsichtbaren
Hand erschlagen . Er schickt neue Soldaten . Es wider-
fährt ihnen das gleiche Schicksal . Ihn packt der Zorn
und er bewaffnet sich selber mit einem Hammer. Wie
er auf die Mauer einschlagen will, wird er plötz-
lich gelähmt. Aus Mitleid heilt ihn ein Rabbiner
durch sein Gebet.
Auch die Nachricht von den zehn verlorenen Stäm-
men taucht in vielfacher Form wieder auf. Es kommt
über Jerusalem eine Meldung, »daß in Persien auf
der Seite von Susa fast 8000 besondere Haufen, in
der Barbarey aber und in den Wüsten von Tafilette
mehr als 100.000 Juden bereit wären, ihm als ihren
König und Propheten zu folgen . . . « Andere wissen,
daß ein Mann namens Jerobeam die Juden >>in der
ansehnlichen Stadt Aden und im glücklichen Arabien
in dem Königreich Elal« zu einem Aufstand bewogen
habe. Sie hätten sich bereits mit bewaffneter Hand
der Städte Sidon und Mekka bemächtigt, Moham-
meds Grab gestürmt und 30.000 Türken dabei nie-
dergesäbelt. Es vermerkt dazu ein Chronist, daß die
Türken auf die Zerstörung von Meldca mindestens
mit großen Geldstrafen für die Juden, wenn nicht
mit ihrer Ausrottung antworten müßten . Und da sol^
ches noch nicht berichtet sei, könne die Zerstörung
der Stadt nicht als bewiesen gelten .
Der Orient ist in dieser Zeit überhaupt mit Wun-
dern gesegnet. Gelehrte und heilige Männer, die
ECHO 237
schon vor mehr als hundert Jahren gestorben sind,
beginnen aus ihren Gräbern zu reden. Der Prophet
Zacharjah ist wieder auferstanden, um seinen Teil
an Vergebung für die Sünden der Juden auszuspre-
chen. Ständig steht ein geheimnisvolles Licht über
Jerusalem.
Bei allen Antworten, die die Juden auf die Nachricht
von ihrer baldigen Befreiung geben , vermißt man eine :
die Dichtung . Sie singen , sie tanzen , sie jubeln ; aber
sie dichten nicht. Was hier geschah, war schon eine
Dichtung. Es blieb bei der engen Folge der Ereig-
nisse auch keine Zeit für das Ausreifen von Dicht-
werken. Und als sie Zeit hatten, nachzudenken und
erneut Vergangenheit in sich zu bilden, verschloß
ihnen die Scham den Mund. Von Litaneien abge-
sehen, die den Charakter von Gebeten tragen, ist
nur ein, einziges, unbeholfenes, schlichtgläubiges Lied
überliefert. Es hat einer von jenen geschrieben, die
schon alles Erdulden hinter sich hatten und die darum
ganz unbeschwert und hofFnungsfreudig sein konn-
ten , einer aus dem Osten . Jakob Taussk ist der Ver-
fasser . Er ist kein Dichter, und sein Lied ist zudem
aus dritter Hand überliefert, wie der Titel lehrt: »Ein
schön neu Lied vom Messia, anfangs dem vermein-
ten jüngsten Messiaeim Morgendland Schabbasi Zeb-
bi von Jakob Taussk von Prag zu Ehren aufgesetzt
und im Jahr 1 666 in Amsterdam mit jüdischer Schrift
gedruckt; jetzo aber, damit der Juden blinde Tor-
heit unter den Christen bekanter werde. Auhs dem
holländischen Jüdischen Exemplar, mit behaltenem
Dialecto, nachgedruckt in Breslau, Im Jahre unseres
wahren Messias 1670«.
Taussk dichtet ungelenk, so wie schlichte Menschen
aus dem Volke dichten, wenn ihnen das Herz über-
238 NEUNTES KAPITEL
geht und ihre Alltagssprache nicht mehr hinreichen
will, ihnen ein Ausdruck zu sein. Er glaubt alles,
was er an Nachrichten gehört hat. Er knüpft daran
bewegliche Mahnungen an seine Brüder, das alte
Leben von sich zu tun. Was sollen jetzt noch Ge-
schäft und Verdienst und Ansammeln von Geld ?
Thut eich nit säumen, Brider mein.
Kein Geld solt ihr nit sparen .
Wenn wir kummen in heiligen Land,
sein mir nei geboren :
Weil uns wil geben der libe Gott
was er uns versprochen hot ...
Er spricht ihnen Mut zu: habt keine Angst, liebe
Brüder. Die Türken werden unsere Knechte sein»
Sie werden uns die Gläser ausschwenken, aus denen
wir auf das Wohl unseres Messias trinken . Wir wer-
den nicht mehr arbeiten . Wir werden nur noch Thora
lesen. Gott wird uns dabei behüten, und wir brau-
chen keine Furcht mehr zu haben . - Und cjaiin be-
ginnt er, der Mensch des abgeschlossenen Raumes,
des Buches, des Lernens, des Grübelns, plötzlich die
Sonne und den Mond und die Sterne anzurufen, hat
plötzlich wieder Beziehung zu einem Ding in der
Natur:
Nun scheine Sonn und zieh dich aus,
und schein uns wakker f leissig .
Josua hast Du ach gedint,
da er hat der schlagen Mlochim (Könige) ein und
dreißig ...
Lebhanah (Mond) kum du ach einher
leicht mit all die Steren .
ECHO 239
Da unser Eltern aus Golus Mizrajim (ägyptische
Zerstreuung) gingen,
leicht du ihn ach gar geren .
Du bist eitel derbarmkeit,
derlihs uns ach mit gruhser Freid , * .
Wenn ein solches Gedicht auch nichts für die poeti-
sche Qualität der Zeit bedeutet, so besagt es doch
viel für die geistige Verfassung der Zeit. Menschen,
die so denken und empfinden, sind für Gegenargu-
mente sehr unzugänglich . Die Gegnerschaft erreicht
sie einfach nicht. Zudem ist die Zahl derer, die Sab-
batai ablehnen, recht gering. Hier und da zeigt sich
Widerstand bei den Orthodoxen im strengeren Sinne .
Sie zweifeln nicht einmal an Sabbatai oder dem Ein-
tritt der niessianischen Zeit noch in ihren Tagen .
Aber die verpflichtende Heiligkeit von Gesetz und
Tradition ist für sie so übermächtig, daß sie es nicht
ertragen, sie angetastet zu sehen. Sie wissen genau,
daß mit dem Anbruch der verheißenen Zeit die Ge-
setze hinfällig werden. Aber nun es so weit ist,
schrecken sie davor zurück. Sie haben sich, um bis
zur Befreiung ihres Volkes nicht unterzugehen, mit
so starken Sicherungen umgeben, daß sie daran zu-
grunde gegangen wären, auch wenn die Zeit ihnen
die wirkliche Befreiung gegeben hätte . So hat nicht
ihre Gläubigkeit und nicht ihr Instinkt sie gerettet,
sondern nur ihre Beharrung. Allerdings gibt ihnen
. im Augenblick diese Beharrung keine wirksame Waffe
gegen die Sabbatianer. Sie werden so befehdet und
verfolgt und angegriffen, daß sie sich nur in das
Schweigen hinein retten können. Auch die Gegner
aus anderen Gründen müssen schweigen, da Ver-
nunft und Zweifel keine Waffen gegen Gläubigkeit
240 NEUNTES KAPITEL
und Begeisterung sind* Sie sichern sich inzwischen
für die Katastrophe, die sie als gewiß voraussehen,
dadurch, daß sie heimlich Ersparnisse zurücklegen
und ihre Sachen, die sie doch im Glauben an die bal-
dige Auswanderung hätten verkaufen sollen, ver-
stecken. ■ y
Nur ein Mann ist in der Zeit, der es sich zur Aufgabe
macht, Gegner des Sabbatai Zewi zu sein, ihn mit
allen Mitteln zu bekämpfen und die Juden immer von
neuem vor der Bewegung zji warnen: Jakob Sas-
portas. Er ist 1610 in Oran geboren und amtiert
schon mit 24 Jahren in seiner Heimat als Rabbiner.
Fälsche Anklagen bringen ihn auf einige Zeit in das
Gefängnis , Er bricht von dort aus und entflieht nach
Amsterdam . Dort lernt er Manasse ben Israel kennen
und begleitet ihn nach London, um ihn bei den Ver-
handlungen über die Zulassung der Juden zu unter-
stützen. Er bleibt in dieser neuen, inoffiziellen Hei-
mat als Rabbiner, bis ihn 1665 die Pest aus London
vertreibt. Er begibt sich nach Hamburg. Dort er-
reichen ihn die ersten Nachrichten von den Vorgän-
gen in Ismir. Spontan lehnt er sich gegen alles auf,
was dort ist und was dort geschieht: gegen Sabbatai,
gegen sein Messias tum, gegen die Anhänger und die
Wundergläubigen, gegen den Propheten Nathan, ge-
gen Primo, gegen Sarah, gegen jede Äußerung und
jeden Vorgang. Er ist an sich keine kämpferische Na-
tur, sondern ein wohlwollender und gütiger Mensch.
Er, erkennt auch die Grundlagen der Kabbala an,
wohl schon aus dem Grunde, weil es in der Zeit keine
anderen Möglichkeiten gibt, religiös-mystische Be-
dürfnisse zu befriedigen . Aber daneben ist er nicht
nur ein ausgezeichneter Kenner des Talmud, sondern
auch ein geschulter Rationalist. Vor allem aber ver-
Bußübungen der Sabbatianer in Saloniki
ECHO 241
fügt er über zwei Eigenschaften, die ihn notwendig
zum Gegner machen : er ist im Orient aufgewachsen ,
kennt die Menschen und ihre Art, auf Worte und
Vorgänge zu reagieren, weiß, mit welchem Ausmaß
an Phantasie sie die Dinge erleben, und welche Vor-
sicht demnach geboten ist, wenn man ihnen glauben
soll, und sodann; er hat einen guten Instinkt für
Menschen und einen besonderen, aus der wachsen-
den Feindschaft gestärkten Instinkt für den Men-
schen, der sich da in Ismir aus eigener Machtvoll-
kommenheit zum Messias aufgeworfen hat. Jede sei-
ner Handlungen wertet er kritisch, wie mit Recht
anjedem Menschen, der das Ungewöhnliche für sich
in Anspruch nimmt, doppelte Kritik zu legen ist.
Und da verbleibt fast nichts, was vor seinem abr
wägenden Verstand bestehen kann. Da begreift er
als Ergebnis nur eine ungeheure seelische und poli^
tische Gefahr für die gesamte Judenheit. Diese Er-
kenntnis legt ihm Verantwortung auf, und er beginnt,
an die Rabbiner in der ganzen Welt Briefe zu schrei-
ben, daß sie als Führer ihrer Gemeinden in ihrem
Kreise die Bewegung aufhalten sollten.
Es ist für den Augenblick eine nutzlose Bemühung.
Er bekommt ausweichende Antworten. Andere be-
kennen sich offen und ausdrücklich zu Sabbatai und
zur Bewegung. Andere beschimpfen ihn als eineh
Ungläubigen. Er muß Drohungen über sich ergehen
lassen. Er wird verfeindet und verachtet Und isoliert.
Es hat endlich keinen Zweck mehr, daß er den Mund
auftut. Es hört ihm niemand mehr zu, geschweige
denn, daß man ihm antwortet. So verstummt er ohn-
mächtig, wird Zuschauer, wird ein eifriger, beharr-
licher Sammler aller Nachrichten und Dokumente
über Sabbatai Zewi und seine Anhängerschaft, und
16 Kastetn Zewi
242 NEUNTES KAPITEL
vollendet in Hamburg im Jahre 1673 seine große An-
tisabbatiana, einen Vorwurf zu einer Tragödie, in der
Ruf und Antwort sich verfehlen .
Soweit Sasportas in dieser Schrift nicht nur Tat-
sachen mitteilt, sondern sich mit der religiös-mysti-
schen Idee, mit der Glaubenslehre, mit dem System
des Sabbatianismus auseinandersetzt, leistet er zwar
wichtige religionshistorische Arbeit, kann aber da-
mit in der Zeit selbst nichts bewirken . Es mag einst-
weilen dahingestellt bleiben, ob Sabbatai über-
haupt ein eigenes religiöses System geschaffen hat, und
ob es nicht vielmehr die geistigsten seiner Anhänger
waren, die ihm Worte in den Mund legten, Gedan-
ken zuschrieben und Konsequenzen zumuteten, die
ihre eigenen waren . Die große Masse war weder wil-
lens noch imstande^ den theoretischen Teil der Be-
wegung zu begreifen, Paß hier die kabbalistische
Welt an ihrem Krisenpunkt stand und die leiden-
schaftliche Konsequenz eines Abraham Cardoza im
Begriff war, ihr den Todesstoß zu versetzen, moch-
ten sie ahnen; aber sie sahen es nicht. Was sie in die-
sem Augenblick begreifen, ist nicht der religiöse Dis-
put, sondern die Heilsidee. Der Bezirk ihres Glau-
bens ist voll davon. Sie haben nie ihren Propheten
Hosea vergessen, der von dem »Tage von Jesreel«
spricht. Das ist nicht die Stadt der Blutschuld Jehus,
sondern ein Wort, das bedeutet: Gott worfelt, Gott
zerstreut. In ganz frühen Zeiten ihrer religiösen Exir-
stenz ist ihnen eine strahlende Zukunft schlechthin
verheißen worden, eine Zukunft, die ihnen von sel-
ber zufallen und zuwachsen mußte, wenn sie nur der
Idee ihres Volkes und ihres Gottes treu blieben. Ihre
Treulosigkeit hat diesen organischen Ablauf zerrissen .
Was sie jetzt erwarten können, ist Gnadengeschenk,
ECHO 243
auf das sie eine Hoffnung, aber keinen Anspruch ha-
ben. Ob das, was Sabbatai Zewi ihnen anbietet, aus
diesem Gnadengeschenk kommt, kann nur im ganzen
bejaht oder im ganzen verneint werden . Disputieren
läßt sich darüber nicht. Darum ist ihr Haß und ihre
Verachtung groß gegen alles, was in diesem Augen-
blick, statt zu glauben, Argumente gegeneinander ab-
wägt.
Eine bei aller ErnstH'aftigkeit ergötzliche Situation
verdeutlicht solche Einstellung recht lebhaft. Tomas
Coenen, der protestantische Geistliche in Ismir, sehr
um Klärung und Aufklärung bemüht, begibt sich
eines Tages, während Sabbatai Zewi schon in Kon-
stantinopel ist, zu seinem jüngsten Bruder in dessen
Haus, unterhält sich einiges mit ihm, und beginnt
dann einen theologischen Disput . Zewi hört sich seine
Argumente stillschweigend an und antwortet end-
lich: das wäre nicht sein Gebiet, aber Tuche und
Gewebe kenne er gut. - Coenen muß von der Theo-
rie ablassen und fragt den Zewi nach dem Messias.
Zu seinem Verdruß beschränkt sich der Bruder dar-
auf, den Messias sehr zu loben . Darum führt er ihm
eine Reihe von Gründen an,, mit denen er beweisen
will, daß Sabbatai nicht der Messias sein könne.
Da antwortet ihm Zewi : »Wenn Gott den Bruder
auserwählt hat, wird er sich schon durch ihn bewei-
sen«, und beendet das Gespräch.
Einer besonderen Gegnerschaft in dieser Zeit muß
noch gedacht werden : der der nichtjüdischen Bericht-
erstatter, insbesondere der Theologen unter ihnen.
Sie sind sehr zahlreich . Sie greifen begierig diesen
unerhörten Stoff auf und verarbeiten ihn, wenn sie
auch meistens die tatsächlichen Vorgänge skrupellos
/ bis zur seitenweise wörtlichen Übereinstimmung
- 16*
244 NEUNTES KAPITEL
einer vom anderen abschreiben . Sehr oft entstellen
und verfälschen sie ihn auch und geben ihm Form
und Wendungen, die auf das höhnische Gelächter der
Leser spekulieren. Das ist, wenn auch nicht zu bil-
ligen, so doch sehr wohl zu verstehen, denn es geht
ihnen garnicht darum, ehrliche Historiker zu seinT,
sondern es geht um die Dinge des Glaubens, die
dahinter stehen. Und die werden mit einer erstaun-
lichen Gehässigkeit und Verächtlichkeit vorge-
tragen . Einige Zitate mögen das deutlich machen.
» . . . was länger denn vor tausend Jahren von
den Juden geschrieben Augustinus, tractat. 113
in Johannem: sie verlassen das Himmlische, be-
gehren das Irdische; das ist und bleibt noch zur
Zeit wahr an den heutigen fleischlichen Israeliten . . .
Der Christengeist bekennt, daß Jesus Christus in das
Fleisch gekommen sei. Darum ist der Christ Geist
von Gott. Hingegen der heutige Judengeist bekennt
nicht, daß Jesus (als Christus oder Messias) in das
Fleisch gekommen sei. Folglich ist der Judengeist
nicht von Gott«. »Es werden heutigen Tages etliche
Christen gefunden, die mit allem Fleiß von der neuen
Juden-Messias- Zeitung erdichten, schreiben, druk-
ken lassen und als lauter messianische und propheti-
sche Wahrheiten den ohne das verdüsterten Messias-
begierigen Juden vorlesen, erklären. . .« Und ein
anderer: »warum nimmt man unseres wahren Mes-
sias Wunder nicht an.'* ... daß nicht etliche Juden-
genossen in der ersten Hitze sollten gewonnen wor-
den sein, wollen wir nicht leugnen . . . Das ärgste ist,
daß sie lebendige Höllenbrände sind. Dessen unge-
achtet wollen sie doch lieber elende Juden als vor-
nehme Christen sein . Das macht's : das Alterum und
der ewige Bund stecken ihnen zu sehr im Kopfe.«
ECHO 245
Alles das bedeutet: die theoretische Zustimmung der
NichtJuden zu dem jüdischen Erlösungsproblem hat
in dem Augenblick eine erhebliche Verminderung er-
litten, als die Sache Ernst zu werden begann. Es
wird jetzt nicht mehr ein jüdisches , sondern ein christ-
liches Problem aufgedeckt, nämlich das bittere Ein-
geständnis von dem Scheitern aller bisherigen Be-
kehrungsversuche, das Fiasko dieser für den jüdi-
schen Geist so unverständlichen Anschauung, man
müsse und könne einen anderen Menschen durch
Überredung oder Gewalt zu einem anderen Glauben
bringen. Die verschiedenartigen Auffassungen über
das, was Glaube ist, werden noch einmal in ihrer Un-
vereinbarkeit an das Licht gehoben. Es unterläuft
den Gegnern dabei jene blinde Ungerechtigkeit, die
das Verständnis und den Ausgleich von vornherein
ausschließen: die verschiedenartige Bewertung der
Wunder, je nachdem sie hüben oder drüben gesche-
hen. Hüben sind sie Wahrheiten, drüben gemeiner
Betrug. So muß der mangelnde Respekt vor dem Er-
lebnisbezirk des anderen notwendig zu der Zahl der
Feindschaften und Widerstände eine neue hinzu-
fügen .
Derzeit haben die Juden solche Einstellung über-
sehen. Sie hatten es nicht nötig, sich um Feindschaf-
ten zu kümmern. Ihre Augen und Ohren, ihre Her-
zen und Gedanken waren in Konstantinopel, wo ihr
Messias die Geschicke der Welt zur Entscheidung
bringen will .
ZEHNTES KAPITEL
MIGDAL OS
ZEHNTES KAPiTEL 249
IM FEBRUAR DES JAHRES 1666, WÄHREND DIE
Winterstürme das Meer aufjagen , fahren die kleinen
Segelschiffe mühsam die Küste hinauf, von Ismir
kreuzend in Richtung auf den Bosporus. Es sind
die kleinen Kauffahrteischiffe, die keiner Beachtung
wert sind. Der große Handels weg, den die fracht-
schweren, wertbeladenen Schiffe fahren, geht an-
deren Weg.
Es ist aber unter diesen kleinen Seglern ein Schiff,
das, wenn die Strömung der Seele meßbare Körper-
kraft hätte, vom Schwung, der anstößt, und vom Wi-
derstand, der zurückreißt, bis in die letzte Fuge der
Planken erbeben würde. Dieses Schiff trägt den Mes-
sias Sabbatai Zewi .
Er hockt auf dem Deck, gegen den Sturm durch Zelt-
laken geschützt, und es ist zu ermessen, daß er nicht
nach vorne blickt und nicht nach rückwärts . Er würde
rückwärts blicken, wenn er wüßte, daß da hinter ihm
eine geschlossene, in ihrer Dichte und Gläubigkeit
erschütternde Masse stände, eine lebendige Mauer,
die je und je, Pulsschlag auf Pulsschlag, Kraft gegen
ihn und für ihn aussendete. Er weiß, daß dem nicht
so ist. Seine Anhänger sind zahllos, aber wer unter
seinen Gegnern ist, verfügt über die gefährliche Waffe
des Geistes und der Beharrung. Wie die Zeit dahin-
läuft, und wie kleine, zuckende Handlungen, Be-
kenntnisse und Worte aus Sabbatai sich bekunden,
geht ein Zug zur Entscheidung und Sonderung durch
das Volk. Da sind viele, die gerne an ihn glauben
möchten. Aber sie ertragen es nicht, daß man ihre
Tradition antastet. Sie haben seit je mit dem über-
kommenen Gut des Glaubens gelebt. Mehr noch:
sie haben rund über die ganze Erde eine übermensch-
/
250 ZEHNTES KAPITEL
liehe Form gefunden , dafür zu sterben. Leid bindet,
macht ehrfürchtig und demütig. Blut ^ nach außen
vergossen oder nach innen schmerzhaft aufgewallt,
gibt eine fanatische Verkettung zum Gestern, da
einem doch das Morgen in jedem Augenblick aus der
Hand geschlagen werden kann . Wenn sie zu wählen
haben zwischen dem traurigen Gedenktag von ge-
stern und dem verzückten Freudentag von morgen,
so wählen sie das Gedenken als das Gewisse, Seiende,
oft und tief Durchlebte. Sie mißtrauen dem Morgen
und der Freude, weil beide für sie^ noch kein endgül-
tiges Erlebnis geworden sind. Es müßte denn ein
Bekenntnis, eine Verheißung, eine Offenbarung kom-
men, die mit letzter Eindeutigkeit den leidvollen
Wandel ihres Daseins abschließt.
Nichts dergleichen ist geschehen. Sabbatai hat ihre
Gesetze und ihre Gedenktage, diese Augenblicke der
fruchtbaren Trauer, mit einem Federstrich aufge-
hoben . Er hat sie angewiesen , sich zu freuen . Freude
untersteht keinem Gebot . Die Stimme, die hinter
diesem Gebot steht, zwingt nicht. Sie hat nicht den
Klang des Absoluten , des Unausweichlichein . Darum
hat er immer noch Gegner.
Andere hingegen denken mehr an die Wirklichkeiten
des Alltags. Sie haben sich alle, von Generationen
her, an den Gedanken gewöhnt, daß sie auf einem
Vulkan leben. Zum Teil leben sie recht gut dabei.
Aber sie vergessen darüber nicht, daß es unklug ist,
den Spaten des Wollens zu tief in dieses trügerische
Erdreich zu stoßen und der Lava einen Weg über ihre
eigenen Häuser zu bahnen . Sie leben in einem Lande ,
unter einer Religion, einer Herrschaft, die ihnen
aus dem Glauben her und wegen ihres Glaubens zu-
tiefst feindlich sind. Es gilt nichts, daß sie auf Raum
MI GOAL OS 251
und Dasein und Erde seit Jahrtausenden ein ange-
stammtes Recht haben. Über ihnen steht fremde
Macht. Gott hat sie ihren Feinden überliefert. Und
so lange dem so ist, ist es Yermessenheit und Tor-
heit, den Feind zu reizen. Das aber geschieht in
diesem Augenblick. Da hat sich einer auf die Fahrt
begeben, der aus dem Zweck der Reise keinen Hehl
gemacht hat: er will den Sultan, den Beherrscher des
Reiches, in dem sie leben, von seinem Thron stür-
zen . Göttliche Sendung und die Erfüllung göttlichen
Anrufes sind recht und gut. Aber zunächst einmal
ist das, was hier geplant ist, Hochverrat. Möglich,
daß das Unternehmen gelingt. Wer würde sich nicht
freuen, wenn das gelänge, was aus tiefem Glauben
Inhalt ihres Betens ist, Inhalt auch ihres Lebens, da
sie noch nicht gelernt haben, nur mit den Lippen zu
beten. Möglich also, daß dieser es vollbringt, den
Anbruch des neuen Reiches wirklich zu machen.
Aber wahrscheinlich ist, daß es mißlingt. Zweifeln
jene an der Wucht und Unentrinnbarkeit der gött-
lichen Stimme, so bezweifeln diese die Gewichtig-
keit der realen Dinge, der Macht und Möglichkeit,
den Sultan zu entthronen. Und wenn dieses Unter-
nehmen mißlingt, so wird daraus eine Katastrophe
für alle Juden, die im türkischen Reich wohnen.
Ein altes Gesetz, in dem sich der Widerstand einer
Starkengegen eine schwache Gruppe auslebt, verläuft
so: die Tat des einen, falls sie als böse betrachtet
wird, geht zu Lasten aller. Die Tat des einen, wenn
sie gut ist, wird nur ihm alleine angerechnet. Miß-
lingt die Tat des Sabbatai, so sind im gleichen Augen-
blick alle Juden des Landes Hochverräter. Eine neue
Kette des Leidens wird da für sie geschmiedet. Und
darum sind sie seine Gegner,
252 ZEHNTES KAPITEL
Sabbatai weiß das. Darum kann er nicht rückwärts
blicken und aus der Masse der, Anhänger das Ge-
fühl letzter Sicherheit schöpfen. Aber es ist auch
unersprießlich, vorauszublicken und die Vorstellung
an dem zu berauschen, was als Tat und Entschlie-
ßung vor ihm steht. Denn auch das versagt sich an
Bildhaftigkeit und Eindringlichkeit. Er weiß doch
nicht, was er in Konstantinopel tun wird. Alle Tat
und Entschließung haben sich zu eben dieser Reipe
verdichtet. Aber damit haben sie sich auch er-
schöpft. Er fährt: ja. Er nähert sich dem Ort und
Boden, auf dem das Geschehen, der Erfüllung zu,
sich weiter ausladen muß: ja. Aber er kann nicht be-
greifen, nicht bestimmen, nicht voraussagen, was ,
da sein wird, was er dort tun wird. Er schwimmt im
Strom, er treibt mit dem Wind. Es wird sich schon
etwas ereignen, das ihm den Weg, weist j das Wort
eingibt, die Waffe in die Hand legt.
Was tut nun ein Mensch, der so in den Winter-
stürmen des Februar auf einem kleinen Segelschiff
sich selber ausgeliefert ist, und der nach gestern urid
morgen, nach rückwärts und nach vorne hin ohne
festen Ausgang und ohne festes Ziel ist ? Er wird die
geheimnisvolle Mittelebene zu erspähen trachten,
auf der nichts wirklich ist, und auf der doch alles ge-
schieht , da , wo Märchen , Legende , . Dichtung ihr
Zwischenreich aufgeschlagen haben, und von wo sie
doch eines Tages mit aller Gewalt der Wirklichkeit
in das Leben hineinstoßen : Traumland .
Er träumt auf dieser Fahrt, und er kommt, wenn er
hin und wieder vor dem übermächtigen Sturm nacht-^
über einen kleinen Hafen anlaufen muß, wohl zur
festen Erde, aber nicht zur festen Wirklichkeit, Der
Wind steht dauernd gegen ihn und will ihn von
MIGDAL OS 253
seinem Ziel abdrängen . Das ist ein schlechtes Zeichen,
und seine Begleiter, vier Gelehrte aus seiner engsten
Umgebung, neigen dazu, ihm die Fortsetzung der
Fahrt abzuraten . Aber in den kleinen Zufluchtshäfen
erfährt er Dinge, die ihm eine Rückkehr unmöglich
machen. Legenden sind ihm längst voran gelaufen.
Da weiß man, daß Sabbatai das Fahrzeug nicht mit
vier Gelehrten betreten hat, sondern mit einer Schar
von 400 Propheten. Kein Matrose und kein Kapitän
befinden sich auf dem Schiffe . Es hat die Segel ge-
spreizt und sich auf die Fahrt gemacht. Eine Wolke
oder eine Feuersäule ist daher gekommen und hat es
eingehüllt . Aber da ist der Sturm aufgestanden und
wollte das Schiff zum Bersten bringen . Da hat Sab-
batai sich erhoben und hat den Fuß gegen den Mast
gesetzt, und in einem Nu ist das Schiff in Kohstanti-
nopel gewesen.
Es beruhigt Sabbatai, daß die Menschen das glauben,
denn er hat, im Vertrauen auf eine Macht, die sich
ihm bisher nicht versagt hat, seine Ankunft in Kon^
stantinoper auf den Tag genau vorhergesagt. Man
wird nicht zur Kenntnis nehmen oder es bald verges-
sen, daß der Wind ihm einen Strich durch seine selbst-
herrliche Rechnung gemacht hat. Und daß er jetzt
gezwungen ist, mit seiner Nußschale immer wieder
Zuflucht zu suchen, ist längst von der Gutgläubigkeit
seiner Freunde erklärt worden: um die schnelle
Fahrt zu mindern, hat der Messias befohlen, Häfen
anzulaufen, da er nicht vor dem 21 .Januar in Kön^
stantinopel sein will.
Aber er erfährt bei seinen Landungen auch eine Tat-
sache, die jede Rückkehr ausschließt: auf die Nach-
richt hin, daß der Messias die Fahrt nach Konstan-
tinopel angetreten habe , sind viele Juden spontan
254 ZEHNTES KAPITEL
aufgebrochen und wandern jetzt von allen Richtun-
gen her der Hauptstadt zu, um Zeugen der großen
Dinge zu sein, die sich dort ereignen werden. Das
befestigt auch seinen Mut. Er wird dann in dieser
Stadt, die für ihn voll Gefahren sein kann, nicht ganz
verlassen und ohne Freunde sein. Im übrigen hat er
vorgesorgt und einen getreuen Anhänger, den Rabbi
Bune, nach Konstantinopel vorausgeschickt, um dort
die für seine Ankunft und seinen Empfang nötigen
Vorbereitungen zu treffen .
Also fährt er weiter und träumt er weiter.
In dieser Traumebene gibt es Haltepunkte von merk-
würdiger Eindringlichkeit. Vom Kreis um Sabbatai
gehen nicht nur Gerüchte und Legenden aus; sie lan-
den auch dort . Und gerade jetzt kommt aus den Nie-
derlanden, von Seeleuten weiter getragen, ein selt-
samer Bericht. Im Norden von Schottland ist ein
Schiff erschienen . Es hatte seidene Segel und seide-
nes Tau werk. Es war mit Seeleuten bemannt, die
alle hebräisch sprachen. Eine große Flagge wehte
vom Fock . Darauf stand geschrieben : die zwölf Stäm-
me Jsraels .
Über solche Wunder und Erscheinungen ^ über solche
Wirklichkeiten, an denen kein Gläubiger zwei-
feln kann, läßt sich gut träumen und der langsame,
mühselige Ablauf der Fahrt verkürzen. Es werden
damit auch kleine Kraftreserven geschaffen für den
Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, der unfehlbar
erfolgen muß .
Sabbatais Gegner haben dafür gesorgt, daß dieser Zu-
sammenstoß von allem Anfang an erfolgt. Sie haben
das Für und Wider, das Mögliche und das Wahr-
scheinliche gegeneinander abgewogen und sind zu
der Erkenntnis gekommen , daß hier nichts an Hoff-
MIGDAL OS 255
nung, aber alles an Gefahr zu finden ist. Die Not-
wendigkeit, diese Gefahr von der Gemeinschaft ab-
zuwenden, ist gebieterisch. Sie müssen sich recht-
zeitig vor jedem Verdacht schützen, daß sie an die-
sem geplanten Hochverrat beteiligt sind . Darum ,
noch ehe das Schiff die Dardanellen erreicht, begeben
sich die Repräsentanten der Gemeinde Konstanti-
nopel zu dem Großvezir Achmed Köprili und erklä-
ren: »Es wird in aller Bälde, von Ismir kommend,
ein Schiff eintreffen. Auf diesem Schiff wird ein Mann
sein, der sich als der Messias des jüdischen Volkes
ausgibt. Er will dem Sultan die Krone vom Haupt
nehmen und sie sich selber aufsetzen . Wir glauben
nicht, daß er der Messias ist. Wir glauben, daß er
ein Geblendeter oder ein Betrüger sei.« Nachdem sie
diese Pflicht erfüllt haben, gehen sie fort. Vielleicht
tragen sie sich im Stillen mit dem Gedanken: wenn
er doch der Messias ist, so wird Gott ihm schon hel-
fen. Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selber.
Es hätte dieser Denunziation nicht unbedingt be-
durft, denn schon einige Wochen vorher ist bei Köp-
rili der Bericht des Kadi von Ismir eingegangen, in
dem er um Verhaltungsmaßregeln gegen den Führer
der neuen religiösen Bewegung bittet. Dem Köprili
wird von einem Kenner, dem französischen Gesand-
ten an der Pforte de la Croix, das Zeugnis ausgestellt,
daß er nicht gerade blutdürstig sei. Aber er gilt als
großer Politiker, der di^ Lehren der jüngsten Ver-
igangenheit erfaßt hat und von der Pforte schonungs-
los jeden entfernt, der ihm auch nur verdächtig ist.
Sonst ist er in seiner Justiz unparteiisch und unbe-
stechlich.
Auf den Bericht des Kadi hin hat er eine Maßregel
angeordnet, die unschädlich' ist und doch eine ge-
256 ZEHNTES KAPITEL
wisse Sicherheit gewährt: Verhaftung des Sabbatai
Zewi. Aber ehe es noch zur Ausführung kommt,
wird ihm zugetragen, daß der neue Messias sich
schon auf den Weg gemacht hat, um seine Drohung
auszuführen. Die Juden hier bestätigen es ihm. Da
muß also gegenüber dieser unmittelbaren Gefahr
kräftiger zugegriffen werden. Mag Sabbatai Zewi
sein, wer er will: seine Absicht stempelt ihn zum
Hochverräter. Also muß man ihn beseitigen, ehe er
auch nur Unruhen stiften kann . Köprili , zugleich
selbstherrlicher Richter des Reiches, verurteilt
Sabbatai Zewi noch vor seiner Ankunft zum Tode
durch den Pfahl. Das Urteil wird einem Kaimakam
zur weiteren Veranlassung übergeben . Der Tod,
der Sabbatai so vielfach zugedacht wird, steht wieder
vor ihm, ohne daß er es weiß. Er fährt und träumt.
Das Schiff ist etwa vierzig Tage unterwegs, eine selbst
für die Winterzeit unmäßig lange Fahrt. Aber schon
wie es sich der Küste nähert, sind die Häscher des
Kaimakam unter wegs ,um die Insassen mit dem Augen-
blick der Landung festzunehmen . Sabbatai weiß ,
was er zu gewärtigen hat, und vielleicht wird er aus
diesem Grunde versuchen , an einer; leeren , unbeach-
teten Stelle der Dardanellen zu landen, um dann un-
versehens in Konstantinopel aufzutauchen. Das soll
um der Ruhe in der Stadt willen verhindert werden.
Darum streifen die Wachen die Küste entlang.
Sie sehen endlich ein Schiff, das mit den Stürmen so
hart zu kämpfen hat, daß es sich in flügellahmer Fahrt
und schutzsuchend der Küste nähert. Über die aus-
geworfenen Stege schwanken Menschen auf das feste
Land . Offensichtlich sind es Juden . Der Anführer
der Wache fragt nach Namen, Ausgang und Ziel.
Er hört: Sabbatai Zewi - Ismir - Konstantinopel.
Abordnungen jüdischer Gemeinden vor Sabbatai Zewi
im Schuldgefängnis zu Konstantinopel
10
MIGDAL OS 257
Er nickt. Es schließt sich ein Ring von Bewaffneten
um die kleine Gruppe , alles still und gewaltlos und
ohne Erklärung.
Ohne Widerstreben besteigen Sabbatai und die Seinen
die Pferde, die man ihnen anbietet. Sie reiten bis
zum Abend, bis sie nach Chekmese Rutschuk, einem
Ort in der Nähe von Konstantinopel kommen . Dort
wird bis zum übernächsten Tag gerastet, denn es
wird Sabbath, und der Kaimakam achtet den Wunsch
der Gefangenen, diesen Tag nicht durch eine Reise
zu entweihen
Aber inzwischen hat irgend einer von diesen Vorgän-
gen erfahren. Er oder seine Nachricht sind schneller
als die Pferde . Schon am Freitag Abend sind Anhän-
ger Sabbatais da* Sie kommen zu Fuß, auf Wagen, zu
Pferde. Sie liegen die Nacht über auf dem Pflaster
vor dem Gebäude, in das man den Messias gesperrt
hat, damit sie ihn gleich am anderen Morgen sehen
können. Wie sie endlich zu ihm gelassen werden, er-
heben sie ein großes Jammern über sein Schicksal
und klagen: wie einer sie befreien könne, wenn er sel-
ber gefesselt sei. Aber Sabbatai ist völllig ruhig und
überlegen. Er bedeutet ihnen , daß sie ihn nicht frei
sehen könnten, wenn sie ihn nicht zuvor gefesselt ge-
sehen hät;ten. Auch Joseph sei als Gefangener nach
Ägypten geführt worden und sei dann doch zur
Macht aufstiegen. Es sei alles ein Geheimnis Gottes,
das sie nicht verständen .
Vielleicht beruhigen sich die Gläubigen dabei, Sie
tun jedenfalls im Augenblick alles, was möglich ist,
um seine Lage zu erleichtern und sie seiner würdig
zu gestalten. Der Kaimakam bekommt Geld in die
Hand gedrückt. Dafür werden den Gefangenen die
Fesseln abgenommen. Die Juden errichten für den
17 Kastein Zewi
258 ZEHNTES KAPITEL
Messias 'einen erhöhten Sitz, der einem Thronegleicht,
setzen ihm die Rabbinen zur Seite und feiern mit ihm
bedrückt und erregt zugleich den Säbbath.
Inzwischen ist ganz Konstantinopel von der Nach-
richt erfüllt: der Messias der Juden kommt! Die
Türken begreifen die Tragweite dieser Nachricht nicht
ganz, aber es liegt etwas Unheimliches, Bedrohliches,
Aufreizendes darin, das zu Widerstand und Abwehr
herausfordert. Ehe sie noch um den Sinn ihres Tuns
wissen, haben sie sich zu Haufen und Scharen auf
den Weg gemacht, ziehen dem fremden Messias ent-
gegen und wollen ihn erledigen. Aber die Behörden
wünschen keine Unruhe und kein Aufsehen . Der
Transport mit den Gefangenen wird auf Nebenwege
geleitet, verbirgt sich bei Tage in einem Zollhaus
in der Nähe des Meeres und trifft auf Schleichpfaden
bei Nacht und Nebel in der Stadt ein. Der Messias
wird in dem Gefängnis für Schuldner abgeliefert und
dort verwahrt. Er hat seinen Einzug in die Haupt-
stadt gehalten. Anders, als er ihn sich gedacht hat.
Wieder nehmen die Ereignisse ihn an die Hand und
führen ihn .
Obgleich weder er noch einer der Seinigen ein Wort
zu einem der Anhänger hat sprechen können, ob-
gleich zwischen Landung und Verwahrsam geringste
Spanne Zeit lag und nichts an Lärm und Aufsehen
dabei entstand, weiß dennoch schon am gleichen
Tage die ganze Stadt: der Messias ist angekommen .
Der Messias ist im Gefängnis.
Es geht ein stilles bedrücktes Atemholen durch Gläu-
bige und Gegner. Auf den Gassen sorgen sich die
einen und spotten die andern. Gheldi mi? Kommt
er? rufen die Mohammedaner höhnisch und verjagen
die Juden mit einem Hagel von Steinen. Aber die
MIGDAL OS 259
Verjagten kommen wieder. Es drängen sich die Mas-
sen vor dem Gefängnis. Sie warten auf ein Geschehen
oder auch nur auf den Anblick dessen, der, Betrüger
oder nicht, die Welt, ihre Welt erregt. Aber sie war-
ten vergebens , Nicht einmal die Behörden wissen , was
ist und was sein wird, denn noch ist Sabbatai nicht ver-
nommen worden . Erst nach zwei Tagen findet die Ver-
nehmung statt, und sie spielt sich in einer Szene ab,
die das Volk zu Sabbatais Lebzeiten nicht erfährt:
Es erscheint ein Unterpascha des Achmed Köprili,
beileibe nicht er selbst. Das würde der Sache zu viel
Ehre antun und ihr zu große Wichtigkeit beimessen,
wenn er selbst erscheinen würde. Gleichwohl weiß
der Unterpascha genau, um was es sich handelt.
Wenn er es nicht aus der Anweisung des Großvezirs
weiß, so muß er es aus dem Gerede wissen, das durch
Land und Leute geht; die Juden erwarten einen Mes-
sias. Das läßt auch einen Anhänger Muhammeds
nicht gleichgültig. Alle Gläubigkeiten verankern sich
in dem Einstmals, in der endgültigen Beschließung, in
dem trostreichen Ende einer Zukunft, die ihnen ein
Messias herbeibringt, damit endlich einmal die ewige
Kette von Zeugung und Wiederkehr zur Ruhe und
Beschließung komme. Und immer in Abständen ent-
stehen Aussagen über das Nahen eines solchen Mes-
sias, und es kann keiner sagen, woher. So wie keiner
den Wind kennt, der ein Samenkorn auf den schma-
len Streifen Erde im Felsen warf .
Also ergeht die Frage an Sabbatai Ze wi : »Wer eigent-
lich bist du? Bist du der Messias der Juden.»*« Es ist
wie ein untergründiges Anklingen an die Frage, die
Jahrhunderte zuvor der Gouverneur von Judäa stellte .
Aber jener fragte unlustig, unbeteiligt und nur
mit dem unbehaglichen Nebengedanken, daß der Be-
17*
26o ZEHNTES KAPITEL
schuldigte und die, die Anklage erhoben, ihm Unge-
legenheiten bereiten könnten, weil auf Capri ein gich-
tiger, mißtrauischer Greis sitzt, der bereit ist, ihn für
jede Unruhe verantwortlich zu machen. Hier aber
fragt einer mit weniger Verantwortung, dennoch mit
mehr Teilnahme und Erwartung. \
Die Antworten aber, so verschieden sie auch aus-
fallen , haben eines gemeinsam : sie tragen nicht den
großen Freimut des Bekennens. Es mag einer vor
sich und in der Stille und vor seinem Gott wieder und
wieder das Ja aussprechen , das ihn in sich und seinem
Glauben an die Berufung bestätigt. Vor dem Anruf
des Unbeteiligten, vor der verärgerten oder teilneh-
menden Neugier, die nicht fragt, um glauben zu kön-
nen, sondern die prüft, um urteilen zu können , reckt
sich das Gefühl der Unwiderruflichkeit zu einer
schweren, stumpfen Wand des Hindernisses auf.
So rettet der Messias aus Galiläa sich in die zweideu-
tige Formel hinein, mit der er bekennt und mit der er
doch die Entscheidung in die Hände des Schicksals
überliefert: »Du sagst es.« Aber der Mesisias von Is-
mir greift mit beiden Händen nach einen! Anker, der
Sicherheit für sein Schicksal bedeuten kann . Er leug-
net. Er sagt; »Ich bin ein Gelehrter aus Jerusalem,
ausgesandt, um. für die Armen Palästinas Spenden ein-
zusammeln.«
Er leugnet. Er ist keine trotzige Natur. Wie er vor
dem Bann der Rabbiner von Ismir und der Drohung
der Rabbiner von Saloniki das Feld geräumt hat, ohne
sich zur Wehr zu setzen, weicht er auch jetzt einer
Gewalt aus, die ihn greifen will und die ihm gefähr-
lich werden kann. Er kannte aber doch seine Gegner-
schaft und müßte folglich mit der Möglichkeit rech-
nen, daß solcher Angriff auf ihn erfolgen werde. Sich
MIGDAL OS 26i
darauf einzustellen, Zug und Gegenzug zu überlegen,
hatte er Zeit genug gehabt. Aber so wie sich ihm im-
mer von neuem die erfüllende Wirklichkeit versagt,
so versagt er selbst vor der Wirklichkeit, wenn sie
sich ihm darbietet. Er kann seinen Glauben an 'sich
und seine Sendung nur umsetzen, wenn etwas außer
ihm ihn trägt. Tritt etwas ihm entgegen, und er hat
nicht die Gewalt klar auf seiner Seite, dann weicht
er zurück.
So begibt er sich auch hier auf die kleine menschliche
Ebene des Leugnens, und aus dem kleinen mensch-
lichen Bezirk her reagiert der Unterpascha auf diese
Antwort: er holt zu einer mächtigen Ohrfeige gegen
Sabbatai aus. Gegen Sabbatai, nicht gegen den Mes-
sias. Es ist die ausstrahlende, befreiende Reflexbe-
wegung, mit der sich einer die Erlösung von einer
dumpfen Angst triebhaft bestätigt. Ansonsten ist er
von dem Augenblick an mit einer gewissen Zuneigung
für Sabbatai erfüllt, für diesen Menschen, den er
nicht mehr zu fürchten braucht, da er doch nicht der
Messias ist, der nur mit seltener Geistesgegenwart
ein fremdes, viel gepredigtes und nie befolgtes Gebot
erfüllt: der dem Türken gutwillig und mit anspruchs-
loser Demut auch noch die andere Wange hinhält .
Und das rührt den Unterpascha . Er äußert späterhin
in Gesprächen, es hätten die Juden offenbar den Sab-
batai gegen seinen Willen zum Messias proklamiert.
Und der Schlag, den er dem Sabbatai versetzte, habe
den Juden gegolten, die ihn in diese Stelle gedrängt
hätten.
Nach dieser kurzen Befragung geschieht nichts mehr.
Es ist kein Anlaß, etwas zu unternehmen, denn wenn
einer selbst so mit dürren Worten seinen wahren Be-
ruf bekennt, ist kein Grund vorhanden, sich weiter
262 ZEHNTES KAPITEL
ZU beunruhigen. Aber immerhin ist er ein Mensch,
an dem die Unruhe und die Erregung von vielen Tau-
senden sich entzündet. Darum ist es geboten, ihn im
Gefängnis zu lassen und zu verhindern, daß er hier-
hin und dorthin treibt und eine Messiasbewegung
wachsen läßt, die doch keinen Messias. hat. Und das
wieder ist ein Grund, ihn nicht mit der Härte zu be-
handeln, mit der man gefangene Missetäter behan-
delt. Er ist ja nur das Werkzeug einer Missetat, nicht
Urheber. ^
Ein anderer Vorgang aber dringt nach außen, ein Be-
richt, dbr weitergegeben wird, und der, als sei es in
unseren Tagen geschehen, mit der Würde des amtli-
chen Dokumentes in die Welt gesandt wird. Ein küh-
ler diplomatischer Kopf, der »Bailo« Giambattista
Ballarino, Großkanzler der Venetianischen Botschaft
an der Pforte, hat ihn am 1 8 . März 1666, sechs Wo-
chen nach der Gefangennahme des Messias, von Pera
aus an seine Regierung geschickt. Der Bericht ist un-
pathetisch und ist doch in dem, was er sagt, mit den
Un Wahrscheinlichkeiten angefüllt, die das ständige
Kolorit dieser ungleichmäßig schimmernden Gestalt
abgeben. Der Gesandte fühlt das und bricht dem
Einwand des Märchens die Spitze ab: » Chiudo quest
humilissima lettera con racconto forse nelFapparenza
vano e sowerchio, da me perciö pretermesso nei pas-
sati dispacci, ma altrettanto essentiale nel riflesso a
vantaggi che van ricavando questi Barbari da qualun-
que nuovo emergente.«
Er weiß alsdann zu berichten, woher die Bewegung
kommt, wohin sie zielt und wie sie die Menschen
durcheinander wirft, die sich ihr hingeben. Ihm ist
auch bekannt, daß schon vor Sabbatais Landung der
Stab über den Messias gebrochen und das Todesur-
MI GOAL OS 263
teil gegen ihn verhängt worden ist. Und nun erhebt
sich die Frage : warum ist das Urteil nicht vollstreckt
worden? Alle zeitgenössischen Berichte bestätigen
doch, und Köprilis Politik für die Sicherheit der
Pforte macht es wahrscheinlich, daß mit gefähr-
lichen, bedrohlichen oder auch nur verdächtigen
Menschen wenig Aufhebens gemacht wurde . Man
beseitigte sie und war eine Sorge los. Was war ge-
schehen, daß man Sabbatai Zewi nichts tat?
Nichts war geschehen, als daß Sabbatai Zewi eine
Audienz bei Achmed Köprili nachgesucht und er-
halten hatte. Er hatte eingesetzt, was er einzusetzen
hatte: seine Erscheinung, seine Stimme, seine er-
staunliche Beherrschung der arabischen Sprache, die
Suggestibilität seines ganzen Wesens . Und der Groß-
vezir ließ ihn am Leben, vollstreckte ein fertiges Ur-
teil nicht, ließ es bei der Freiheitsbeschränkung be-
wenden und machte außerdem eine Ehrenhaft daraus.
Aber seltsam, daß nichts über den Inhalt dieser Un-
terredung verlautbart wird. Hat Sabbatai um sein
Leben gebettelt ? Erwies er sich als so harmlos, daß es
nicht nötig schien, das Urteil zu vollstrecken? Hat er
den Großvezir überredet oder überzeugt? Ein Zeit-
genosse vermerkt: »Was Sevy dar proponiret, will
ich nicht berühren, weil es sehr ungewiß . . .«
Ballarino weist einen Ausweg, um das Unwahrschein-
liche dieses Ausgangs glaubhaft zu machen. Er sagt:
die türkischen Staatsmänner haben die Bewegung
letztlich geduldet, um von den Anhängern eben dieser
Bewegung Geld zu erpressen. Gewiß, sie haben sich
an der Bewegung bereichert. An welcher Bewegung
oder an welcher Bewegungslosigkeit vogelfreier Men-
schen hätte sich der Machthabende nicht bereichert ?
Es zeigt aber hier der weitere Lauf der Dinge, daß im
264 ZEHNTES KAPITEL
Anfang die Sorglosigkeit und im weiteren Verlauf
die Furcht ihre Hände nachlässig und dann unsicher
machte . Aber vielleicht Hegt die ganze Lösung des
Rätsels nur in persönlichen Dingen, die sich zwischen
dem Vezir und Sabbatai Zewi abspielten. Indiskrete
Quellen verraten ausdrücklich Achmed Köprilis Vor-
liebe für schöne Männer.
So sitzt also Sabbatai im Gefängnis von Konstanti-
nopel . Es werden ihm viele Vergünstigungen einge-
räumt. Er wird nicht in Ketten gelegt. Er wird in
einen Raum gebracht, der wohnlich ist und mehr
nach Ehrenhaft als nach Zelle aussieht. Sein. Freund
und Sekretär Primo erhält einen Nebenraum ange-
wiesen. Sabbatai darf bestimmen, wen noch aus dem
engeren Kreise seiner Freunde er ständig neben sich
zu haben wünscht. Bis auf die mangelnde Freiheit
mangelt ihm nichts. Es ist vielmehr so, daß er in
dieser erzwungenen Ruhe, in der Isolierung wider.
Willen die Kraft findet, sich zu einem neuen, ge-
waltigen Vorstoß zum Kampf mit Gott zu rüsten.
Er verbringt seine Zeit mit härtesten Kasteiungen .
Gebete wechseln ab mit Fasten, immer erneut, oft
bis zu drei Tagen ausgedehnt . Er stemmt sich , wie-
der einmal tief gläubig, gegen die Stunde der Erlö-
sung und will sie mit Gewalt heraufführen . Und im-
merhin gelingt es ihm, die Vorboten zu erzwingen.
Feurige Erscheinungen lösen je und je die Verzük-
kung oder die Verkrampfung seines Büß Werkes. Ne-
ben ihm steht Primo, begabt mit scharfen Augen für
jede Wandlung in der Haltung und im Ausdruck des
Messias, begabt mit beredten Worten, um sogleich
den Menschen, die draußen warten, zu berichten,
wie die Bereitschaft des Himmels sich unerschöpflich
in neuen Wunderzeichen geäußert habe.
MIGDAL OS 265
Zum Büß werk, wie es die praktische Kabbala vor-
schreibt, gehört das Tauchbad. Sabbatai erbittet von
den Behörden die Erlaubnis, täglich an den Strand
des Meeres zu gehen und dort, vor den Augen seiner
Anhänger, die rituelle Handlung zu vollziehen. Sei-
ner Bitte wird nachgegeben. Und nun beginnt ein
seltsames Schauspiel. Vom Gefängnis aus setzt sich
ein kleiner Zug Menschen in Bewegung: Sabbatai
und seine engsten Freunde . Aber der Zug wächst mit
der Länge der Straßen . Gläubige jubeln hinter ihm
her. Ungläubige fluchen hinter ihm drein, die Gasse
wirft Spott und Hohn und Beleidigung auf beide.
Ein Tumult wälzt sich täglich bis an das Meer. Aber
unbeirrt von allen Vorgängen steigt Sabbatai zu lan-
gem, atemraubendem Tauchen in das winterlich
kalte Wasser, jetzt ganz Mensch, der um der Wir^
kung willen und weil Tausende ihm zusehen ^ aus-
führt, was der wieder aufbrechende Fanatismus sei-
nes Willens sich vorgesetzt hat. Aber die Tumulte
steigern sich . Die Leidenschaften werden bei diesem
Zug an das Meer gegeneinander ausgetragen . Die
Ideen gleichen sich in Prügeleien aus . Da gehen Sab-
batais Anhänger zu Achmed Köprili und bitten um
militärischen Schutz für die tägliche Prozession.
Der Großvezir ist bereit , diesen Schutz zu gewähren .
Allerdings beträgt der Preis dafür 60000 Realen.
Aber welche Rolle spielt das Geld in diesem Zustand
der Gemüter? Es sind doch im eigenen Lande, ganz
abgesehen von Auslande, überreichlich Menschen,
die ihr Hab und Gut verkauft haben, da sie es bei der
Rückkehr in das heilige Land nicht mit sich schleppen
können . Und nichts ist selbstverständlicher und be-
glückender, als das erlöste Geld dem zu opfern, der
sie auf der entscheidenden Wanderung führen wird.
266 ZEHNTES KAPITEL
Die 60000 Realen werden sofort bezahlt, und fortan
begleiten die Soldaten des Sultans schützend den
Mann, der auf eben diesen Wegen sich für die gött-
liche Mission stärkt, die Macht von diesem Sultan
abzunehmen und sie auf sich zu übertrage^.
Da es den Menschen nicht mehr genügt, ihren Messias
nur auf der Straße und im Tuniult zu sehen, gehen
sie von neuem zu Achmed Köprili und erkaufen ge-
gen Zahlung von weiteren 40000 Realen das Recht
des Sabbatai, jederzeit jedisrmann als Besucher zu
empfangen . Sogleich drängen sich die Gläubigen und
die Neugierigen, Juden und Mohammedaner, und
wollen den Messias sehen . Sabbatai weist niemanden
ab. Mit der Sekunde, in der die Menschen vor ihn
hin treten und willens sind, aufzunehmen, was er
sagt, zu glauben, was er verheißt und anzuerkennen,
was er sich an Bedeutung und Würde zumißt, ist der
gelehrte Spendensammler aus Jerusalem endgültig;
versunken, steht wieder da der Auserwählte, den es
aus dem Übermaß zwang, den heiligen Namen aus-
zusprechen, um sich zu bekennen. Auch ohne die
äußere Freiheit, und schon, weil er für den nächsten
Augenblick keine unmittelbare Gefahr drohen sieht,
kehrt ihm die alte Sicherheit zurück, geht von, ihm
das Bezwingende aus, das ihm Anhänger verschafft:
die schattenhafte Tiefe seiner Auslegungen und Er-
klärungen, das Tönende der Stimme, das Fluidum
aus Haltung und Ausdruck des Gesichtes und dem
ver'sch wärmten Glanz dunkler Augen. Und was
nicht aus ihm kommt, wird in ihn hineingetragen:
Berichte von Wundern, die keiner gesehen hat, die
aber jeder bezeugt, da er sie aus sicherer und gewisser
Quelle erfahren hat. Wären es kleine Wunder, so
möchte sich wohl der Zweifel regen. Da es aber die
MIGDAL OS 267
großen, erstaunlichen , unfaßbaren und darum un-
trüglichen Wunder sind, kann man sie nicht bezwei-
feln, man müßte sie denn widerlegen können. Es
widerlegt sie niemand. Es nehmen sie vielmehr auch
die NichtJuden gläubig hin, und da sie doch keinen
Anlaß haben, einen fremden Messias sehr zu lieben,
zumal sie auf einen eigenen Messias hoffen, ist um so
mehr zu beachten und als Wahrheit hinzunehmen,
was sie selbst darüber berichten. Es sind teils sehr
konfuse Dinge, aber sie haben alle einen Kern, der
das Zentrum ihrer Phantasie trifft: die Tempel-
mauer, die aus der Erde wächst, die Hunderttausende
der verlorenen Stämme, die aus dem Nichts wie-
der auftauchen, die feurigen Säulen, die Stimmen aus
den Gräbern, das Lallen und Prophezeien von Kin-
dern. Und schon längst sind die Vorgänge bei der
Verhaftung Sabbatais in den Bezirk des Wunder-
baren eingegangen . Sabbatai ist nicht verhaftet wor-
den . Er ist nach Konstantinopel geikommen und hat
dem Sultan durch den Groß vezir mitteilen lassen,
er wünsche Audienz bei ihm . Der Sultan hat den
Vezir statt einer Gewährung angewiesen, Sabbatai
Zewi festnehmen zu lassen . Ein Aga mit 50 Jani-
tscharen erscheint zu diesem Zweck, aber wie er den
Messias sieht, wagt er nicht, ihn zu berühren. Er
kommt zum Groß vezir zurück, klagend, das sei kein
Mensch, das sei ein Engel, dessen Anblick er nicht
ertrage. Selbst bei Verlust seines Lebens könne er
den Auftrag nicht ausführen. Der Vezir sendet einen
anderen Aga und läßt ihn von 200 Janitscharen beglei-
ten. Dem geht es nicht besser als dem ersten. Da be-
gibt sich Sabbatai, nachdem er diese Probe seiner
Macht abgelegt hat, freiwillig in die Gefangenschaft.
Die Juden ziehen von diesen Berichten ab, was ihnen
268 ZEHNTES KAPITEL
Ergebnis der Angst und Erschütterung bei den An-
dersgläubigen erscheint. Denn sie sehen schon ein
wenig hochmütig Und überlegen auf die anderen her-
ab, die durch sie und durch ihren Messias der Erlö-
sung teilhaftig werden sollen . Und wenn ihnen einer
entgegnet, daß er noch keines der Wunder gesehen
habe, das vom Messias ausgegangen sei, so haben sie
ein Argument, dem jeder Vernünftige zustimmen
muß: »Ist es nicht schon ein Wunder, daß Sabbatai
noch lebt ? Daß man ihn nicht kurzerhand beseitigt
hat? Der Sultan ist sonst nicht zaghaft, wenn es sich
um die Entfernung bedenklicher Menschen handelt.«
Darauf ist nur zu erwidern, daß Sabbatai dann wohl
dem Sultan nicht als Messias bekannt sein müsse .
Aber gegen diesen Einwand steht die Gewichtigkeit
von Tatsachen. Es ist nicht mehr zu übersehen , we-
der in der Massenhaftigkeit noch dem Sinne nach,
daß der Andrang von Menschen zu Sabbatai Zewi un-
heimlich wächst und was er zu bedeuten hat. Mög-
lich, daß Sabbatai, zum andren Male befragt, auch
heute noch antworten würde: »Ich bin ein Sammler
von Spenden.« Das ändert nichts daran, daß die Be-
wegung um ihn und zu ihm hin wächst, daß er nichts
tut, sie einzuschränken, daß er alles tut^ sie am Leben
zu erhalten. Sein Verhalten widerruft und wider-
legt seine Erklärung. Ist er aber doch der Messias,
dann haftet an ihm die Prophezeiung des Nathan
Ghazati, der er nie widersprochen hat: er werde
dem Sultan die Krone vom Haupte nehmen und sie
sich selber aufsetzen .
Wenn man ihm dennoch nichts tut, so heißt das, daß
man nicht wagt, ihm etwas zu tun. Man legt nichl:
Hand an einen Menschen, der vielleicht doch der
Messias ist. Das Beispiel der Vielen, die ihren Glaü-
MI GOAL OS 269
ben an ihn bekunden, macht unsicher und schwan-
kend. Es kommen, um den Messias zu sehen, selbst
die ganz Armen, die ihr letztes Stückchen Habe ver-
kaufen müssen, um nur den Zehrpfennig für die Rei-
se zu haben. Sabbatai gibt ihnen gnädig Trost und
sagt ihnen voraus, daß sie für diese Tat einmal beson-
deren Reichtum erwerben würden. Es kommen an-
gesehene Juden zu ihm ins Gefängnis, stehen da einen
ganzen Tag lang vor ihm, den Kopf gebeugt, die Ar-
me über der Brust. gefaltet, ohne-ein Wort zu sagen,
ohne sich zu rühren, unbeweglich in der Andacht.
Und Sabbatai nimmt das an. Er läßt das geschehen.
Er erträgt das, weil es ihm zukommt. Schon fangen
in der. Stadt Menschen gleich denen in Ismir an, in
Verzückungen zu geraten und vom Messias Sabba-
tai Ze wi zu künden . In der einstmals feindlichen
Stadt neigt sich unwiderstehlich alles ihm zu. Bis in
den Alltag hinein lassen sie den Messias und seinen
Einfluß wirken. Da sind viele, die sich der Buße hin-
geben und ihre Geschäfte.im Stich lassen. Darunter
leiden manche Handelsbeziehungen ; darunter leiden
vor allem viele englische Kaufleute, die mit den Juden
Geschäfte treiben . Sie können ihr Geld nicht bekom-
men, weil die Läden geschlossen sind und nichts ver-
kauft wird. Da wenden sie sich in ihrer Not an den,
dem sie Einfluß und Autorität zuschreiben : an den ge-
fangenen Messias. Er sieht die Berechtigung ihrer
Klagen ein. Er beweist ihnen, über welche Macht er
verfügt. Sogleich läßt er durch Primo ein Rundschrei-
ben verfassen und verbreiten:
»Euch von dem Geschlechte Israels, die Ihr die Zu-
kunft des Messias und das Heil Israels erwartet, sei
ewiger Friede ! -- Ich habe in Erfahrung gebracht, daß
Ihr noch einigen Engländern Geld schuldig seid. So
270 ZEHNTES KAPITEL
erachte ich es für billig, Euch hiermit zu befehlen,
diese Schulden abzutragen. Weigert Ihr Euch, sol-
ches zu tun und meine;n Befehl nachzukonimen, so
wisset, daß Ihr nicht in unsere Freude und in unser
Reich eingehen werdet.«
Solchem Befehl widersetzt sich keiner . Sie zahlen ihre
Schulden.
Daß ein Mensch, obgleich er im Gefängnis sitzt, noch
solche Macht entfalten kann, gibt ein unbehagliches
Gefühl. Vielleicht ist es doch geraten, ihn zu besei-
tigen. Vielleicht ist es gefährlich. Es ist nicht abzu-
sehen. Darum entschließt sich Köprili nur zu einer
ausweichenden, Schwäche und Unsicherheit verra-
tenden Maßnahme: er läßt Sabbatai in eine Festung,
in das SchlossAbydos auf Gallipoli, überführen . Dort,
hofft er, wird man ihn besser überwachen und leich-
ter von dem wachsenden Stroni der Besucher und An-
hänger abschließen können .
Er hat vor allem, wenn es hier einer Rechtfertigung
bedarf, einen äußeren Grund für diese Maßnahme.
Er ist im Begriff, zum Kandiotischen Krieg auszu-
ziehen, wird einige Zeit fernbleiben und fürchtet, die
wachsende Unruhe unter den Juden möchte inzwi-
schen die Sicherheit der Stadt gefährden.
Es hätte noch eine andere Möglichkeit gegeben, bei-
nahe eine endgültige, die ganze Problematik mit ei-
nem Schlage aufzulösen . Die Juden selbst haben sie
Köprili angeboten. Sie haben weitere 100.000 Re-
alen aufgetrieben und bieten sie dem Großvezir an für
die Enthaftung Sabbatais. Köprili ist einverstanden.
Aber Sabbatai ist nicht einverstanden . Mit einer gro-
ßen Gebärde stemmt er sich gegen diesen Plan. Er
will nicht, daß auch nur ein Heller für seine Befrei-
ung ausgegeben werde. Er weiß und verkündet, daß
MIGDAL OS 271
, es nur noch wenige Tage bis zum Eintritt großer, of-
fenbarer Wunder sei. Er verkündet und die Men-
schen glauben noch inniger. Er spielt einen großen
Trumpf aus und überdenkt um der augenblicklichen
Wirkung willen nicht, ob es nicht doch die allerletzte
Karte sei, die er in diesem Spiel mit der weltlichen
Macht zu vergeben habe. Er gewinnt Anhänger und
verliert die letzte Chance seines Lebens, wenn auch
zunächst alles ihn zu bestätigen scheint. Am Rüsttag
des Passahfestes, am 14. Nissan, wird er nach Aby-
dos gebracht, am Vorabend des Festes, an dem die
Befreiung aus Ägypten gefeiert wird.
Auch der Großvezier muß einsehen lernen, daß zum
mindestens für ihn und für die Interessen, die er zu
wahren hat, mit der Verschickung nach Abydos nichts
gewönnen ist. Auch nach Gallipoli hin finden die An-
hänger des Sabbatai ihren Weg. Sie finden ihn sogar
leichter und weit zahlreicher, denn sie haben jetzt ein
Hindernis zu überwinden . Mag auch ein Messias vor
dem drohenden Gesicht der Tatsachen immer wieder
ausweichen und später erneut vorstoßen : eine gläu-
bige Masse von Menschen kennt diese Pendelbewe-
gung der Kraft nicht. Der Richtungssinn ihres Wol-
lens, vom Gefühl übermäßig genährt, ist eindeutig.
Er ist auf das Ziel als das letzte erlösende Erlebnis ge-
richtet. Widerstände schwächen nicht, sondern fal-
len der seelischen Energie als Ansporn und Nahrung
zu. So wird auch dieses Hindernis spielend über-
wunden. Es muß doch im Plan Gottes beschlossen
liegen, daß der Feind jetzt erneut seine Hand an den
Messias legt . Im großen Zusammenhang aber ist alle
Demütigung nur dazu gegeben, um den Aufstieg her-
nach um so großartiger erscheinen zu lassen. So wie
Gott das Herz des Pharaonen in Ägypten immer wie-
272 ZEHNTES KAPITEL
der und immer grausamer verhärtete, um dann die
endliche Befreiung zum äußersten Triumph des gött-
lichen Willens zu steigern. Darum wird, was heute
Festung und Gefängnis ist, morgen schon eine Burg
sein, in der der Messias residiert und die Huldigun-
gen einer Welt entgegennimmt; eine Burg, in^der er
seine Macht offenbart. Und so sagen die Gläubigen
nicht mehr Abydos, sondern Migdal Os, Machtburg.
Was sie so in dem Glauben und aus der bildnerischen
Vorstellung vorwegnehmen, findet von einem Tage
zum anderen \n der Wirklichkeit seine erschütternde
Bestätigung. Es setzt ein Strom von Besuchern ein,
den Gallipoli nie zuyor und hernach gesehen hat. Der
Ort der Isolierung wird ein Pilgerort. Der Komman-
dant der Festung, erst fassungslos vor diesem An-
drang fremder und seltsamer Menschen, findet recht
schnell die Form, sich damit abzufinden : er gestattet,
um gerecht zu sein, jedem Besucher gegen einen be-
' stimmten Geldbetrag den Eintritt zu Sabbatai. Er
nimmt acht bis zehn Taler von jedem Besucher ; zum
Teil auch mehr. Er wird dabei ein reicher Mann und
hat nichts zu bereuen . Die Einwohner von Gallipoli
sehen die vielen Besucher gerne, denn sie bringen
Geld in den Ort und beleben Handel und Hand werk .
Die Dardanellenstraße weist eine ungewöhnliche Fre-
quenz auf. Die Schiffahrtspreise erhöhen sich täglich .
Konjunktur. . .
Denn es kommen nicht nur die armen und gedrückten
Juden aus Konstantinopel ^ind den anderen Städten
der Türkei . Eine Welt hat sich in Bewegung gesetzt
und hat ihre Boten zu Sabbatai Zewi gesandt. Tag-
täglich kommen Reisende zu Lande von weither . Tag-
täglich kommen Schiffe, von Venedig, Livorno, Ham-
burg, Amsterdam. Es kommen mit den Worten und
MIGDAL OS ^73
Grüßen demütiger Huldigung zugleich die Gaben,
die man dem Auserwählten des Volkes schuldet. Geld
in überreicher Fülle wird nach Gallipoli gebracht. Es
langen Ladungen von Tischen, Stühlen, vergoldeten
Sesseln, Teppichen erlesenster Art, Gewandungen,
Schmuckstücken und Gefäßen an. Die kahlen Räume
der Festung beleben sich feierlich und prunkvoll
zu fürstlichen Gemächern . Aus den Gefangenen Wär-
tern wird eine Ehrengarde. Alle Räume dienen nur
noch dazu, Sabbatai Zewi und seinen Freunden und
seinem Anhang als Residenz zu dienen . Nichts wagen
die türkischen Behörden gegen diese Vorgänge zu un-
ternehmen . Es vollzieht sich alles zu unwahrschein-
lich, zu großartig, zu pomphaft und zu plötzlich.
Über dem Staunen und über der ängstlichen Befan-
genheit lassen sie die Pinge treiben und gewähren.
Die Juden frohlocken: man hat den Messias in eine
Grube werfen wollen. Statt dessen wurde ihm ein
Thron bereitet.
Und so wird über Nacht und gegen alle vernünftige
Voraussicht dicht neben der Residenz des Sultans eine
andere errichtet, aus dem Glauben, nicht aus der
Macht her, und die nahenden Wochen und Monate
müssen entscheiden, wie ihre Kraft zu einander steht
und sich auswirkt.
18 Kastein Zewi
ELFTES KAPITEL
KATASTROPHE
18*
ELFTES KAPITEL 277
IN DER ,MACHTBURG* HAT DAS LEBEN EINES RESI-
denten begonnen . Nichts fehlt von den Dingen und
Vorgängen, die das Leben eines Herrschers im alten,
romantischen Sinne begleiten . Es kommen diejenigen,
über die der Herrscher gebietet, und die ihm ihre
Treue und Ergebenheit bekunden wollen. Das sind
nicht nur die einzelnen unter seinen Anhängern, es
sind vor allem die offiziellen Vertreter der Gemein-
den von weit her . Allerdings haben diese Abordnun-
gen einen doppelten Sinn. Sie sollen, ehe sie huldigen
und anerkennen, zugleich Klarheit in das Übermaß
der Gerüchte bringen und den Behauptungen der Geg-
ner nachgehen, daß hier nicht ein Messias am Werke
sei, sondern ein ungewöhnlich geschickter Betrüger.
Es ist kaum ein Land, daß nicht seinen Vertreter ent-
sendet.
Und es ist seltsam: keine der Abordnungen, die nach
Abydos kommt, verläßt diesen Ort, ohne auf das
tiefste geblendet und ergriffen zu sein . Dabei sind es
zumeist Männer, die mit allen Feinheiten des Tal-
muds wie der Kabbala vertraut sind, die zu denken ver-
stehen, die nicht zu blindem Vertrauen neigen, und
die aus der Fülle der Enttäuschungen, die ihr Volk
zu tragen hatte, an Zweifel gewöhnt sind. Es er-
weist sich, daß nicht nur das Volk mit seiner schlich-
ten Bildung oder gar seiner Unbildung an ihm hängt,
sondern daß fast alle bedeutenden Gelehrten, insbe-
sondere Rabbiner von Asien, Afrika, Deutschland,
Polen, Italien und Holland mit ganz geringen Aus-
nahmen Anhänger des Sabbatai sind. Sie legen damit
das erschütternde Bekenntnis von der ständigen Ge-
genwärtigkeit und Bereitschaft der messianischen Idee
ab. Da der Glaube an einen Messias und an eine mes-
278 ELFTES KAPITEL
sianische Zeit eine unlösbare Verbindung mit ihrem
Alltag eingegangen ist, steht ihnen die Verwirk-
lichung jenseits des- Wunderbaren . Und steht sie
ihnen im Wunderbaren, so ist eben für sie das Wun-
der kein Ausnahmezustand im Bild der Welt, sondern
nur eine Manifestation des Göttlichen, mit der sie
ehrfürchtig vertraut sind. Sie brauchen nicht den
unfruchtbaren, kümmerlichen, in seiner Rationalität
so armseligen Umweg des modernen Menschen, alle
Wunder und Wunderberichte auf das kleine Maß des
logisch Deutbaren und Ab wägbaren zurückzuführen.
Der undeutbare Rest, aus dem immer das Leben be-
steht, und in dem sich das Leben immer wieder aus-
drückt, ist ihnen die gelebte, die unabweisbare, die
letzte Wirklichkeit .
Es hätte allerdings keine noch so lebendige innere Be-
reitschaft vermocht, ihnen den Glauben zu erhalten,
oder gar noch zu stärken, wenn nicht von dem, der
Mittelpunkt eben dieses Glaubens war, eine Sugge-
stion von ungewöhnlicher Gewalt ausgegangen wäre .
Nie ist diese seine Kraft größer und wirksamer, nie
imponierender und erfolgreicher gewesen als in die-
sen Monaten, da er als. ein Gefangener zu Abydos
sitzt, zwar in prunkvollen Räumen, aber doch in ei-
ner Festung ; zwar ständig von Menschen umgeben ,
die ihm huldigen, aber doch von solchen, die dem
Gefängniswärter erst die Erlaubnis abkaufen müssen ;
zwar in der freien Haltung eines. Königs, aber doch
durch den Zwang einer fremden Gerichtsbarkeit an
seinen Ort gebunden. Nichts kann den Hellsichtigen
darüber täuschen, daß man es hier mit einem politi-
schen Gefangenen zu tun hat, dem man eben aus po-
litischen Gründen ein großes Maß persönlicher Frei-
heit zugesteht, der aber im übrigen ein Gefangener
KATASTROPHE 279
ist und bleibt, in vorsichtiger Entfernung von Wa-
chen und Soldaten umgeben, in allem blendenden
Schein doch zur Ohnmacht verurteilt.
Alles das fegt Sabbatai Zewi mit einer großen Gebärde
zur Seite. Er sieht es nicht; will es nicht sehen. Und
wenn er es doch sieht, macht er es für die anderen un-
sichtbar. Vor ihre prüfenden Blicke, die sicher oft
von einem stillen Argwohn geschärft sind, drängt er
sich, seine Erscheinung, seine Worte, seine Edikte,
seine Hofhaltung, seine Gläubigen, daß sie blind
werden wie er selbst, berauscht wie er selbst, und
daß sie nichts spüren als die ungeheuer tragfähige
Gewalt der Bewegung. Sie übersehen dabei, daß die
Tragkraft der Bewegung jenseits der Festung Abydos
liegt und nicht drinnen ; daß die Tausende sie dar-
stellen und nicht Sabbatai Zewi; daß sie selbst sich
willig als neue Stütze in das Gebäude einordnen,
während auf dem First nur einer steht, der eksta-
tisch eine Flagge schwingt.
In immer neuen Manifestationen entlädt Sabbatai
Zewi sein Ichgefühl. Der 9. Ab kommt heran, der
Tag der Zerstörung des zweiten Tempels . Aber die-
ser Tag ist zugleich der Geburtstag Sabbatais. Er
schickt Boten nach Ismir und läßt Sarah, die Königin
holen . Und kurz vor dem dunklen , schweren Erin-
nerungstage geht ein Edikt Primos an die Judenheit
der Welt hinaus :
»Der erstgeborene Sohn Gottes, Sabbatai Zewi, der
Messias und der Befreier der Juden, entbietet allen
Kindern Israels seinen Frieden !
Nachdem Ihr gewürdigt worden seid, den großen Tag
der Erlösung zu erleben und die Erfüllung des Wor-
tes Gottes, das er durch die Propheten und unsere
Väter gegeben hat, müssen Eure Klagen und Sorgen
28o ELFTES KAPITEL
in Freuden verwandelt werden, o meine Kinder Is-
raels. Erfreut euch mit Gesang und Lied, weil Gott
Euch Trost gegeben hat, und wandelt den Tag, den
Ihr einst in Trauer und Sorge verbracht habt, in einen
Jubeltag, weil ich erschienen bin. Ihr sollt euch nicht
fürchten , denn Ihr werdet die Herrschaft bekommen
über alle Völker, und nicht allein über die, die auf der
Erde sind, sondern auch über die Kreaturen, die in
der Tiefe des Meeres verborgen liegen . . . «
Und aus Eigenem fügt Sabbajai hinzu : »Höret auf
mich und eßt gut und freuet Euch und kommt zu
mir. Höret auf mich und sorgt nicht um eure Seele,
denn ich werde den ewigen Bund schließen zwischen
Euch und derWelt. So sagt David ben Isai, der größte
unter den Königen der Erde, der erhaben ist über
jeden Segen und jeden Lobspruch, der Löwe, stark
wie ein Bär, Sabbatai Zewi.«
Aber Primo kennt die Bedeutung von Segen und Lob-
spruch besser. Er verfaßt und verordnet für die Feier
des 9 .Ab dieses Gebet: »Gib uns, Gott unser König,
in Liebe Feste zum Freuen und Feiertage und Gezei-
ten zur Freude, den Tag des Trostes, den Tag, an dem
unser König, unser Messias Sabbatai Zewi geboren
wurde, dein Knecht und dein ältester Sohn, in Liebe,
zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten .<(
Er gibt ferner für die Feier des Geburtstages des Mes-
sias folgende Anweisungen an die Juden : sie dürfen an
diesem Tage mit keinem NichtJuden umgehen . Sie
dürfen keine Arbeit verrichten, es sei denn die, Mu-
sik in der Synagoge zu machen . Sie haben besondere
Stellen aus dem Buche der Schöpfung »Im Anfang«
zu lesen, besondere Psalmen und das Gebet, das er
ihnen verfaßt hat. Und im besonderen: sie sollen sich
freuen und gut essen .
KATASTROPHE 28 1
Was Sabbatai Zewi da unternimmt, dieser Angriff auf
den großen, heiligen, unendlich tief in den Herzen
aller Juden verankerten Tischa be'Ab, ist eine Kraft-
probe. Sie ist für den Gläubigen und den Wider-
strebenden eine unerhörte Provokation. Aber die
Probe wird bestanden . Das Volk besteht die Probe.
Das neue Element, das in ihr Leben getreten ist,
bricht die heiligsten Fesseln und begehrt endlich zu
seinem Recht zu kommen : die Freude am Dasein .
Wer bräche nicht die schwerste Fessel, die um einen
Menschen liegt, wenn er ihm Freude gäbe.?
Der Jubel in Konstantinopel ist ungewöhnlich groß.
Wörtlich wird alles befolgt, was Primo vorschreibt.
Niemand bezweifelt, daß Sabbatai Zewi die Quelle
neuer religiöser Gesetzgebung darstellt. Mit tiefster
Teilnahme und Ehrerbietung wird auch die Verheis-
sung empfangen, die er in einem Briefe an seine Ge-
meinde nach Ismir zum Ausdruck bringt: jeder, der
an das Grab seiner Mutter geht und die Hand darauf
legt, soll so viel Verdienst vor Gott dadurch erwer-
ben , als ob er den heiligen Tempel zu Jerusalem be-
sucht habe . So macht er das Grab seiner Mutter zu
einem heiligen Ort und legt ihm die historische Be-
deutung bei, die das Grab der Urmutter Sarah in der
Höhle zu Machpelah bei Hebron hatte.
Im weiteren Verlauf hebt Sabbatai auch den Fasttag
des 17. Tammus auf, den Tag, der dem Andenken
an die Einnahme der Stadt Jerusalem dient. Aber da-
für bestimmt er einen neuen Festtag, den 23. Tam-
mus, der zuerst auf den 26. Juli 1666 fällt. Es ist
dieser Tag, sagt er, sieben Tage nach seinem Er-
wachen zur messianischen Berufung. Darum muß er
wie der heiligste Sabbath gefeiert werden . 4000 Ju-
den befinden sich an diesem Tage in Abydos . Sie ge-
282 ELFTES KAPITEL
horchen stumm und freudig und feiern einen Sabbath,
der auf einen Wochentag fällt.
Von außen her strömen ihm Bestätigungen zu . Nicht-
juden verfallen der Suggestion, die von der jüdischen
Umgebung ausgeht, und treten zum Judentum über.
Ein Derwisch, weiß gekleidet, tritt auf, predigt und
verkündet den Messias Sabbatai Zewi. Die Türken
nehmen Ärgernis daran und verprügeln den Der-
wisch. Er predigt weiter. Sie sperren ihn in das Irren-
haus, aber er läßt nicht von ^seinen Verkündigungen.
Sie entlassen ihn, und er predigt weiter von Sabbatai
Zewi.
Da ist ein Jude, Moses Suriel, der in ekstatischen An-
fällen durch die Gassen schreit, die Erlösungszeit
ankündigt und die Menschen zur Buße aufruft. Er
hat großen Zulauf. Wo er erscheint, gibt es erregte
Szenen, wilde Zusammenstöße. Die Türken be-
schweren sich darüber beim Großvezier . Der weiß ,
nicht, was er solchen Erscheinungen gegenüber tun
soll, und gibt den Vorständen der Gemeinde auf, sel-
ber für Ordnung zu sorgen. Aber was können die
noch an Ordnung befehlen? Sie wenden sich an Sabr
batai, und der befiehlt Suriel, vor ihm zu erscheinen .
Er kommt . Sie haben ein Gespräch unter vier Augen .
Dann geht Suriel wieder wie sonst durch die Gassen
und schreit ekstatisch nach Erlösung und Buße .
Wer unter den Gläubigen und Anhängern noch den
letzten Zweifel hat und meint, es könne nicht immer
so weiter gehen mit Hofhaltung und Edikten und
Wunderzeichen , sondern es müsse etwas Neues und
Entscheidendes geschehen, der wird beruhigt durch
einen Brief Nathans aus Gaza, der jetzt in Abydos
eintrifft. Darin wird verkündet, daß Sabbatai Zewi
noch vor dem Ende dieses Jahres gekrönt werden
KATASTROPHE 283
Würde. Weithin wird der Brief verbreitet . Sabbatai
entschließt sich zu einer vorsorgenden , königlichen
Maßnahme. Er ernennt drei Personen, die er nach
Amsterdam, Venedig und Livorno absenden will.
Sie sollen in diesen drei Städten als seine königlichen
Gesandten residieren . Die Ernennung ist erfolgt, aber
Primo hat die Abreise der Gesandten verhindert. Er
ist immer der klügere Diener gewesen.
Was sich jetzt noch gelegentlich als Gegner zu be-
kunden wagt, verfällt einer schnellen Justiz. Da ist
in Konstantinopel ein wohlhabender Kaufmann , dem
bei der Sache nicht geheuer ist. Er begibt sich - ein
Tatbestand von ewiger Aktualität - zum Großvezier
und erklärt, er persönlich sei mit der Bewegung nicht
einverstanden . Für alle Fälle wolle er hier zu Proto-
koll erklären, daß er an allen Vorgängen unbeteiligt
sei und sie mißbillige . Das Volk erteilt ihm die Quit-
tung für sein Verhalten . Es kauft sich einige Zeugen ,
die vor Gericht bekunden, daß dieser Kaufmann
Hochverrat getrieben habe. Er wird zur Galeeren-
strafe verurteilt. Von Ismir aus beklagen sich einige
Leute, wahrscheinlich auf Betreiben la Papas, über
den irreligiösen Lebenswandel Sabbatais . Aber das
Konstantinopel von heute ist nicht mehr das Kon-
stantinopel von einst. Als Antwort erhalten sie, von
über zwanzig Gelehrten unterschrieben, einen Nidui,
eine Ausstoßung zugestellt, eine Form des Bannes.
»Alles Schlechte soll an Euch haften, wie es in der
Thora geschrieben steht, bis Ihr Euch bekehrt habt ! «
Alle diese Vorgänge erhellen den Tatbestand dahin:
der Messias ist kein Gefangener. Er ist der Allge-
waltige, dessen Macht täglich und stündlich wächst,
und für den die Krone schon bereit gehalten ist.
Es ist darum nicht sonderbar, daß viele Gemeinden,
284 ELFTES KAPITEL
in denen kluge, kritische, philosophisch geschulte
und sehr aufgeklärte Köpfe sitzen und beschließen,
von jeder Prüfung des Messias absehen und sich be-
dingungslos der Huldigung anschließen . Aus Amster-
dam machen sich die Führer der sabbatianischen Par-
tei, Pereyra und Naar, auf den Weg, weil sie zusam-
men mit Sabbatai von Konstantinopel nach, dem hei-
ligen Lande ziehen wollen . Wie sie auf dem Wege
sind, wird ihnen ein Schreiben der Notabein der
Amsterdamer Gemeinde nachgesandt, das sie in Aby-
dos übergeben sollen. Es ist die bescheidene Frage
des Nachfolgers an den Herrn, was er tun solle. »Sag*
an, unser König und Gebieter,« heißt es darin, »wel-
chen Weg wir einschlagen und was wir tun sollen:
sollen wir uns unverzüglich rüsten und in das Gottes-
haus ziehen, um uns Deiner Heiligkeit zu Füßen zu
werfen, oder aber der Gnade Gottes bis zu dem Tage
harren, da alle unsere Zerstreuten versammelt wer-
den?« Die besten Männer der großen Gemeinde ha-
ben diesen Brief unterschrieben. Die erste Unter-
schrift leistete der angesehene Philosoph und Frei-
denker Benjamin Mussafia .
Auch die portugiesische Judengemeinde in Hamburg
hatte sich zu einer gleichen Huldigung entschlossen .
Es vermerkt das Protokollbuch : »Angesichts der gu-
ten Nachrichten, welche uns durch Berichte aus Is-
mir und anderen Gemeinden geworden waren und un-
sere Hoffnungen auf das ersehnte Heil bestätigen, hat-
te der Präsident . . . von Eifer beseelt« eine Versamm-
lung einberufen. »In jener Versammlung wurde be-
schlossen, Gesandte abseiten dieser Gemeinde nach
Konstantinopel zu schicken, um unserem König Sa-
betay Seby, dem Gesalbten des Gottes Jaakobs (des-
sen Herrschaft sich entfalten möge und dessen Name
KATASTROPHE 285
verewigt werde), die schuldige Huldigung darzu-
bringen.« Nachträglich gibt man allerdings diesen
Plan auf, einmal, weil man befürchtet, der Brief
könne in fremde Hände fallen; sodann aber - und
hier wird die Unbedingtheit des Zutrauens offenbar
- wird der Brief zu spät nach Konstantinopel
kommen, denn bis der Bote den Weg zurückgelegt
hat, ist Sabbatai längst in Jerusalem. »Wir hoffen
aber und halten es für ganz sicher, daß nosso Rey^
unser König, vor Ablauf dieser Zeit in Erez Israel
sein wird . . . der Gott Israels erfreue uns mit den
ersehnten Nachrichten und gebe, daß wir bald diese
große Zeit erschauen, zu Ehren seines heiligen
Dienstes . «
Hier dringt die Gegenwärtigkeit ihrer Beziehung noch
bis in die ganz kleinen Ordnungen ihres Alltages
hinein. So erweist es sich für sie als nötig, ein Gesetz
über Majestätsbeleidigung zu schaffen. Sie belegen
mit einer Strafe von fünf Reichstalern zugunsten der
Armenkasse jeden, der über den Messias oder über
seinen Propheten Ungünstiges sagt, und mit der glei-
chen Strafe den, der solche Lästerungen von anderen
hört und ihn nicht dem Vorstand der Gemeinde an-
zeigt. Sodann wurde, unter Androhung dergleichen
Strafe, von der Kanzel der Synagoge der Beschluß
verkündet, »daß alle Wetten auf das Eintreffen un-
seres Heils (dessen uns Gott bald teilhaftig werden
lasse) fortan verboten seien. Wer mit NichtJuden
eine derartige Wette abschließt, verfällt einer Buße
von zehn Reichstalern.«
Wir wissen, daß Gesetze immer einem Tatbestand
nachhinken , wenn er bedrohlich geworden ist .
Da Sabbatai Gehorsam findet, wächst ihm der Mut
zu königlichen Erklärungen, Es lautet ein Schreiben,
286 ELFTES KAPITEL
das er an die Rabbiner von Konstantinopel richtet,
wie folgt: »So spricht der große König, unser Herr;
meinen Gruß an alle gläubigen Völker, die mich lie-
ben, damit ich sie mache zu Freunden durch Erb-
schaft, zu besitzen das Gute, und ich ihre Schätze
fülle mit Segen, so geistig wie leiblich, auch daß meine
Sanftmütigen mit Güte gesegnet werden mögen,
spricht der Herr: also seien auch gesegnet alle Men-
schen meines Glaubens, so Männer als Weiber, Brü-
der und Schwestern, Söhne und Töchter. Gesegnet
seien sie, sage ich, aus dem Munde des großen Got-
tes, und aus dem Munde seines Knechtes, seines
Auserwähiten . Es sei Euch hiermit kund und offen-
bar, daß an dem Sabbath, an welchem dieser Ab-
scimitt des Gesetzes gelesen wird, welcher beginnt:
Werdet Ihr in meinen Satzungen gehn . . . (,Er rief
26, 3), Gott mein Elend und aufrichtiges Gemüt an-
gesehen und mich mit großer Freude überschattet und
erfüllt, woraus ich sah und klar merken konnte, daß
die lange begehrte und ersehnte Zeit der Hoffnung
Israels nunmehr gekommen sei. Damit sei Euch für
dieses Mal genug gesagt . . . «
Sogeben Könige ihre Verheißung: mit sicherer Stim-
me und unbestimmten, klangvollen Worten. Und da
er daran denkt, wie sehr die Menschen noch der un-
bestimmten Verheißung glauben, liebt er sie um des
Vertrauens willen, von dem er lebt, und wird milde,
herzlich, teilnehmend: »Der Allerhöchste gebe nach
seiner Wahrheit und Barmherzigkeit, daß dieser
Trost, den ich bei mir empfunden, als ich die Worte
las: Ich gebe meine Wohnung in eure Mitte, meine
Seele schleudert euch nicht weg, ich ergehe mich in
eurer Mitte und bin euch Gott - immerwährend sein
und sich vermehren möge.«
KATASTROPHE 287
Denkbar, wahrscheinlich sogar, daß nicht Sabbatai
diese Dekrete und Briefe abgefaßt habe, daß er nur
unterschrieb, was Primo ihm vorlegte. Wer so hem-
mungslos sprechen, singen, weinen und jubeln kann
wie Sabbatai, dem steht nicht die Hand mit dem Fe-
derkiel darin zu der ruhigen, in schwerem Pathos
gleitenden Geste des geschriebenen Wortes . Wir ken-
nen aus dieser Zeit mit Sicherheit nur einen Brief von
seiner Hand, und der ist kurz, stoßweise und zuckend
im Ausdruck, konvulsivisch geladen wie das, womit
er seine Anhänger und Besucher anspricht.
Aber für die Wirkung nach außen hat diese Frage kei-.
ne Bedeutung. Für die Welt sind dieses Dokumente
von höchster Einmaligkeit. Darum wirken sie, und
wie ihr messianischer Glaube in ihren Alltag einge-
woben ist, dringen die Wirkungen bis in die Funk-
tionen ihres Alltags . Sie stehen in aller Wirklichkeit
am Vorabend der großen Ereignisse. Folglich wird
es hohe Zeit, daß sie mit den Vorbereitungen begin-
nen. In sehr vielen Synagogen werden die Initialen
Sabbatai Zewi's angebracht, ein Kranz von Blumen
darum, eine Krone darüber mit den Worten: die
Krone des Sabbatai Ze wi , Die Gebete werden ergänzt,
und Gott wird angesprochen ; »Segne unseren Herrn
und König, den heiligen und gerechten Sabbatai Ze-
wi, den Messias des Gottes Jaakobs. »Und da es hier
und dort noch Ungläubige gab, die sich weigern, die-
sen Segen auszusprechen, zwingt man sie mindestens ,
in der Synagoge zu bleiben, den Segen stehend an-
zuhören und ihn durch ein lautes Amen zu bekräf-
tigen . In den Gebetbüchern kommt das Bildnis Sab-
. batais neben dem des Königs David zur Darstellung.
Einem Bericht aus Siena entnimmt man, daß die Kin-
der, die in Italien geboren werden, den Vornamen
288 ELFTES KAPITEL
Sabbatai bekommen. Man erfährt aus Livorno, daß
viele Juden sich mitsamt ihren Familien nach Ale-
xandrien begeben, um näher an Jerusalem zu sein,
und daß sich täglich viele andere zu gleichem Begin-
nen rüsten . Menschen sitzen da mit gepackten Bün-
deln voll Kleidung und getrockneten Lebensmitteln ,
damit sie Wegzehrung auf der langen Reise haben .
Es schimpft und spottet der Pfarrer und Superinten-
dent Michael Buchenroedern aus Heldburgk, ein
cholerischer Ketzerriecher: >>ßie (die Juden) horchen ,
und hören, lauern und lauschen Tag und Nacht nur
auf Messias-Zeitung, treiben ihre Schulden ein, neh-
men mit Schaden quid pro quo, verschleudern ihre
Ware . . . Noch lächerlicher aber ist es, daß heutigen
Tages etliche Juden sich die Haare abscheeren lassen,
desto leichter und leiser das Blasen des neuen Mes-
sias-Düthorn zu vernehmen. Wie bald könnte ein
Schalk bei der Nacht auf einem Berg stehend gegen
eine Stadt oder Dorf, darinnen Juden wohnen, mit
einem Hörn blasen, die Juden aufwischend machen
und ihnen Hörner mit dem Hörn aufsetzen?«
Und er vermerkt weiter mit Unlust: »Weil. . . das
mit Mund und Feder erschollene ausgebrochene Ge-
schrei von dem neuen Messias und seinem Propheten
Nathan die Juden noch mehr irre und stutzig macht,
daß etliche nicht mehr wollen heiraten, die anderen
nicht mehr wie vorhin so stark den Handel mit Kau-
fen und Verkaufen betreiben, die dritten sich großer
Dinge vernehmen lassen, gleich als wenn in der Chri-
sten Länder auf viele Staffeln sie höher steigen wür-
den, die vierten behaupten und ausgeben, es seien
schon etliche Christen ihrer, der Juden Meinung . . . «
Es ist diese väterliche Besorgnis, die da aus den
letzten Zeilen mit kindlicher Schlichtheit spricht, nur
KATASTROPHE 289
eine der Stimmen, wie sie damals sonst noch, nur
ernsthafter und tiefer begründet, aus vielen Christen
angesichts dieser Entwicklung der Dinge sprachen.
Wir wissen, daß in Hamburg christliche Kaufleute
sehr bestürzt zu ihrem Prediger Edzardi kamen und
ihn fragten, was denn aus der christlichen Lehre vom
Messias werden solle, wenn die Berichte, die sie von
ihren Korrespondenten aus der Türkei empfingen,
auf Wahrheit beruhten . Es schreibt ein anderer Kauf-
mann im Juli dieses Jahres aus Amsterdam:
» . . . Aber nun muß man außer allem Zweifel stellen,
daß Sabathai Sebi'een herlich Instrument Godes is'
und daß kein Zweifel an der Erlösung Israels mehr
obwaltet.«
Es ist schon früher dargestellt, welche innere Be-
ziehung die christliche Welt jener Zeit zu dem apo-
kalyptischen Jahr 1666 hatte. Es haben aber nur
wenige sich darüber Gedanken gemacht, wie die Ur-
sprünglichkeit des Eindrucks und die Tiefe der Aus-
wirkung bei den Juden zu rechtfertigen sei. Nur der
Pfarrer Buchenroedern , schimpfend und wetternd,
zählt eine Reihe wahrer und plump erfundener fal-
scher Messiasse der Juden auf und schließt zürnend :
»Also ist es abermals garnichts Neues, wenn die Ju-
den in diesem 1666. Jahr so große Lust und Begierde
haben, den vermeinten neuen Messias anzunehmen
und nach dem alten Vaterland fortzu wallen . Es ist
ihnen solches nicht angeflogen, sondern angeboren,
von Vätern gleichsam ererbt und mit der Mutter-
Milch eingeflößt und gesogen . «
Wie recht der Pfarrer Buchenroedern hat! Es geht
hier um Erbteil , um Bestandteil des lebendigen We-
sens. Darum gab sich alles Geschehen schlicht und
im Grunde selbstverständlich. Hier war Zweifel eine
19 Kastein Zewi
290 ELFTES KAPITEL
sinnlose Haltung. Es wurde geglaubt, was die Brü-
der des Messias, Elias und Joseph, an Legenden in
die Welt trugen. Es wurde geglaubt, was die Ver-
treter der italienischen Gemeinden und die Abgeord-
neten aus Aleppo berichteten . Es war eigentlich schon
nicht mehr wichtig, was an Einzelheiten da gesagt
und übertragen wurde. Es kam einzig noch darauf
an, daß der Messias sich zu einer entscheidenden Tat
erhebe.
Aber außer Dekreten, Anweisungen, Verkündigun-
gen und Sendschreiben kommt keine Tat aus der Fe-
stung Abydos. Sabbatai sitzt da, Wochen und Mo-
nate, hält Empfänge ab, wirbt und lockt und ver-
schwendet, treibt in einem geschlossenen Kreise mit
immer neuen, erstaunlich aufzuckenden Akzenten,
und doch für den Beschauer mit einer bedrückenden,
quälenden Einförmigkeit. Seine Kraft reicht nur dazu,
die Ekstase am Leben zu erhalten . Um diesen Ring
zu durchbrechen und zur Tat zu schreiten, hätte es
wieder einer Kraft von außen bedurft. Aber die wirkt
jetzt nicht. Vor ihm liegen lauter Bereitschaften . Sie
anzurufen, wäre seine Mission gewesen. Es waren
schon damals etliche der Meinung, es müsse ihm
ein Leichtes sein, aus seinen zahlreichen Anhängern
20000 Menschen auszuwählen, sie mit der Unsumme
Gelder, die ihm zur Verfügung stand, zu bewaffnen,
und den Sultan, der genug mit seinem Lande und sei-
nen Nachbarn zu schaffen hatte, zur Abtretung des
heiligen Landes zu zwingen. Aber solche Realpoliti-
ker übersahen, daß die messianische Idee den Ge-
danken an Gewalt nicht kennt, daß gerade die Ge-
waltlosigkeit ihr Signum ist, weil dann doch die Ent-
scheidung von oben gegeben und nicht auf der Erde
mit Blut erkauft wird. Es ist nicht abzusehen, was
KATASTROPHE 291
geschehen wäre, wenn Sabbatai sich v/irklich der
Macht bedient hätte, die ihm zur Verfügung stand.
Er hätte immerhin ein historisches Faktum von nach-
haltigster Bedeutung geschaffen. Aber dazu konnte
es nicht kommen, da noch niemals Sabbatai sich zu
anderer Tat als der des Wortes oder des Symbols ent-
schlossen hatte . Sein Wirken erschöpfte sich immer
darin, Bereitwillige zum Handeln aufzustacheln.
Es kann nicht der Zweifel an dem Maß der Bereit-
schaft gewesen sein, der Sabbatai hin vierte, in dieser
einzigartigen Situation seines Lebens das entscheiden-
de Wort zu sprechen . Es muß der Zweifel gewesen
sein, ob dieses Wort, wenn er es aussprach, genug
tragende und zündende Gewalt hatte. Es muß der
immer wache Rest des schwankenden, unsicheren Ge-
wissens gewesen sein, der ihn auf der Höhe seines
Ruhmes noch einmal ausspähen läßt nach einer an-
dersgearteten Bestätigung seiner selbst, nach einem
anderen Propheten als Nathan Ghazati, nach einem
Verkünder, dem man nicht wie dem Ekstatiker aus
Gaza den Vorwurf der Unklarheit machen konnte,
dem vielmehr die W^elt Klugheit, Nüchternheit und
Autorität der Gelehrsamkeit zubilligte . Er späht nach
einem solchen Propheten aus, er findet ihn, er ruft
ihn . . . und ruft seinen Henker . . . tiefer, tragischer
noch: er ruft seinen Judas Ischariot.
Es sind im Sommer des Jahres 1666 zwei Vertreter
der polnischen Judenheit zu ihm gekommen, um Bot-
schaft und Huldigung darzubringen. Der eine Loeb-
Herz, der andere Jesaja, Sohn des Lemberger Rab-
biners David Halevi. Sabbatai weiß sehr wohl, wel-
che Bedeutung die polnischen Juden für die Bewegung
haben, wenn auch nicht mehr dem Vermögen und
der Masse nach, so doch vermehrt um ihres Martyri-
19*
292 ELFTES KAPITEL
ums willen, das sie in den Augen der ganzen jüdischen
Welt zu lebendigen Zeugen des Elends macht, das
der Erlösung vorangehen mußte. Wenn es ihm ge-
lingt, auch diese beiden Abgesandten für sich zu ge-
winnen, so gibt er damit der Bewegung vielleicht die
entscheidende Anhängerschaft. Und um sie zu ge-
winnen, verläßt er sich nicht auf die Kraft, mit der er
sonst Menschen gläubig und gefügig gemacht hat. Er
läßt vielmehr die ganze Pracht, den ganzen komödien-
haften Apparat eines Herrschers spielen, entfaltet die
letzte ausgeklügelte Regie, um seines Erfolges ganz
sicher zu gehen .
Sie werden nicht sogleich vorgelassen . Man verweist
sie zunächst an Abraham Jachini und den Kreis sei-
ner Verkünder, der sich um ihn gesammelt hat. Zu
diesem Zwecke müssen sie sich zunächst von Abydos
nach Konstantinopel begeben. Dort wird ihnen die
wunderbare Auffindung der schriftlichen Prophezei-
ung bestätigt. Dort werden sie getränkt und über-
schwemmt mit den Berichten göttlicher Verkündi-
gungen, Offenbarungen, Wunder und Zeichen. Was
bleibt ihnen da anders als zu glauben ? Von Jächini
aus werden sie an Primo weitergegeben. Sie müssen
also zurück nach Abydos. Sie treffen dort am 23.
Tammus ein , dem von Sabbatai heu geschaffenen
Sabbath. Sie haben davon noch nichts gehört und
schicken arglos einen Diener aus, um Lebensmittel
einkaufen zu lassen. Dafür müssen sie eine strenge
Strafpredigt Primos über sich ergehen lassen .
Von Primo erfahren sie dann eine weitere, entschei-
dende Vorbereitung. Wenn die Bewegung von Sab-
batai jeweils die verführerische Unmittelbarkeitvxies
Eindrucks, den momentanen Impuls und das ge^-
fühlsgeladene, stammelnde Wort erfährt, so erhält
KATASTROPHE 293
sie von Primo die große, dekorative, repräsentative
Geste des Tonfalles, des pathetisch schreitenden Wor-
tes . Er ist der Redakteur der Ekstase. Er ist der ge-
niale, fast dämonische Journalist dieser Ideen, die er
mit einer eigenartigen Fern Wirkung versieht. Von
ihm stammen die Fassungen der Dekrete. Seine Äuße-
rungen stehen gegen die eines Jachini und eines
Nathan Ghazati wie ein Kristall gegen einen bunten
Tuchknäuel. Er verdichtet das Unwägbare des
Augenblicks zu der weithin sichtbaren und erkennbaren
Präzision einer Verkündigung. Er kennt Note, Art
und Weise, wie sie den Gehirnen und Herzen der
Glauben -Wollenden eingehen. Aber mehr noch: er
gibt allen Vorgängen, halben Entschließungen, unbe-
stimmten Andeutungen, unverbürgten Gerüchten die
gefährliche Note der Un widerruf barkeit, indem er
sie mit dem schweren Rhythmus des geschriebenen
Wortes fixiert. Er gibt der Sekunde samt ihrem In-
halt die Dauer, versieht sie mit der Eigenschaft, er-
innert zu werden, lauert auf jede Äußerung des Mes-
sias, um sie festzuhalten, sie zu materialisieren, und
häuft so hinter ihm einen Berg von Tatsachen auf,
den der Messias nie mehr wird ableugnen können,
der mit seinem Eigengewicht immer hinter seiner
Furcht vor der letzten Entscheidung stehen wird.
Und darum ist er sein Dämon. Er erlaubt ihm kein
Vergessen. Zwar kann auch er ihn nicht zwingen,
sich zur Tat zu entscheiden, aber er sammelt um ihn
her die Zeugnisse von gestern und vorgestern, aus
deren Massenhaftigkeit die Tat eines Tages mit Not-
wendigkeit von selbst, von der inneren Triebkraft her
geboren werden muß .
Zu diesem selbstgewählten Amt gehört auch, daß er
zuvor die Abordnungen der Gemeinden empfängt
294 ELFTES KAPITEL
und iti ihnen den Boden der Empfänglichkeit vorbe-
reitet. Er bindet nicht nur den Messias an seine eige-
nen Worte, sondern er belädt ihn ständig von neufem
mit der verpflichtenden Last des Vertrauens, das von
weither ihm zugetragen wird. Eines Tages wiM eben
doch der Messais unter dem Druck von innen und
außen nachgeben müssen .
Aber woher kommt diese Tiefe, diese stille Heftig-
keit der Verknüpfung ? Hängt er an dem Menschen
Sabbatai Zfewi? Hängt er, wie Tausende, an der Idee ?
Oder gar an dem verlockenden Amt, der nächste zum
Throne des Messias zu sein ? Oder treibt hier nur die
Dämonie seines V/esens ihr Spiel und sorgt sich nicht,
wem nun gerade sie dient ? Dieser Dienst war so aus-
schließlich, und er selbst trat so sehr hinter der Auf-
gabe zurück, die er übernommen hatte, daß über ihn
als Mensch und einzelnen nichts als unbestimmte
Legenden verblieben sind. Nur für den Rest seines
Lebens notiert die Chronik mit hartem Griffel Tat-
sachen von schwerem inneren Gewicht : wie alles
längst vorüber ist, der Messias gestürzt und die große
Bewegung verdammt zur Unfruchtbarkeit der Sekte,
finden wir Primo, reumütig dem Irrtuni einer bren-
nenden Jugendzeit entsagend, als Rabbiner in Adria-
nopel. Er ist es, der gegen den größten, schöpferi-
schen geistigen Vollender der sabbatianischen Ideen,
den leidenschaftlichen Abraham Cardozo, den Che-
rem, den großen Bann ausspricht!
Aber in diesem Augenblick sorgt Primo noch für sei-
nen Messias und für die Idee. Wohl vorbereitet ent-
läßt er die polnischen Gesandten endlich zur Audienz
vor Sabbatai . . ^
Sie kommen zu ihm wie Kinder zu einem Vater . Sie
wollen ihm die ganze grauenhafte Not und das Elend
KATASTROPHE 295
klagen, das über sie und die ihrigen in Polen herein-
gebrochen ist und noch bis auf diesen Tag nachwirkt.
Aber Sabbatai ist kein liebender Vater. Er läßt sie
nicht zu Ende erzählen . Er kennt ja auch diese Tat-
sachen alle. Es gibt genug Schriften darüber, und
eine davon, »Unter dem Druck der Zeiten«, Zok
ha' ittim, liegt ihm vor. Es ist ein Bericht in gereim-
ter Prosa, angefüllt mit allem Grauen der Einzelhei-
ten und durchweht von einem an Haß grenzenden
Gefühl der Empörung. Die zeigt ihnen Sabbatai als
Beleg seiner Sachkunde und als Beweis für die Ent-
behrlichkeit ihres Berichts. Denn es liegt ihm nicht
daran, daß man zu ihm redet. Er will reden. Auf ihn
und seine Wirkung kommt es ihm im Augenblick allein
an. Und er entfaltet die große Regie. Er trägt ein
rotes Gewand und hat die Thorarolle, die in seinem
Zimmer steht, mit einem roten Mantel versehen las-
sen . Er weist auf beide und fragt: »Wißt Ihr, warum
mein Kleid und dieser Mantel rot sind?« Und da sie
in ehrfürchtiger Erwartung schweigen, erläutert er
mit dem Spruch aus Jesaja: »Denn ein Tag der Ahn-
dungen ist in meinemHerzen angebrochen, und das
Jahr meiner Erlosten ist gekommen.«
Das verstehen die Gesandten, verstehen es sogar fei-
ner als er, der im Augenblick der nahenden Erlösung
und Befriedung der Welt von Rache spricht. Sie ent-
gegnen ihm, daß sich gerade die Juden in Polen durch
die Tiefe ihres Martyriums alles Anrecht auf Er-
lösung verdient hätten.
Aber er läßt ihnen nicht den Trost der Klage . Er ist
schon wieder mit vollem Schwung bei sich, bei seiner
Sendung und seiner Geltung. Ergibtihnen einen Bibel-
vers : »Ich will meinePfeile mit Blut trunken machen . «
Und da er immer der Suggestion seiner eigenen Worte
296 ELFTES KAPITEL
ZU unterliegen, bereit ist, wird er von Augenblick zu
Augenblick trunkener, und so kann wieder von ihm
die Wirkung ausgehen, der schon so viele erlegen
sind. Er beginnt zu reden, zu verheißen, zu trösten.
Er zieht Schriften der Kabbala heran, erzäiilt und
deutet dunkle Stellen, begeistert sich und seine Hörer,
schlägt unvermittelt in tiefe Trauer um und singt mit
klangvoller Stimme den Vers aus den Klageliedern:
»Gedenke Herr, wie es uns geht.« Es übermannt ihn
der Inhalt dieser schmerzlichen Bekenntnisse, und
die Tränen der wirklichen Ergriffenheit brechen aus
ihm hervor. Auch die Gesandten weinen, aus dem
Augenblick und der Erinnerung doppelt aufgewühlt.
Dann reißt er sie und sich mit einem jähen Übergang
aus dieser Trauer zu ekstatischer Heiterkeit hinauf.
Er tanzt wie in Verzückungen durch den Raum und
singt, darunter sein Lieblingslied: »Die Rechte des
Herrn behält den Sieg . « Er folgt aber nicht dem Text
in seiner unantastbaren Überlieferung, sondern
nimmt eine kleine Änderung vor, die gleichwohl den
gelehrten und hellhörigen Gesandten wie die große
Kühnheit einer Verkündigung erscheinen muß / Er
singt: »Die Rechte des Herrn behielt den Sieg.« Er
nimmt eine große Verheißung unbekümmert und
selbstsicher vornweg. Und wo es in dem folgenden
Verse heißt: »Ich werde nicht sterben, sondern
leben«, sagt er: achaje, ich werde lebendig machen.
Ich werde die Toten auferwecken ! Die beiden Ge-
sandten senken demütig und ergriffen das Haupt.
Er sieht, diese beiden hat er gewonnen. Er wird
menschlicher und persönlicher zu ihnen. Er fragt sie
aus und läßt sie erzählen. Den Vater des Jesaja, den
Lemberger Rabbi, kennt er schon aus Berichten und
erkundigt sich nach ihm; da er hört, er sei krank, gibt
KATASTROPHE 297
er dem Sohn ein goldgewebtes Halstuch für den
Kranken. Wenn er es umlegt, wird er geheilt sein.
Aber noch ein anderes erfährt er bei dieser Gelegen-
heit. Es lebt in Polen ein bekannter und sehr weiser
Kabbaiist, Nehemia ha* Kohen. Auch er hat ver-
kündet, daß bald, in dieser Zeit, der Messias kom-
men werde. Er hat in einer Vision gesehen, daß Gott
selbst im Jahre 5408 einem Messias die Krone auf
das Haupt gesetzt hat. Allerdings hat er den Namen
des Messias nicht genannt. Aber darauf legt Sabbatai
kein Gewicht. Ihm genügt , daß da einer sein Mes-
siastum verkündet hat, und daß ein neues Zeugnis für
ihn gewonnen werden kann. Und wird Nehemia erst
in Abydos sein, so kann es nicht ausbleiben, daß er
den allein wahren und echten Namen findet,
Sabbatai gibt dem Jesaja, wie die Gesandten sich ver-
abschieden, einen Brief für seinen Vater mit. Es
heißt darin: »Bald werde ich Euch rächen und Euch
wie eine Mutter ihrem Kinde Trost spenden . Zwie-
fach soll der Trost sein, denn in meinem Herzen ist
der Tag der Rache angebrochen, und das Jahr meiner
Erlösten ist gekommen.« Er unterschreibt mit der
Wucht seiner Überzeugung: »David ben Isai, der
über die irdischen Könige eingesetzte Gesalbte des
Gottes Jaakobs und Israels, Sabbatai Zewi.« Und
als wolle er nicht den eigentlichen Sinn seiner Be-
mühung allzu deutlich betont sehen, setzt er in der
Nachschrift des Briefes hinzu, er wünsche so bald
wie möglich »den Propheten Nehemias« bei sich zu
sehen.
Die Gesandten machen sich auf den Heimweg, und
wohin sie kommen, werden sie zu begeisterten Ver-
kündern des unerhörten Eindruckes, den sie mitge-
nommen haben. Die Wirkung des Briefes, den sie
298 ELFTES KAPITEL
vorzeigen, und der ausgeschmückten Berichte ist
stärker, als Sabbatai sie je erwartet haben mag. Es
bleibt ein Taumel der Erregung hinter ihnen auf dem
ganzen Reisewege, besonders in den deutschen Ge-
meinden.
Wieder daheim, übergeben sie die Aufforderung des
Messias an Nehemia ha' Kohen . Ohne ein Wort des
Widerspruches, ohne eine Sekunde desZögerns macht
der »Prophet« sich auf den Weg. Er ist kein Jüngling
mehr und die Strapazen einer Reise nicht gerade ge-
wohnt. Aber er ist mit einem stillen, selbstverständ-
lichen Eifer drei Monate unterwegs, um dem Befehl
zu gehorchen . Daneben ist er zugleich Träger eines
Auftrages, denn verschiedene Gemeinden in Polen,
die ihm das Geld zur Reise verschafft haben, erwar-
ten von ihm als Gegenleistung genauen Bericht über
das, was es mit dem Messias auf sich habe. Der Geist
des polnischen Juden, nicht minder zum Glauben
und Hoffen geneigt und nicht minder in Erwartung
einer verheißenen Erlösung, hat gleichwohl durch
seine ausschließliche Beschäftigung mit dem Talmud
sich weiter als alle anderen von der bibelnahen Ur-
sprünglichkeit entfernt. Er gefällt sich sehr in der
Erwägung von Möglichkeiten und folglich im Zwei-
fel. Glauben ist gut, aber Wissen ist besser. Wenn
auch das Herz ja sagt, so muß doch noch das Gehirn
seine Autorisation erteilen. Und einer, der so von
innen her aufgebaut ist, ist Nehemia ha* Kohen.
Anfang Septemder 1666 trifft er in Abydos ein und
wird mit den größten Ehren empfangen. Es wird
seiner möglichen Bedeutung als neuen Propheten des
Messias von vornherein Rechnung getragen. Aber
das Weltliche und Äußerliche hat für ihn zu wenig
Gewicht, um Eindruck auf ihn zu machen. Er sieht
KATASTROPHE 2()()
diesen ganzen Pomp und diesen übermäßigen Reich-
tum mit verhaltenem Mißtrauen. Gewiß: dem Mes-
sias gebührt ein glanzvolles Auftreten, und mit dem
Begriff des Königs ist die Vorstellung von Reichtum
und Pracht unlösbar verbunden . Aber Nehemia lebt
nicht nur für sich in einer bedürfnislosen Armut. Er
kommt zudem aus einem Bezirk, in dem das Sterben
der Hunderttausende und die grenzenlose Not ihres
Alltags noch allzunahe und eindringlich sind. Der
Kontrast ist von störender Deutlichkeit.
Vor der Erlösung kommt das Leiden. Das Leiden,
weiß und hofft Nehemia, hat sein Volk hinter sich
gebracht. Aber welcher Mensch findet aus solchem
Absturz über Nacht die sorglose, etwas lärmende und
ungebundene Freude, wie sie Sabbatai ihm vorführt ?
Wer noch so nahe diesem massen weisen Sterben steht,
für den ist der Gedanke an die Erlösung mit den
schweren, unheimlichen Tönen des Schofar-Hornes
verbunden, nicht mit Tänzen und Liedern und fest-
lichen Mahlzeiten . Es ist ihm alles zu unruhig und
zu laut und zu wenig ernsthaft . Es verletzt ihn , den
weltfremden Einsiedler, den sinnenfeindlichen Men-
schen zu sehr diese orientalische Üppigkeit und Fülle.
Gegen sein Schamgefühl steht die aufreizende Er-
scheinung einer Sarah, wie sie neben dem Messias
Hof hält, wie sie mit ihrer Schönheit um Gefolg-
schaft wirbt und sich in Dinge mischt, die nur Männer
angehen . Er möchte das alles mit einer großen Hand-
bewegung forträumen, er möchte den Raum klar
und durchsichtig machen für den Zweck, um dessen
willen er zugleich gerufen und gesandt ist. Und un-
gleich den Gesandten aus Polen vor ihm, wehrt er
sich gegen das Getöne und den Uberschwall der Ge-
fühle und den Nebel der Worte, die auf ihn eindrin-
300 ELFTES KAPITEL
gen, erzwingt es, daß aus dem unruhigen Monolog
ein klarer Dialog werde, und beginnt hart und uner-
bittlich zu fragen .
In dem liiessianischen Gebäude, das sich da vor ihm
enthüllt j sind zwei Lücken, die ihm schon von wei-
tem, sichtbar sind. Sabbatai Zewi nennt sich den
Messias ben David. Gut, dagegen hat auchvder große
Kabbaiist nichts einzuwenden, denn er weiß so gut
oder besser noch als die anderen, daß ein solcher Mes-
sias kommen muß und daß die Zeit dafür überreif ist.
Er ist sogar bereit, anzuerkennen, daß dieses Jahr,
das im Abrollen ist, das entscheidende Jahr darstellt,
obgleich es nach dem Sohar 1 648 und nicht 1666 sein
müßte. Wer weiß, ob da nicht Gott eine Verzögerung
eingeschaltet hat ? Aber darum ist er doch noch nicht
bereit, auch nur ein Jota dessen aufzugeben, was ge-
schrieben steht, und was folglich unumstößlich richtig
ist.
Es steht nun geschrieben, daß der Messias der leid-
erfüllte Mensch sei . Er ist der Mensch der Verfolgun-
gen, der Erduldungen, der Erniedrigungen und des
Elends. Er muß es sein, weil er das Böse, das die
Welt getan hat, durch sein Erleiden abtragen und
tilgen muß. Abtragen nicht durch den Tod, sondern
durch das Leben. Nicht sein Opfertod befreit die
Menschen, sondern sein opfervolles Leben.
Wie ist es da mit Sabbatai Zewi bestellt ? Was hat er
gelitten, erduldet und ertragen? Nehemia ha*Kohen
berührt da eine Stelle, die auch von Nathan Ghazati
schon als schwach erkannt wurde, und die er in jeder
Bekundung hat verdecken wollen durch den Hinweis
auf die 18 Jahre ruheloser Wanderschaft des Mes-
sias. Auch Sabbatai Zewi weist darauf hin. Jeden
Widerstand, den er gefunden hat, jede Ablehnung,
KATASTROPHE 301
die ihm begegnete, jedes Ereignis, über das er sich
bekümmern mußte, sind ihm eben so viele Stationen
seines Leidens. Aber Nehemia ha' Kohen sieht darin
recht wenig Anlaß, sich als Märtyrer zu fühlen. Sab-
batai hat doch nie Not gelitten. Schon von seiner
Jünglingszeit an ist er ein Kind aus reichem Hause
gewesen . Immer konnte er Pomp entfalten . Immer
waren Feste für ihn gerichtet, wenn er sie nur haben
wollte. Und daß Menschen ihm gegnerisch gesinnt
waren, hat ihn nie um seine Ruhe und Selbstsicher-
heit gebracht. Was er als Flucht im tragischen Sinne
bezeichnet, scheint Nehemia ha* Kohen nur ein ruhm-
loses Ausweichen , ein unheroischer Mangel an Mut .
Aber er will anerkennen, daß in Sabbatai innere Vor-
gänge, Seelenkämpfe, Mitleiden, Zweifel und Er-
schütterungen die Summe dessen ausgemacht haben,
was man Leid nennt. Dann bleibt die andere Er-
wägung : es steht doch geschrieben , daß vor dem Mes-
sias ben David, der die endgültige Erlösung bringen
wird, sein Vorläufer kommen wird, der Messias ben
Joseph. Dem ist in den Schriften ein besonderes Ge-
schick bestimmt: er wird mit allen Feinden seines
Volkes kämpfen müssen, mit denen, die in der Bibel
Gog und Magog genannt werden, er wird darin un-
terliegen, und vor den Toren Jerusalems wird er fal-
len. Aber mit diesem Tode, der den Sinn eines Opfer-
todes trägt, wird er seinem Nachfolger, dem Messias
ben David, den Weg ebnen und ihm die letzte Wir-
kung ermöglichen .
Darum ergeht an Sabbatai die Frage: »Du weißt, daß
vor Dir der Messias aus dem Stamme Benjamin kom-
men muß.«
Sabbatai weiß es. Also weiter die Frage: »Wenn Du
der Messias aus dem Geschlechte Isai bist, so muß
30Ä ELFTES KAPITEL
folglich der Messias ben Joseph schon dagewesen
sein.« Und er erhält die Antwort: »Ja. Er ist dage-
wesen.« Nehemia ist durchaus bereit, ihm das zu
glauben . Er ist bereit, alles zu glauben, was man ihm
beweist. Aber eben ohne diesen Beweis glaubt er
nicht den Bruchteil eines Buchstabens. Wenn der
eine ein Fanatiker des Herzens ist, ist der andere ein
Fanatiker des Gehirns. Beide sind entbrannt, aber
beide von anderen Ebenen her. Beide sind bereit, zu
dem gleichen Ergebnis des Glaubens ohne Vorbehalt
zu kommen, aber ihre Wege verlaufen in jener ver-
zweifelten Parallelität, die einen Schnittpunkt nur im
Unendlichen kennt, es sei denn, es lege sich eine
dritte, beiden gemeinsame Gerade über ihre Wege
und stelle die starre, unlösbare Verbindung her. Die-
se Verbindung heißt: der Beweis. Sabbatai soll ihm
beweisen, daß, wann und wo der Messias ben Joseph
erschienen ist . Sabbatai ist aus vielen ähnlichen
Vorwürfen auf dieses Argument vorbereitet und um
eine Antwort nicht verlegen . Und so wiederholt er,
ausgeschmückt vielleicht, aber mit jener Sicherheit,
mit der die Wiederholung eines Phantasiebildes zur
starren, subjektiven Wahrheit wird, diese Geschichte:
während der Gemetzel hat in Polen ein unschein-
barer, armer unbekannter Jude mit Namen Joseph
gelebt. Er hat das Martyrium auf sich genommen,
er ist um der Heiligung des Namens willen gestorben,
er hat erfüllt, was seine Aufgabe war; sterben als
Opfer, als Wegbereiter des Messias nach ihm.
Noch niemand hat sich der Eindringlichkeit und Le-
bensechtheit entzogen, mit der Sabbatai solchen Be-
richt zu erzählen vermag. Nehemia ha'Kohen bleibt
unbewegt und ungerührt. Er ist bereit, auch das zu
glauben. Aber es fehlt wieder die Verbindung: der
KATASTROPHE 303
Beweis. Was ist daran Sonderbares und Einmaliges^
daß ein unbekannter polnischer Jude gestorben ist,
weil er den Namen seines Gottes heiligen wollte?
Tausende, Zehntausende haben das getan. Sie haben
sich mit einer Schlichtheit und übermenschlichen
Selbstverständlichkeit zerhacken und verbrennen las-
sen, daß jeder von ihnen ein Anrecht darauf hat,
Messias ben Joseph genannt zu werden. Alle glaub-
ten sie zutiefst, daß sie dem großen Zweck und end-
gültigen Ziel dienen. Aber nicht darauf kommt es
an . Es kann nur einen einzigen Messias ben Joseph
geben. Also möge ihm Sabbatai genau diesen einen
bezeichnen, den aus der wirren Masse Gott zum
Träger gerade dieses Amtes ausersehen hat. Drei-
hunderttausend Opfer: ja. Aber nur einer, dessen
Opfertod das Erlösungs werk um den entscheidenden
Schritt förderte . Wer also ?
Sabbatai kommt in Bedrängnis . Dieser Mann da vor
ihm ist eine beklemmende Erscheinung . Welche tiefe
Grausamkeit liegt darin, den Tod von dreihundert-
tausend Menschen mit einer Handbewegung zu ver-
werfen, weil nicht der eine daraus benannt werden
kann , dessen Sterben das Schicksal der messianischen
Bewegung entschied! Alle anderen waren bereit, zu
glauben, daß einer von den Vielen es schon gewesen
sein müsse, der da unerkannt seine Mission erledigte.
Aber dieser Mann, der selbst das Kommen des Mes-
sias als Prophezeihung ausgesprochen hat, verlangt
Beweise, weil der Weg zum Glauben über sein Ge-
hirn führt.
Aber Sabbatai hat auch die Fähigkeit, sich anzu-
schmiegen . Da er nicht Beweise anders als aus seiner
Selbstüberzeugung erbringen kann, lenkt er ein und
begibt sich auf das Gebiet, auf dem er den Kabbali-
304 ELFTES KAPITEL
sten hofft, besiegen zu können .Er beginnt zu dispu-
tieren , von der heiklen Frage des Messias ben Joseph
abzulenken, den allgemeinen Beweis zu führen, daß
die Zeit gekommen sei und daß er, Sabbatai, in der
Zeit berufen sei.
Das ist ein gefährliches Unternehmen, denn an
Kenntnissen gibt ihm Nehemia ha'Kohen nichts nach
und an Unstörbarkeit des klaren Verstandes durch
Ekstasen und Affekte ist er ihm weit überlegen. So
gehen die Fragen und Antworten, die Gründe und
Gegengründe, Behauptungen und Widerlegungen
Stunde um Stunde in hartnäckigem Fluß dahin . Es
wird Abend. Keiner ist müde, keiner ist überzeugt.
Es wird Nacht, und sie stehen immer noch um Welten,
getrennt einander gegenüber. Nehemia ist Prophet,
aber er will nicht der Prophet dieses Messias sein.
Wenn jener ihm nicht den Beweis gibt, wird ihm
ewig das Recht auf den Anspruch fehlen . Sabbatai
empfindet das mit brennender Angst. Heftiger wird
sein Bemühen um diesen Menschen , und bald nicht
mehr um diesen Menschen, sondern um die Recht-
fertigung vor sich selbst.
Es vergeht die Nacht . Sie disputieren in den folgen-
den Tag hinein, und langsam vollzieht sich ein ver-
hängnisvoller Tausch der Rollen. Je leidenschaft-
licher Sabbatai um seine Anerkennung kämpft, desto
vergrämter zieht Nehemia sich in Abwehr und wach-
sendem Mißtrauen zurück. Die schweren, massiven
Belege aus Talmud, Midrasch und Sohar dienen
schon nicht mehr dem allgemeinen Nachweis der
Möglichkeit, daß hier und jetzt der Messias erschei-
nen könne, oder daß er noch nicht erschienen sei . Sie
dienen schon der Nachprüfung, ob dieser Prätendent,
Sabbatai Zewi, nach allem, was er sagt, weiß, ver-
V 4 m
11
N-
KATASTROPHE 305
kündet, nach den Umständen seiner Geburt, nach
dem Ablauf seines Lebens, dem Gewicht seiner Ta-
ten, Drekrete und Sendschreiben und nach der selt-
samen Lebensweise auf Abydos überhaupt das Recht
habe, sich als Messias der Juden zu bezeichnen. Und
wie dieser zweite Tag verläuft und nichts ungeprüft
und unbez weifelt vor Nehemia bestehen kann , geht er
von der Prüfung langsam zum Angriff über , rettet sich
Sabbatai mühsam und doch leidenschaftlich in die Ver-
teidigung hinein , stehen seine Anhänger atemlos und
schon beunruhigt im Hintergrunde, wird die Kata-
strophe geboren : Gehirn gegen Herz, Beweis gegen
Gläubigkeit, göttliche Bestimmung gegen menschli-
chen Anspruch, Klarheit des Wortes gegen die gefähr-
liche Dämmerung des Selbstbetruges . Der zweite Tag
geht zu Ende . Durch den überschnell gewachsenen
Bau der messianischen Erfüllunggeht ein bedrohliches ,
aus den Tiefen der Erde kommendes Zittern .
Am dritten Tage hat der Wechsel der Rollen sich in
seiner letzten Tragweite offenbart. Aus dem schritt-
weisen Nachprüfen und Verwerfen, aus dem unbe-
irrbaren Urteil über das, was er gesehen und gehört
hat, hat sich in Nehemia eine endgültige Überzeu-
gung, ein fanatisches Wissen um den Menschen vor
ihm verdichtet. Sein Amt als Prophet fällt ihm aus
den Händen. Ein anderes wird" ihm vom Gewissen
und dem Gefühl der Verantwortung für das gesamte
jüdische Volk aufgenötigt. Er wird zum Ankläger,
Sabbatai zum Angeklagten. Übermächtig reckt Ne-
hemia ha'Kohen sich auf und spricht das Urteil:
»Du bist ein falscher Messias. Du hast das Volk be-
logen und es auf Irrwege geleitet . Deine göttliche Be-
rufung ist eine Fälschung . Nach unserem Gesetz gibt
es für Dich nur eine Strafe; den Tod!«
20 Kastein Zewi
3o6 ELFTES KAPITEL
Unter dieser vernichtenden Anklage zieht Sabbatai
sich in das Schweigen der Erschöpfung zurück. Er
gibt sich noch nicht geschlagen, aber er ist zum ersten
Male in seinem Leben wehrlos gemacht. Gegen das,
was sonst an Angriffen ihn traf, fand er als Waffe im-
mer noch das Ausweichen, das Abbiegen, oder selbst
die Flucht. Gegen diesen Schlag kann er sich nicht
wehren. Hier ist der Teil seines Wesens getroffen,
aus dem er immer wieder die Anwandlung von Zwei-
feln besiegt, aus der ihm die Unbedenklichkeit kommt,
selbst die auch ihm erkennbare Fälschung eines Ja-
chini sich als Geglaubtes und als Wahrheit einzuver-
leiben: die Uberdeckung der Wirklichkeit mit den
Gestaltungen einer überaus erregbaren Vorstellungs-
kraft. Und soweit diese Seite seines Wesens in Frage
kommt, hat die Anklage des Nehemia die Wirkung
einer Entlarvung. Denn die Bilder der eigenen Phan-
tasie mit dem Willen zur Geltung ausrüsten, sie mit
der Fluoreszenz seiner Persönlichkeit versehen und
sie den Menschen als erlebte und gültige Wirklich-
keit in dem Augenblick geben , wo sie als Antwort auf
uralte Fragen eine Wirklichkeit erwarten, ist selbst
dann Betrug, wenn die Täuschung in ihrer Plastik
auf den Erfinder zurückwirkt und in ihm die Über-
zeugung der Wahrhaftigkeit entstehen läßt.
Die Anhänger des Sabbatai, die, atemlose, bedrückte
Zeugen dieses dreitägigen Disputes und seines Aus-
ganges gewesen sind, verstehen von solchen Erwä-
gungen vielleicht nichts . Dagegen begreifen sie eines
mit äußerster Klarheit: wenn Nehemia, der Eiferer,
jetzt diese Festung verläßt, wird er, wie er einmal das
Kommen des Messias verkündet hat, jetzt die Kunde
von der Entlarvung eines falschen Messias verbrei-
ten. Er wird es mit der Eindringlichkeit tun, mit
KATASTROPHE 307
der er in dieser dreitägigen Schlacht vom Erforschen
bis zum Zweifel und bis zum Urteil sich durchge-
rungen hat. Er wird es mit der ganzen Autorität sei-
nes Wissens tun. Was einem Sasportas mit seinen
Episteln nicht gelungen ist, wird diesem Fanatiker
des Wissens und des Gehirns gelingen: er wird die
Bewegung spalten , sie lähmen . Er wird es in der ent-
scheidenden Stunde der Bewegung tun, jetzt, wo alle
Kräfte sich willig zu einem gemeinsamen Vorstoß
zur Verfügung stellen .
Das darf nitht sein. Die Bewegung darf jetzt nicht
gestört, der Glaube der Anhänger jetzt nicht er-
schüttert oder auch nur auf eine Probe gestellt wer-
den . Es ist auch der Gefahr vorzubeugen , daß Nehe-
mia sich an die türkischen Behörden wendet und vom
falschen Messias berichtet. Es ist doch allen offenbar,
daß man an Sabbatai Zewi eben nicht die Hand zu
legen wagt, weil man in ihrri trotz seiner anfäng-
lichen Leugnung den Messias sieht. Aber in der Se-
kunde, in der dieser Glaube erschüttert wird, wird
nichts ihn vor dem Schicksal eines gewöhnlichen Re-
bellen schützen .
Diese Erwägungen, in den Zeitraum von Minuten
zusammengedrängt, ergeben den harten Schluß : Ne-
hemia muß zum Schweigen gebracht werden . Nehe-
mia darf die Festung nicht lebendig verlassen ! Um
der Sache willen muß dieser eine geopfert werden.
Nehemia spürt die Stille, die seiner Anklage folgt,
mit überwacher Aufmerksamkeit. Er hört dieses
Raunen und Flüstern im Hintergrunde, er sieht plötz-
lich diese Gesichter voll böser Entschlossenheit und
die Bewegungen j die gegen ihn andrängen. Er ver-
steht sofort: Todesgefahr! Mit einem Sprung ist er
auf den Beinen. Jäh durchbricht er den noch utivoll-
308 ELFTES KAPITEL
kommenen Ring der Sabbatianer und erreicht die
Türe des Raumes . Hinter ihm her über die Gänge
und Treppen hasten und jagen und johlen die Ver-
folger, Aber die Todesangst oder der fanatische Wil-
le, noch vor dem Tode seine Botschaft in die Welt
zu schleudern 5 geben ihm Kräfte. Er erreicht das Tor.
Er ist im Freien. Dicht hinter ihm Menschen, die
ihn erschlagen wollen . Vor ihm die Menschenmassen
die, wie gewöhnlich, den freien Platz vor der Festung
belagern, Juden und Mohammedaner durcheinander.
Eine ungeheure Entschließung explodiert in ihm. Er
wirft seine pelzbesetzte Mütze zu Boden, stürzt sich
auf den nächsten Muselmanen, reißt ihm den grünen
Turban vom Kopfe und setzt ihn sich selber auf. Der
Kabbaiist Nehemia ha'Kohen, der das Kommen des
Messias ben David für das jüdische Volk angesagt
hat, tritt mit dieser symbolischen Handlung in voll-
endeter und ausreichender Form zum Islam über.
Seine Verfolger weichen entsetzt zurück . Einen Mo-
hammedaner dürfen sie nicht berühren . Sie können
auch nicht mehr an ihn heran , denn schon steht er in
einem dichten Keil von Menschen, die sogleich be-
griffen haben, daß hier ein Jude auf der Flucht vor
den Seinigen sich zu ihnen und dem allein wahren
Glauben gerettet hat. Die Sabbatianer müssen den
Dingen ihren Lauf lassen, und schon hören sie, wie
Nehemia, hoch aufgerichtet und ganz starr im Aus-
druck, mit lauter Stimme über den Platz hin verlangt,
daß man ihn nach Adrianopel zum Sultan bringe, da-
mit er ihm Aufklärung gebe über den falschen Mes-
sias Sabbatai Zewi .. .
Man entspricht seinem Wunsche mit verständlicher
Eile . Während in der »Machtburg« das bange Schwei-
gen und Horchen lastet, steht der Mohammedaner
KATASTROPHE 309
Nehemia vor dem Vertreter Mehmeds IV.und de-
nunziert mit klaren, kalten Argumenten den, an den
zu glauben er gekommen war, als Lügner, Betrüger,
Hochstapler und Rebellen .
Die Katastrophe ist geboren
EINE ERWÄGUNG UND EIN BERICHT SEIEN HIER
eingefügt: Entsprang der Übertritt Nehemias zum Is-
lam nur jener Spontanität, aus der einer handelt, der
sein Leben bedroht weiß und es schützen will ? Er war
doch ein Mensch, den die Nähe des Sterbens nicht
mehr schrecken konnte . Er selbst erklärte späterhin ,
als er die Türkei verlassen hatte und wieder zum
Judentum zurückgekehrt war, er habe den Turban
genommen, um den falschen Messias entlarven und
sein Volk vor einer großen Enttäuschung retten zu
können. - Es liegt aber, scheint mir, in diesem un-
gewöhnlichen Entschluß zugleich ein Unterton von
Resignation und Verzweiflung, die Gebärde eines
Menschen, der im Herzen doch Kind geblieben ist,
und der auf die Zerstörung einer insgeheim unsag-
bar geliebten Hoffnung mit der Aufgabe, dem Hin-
werfen seiner selbst, triebhaft antwortet.
Aber er ist dieser Rettung niemals froh geworden.
Dieselbe Kraft, die ihn zwang, in sich den Glauben
an den Messias zu zerstören, hat auch zugleich sein
ganzes Dasein, seine innere Existenz bis in den Grund
hinein zerstört. Denn wie die Zeit dahin geht, wie
Sabbatai längst als peinliche, zweideutige Gestalt zum
Führer einer Sekte herabgesunken ist, überrennt aus
der unaufhörlichen Wiederholung des Geschehens
das starke Herz das Nehemia doch endlich sein Ge-
hirn, und der Vernichter des Messias bekennt sich
plötzlich als einer seiner glühendsten Anhänger. Er
310 ELFTES KAPITEL
erzählt, verkündet und schwärmt von Sabbatai Zewi.
Er berichtet von Wundern, die er nie gesehen und
erlebt hat. Er beseitigt selbst aus seinem brennenden
Herzen her den großen Einwand, mit dem er den
Messias einmal zur Strecke brachte: das Fehlen des
Messias ben Joseph, »denn ich selbst«, erklärt er,
»bin der Messias ben Joseph. Ich werde vor den
Toren Jerusalems sterben und meinem Messias den
Weg bereiten . «
Aber niemand glaubt ihm mehr. Wohin er sich in
den polnischen Gemeinden mit dieser Offenbarung
wendet, wird er scheel angesehen und verstoßen. Er
muß weiter und weitergehen, unstet und flüchtig,
mit einem geheimen Kainszeichen auf der Stirne . Er
durchwandert Polen, Deutschland, Holland. Viel-
leicht ist er wirklich auf dem Wege nach Jerusalerri,
um vor den Toren zu sterben. Aber das Übermaß
der inneren Kämpfe hat seinen Geist und seine Ent-
schlußkraft zermürbt . Wie eine legendäre Figur zieht
er umher, läßt das Volk in seinen Berichten ihn um-
herziehen. Man sagt, er sei ein Bettler geworden,
der sich Jakob Namirow nannte, ein großer Kenner
und Erklärer des Talmuds, und doch ein Irrsinniger.
Man weiß nicht einmal genau das Jahr seines Todes
(1682 sagen die einen, 1696 die andern), noch wo er
gestorben ist. Er ist verschollen.
Aber das weiß man, daß er sich in den letzten Jahren
seines Daseins so nannte, wie der Messias Sabbatai
Zewi ihn einmal in aufkeimender Hoffnung gerufen
hatte : Prophet Nehemia .
ZWÖLFTES KAPITEL
DER RENEGAT
ZWÖLFTES KAPITEL 3x3
IN ADRIANOPEL SITZT DFR SULTAN MEHMED IV.
und fürchtet sich. Es ist nicht die Furcht, wie ein
Monarch seiner Art sie zu kennen pflegt: die vor
einem äußeren Feinde, oder die vor der kleinen Hin-
terhältigkeit, die durch die eigenen Räume schleicht.
Das sind Befürchtungen, die man beseitigen kann,
indem man sich gegen sie wehrte Ein Heer gegen die
Feinde von außen und ein krummer Säbel oder ein
Strick gegen die Feinde von innen geben der Seele
den Gleichmut wieder. Und über das Leben der
Menschen, die er beseitigt, schuldet er niemandem
Rechenschaft.
Aber die Furcht, die er jetzt empfindet, bekommt ihr
Gewicht, weil er nicht weiß, was er tun soll, um sie
zu beseitigen . Gewaltlose Dinge haben ihre böse Hart-
näckigkeit. Sie weichen aus, und der Schlag, der
gegen sie geführt wird, trifft sie nicht. Ein Volk in
Revolte und offenem Aufruhr ist zu fassen. Man
wirft es mit Gewalt nieder. Aber ein Volk im Zu-
stand des Entbrennens wird aus unterirdischen Quel-
len genährt. Es ist auch nicht abzusehen, ob diese
Masse, die jetzt noch klein und übersehbar ist, nicht
in das Maßlose wächst. Schon jetzt ist sie bedroh-
lich, wenn man bedenkt, welche und wie viele Ge-
genden der ihm bekannten Welt ihre Vertreter schon
nach Gallipoli in Bewegung gesetzt haben. Er hat
sich Bericht erstatten lassen und hört die Namen von
Orten: Lemberg, Krakau, Warschau, Hamburg,
Frankfurt, Amsterdam, Livorno, Venedig, Kairo, Je-
rusalem , Ismir , Saloniki , Aleppo , Ispahan , Teheran .
Da ist eine Welt am Vorabend ihrer Wanderschaft.
Die Spitzenreiter sind schon eingetroffen. In den
Heimaten ihrer Zwischenzeit rüsten sie sich. Es ist
314 ZWÖLFTES KAPITEL
ein Kreuzzug ohne Waffen, der sich in Bewegung
setzen will . Damals wie jetzt geht es um ein Land, das
seiner Herrschaft untersteht. Er soll es abgeben. Da-
mals drohte das nackte Schwert, und es ging nur um
ein Stück Boden. Heute droht die Gewaltlosigkeit,
und es geht gleichwohl um das Ganze : das ganze Land
seiner Herrschaft, die ganze Autorität seines Thrones .
Und als Ausdruck ihres Willens, ihn vom Thron zu
stürzen, residiert dicht neben ihm ihr Messias Sab-
batai Zewi.
Es ist zu begreifen, daß Mehmed IV., an seinem
Thron hängt. Er ist 23 Jahre alt. Mit 9 Jahren ist
er zur Regierung gekommen, nachdem sein Vater
Ibrahim auf Veranlassung der eigenen Mutter von
den Janitscharen ermordet worden war. Und auch
ihm trachtete die Großmutter nach dem Leben. Es
steht noch die Nacht vor ihm,. in der er, ein hilfloses
Kind, sich dem Anführer der Leibwache laut schrei-
end vor Angst und Entsetzen in die Arme wirft, wäh-
rend man auf den kostbaren Teppichen Menschen
mit der Axt den Schädel spaltet, draußen im Garten
eine wilde Soldateska die Intrigantin zu Tode würgt
und die grüne Fahne von den Mauern des Serails
zum heiligen Krieg gegen seine eigenen Soldaten auf-
ruft. Es ist nicht sein Verdienst, daß alles zum Guten
ausgegangen ist. Und viel Freude hat er nicht an sei-
nem Amt gehabt.
Jetzt soll ihm dieses Amt genommen werden. Das
würde er gelten lassen, wenn der, vor dem er sich in
das Nichts, in die Bedeutungslosigkeit zurückziehen
soll, wenigstens ein Türke gewesen wäre. Er weiß
doch, daß ^ines Tages ein Messias kommt und daß er
die Kronen der Welt einsammeln wird . Aber daß der
Messias ein Jude ist, will ihm nicht behagen.
DER RENEGAT 315
Er läßt sich den Kaimakam Mustapha Pascha kom-
men und tobt den Zorn seiner Unruhe an ihm aus.
Warum läßt man überhaupt solche Sorge an ihn her-
ankommen ? Warum wird dieses tolle Treiben in sei-
ner Nähe noch geduldet ? Gerade jetzt ist der 9 . Ab
gewesen, und statt der Klagen aus den kerzenstarren-
den Synagogen tobte eine zügellose Festfreude, mit
Gesang, Musik, Betrunkenheit und bunten Auf-
zügen durch die Stadt, als gäbe es nichts anderes
mehr zu bedenken .
Mustapha Pascha ist bereit, dem Treiben ein Ende
zu machen, wenn der Sultan es wünscht, und wenn
er ihm den ausdrücklichen Befehl dazu erteilt. Aus
eigenem Entschluß kann und will er hier nicht ein-
greifen. Dieser Befehl wird ihm nicht erteilt. Die-
ser Herrscher, dessen absolute Gewalt unbeschränkt
ist und der den Beinamen des Monarchen führt, der
alle Kronen der Welt verteilt, versagt und schweigt
vor der ständig wiederkehrenden Erwägung; es könn-
te doch sein, daß jener als Messias berufen ist. Und
man legt nicht die Hand an einen Messias . Die Furcht
bleibt und dauert.
Aber Allah liebt seinen Gläubigen und schickt ihm
eine Waffe gegen die Furcht, schickt ihm den pol-
nischen Juden Nehemia ha' Kohen, nein: nicht den
Juden, sondern den neuen Mohammedaner, diesen
starren Mann mit der klaren Sprache und dem Tur-
ban über den Schläfenlocken; diesen Mann, der mit
allem aufräumt, was dem Sultan durch Monate die
Hände gebunden hat. Ein Aufzucken der erlösenden
Freude ist in ihm, eine befreiende Erkenntnis; kein
Messias ! Nur ein Mensch .
Er entläßt Nehemia ha' Kohen mit ungewöhnlich rei-
chen Geschenken . Er belohnt damit den Bringer ei-
31 6 ZWÖLFTES KAPITEL
ner guten Botschaft und den Träger eines neuen
Glaubens zugleich. Dann läßt er in aller Eile einen
Kronrät einberufen . Er wagt sich nicht alleine an die
Entscheidung dessen, was zu tun ist. Gewiß: es ist
erwiesen, daß in Abydos kein Messias residiert . Aber
das ist nicht alles . Es kommt nicht nur auf den Füh-
rer dieser Bewegung an, sondern fast mehr noch auf
die Geführten. Es gibt ein Gesetz der Gläubigkeit,
das auch Sultan Mehmed versteht: in jeder religiö-
sen Bewegung, sei sie eine Neuschöpfung oder ein
neuer Anstoß, Hegen Größe, Wucht und Wirkung
nicht im Führer, sondern in der erschütternden Gläu-
bigkeit der Massen, die sich dem Führer, das heißt:
der Idee hingeben . Von da her bekommt ihr Glaube
ihre Eigenlebigkeit. Er ist, um weiter zu wirken,
nicht mehr von der Existenz des Führers abhängig.
Zu dem Kronrat finden sich ein: die Mutter des Sul-
tans, die in seinen Kinderjahren mit dem Vater des
jetzigen Großvezirs zusammen die Regentschaft ge-
führt hat und auch heute noch über die wichtigsten po-
litischen Entschließungen wacht (und über eine solche
wird jetzt beraten) ; der Mufti Wanni, Oberhaupt und
letzte Autorität für alles im Reiche, was religiöse
Dinge betrifft; der Kaimakam Mustapha Pascha; der
Großvezir Achmed Köprili, der politische Kopf die-
ser Zeit, und der Leibarzt des Sultans, Guidon .
Alle übersehen die Dinge so weit, daß über einen
Punkt unbedingte Einigkeit herrscht: man darf Sab-
batai Zewi unter keinen Umständen hinrichten las-
sen, selbst wenn er sich statt eines Messias schlecht-
hin als Rebell, als ein dem Tode verfallener Ver-
brecher erwiesen hat. Man darf es nicht, weil zu
befürchten steht, daß die Judenschaft zur offenen
Revolte übergeht. Sie sind zahlreich und verfügen
DER RENEGAT 317
über Geldmittel, daß sie sich kaufen können, was sie
wollen . Sie werden für einen getöteten Messias nicht
weniger Geld hinwerfen wie für einen lebendigen .
Und weiter: man muß unter allen Umständen ver-r
meiden , einen Märtyrer zu schaffen . Der Märtyrer-
tod erzeugt jenes Gefühl, das von allen die größte
Dauer und das härteste Leben hat: Treue; erzeugt
auch die Legende, und aus ihr kommt einer Gemein-
schaft oft mehr Nahrung, als aus der Wirklichkeit.
Es muß hier ein doppelter Weg gefunden werden,
der den Messias am Leben laßt und ihn doch un-
schädlich macht, und der im gleichen Lauf auch die
Bewegung hinter dem Messias verbluten läßt.
Der Mufti Wanni, Kenner religiöser Dinge, Fach-
mann des Glaubens, findet die Formel: nicht Treue
schaffen, sondern Untreue erzeugen. Versuchen,
Sabbatai Zewi zum Islam zu bekehren. Das gibt ei-
nen vielfachen Ertrag. Man nimmt der Bewegung
den Führer. Man lähmt und erschlägt ihre Glaubens-
seligkeit mit der vernichtenden Waffe, die man nicht
einmal selbst in die Hand zu nehmen braucht, die
der Führer von einst seinem Gefolge selbst entgegen-
schleudert. Und endlich tut man ein gutes Werk für
den Glauben, der allein der rechte ist.
Es ist ein teuflischer Plan, und er gefällt allen über die
Maßen. Seine Schwierigkeit besteht nur in der Aus-
führung. Der Mufti weiß, daß er ihn selbst nicht aus-
führen kann. Es ist auch nicht zweckmäßig. Ginge
er selbst zu Sabbatai, dann würde es so aussehen, als
ob der mächtige Sultan sein geistliches Oberhaupt ent-
sendete, um zu verhandeln und zu markten. Das
würde Sabbatai in seiner Sicherheit und seinem Hoch-
mut nur bestärken und ihn sperrig machen. Diesen
Plan muß einer ausführen, der sich Eingang zu den
31 8 ZWÖLFTES KAPITEL
letzten Trieben, den letzten Triebkräften des Mes-
sias verschaffen kann . Wer weiß , wie es in der Seele
eines solchen Juden aussieht ? Nur ein Jude . Oder
einer, der Jude dem Blute nach ist, wenn er auch
längst, wie beispielsweise der Leibarzt Guidon, den
rechten Weg zum Islam gefunden hat. Vielleicht
ist der Chekim Pascha Guidon bereit, aufs neue
seine Anhänglichkeit an den neuen Glauben zu be-
weisen und diese Mission zu übernehmen?
Aller Augen sind auf den Renegaten Guidon ge-
richtet. Wie die Dinge liegen, kann er diesem Auf-
trag nicht ausweichen. Er will es auch nicht. Es ist
eine Mission, um die er vielleicht gebeten haben wür-
de, wenn man sie ihm nicht aus freien Stücken an-
vertraut hätte. In jedem Renegaten liegt ein uner-
ledigter Rest von Beziehungen zu dem alten Glau-
ben. Ein. unerledigtes und unerlöstes Stück Liebe zu
einem Ursprung, der nicht zu Ende gelebt ist, weil
er sich versagt oder weil man sich ihm versagt hat .
Aus solchen Rudimenten des Verstoßenseins kommt
die Haltung des stillen Hasses , die Verneinung des
Judas Ischariot, die Trotzhaltung des gestürzten
Lichtengels Luciferos. Ein Renegat ist nur fortge-
gangen von seinem Glauben. Nie ist er endgültig ent-
lassen . Aus dem Gedanken an solche schicksalhafte
Bindung zuckt ihm ständig die Hand, um zu einem
Schlage auszuholen: Haltung der Notwehr.
Hier bietet sich für Guidon die erregende Möglich-
keit, an dem Einst Vergeltung zu üben, seinem Gott
von gestern ein Schnippchen zu schlagen und dem
Volke von ehemals die Hoffnung seines Messias zu
nehmen. Ein Renegat hat Sabbatai Zewi angeklagt.
Ein anderer vollzieht an ihm das Urteil .
Achmed Köprili gibt Anordnung, daß Sabbatai nach
DER RENEGAT 319
Adrianopel überführt werde. Am 14. September, dem
1 3 . Elul des Jahres 1666, nach einer überreichen und
doch tatenlosen Fürstenzeit von sechs Monaten bre-
chen die Soldaten des Großvezirs in die Prunkräume
von Abydos ein . Sie haben jetzt keinen Respekt und
keine Furcht mehr. Man hat ihnen gesagt; der Mann
ist kein Messias. Wenn er kein Messias ist, ist dieser
Ort auch keine Burg, sondern eine Festung, in der
Besucher nichts zu schaffen haben . Darum verjagen
sie die Sabbatianer, und da einige darunter sind, die
sich nicht verjagen lassen, wie Primo, Sarah und die
Freunde der nächsten Umgebung, werden sie kurzer-
hand mit verhaftet und nach Adrianopel geschafft.
Am 1 5 . Elul kommen sie in Adrianopel an .
Die Aufregung unter den Juden ist gewaltig. Die
einen sind entsetzt. Sie ahnen eine entscheidende
Gefahr. Die andern sind ruhig. Sie sehen darin nur
die notwendige Vollendung . Am ruhigsten von allen
ist Sabbatai Ze wi . Obgleich er erst vor wenigen Tagen
die entscheidende Niederlage durch Nehemia ha'
Kohen erlitten hat, ist er längst zum Ich und zur
Selbstsicherheit zurückgekehrt. Er versteht nicht,
was hier gespielt wird. Er will es nicht verstehen.
Wahrscheinlich kann er es auch nicht mehr ver-
stehen, denn er lebt nicht auf die Wirklichkeit zu,
sondern läßt sie zu sich herankommen, und da muß
sie, ehe sie ihn erreichen kann, sich am Medium
seines übersteigerten .Ichbewußtseins brechen. Also
ist diese Verbringung nach Adrianopel nur die Vor-
bereitung einer Audienz mit dem Sultan. Was er da
sagen und tun muß, wird ihm schon eingegeben wer-
den. Ihn beschäftigt viel mehr die Frage, in welchen
Formen und mit welchen Zeremonien er dem Sultan
begegnen muß, denn schließlich ist er ein Mächtiger
320 ZWÖLFTES KAPITEL
der Erde, dem man Respekt schuldet, selbst wenn
Gott ihn in seine, Sabbatais Hand, gegeben hat.
Darum, sobald er in Adrianopel angekommen und in
abseitigen Gemächern des Serails untergebracht ist,
wünscht er diese Frage des Zeremoniells zu klären . Er
weiß, wie er als Fürst empfängt, aber nicht, wie jener
als Sultan. Aber es kommt nicht zur Klärung dieser
überaus wichtigen Frage. Als erster Besucher erscheint
vor ihm der Chekim Pascha Guidon . Der hört sich
Sabbatais Sorge um das Zeremoniell ernst und höflich
an. Aber seine Erwiderung ist verhängnisvoll aus-
weichend . Gewiß ist die Frage des Zeremoniells sehr
wichtig, aber es ist vorab zu klären, wer sich darüber
Gedanken machen muß: Sabbatai Zewi oder der Sul-'
tan. Darnach erst bestimmt sich, welche Formen
der Anrede und der Unterhaltung anzuwenden sind .
Das heißt: es ist ja möglich, daß der Sultan als schlich-
ter Monarch zu ihm, Sabbatai, dem über alle Mo-
narchen eingesetzten Messias kommen muß , um ihm
seine Ehrerbietung zu bezeugen. Es geziemt sich,
daß der Geringere zu dem Größeren kommt . Für die^
sen Fall erbittet Guidon Anweisungen, wie Sabbatai
das Verhalten des Sultans wünscht .
Für diesen Fall. Das heißt: wenn Sabbatai der Mes-
sias ist, und man von einem Sultan füglich verlangen
kann, daß er zuerst seine Aufwartung macht. Aber
da ist noch nicht alles klargestellt. Es ist eine unwi-
derlegliche Tatsache, daß Mehmed IV. ein Sultan
ist. Aber es steht noch nicht fest, ob Sabbatai Zewi
ein Messias ist. Für den Sultan sprechen Augen-
schein und historisch gewordene Tatsachen . pur den
Messias spricht nur eine Selbstbehauptung, die noch
des Beweises bedarf. Man spreche also nicht eher
über das Zeremoniell, als bis Sabbatai den schlüssigen,
DER RENEGAT 321
bündigen j handgreiflichen Beweis geliefert habe, daß
er wirklich der Messias ist! Beweise!
Wie ein Albdruck rückt da die Wiederholung des Ge-
schehens und der Frage gegen Sabbatai heran. So
zweifelte und so forderte vor Tagen sein eigener
Prophet. Aber der zweifelte aus der Bereitschaft des
Glaubens, dieser da aus der Un Willigkeit des Ab-
trünnigen. Darum ist das, was in diesem Augenblick
geschieht, eine andersartige, brutalere Drohung. Bei-
de Male ist Gefahr. Aber während es vor Tagen nur
um Amt und Berufensein ging, ist hier und heute zu
ahnen, daß es um das nackte Leben geht. So unver-
mittelt, so durch nichts vorbereitet ist diese Erkennt-
nis, daß Sabbatai fast darunter zusammenbricht. Er
kann nur stammeln : wie soll man beweisen . . . ?
Guidon zuckt kalt die Achseln. Das ist nicht seine
Sache. Aber er hat im Serail davon sprechen hören,
daß ein Messias, insbesondere ein Messias der Juden,
in Gottes Hand stehe und daher unverletzlich sei.
Es habe zum Beispiel der Sultan gemeint, man könne
ihn in den Garten hinausführen und ihn dort nackt
an einen Galgen hängen. Dann müsse man einige
geschickte Bogenschützen aufstellen und drei ver-
giftete Pfeile auf ihn abschießen lassen . Am Messias
würden sie bestimmt abprallen. Dann wolle sogar der
Sultan selbst ein Jude werden und Sabbatai als Messias
anerkennen. Falls aber die Probe mißlingt. . . Nun,
darüber ist nichts zu sagen.
Nehemia verlangte vom Geiste her den Beweis, und
er war nicht zu führen . Um wieviel weniger wird hier
der plumpe Beweis aus der Ebene des Materiellen
her zu führen sein. Die Pfeile oder eine andere
Technik des Tötens werden für seine Gegner den
Beweis führen . Es ist zu Ende . -
21 Kastein Zewi •
322 ZWÖLFTES KAPITEL
Da regt sich etwas im Hintergrund des Raumes.
Samuel Primo kommt aus dem Halbdunkel . Er sieht,
wie der Messias schwach und hilflos, von Todesangst
angeweht, in sich zusammensinkt. Er fühlt mit
tödlichem Entsetzen, daß da keine Kraft mehr ist,
die sich entscheiden kann. Da war ja nie Kraft, nie
gerader und verantwortungsfreudiger Wille zu ent-
scheidenden Handlungen . So viel man auch an ver-
pflichtenden Wirklichkeiten hinter Sabbatai aufbaute,
er sah sie im entscheidendenAugenblick einfach nicht.
Und er wird sie jetzt völlig leugnen, um nur das
nackte Leben zu retten .
Das darf nicht sein . Es geht hier nicht-mehr um Sab-
batai Zewi . Es geht um die Idee des Messias . Auch
Nehemia ha'Kohen sollte geopfert werden um der
Idee willen, nicht um dieses einen Trägers willen. So
muß auch in diesem Augenblick abgewogen werden
zwischen dem Einzelnen und dem Gedanken, zwi-
schen Sabbatai Zewi und der messianischen Bewe-
gung. Das Ewige des Gedankens muß dem Zeitlichen
des Geschehens vorangestellt werden . Wenn Sabbatai
nicht der Führer der Bewegung mehr sein kann, so
muß er wenigstens ihr Märtyrer werden . Da er nicht
beweisen kann, darf er auch nicht beweisen . In die-
sem Stadium der Dinge ist der Idee mehr mit seinem
Sterben gedient, als mit seinem Leben.
Primo redet eindringlich auf ihn ein, um ihm das
zu beweisen. Er deutet auf die großen Vorgänger
hin, die für die »Heiligung des Namens« gestorben
sind. Er zitiert ihm die Megillath Amrafel, das er-
schütternde Werk des Rabbi Abraham ben Elieser
Halewi über den Tod der Märtyfier. Er tröstet ihn:
wenn einer im Augenblick des Todes den Namen aus-
spricht, den er im Leben heiligen, aber nicht aus-
DER RENEGAT 323
Sprechen soll, kehrt er unbefleckt in den Mutterschoß
der Seelen zurück und ist, im mystischen »Osten«
wohnend, dem Gesetz der Wiedergeburt entrückt.
Sabbatai ist sehr bereit, an diese neue Rolle, an diese
neue Form seiner Bedeutsamkeit zu glauben. Aber
es ist doch bedrückend, aus der lebendigen Nutz-
nießung gestrichen zu werden, das Fortwirkende sei-
ner Macht und seiner Machthandlungen eintauschen
zu müssen gegen den einmaligen heroiiüehen Akt des
Leidens: den Märtyrertod. Dennoch ISleibt es ver-
lockend, weiterhin das Schicksal eines ganzen Volkes
auf die Schultern zu nehmen Und sich im Sterben ein
lebendiges Angedenken für alle Zeiten zu sichern .
Gegen eine solche Entwicklung muß Guidon sich
wehren. Seine Mission will den Renegaten, nicht den
Märtyrer. Darum greift er härter zu. Er beharrt da-
bei: es muß ein Beweis geliefert werden. Schon zu
lange ist da eine Rolle mit einem ungewöhnlichen An-
spruch gespielt worden, als daß sie fernerhin unbe-
wiesen bleiben dürfte. Es muß nicht gerade der Be-
weis durch die drei vergifteten Pfeile sein. Sabbatai
mag sich auswählen, in welcher Form er den Beweis
führen will . Das aber muß klar gesagt werden : ge-
lingt der Beweis nicht, und - kalte, höhnische, selbst-
sichere Drohung - er wird nicht gelingen, dann wird
die Strafe, die der Sultan über ihn verhängt, so groß
sein wie die Anmaßung, mit der Sabbatai seine Be-
rufung vorgetäuscht hat. Man wird ihn durch die
Straßen der Stadt führen, da er doch öffentliche Um-
züge so sehr liebt. Und da er behauptet, der Er-
leuchtete Gottes zu sein, wird man solche Erleuch-
tunggreifbarer, sinnfälliger darstellen . Man wird eine
brennende Fackel an jedes Glied seines Körpers binden .
Man wird ihn in der Glut dieser Leuchten langsam
21*
324 ZWÖLFTES KAPITEL
schmoren und rösten lassen . Wenn er den Hunden
schmeckt, mögen sie sich mit dem Rest vergnügen .
Gegen diese brutale Drohung ist Sabbatai ganz ohne
Wehr und Waffe. So flach vor ein grauenhaftes Ster-
ben gestellt, versinken alle Wünsche, Triebe, jeder
Wille und jeder Ehrgeiz vor dem nackten, übermäch-
tigen Gefühl der Selbsterhaltung. Er, der Asket, der
dem Himmel Zugewandte, liebt doch das Leben über
alle Maßen. Denn das ist ja die letzte Sehnsucht all
seiner Bemühungen gewesen, auch wenn sie himmel-
wärts gingen, daß sie ihm im Diesseits, in seinem Le-
ben Ertrag bringen möchten. Und da das Leben im-
mer noch etwas geben kann, auch wenn man nicht
mehr Messias sein darf; da das Nichts so grauenhaft
und nicht vorzustellen ist; und weil endlich Folter
und Schmerzen schon im Gedanken ihn in den Wahn-
sinn der Furcht hineintreiben, klammert er sich ver-
zweifelt an das Leben, verwirft er jeden Gedanken an
Märtyrertum , kann er nur noch betteln : gibt es keine
Rettung? Er, ist ja bereit, seinem Messiastum abzu-
sagen, auf jede Wirkung zu verzichten, alles zu wi-
derrufen, was er je gesagt, gelehrt und verheißen hat.
Nur soll man ihn am Leben lassen .,
Er, zu Ekstasen von je geneigt, erlebt in diesem Au-
genblick eine einzigartig neue : die Ekstase der Todes-
furcht. Er sucht vor diesem Ausgeliefertsein Trost
und Rettung bei seinem Bedränger. Der entthronte
Messias wirft sich vor dem Abtrünnigen nieder und
beschwört ihn um einen Ausweg. »So klammert sich
der Schiffer endlieh noch am Felsen fest, an dem er
scheitern sollte ...«
Guidon neigt sich zu ihm und gibt ihm einen Rat:
alles wird gut, nichts Böses wird geschehen, wenn
Sabbatai seinen Verzicht auf das hohe Amt durch
DER RENEGAT 325
eine schlichte Handlung nach außen hin bekundet,
wenn er zwischen sich und die Vergangenheit den
sichtbaren Trennungsstrich zieht: wenn er in aller
Form zum Islam übertritt .
Eine Sekunde weicht Sabbatai vor dieser unvorstell-
baren Entschließung zurück. Er ist ja schon inner-
lich entschlossen, seine Mission und seine Anhänger
zu verraten. Aber diese Form, in der es geschehen
soll, ist zu grob, zu gemein und niedrig. Ein Renegat
ist schlechthin etwas Verabscheuungs wertes . Wenn
aber einer sich das Ziel setzt, den Glauben eines gan-
zen Volkes zu seiner Befriedung zu führen, und am
Ende dieses Weges zu den Gegnern übertritt, wird
die Gemeinheit, deren ein Mensch fähig ist, fratzen-
haft übersteigert. Davor zögert er noch.
Und wieder aus dem Hintergrunde Primo: alles,
nur das nicht I Nicht abtrünnig werden ! Das erträgt
das Volk nicht 1
Und Guidon, wohlwollend, vermittelnd, ein wenig
aus der vertraulichen Geste des Mitverschwörers :
besser der Übertritt als die Folter. Es ist ja nur eine
Erklärung, eine Form. Niemand wird prüfen können,
was Sabbatai sich dabei denkt, was er sich dabei vor-
behält, ob er wirklich aus Überzeugung handelt oder
. . . oder ob er eben nur zum Schein übertritt, um
sein Leben zu retten.
Damit hat er das Spiel gewonnen . Sabbatai springt
auf und ist mit einem Male wieder lebendig. Er bittet
den Chekim Pascha Guidon, er möge dem Sultan
seine, Sabbatais, Bereitwilligkeit mitteilen, zum Is-
lam überzutreten. Der Renegat entfernt sich mit ei-
ner Verbeugung und einem tief zufriedenen Lächeln.
Wie er fort ist, stürmen die Freunde auf Sabbatai ein
mit Vorwürfen und Klagen und Überredungen . Aber
326 ZWÖLFTES KAPITEL
er ist keiner Vorstellung zugänglich. In der Sekun-
de, in der er weiß, er wird leben bleiben, wächst die
immer triebhafte Gestaltung des Lebens schon wieder
über ihn hinaus, spielt mit ihm, wirft ihm Möglich-
keiten zu, Bedeutsamkeiten, läßt seine Fähigkeit zu
Anpassung und Verknüpfung aufwuchern . Und das
ist nicht einmal verlogen und unehrlich . Was er den
Freunden sagt, glaubt er wirklich zutiefst, da nichts
ihn beirrt und kontrolliert : hier ist eine neue Prüfung
über ihn verhängt, die er hinnehmen muß. Der Zorn
des Sultans kannte sich gegen die gesamte Judenheit
richten. Das muß er von seinem Volke abwenden.
Und sich selbst! muß er am Leben erhalten, um sein
Werk [fortsetzen zu können. Er ist ja dpch zum
Messias berufen. War er eben noch bereit, diese Be-
rufung zu verraten? Nein, das war nur ein Augen-
blick der Verwirrung. Dämonisches hat da aus ihm
gesprochen, und er hat keinen Anteil daran. So, wie
das Schicksal sich jetzt gestalten wird, ist es richtig
und gut und in der Vorsehung beschlossen. Was ist
auch daran Ungewöhnliches ? Auch Moses mußte, ehe
er sein Volk aus der Knechtschaft führen konnte, ei-
nen Teil seines Lebens am Hofe des Pharaonen und
in einem fremden Glauben verbringen . Und da hier
die Erinnerung an Moses phantastische Möglichkeiten
zu Vergleichen eröffnet, verkündet Sabbatai plötzlich :
in dieser Unterdrückung des neuen Glaubens muß
ich verharren, bis der Prophet Nathan kommt und
mir den Stab bringt, den Moses getragen hat. Dann
werde ich dieselben Wunder vollbringen wie er.
Die Freunde schweigen und glauben. Auch Primo
glaubt. Glaubt er wirklich oder will er glauben?
Überredet er sich? Nein. Er ist der kalte Dämon, der
andere überredet und der wieder das Wort lebendig
DER RENEGAT 327
macht, das den ständig nach allen Seiten ausbrechen-
den Messias fesseln soll . Sofort verfaßt er ein Send-
schreiben : Sabbatai Ze wi ist zum Islam übergetreten .
Das istgöttliche Vorsehung . Es hat einen tiefen und hei-
ligen Sinn . Wer als Messias die Sünden der Welt er-
lösen will, muß auch die Sünden jedes Glaubens auf
sich nehmen und darum in jede Form des Glaubens
eintauchen. Alles ist nötig. Alles wird sich enthül-
len. Verliert Euren Glauben nicht.
Inzwischen erstattet Guidon dem Sultan Bericht.
Der ist mit dem Ausgang des Unternehmens sehr zu-
frieden und läßt gleich für den nächsten Tag, für den
16. des Monats Elul, eine feierliche Zeremonie vor-
bereiten, zu der alle Würdenträger des Hofes be-
fohlen werden. Denn es bleibt ein w:ichtiger Vorgang.
Messias oder Betrüger: immer doch ein Mann, von
dem weitreichende und gefährliche Wirkung ausging.
Ein triftiger Grund, ihm den Übertritt leicht zu ma-
chen und ihn mit allen Ehren zu behandeln .
Am nächsten Morgen wird Sabbatai in den Thron-
saal des Sultans gebracht. Er trägt einen Anzug aus
schwarzer Seide und eine hohe Judenmütze. Mit sei-
nen fahrigen Bewegungen, denen die Endgültigkeit
seines Entschlusses Zielstrebigkeit gibt, durchbricht
er das feierlich gedachte Zeremoniell . Schon an der
Schwelle des Saales nimmt er seine Mütze ab und
wirft sie zu Boden . Das ist der Verzicht. In der Nähe
sieht er einen Pagen stehen, der auf einem Kissen
einen Turban hält. Sabbatai geht auf ihn zu, nimmt
ihm den Turban ab und setzt ihn sich auf. Der Über-
tritt ist aus seiner eigenen Entschließung und mit sei-
nen eigenen freien, überstürzten Gebärden vollzogen.
Der Sultan strahlt vor Zufriedenheit. Er begrüßt den
neuen Gläubigen, von dessen geheimem Vorbehalt er
328 ZWÖLFTES KAPITEL
nicht weiß . Er belegt ihn mit einem neuen Namen
und steht selber Pate dabei. Sabbatai Zewi wird fort-
an Mehmed EfFendi heißen . Darüber hinaus will er
ihn auch ehren und belohnen und überträgt ihm feier-
lich das bedeutsame Amt eines Capigi Otorak, eines
Türhüters des Serail . Mit diesem Amt ist nicht nur
ein bedeutendes Einkommen verbunden, sondern auch
eine besondere Art der Kleidung. Auch dieses Gewand,
aus weißer Seide 5 läßt der Sultan dem Mehmed EfFendi
überreichen. Wie Sabbatai hinter einem Wandschirm
seine Kleider wechselt, findet man in den Beinklei-
dern seines schwarzen Anzuges einige Pfund Zwie-
back, vielleicht von einer Fastenzeit her oder zu neuem
Fasten bestimmt . Eine peinliche Entdeckung .
Um sein Bekenntnis zum neuen Glauben noch sicht-
barer und glaubhafter zu machen, wird ihm nahege-
legt, sich noch eine zweite Frau zu nehmen, eine
mohammedanische Sklavin. Sabbatai gehorcht. Er
tut ein übriges, läßt Sarah holen und bewirkt, daß
auch sie zum Islam übertritt. Es wird ihr der Name
Fatima Radini beigelegt.
Dann kehrt Mehmed Effendi in die Räume zurück,
die ihm im Serail angewiesen sind und die ihm jetzt
in seinem Amt als Türhüter gebühren . Einige Tage
herrscht da doch ein gedrücktes und bariges Schwei-
gen . Dann geht als erste Äußerung des Konvertiten
ein Brief an seine Brüder in Ismir ab, trotzig und
doch mit einem Unterton von Schmerz und Resig-
nation: »Jetzt laßt ab von mir, denn der Höchste hat
mich zu einem Ismaeliten gemacht . . . Er sprach und
es wurde ; er gebot und es geschah. Den 24. Elul, am
neunten Tage meiner Erneuerung nach göttlichem
Ratschluß . «
DREIZEHNTES KAPITEL
TODESZUCKUNGEN
DREIZEHNTES KAPITEL 331
DIE NACHRICHT, DASS DER MESSIAS SEIN AMT, SEIN
Volk und seinen Glauben verraten habe, kriecht über
die langsamen Wege mit einer breiten dunklen Spur .
Die dem Ort dieser Tragödie am nächsten sitzen,
wissen um zuverlässige Einzelheiten. Sie erfahren
noch mehr: in dem Sultan hat sich doch der Rest
von Angst oder die Nachwirkung der erduldeten Un-
ruhe Luft gemacht und sich zu einem bösen Plan ver-
dichtet. Er will sich davor schützen, daß in seinem
Lande je wieder eine solche Bewegung entsteht. Er
will alle erwachsenen Juden aus seinem Reiche aus-
weisen, alle Kinder zwangsweise zum Islam bekehren
und als abschreckendes Beispiel fünfzig der ange-
sehensten Rabbiner hinrichten lassen. Aber dieses
Unheil wird vermieden, weil seine Minister und
seine kluge Mutter dringend abraten. Entscheidend
ist Guidons kalt-zynische Begründung: warum Ge-
walt anwenden und Kräfte wachmachen, die ge-
fährlich sind, weil man sie nicht abschätzen kann?
Dieses Volk ist von einer lächerlichen Glaubensse-
ligkeit. Es ist zu wetten, daß sie den Übertritt nicht
als Abfall ansehen werden, sondern als ein Beispiel,
das ihr Führer ihnen gibt, und dem sie nachahmen
müssen. So werden sie sich selber ausrotten. - Es
hat den Anschein, als solle der Renegat recht behal-
ten. Aus dem engeren Kreise um Sabbatai treten
viele spontan zum Islam über. Sie leisten ohne Frage
und Zweifel die unbedingte Gefolgschaft. Es^ ist
nicht ihre Sache, nach dem Sinn zu fragen . Den Sinn
weiß ihr Messias, und er wird ihn eines Tages ent-
hüllen .
Aber je weiter sich die Nachricht vom Orte ihrer Ent-
stehung entfernt, desto ablehnender und ungläubiger
332 DREIZEHNTES KAPITEL
wird sie empfangen. Das sind doch alles nur Ge-
rüchte, die von den Gegnern verbreitet werden, um
die Bewegung zu spalten. Sie lächeln überlegen und
glauben nicht. Aber wie sie mit den vermehrten,
deutlicheren Nachrichten an der Tatsache nicht mehr
zweifeln können, bauen sie aus der Tiefe ihres Her-
zens sogleich an dem Sinn dieses Geschehens und er-
zeugen die reinste Blüte williger Herzen : die Legen-
de. In Livorno weiß man zu melden, daß der Turban,
den Sabbatai Zewi sich auf das Haupt gesetzt habe,
um eine Fürstenkrone geschlungen gewesen sei. Was
also war geschehen ? Ihr Messias war gekrönt worden !
Darum auch habe der Sultan dem Messias sogleich
an die Spitze eines großen Heeres gestellt. Mit die-
sem Heere werde Sabbatai nach Polen ziehen und den
Märtyrertod der Hunderttausende rächen.
Es gibt Menschen, die das nicht glauben, weil sie
etwas anderes wissen : nicht Sabbatai Zewi ist zum
Islam übergetreten , sondern ein Schattenbild von
ihm. Das geht jetzt als Türhüter Mehmed Effendi
durch die Räume des Serail . Sabbatai selbst ist gleich
dem Propheten Elijahu zum Himmel gefahren und
wird zurückkommen, wenn Gott ihn zu neuen Wun-
dern entläßt.
Eine solche beglückende Selbsttäuschung kann nicht
dauern. Es ist eine bittere, unwiderlegbare Tatsache,
daß Sabbatai in aller Leiblichkeit und ohne versteckte
Fürstenkrone durch den Serail geht, ein monatliches
Gehalt von fünfzig Goldtalern bezieht und seiner
Tage, seines geretteten Lebens recht froh zu sein
scheint. Und nun zeigt sich deutlich, daß seine An-
hänger doch viel größer sind als er selbst. Für sie hat
die Lebendigkeit und Heiligkeit der Idee keine Un-
terbrechung erlitten. Folglich muß erforscht werden.
TODESZUCKUNGEN 333
wie dieser ungeheure Vorgang sich ohne Zwang und
Gewalt in die Idee, in den Glauben und in den wei-
teren Ablauf der Dinge einfügen lassen. Das weiß
doch das Volk schon aus dem Buch Esther her, daß
das Verweilen in einem anderen Glauben Voraus-
setzung eines Rettungs Werkes sein kann . Esther gab
sich einem heidnischen König hin und lebte in seinen
Sitten. In der Kabbala findet sich eine Sage, Moses
habe, ehe er sein Volk befreite, unter den Äthiopiern
und in deren Glauben gelebt. Also muß auch der Mes-
sias, ehe er sein Erlösungswerk vollbringen kann,
eine Zeit unter den Heiden verbringen. Es deuten ja
auch die Propheten darauf hin , die Welt werde den
Messias zu den Verbrechern zählen. Auch Sacharia
sagt vom Messias , daß er arm sei und auf einem Esel
reite . Diese Armut , die Nehemia ha' Kohen so schmerz-
lich vermißt hat, kann - so deuten die Gläubigen -
nur in einer, wenn auch zeitigen Armut des Geistes
verstanden werden, und deren letzter Abgrund ist der
Abfall vom Glauben . Es spielt auch das Buch Sohar
darauf an, der Messias werde verkannt werden. In
seiner Erscheinung sei er böse, aber in seinem Her-
zen sei er gut.
Immer tiefer, immer geistiger werden Begründung
und Rechtfertigung. Sie nehmen Formen an^ wie sie
wohl ein Messias, nie aber dieser Messias verdient.
Aus dem Quell ihres tausendjährigen Leidens be-
greifen sie, daß alles Leid nur vollendet werden kann
durch seine Übersteigerung. Will der Messias das
Leid der Welt auf seine Schultern nehmen, so muß er
sich selbst tief darunter beugen, bis in die Abgründe,
bis in den Sumpf hinein, bis in den Morast der Un-
gläubigkeit. Es sind alles Vorstufen der Erlösung.
Abraham Michael Cardoso, Arzt, Marrane, der zum
334 DREIZEHNTES KAPITEL
Judentum zurückkehrt, Abenteurer seines eigenen
Lebens, Gestalter seiner eigenen Ekstase, der die flak-
kernden Worte und Sinngebungen des Messias zu
einem geschlossenen Lehrgebäude zusammendenkt
und die Grundfesten der Kabbala erschüttert, dieser
unerbittliche Denker findet auch die schlüssige, von
allen Gläubigen angenommene Begründung für den
Übertritt Sabbatais : es ist das Los jedes Erlösers, ver-
kannt und verstoßen zu sein . »Wie denn uns allen im
Galuth eben das gleiche Los beschieden ist, denn es
steht geschrieben: Er läßt dich und deinen König,
den du über dich stelltest, gehen zu einem Stamme,
von dem du nicht wußtest, du und deine Väter,
da dienest du anderen Göttern, Holz und Stein.«
(,Reden', 28, 36.)
So ist der Gläubigkeit der Massen vor ihrem Sterben
noch eine Galgenfrist des Trostes gegeben . Fast ein
Jahr lang bleibt alles, wenn auch bewegt, so doch un-
verrückt. Noch wird der nächste 9. Ab, der große
Trauertag des jüdischen Volkes, beinahe überall als
Freudentag gefeiert. In Adrianopel müssen die Rab-
biner zu einer List greifen, um zu verhindern, daß
der 17. Tammus seiner Bedeutung als Fasttag ent-
kleidet bleibe. Sie fälschen ein Sendschreiben, in dem
Sabbatai ein Bekenntnis der Reue ablegt und ver-
sichert, Nathan Ghazati und Abraham Jachini hätten
ihn verführt. Aber es ist doth in allem Tun und Be-
. kennen eine übermäßige Anspannung der Seelen fühl-
bar, die jeden Moment zerbrechen und die Scharen
der Gläubigen vor das Nichts, vor die vernichtende
Leere stellen kann . Das Schwere dieses Augenblicks
begreifen teilnehmend auch die, die Gegner Sabbatais
von allem Anfang an geblieben sind. Überall bemü-
hen sich die Gemeinden, einen leichten und milden
TODESZUCKUNGEN 335
Übergang zur Ruhe und zu den früheren Verhältnis-
sen wieder herzustellen . In Konstantinopel , nahe dem
Gefahrenherde, erlassen die Rabbiner ein Dekret und
bedrohen mit den schärfsten Strafen, ja mit dem großen
Bann denjenigen, der einen ehemaligen Sabbatianer
mit Worten oder Taten verletzt oder bedroht. So be-
zeugen sie auch noch einem Glauben , den sie für einen
Irrtum halten, Achtung und Teilnahme.
Viele wollen von solcher Teilnahme und Milde nichts
wissen. Sie brauchen kein Mitleid, weil ihnen doch
kein Unglück zugestoßen ist. Sie beten nach wie vor
in den Synagogen mit letzter Hartnäckigkeit: »Er
ist der Messias, und es ist kein anderer zu erwarten.«
Das Rabbinat Konstantinopel, das sich seine Autori-
tät von einst wieder genommen hat, muß unter dem
5 . Schewat ein ernsthaftes Schreiben nach Ismir rich-
ten und zur Ordnung mahnen. ». . . denn es sind
unter Euch Leute, die sich in ihrem Irrtum noch be-
stärken und sagen: dieser unser König lebt noch. Sie
segnen ihn alle Sabbathtage in ihren Synagogen und
bedienen sich der Psalmen und Gesänge, die er an-
geordnet hat . . . Nun wißt Ihr wohl, in was für Ge-
fahr unsere Seelen wegen seiner geraten sind. Wenn
nicht die unendliche Barmherzigkeit Gottes und das
Verdienst unserer Väter uns beigestanden hätte, so
wäre der Fuß Israels von unseren Feinden abgehauen
worden . . . Kehret darum wieder zurück, denn der
Weg, darauf Ihr wandelt, ist nicht der rechte Weg.
Gebt die Krone wieder dem alten Gebrauch, der 'alten
Übung Eurer Väter und dem Gesetz, und Wendet
Euch nicht weiter davon ab . . . «
Nur langsam und widerwillig kommen die Menschen
solcher Mahnung nach. Sie sind eher bereit, auf ihre
äußere Haltung zu verzichten als auf ihre innere .
336 DREIZEHNTES KAPITEL
Denn es hat sich mindestens für den äußeren Schein,
für die nichtgläubige Umwelt herausgestellt, daß Sab-
batai Zewi nicht der Messias ist und daß folglich das,
was er tun wollte, sich dem Sultan gegenüber als ein
Verbrechen darstellt, für das auch sie zur Verant-
wortung gezogen werden können . So kriecht die
Angst wieder in ihr Leben hinein.
Indessen sitzt Sabbatai Zewi im Serail und schweigt.
Mit Juden kommt er nicht zusammen . Er ist zwar
nicht von der Außenwelt abgeschnitten, aber er
wird beobachtet. Man freut sich dieses neuen Mo-
hammedaners, aber man traut ihm nicht sehr. Der
Sultan hat den Mufti Wanni damit beauftragt, über
Mehmed Effendi zu wachen und ihn in dem neuen
Glauben zu unterrichten . So geht Sabbatai zum an-
dern Male in die Schule, und Lehrer und Schüler
lernen von einander. Aber dieses neue Studium macht
ihn nicht taub für die Nachrichten, die von außen
kommen. Draußen hat man zwar seinen Abfall zur
Kenntnis genommen, triumphierend oder gläubig,
aber keiner glaubt, daß es dabei sein Bewenden haben
würde . Sie warten noch auf eine Tat von ihm ; die
Anhänger aus der Hoffnung auf Wunder, die Gegner,
weil sie von seinem unruhigen Geist nichts anderes
erwarten ....
Da aber nichts erfolgt, da sie nur erfahren, Sabbatai
sitzt als Schüler vor Mufti .Wanni und lernt Koran,
g^ht die Opposition zum Angriif über. Insbesondere
Jakob Sasport'as rührt sich. Er hat aus seinen viel-
fachen Korrespondenzen Beziehung zu aller Welt.
Von überall her sammelt er Berichte und Tatsachen ,
und es ist zu verstehen, daß er den ungünstigen den
Vorzug gibt. Jedes Detail, das er erwischen kann,
schickt er in Sendschreiben über die ganze Welt.
TODESZUCKUNGEN 337
Überall unterhöhlt er die Gläubigkeit und das Ver-
trauen . An vielen Orten braucht er dafür keine große
geistige Begründung aufzubringen, denn er hat für
seine Beweisführung einen starken, traurigen Ver-
bündeten: die Not. Da sitzen überall, in der ganzen
Welt, Menschen, die ihren Alltag beiseite geworfen
haben, weil man ihnen gesagt hatte, daß er wertlos
geworden sei. Geld und Gut haben sie dieser Über-
zeugung geopfert. Die einen haben ihre Geschäfte auf-
gelöst, ihren Handel aufgegeben, andere haben ihre
Häuser verkauft , mit den Armen geteilt, ihr Geld nach
Abydos geschickt . Menschen sind auf der Wanderung
und stehen ohne Rat und Trost vor dem Richtungs-
losen. Man hat sie alle fallen und in einen Tag zu-
rücksinken lassen, den sie längst für tot erklärt haben .
Nun haust neben der Not und der Trauer die Ver-
bitterung enttäuschter Herzen .
Aber daneben sind Menschen, die sich der Idee mit
letzter Ausschließlichkeit verschrieben haben. Für
sie haben die Dinge, die nach außen hin geschehen,
kein reales Gewicht. Das wichtige Geschehen voll-
zieht sich auf einer anderen , höheren Ebene . So zie-
hen unentwegt und ungestört die Sendboten Sabba-
tais durch die Lande, werben für einen Messias, der
vom Schauplatz abgetreten ist, für eine Erfüllung, die
vom lebendigen Geschehen nicht mehr genährt wird .
Überall begegnen sie wachsenden Feindschaften.
Aber das erschüttert sie nicht. Einer von ihnen, Sab-
batai Raphael, scheint allerdings im Laufe dieser un-
seligen und ergebnislosen Wanderschaft entartet zu
sein. Er fand keinen Abschluß und keinen Rückweg.
Er mußte notwendig zum Betrüger und Scharlatan
werden, denn dem Sendboten ohne Sendung bleibt
als Handwerk nur Erfindung und die Lüge.
22 Kastein Zewi
338 DREIZEHNTES KAPITEL
Bis nach Hamburg entfaltet er seine Tätigkeit, von
der man mehr nichts wissen will. Da vermerkt dasProto-
kollbuch der portugiesischen Gemeinde : »In Anbe-
tracht des Nachteils, der unserer Ruhe, unserem Ju-
dentum und unserer Verwaltung aus dem hiesigen
Aufenthalt des Bösewichts und Betrügers Raphael
Sabatay erwachsen kann, welcher von Amsterdam
hierhergekommen ist, von wo er, da er sich den Titel
eines Propheten angemaßt hatte, mit Hilfe der Ge-
richtsbehörden fortgeschafft worden war, wurde be-
raten . . , wie man am besten dem Verkehr des p.
Sabatay mit den Unsrigen vorbeugen könnte . . .es
schien nicht angebracht, den Bann über ihn auszu-
sprechen, da der genannte von denTedescos (d.h.
deutschen Juden) in Schutz genommen werde, mit
denen man zunächst Rücksprache nehmen müsse ...
Gott halte das Böse von seinem Volke fern . . .«
Nathan Ghazati hingegen spielt seinen Part in der
großen Tragödie mit einem Heroismus zu Ende, der
in der weltfremden Hartnäckigkeit des Verwirrten
mündet. Während in Ismir das Volk in überschäu-
mender Begeisterung das Königtum Sabbatais aus-
rief, während sich in Abydos die kurze Blütezeit der
messianischen Residenz allzu üppig entfaltete, saß
er abseits in Gaza, umgeben von Schülern, aus denen
er einen Nachwuchs von Propheten züchten wollte.
Er brauchte nicht die bestrickende Nähe des Messias
und nicht den Zauberkreis seiner Wirkungen, um
aus seiner übererregten Gläubigkeit immer neue Ma-
nifestationen und Bekundungen zu entlassen . Besser
behagte ihm die Abseitigkeit, die unkontrollierte
Heimlichkeit, in der sich seine Gesichte und Offen-
barungen vollzogen .
So fern vom Geschehen, trifft ihn die Nachricht vom
TODESZUCKUNGEN 339
Abfall Sabbatais völlig unvorbereitet. Er ist maßlos
bestürzt. Aber das dauert nur eine Sekunde, dann
steht seine Überzeugung mit vermehrter Kraft wie-
der aufrecht. Er glaubt nicht an das Ende, sondern
nur an einen Gefahrenpunkt der Bewegung. In die-
sem kritischen Moment braucht die Bewegung ihn.
Er bricht sogleich zur Reise nach Adrianopel auf.
Ein pompöser Zug begleitet ihn . Sein reicher Schwie-
gervater, der selbst die Reise mitmacht, leistet ihm
eine Gefolgschaft von Juden und Türken, insge-
samt etwa 40 Mann . Der Prophet sitzt zu Pferde und
hat einen Säbel an der Seite hängen.
Von unterwegs erläßt er zwei Schreiben , eines an
Sabbatai Zewi, ein anderes an die Gemeinde von
Aleppo, die den ersten Triumph des Messias feierte.
Es sind Dokumente voll Gläubigkeit, voll hartnäcki-
gem, trotzigem Glauben, voll von einer bewußt über-
steigerten Demut, eine leidenschaftliche Kampfan-
sage an alle Gegner und Zweifler. An Sabbatai
schreibt er nach Adrianopel :
»Dem Könige, unserem Könige und Herrn aller Her-
ren, der die Verstreuten von Israel wieder sammelt,
der uns aus unserer Gefangenschaft erlöst, dem über
alles erhöhten Menschen, dem Messias des Gottes
Jaakobs, dem wahrhaftigen Messias, dem himmli-
schen Löwen Sabbatai Zewi, dessen Name verherr-
licht, dessen Herrschaft in kurzer Zeit auf immer
erhöht werden möge, Amen.
Ich küsse dem König aller Könige pflichtschuldigst
die Hände und wische den Staub von seinen Füßen .
Dieser Brief soll Euch kund geben, daß mein Gesicht
durch das Wort des Königs der Gesetze erleuchtet
wurde . . . Die unangenehmen Nachrichten , die mir
bisher zu Ohren gekommen sind, machen mich nicht
22*
340 DREIZEHNTES KAPITEL
mutlos. Ich habe ein Löwenherz. Ich habe nicht
nach der Ursache dessen zu fragen, was Ihr tut.
Alles, was ich sehe, ist wunderbar. Meine Treue
steht unbeweglich fest. Ich bin bereit, meine Seele
Eurem heiligen Namen zu opfern. Jetzt bin ich in
Damaskus und werde von da auf Euren Befehl nach
Scanderona gehen, wo ich das Gesicht Gottes in sei-
nem vollen Glänze zu sehen hoffe. Ich werde als
Diener Eurer Diener den Staub von Euren Füßen wi-
schen, und bitte nur, mich mit Eurer starken Hand
und überlegenen Kraft zu unterstützen und mir den
Weg, den ich vor mir habe, zu verkürzen. Meiine
Augen sind auf Gott gerichtet, der uns schließlich
helfen und erretten wird, daß uns die Kinder der
Bosheit nicht schaden können . . . Dieses sind die
Worte Deines Dieners, der sich unter Deine Füße
wirft, Nathan Benjamin.«
Dann beschwört er die treue Gemeinde Aleppo:
»Den noch übrigen Israeliten sei ewiger Friede.
Ich melde euch hierdurch, daß ich in Frieden zu Da-
maskus angekommen bin und will jetzt vor das An-
gesicht unseres Herrn treten. Er ist der König aller
Könige, sein Reich möge ausgebreitet werden. Ich
habe, wie er mir und den zwölf Stämmen befohlen,
ihm zwölf Männer ausgesucht. Ich werde von hier
auf seinen Befehl nach Scanderona gehen und mich
nebst einigen vertrauten Freunden , die sich mit sei-
ner Einwilligung hier versammeln, ihm darstellen.
Einstweilen ermahne ich Euch, ob Ihr gleich er-
staunliche Dinge von unserem Herren hören werdet.
Euren Mut nicht sinken zu lassen. Fürchtet Euch
nicht, seine Handlungen sind wunderbar und so ge-
heimnisvoll, daß kein menschlicher Verstand sie zu
begreifen hinreicht . Wer kann ihre Tiefe ergründen ?
TODESZUCKUNGEN 34 1
In kurzer Zeit werdet Ihr alles ganz klar einsehen .
Er selbst wird es Euch entdecken und lehren und
anweisen. Selig ist der Mensch, der das Heil des
wahrhaftigen Messias in Geduld erwarten kann. In
Kürze wird der Messias seine Gewalt und Herr-
schaft über uns für jetzt und für alle Ewigkeit offen-
baren. Nathan Benjamin.«
Die Nachricht, daß der Prophet unterwegs sei und
seinem Messias zur Hilfe kommen will, reißt doch
mit einem Schwung wieder eine Flamme der Hoff-
nung empor . Ismir zittert vor Erwartung . Sie drän-
gen sich in die Synagoge und halten einen Dank-
gottesdienst ab. Aber schon setzt eine gefährliche
Gegenwirkung ein . Konstantinopel entfaltet eine fie-
berhafte Tätigkeit, um dem Propheten jede Wirkung
unmöglich zu machen. Nicht daß er predigt und
wirbt, ist ihre Angst, sondern daß aus der Flugkraft
des erneut belebten Glaubens sich wieder Wunder
ereignen möchten. Sie haben selbst die Wunder hin-
genommen, als sie es noch durften und als keine Hand
sich zu erheben Wägte, dem König von Abydos die
Wunder zu untersagen . Aber heute sind alle Wun-
der, die den muselmanischen Türhüter Mehmed
Effendi anrufen, verbotene Dinge, ganz einfach De-
likte, kriminelle Akte. Jetzt wollen sie endlich
Ruhe haben. Sie schreiben nach Ismir» . . . Jetzt er-
fahren wir, daß dieser Mensch vor wenigen Tagen
von Gaza abgereist und den Weg nach Scanderona
genommen hat, von wo er zu Wasser nach Ismir
gehen will und sofort nach Konstantihopel oder
Adrianopel. Nun befremdet uns nicht wenig, daß
ein Mensch sich selbst in das Feuer und die Flam-
me des Verderbens stürzen will. Und doch müs-
sen wir befürchten, daß es geschieht... Darum
342 DREIZEHNTES KAPITEL
befehlen die Unterzeichner dieses Schreibens Euch,
daß, sobald er in Eurem Gebiet angekommen sein
wird, Ihr ihn nicht weiter fort ziehen laßt, sondern
in ihn drängt, daß er wieder zurückkehrt. Denn
er wird nicht unterlassen, von neuem Unruhe zu
erregen, und es sind derer schon genug durch
Träume und phantastische Hoffnungen auf einen
neuen König erweckt worden. Und erinnert Euch
dabei, daß nicht alle Tage Wunder geschehen . . .
So er Euch aber nicht folgt und nicht gehorsam
sein will , so ist Euer Gesetz noch mächtig genug ,
daß er dadurch zum Gehorsam gebracht werden
kann . Und das wird sowohl ihm wie ganz Israel
ersprießlich und nützlich sein. . .«
Was den Menschen an diesem Schreiben verständ-
lich ist, ist das tiefe Bedürfnis nach Ruhe. Und den-
noch: wäre Sabbatai selbst gekommen, sie hätten sich
ihm aufs neue ausgeliefert. Aber da man von ihm
kein Wort hört, will man auch seinen Verkünder
nicht haben. Wie Nathan seine Reise fortsetzt, trifft
er überall auf Spuren der Ablehnung und sogar auf
offene Feindschaft. Er kommt nach Saloniki. Kaum
verbreitet sich die Nachricht von seiner Ankunft, da
drängen sich die erbitterten und enttäuschten Men-
schen heran, denen er einmal geraten hat, ihren All-
tag um der Ewigkeit willen zu vergessen . Sie wollen
ihn, der zu ihrer inneren und äußeren Not mit einem
pomphaften Gefolge von 40 Mann kommt, zur Ver-
antwortung ziehen . Er muß heimlich bei Nacht und
Nebel fliehen und begibt sich nach Brussa, der alten
Residenzstadt. Da glauben die Menschen noch, daß
sein Kommen nichts anderes bedeute, als daß er jetzt
den Messias in sein Amt einführen werde . Sie neh-
men ihn mit großer Begeisterung auf. Aber dann
TODESZUCKUNGEN 343
kommen Nachrichten und Warnungen aus Konstan-
tinopel zu ihnen. Ihre Enttäuschung und Erbit-
terung ist maßlos. Sie lassen Nathan im gleichen
Augenblick fallen . Sie verbieten jedem, mit ihm auch
nur zusammen zu sein , ihm Speisen zu verabfolgen
und ihn in ihre Häuser aufzunehmen. Sie drohen ihm
sogar mit einer Anzeige bei den türkischen Behörden.
Da muß er den Ort verlassen. Er hat jetzt einen Vorge-
schmack der Dinge bekommen, die ihn erwarten, be-
greiftauch wohl, daß er so nicht mehr auftreten darf,
ohne die Erbitterung zu steigern . Darum löst er sein
Gefolge auf. Nur sechs Personen bleiben bei ihm .
Ende Februar 1667 macht er sich auf den Weg nach
Ismir. In Bonar Bagi macht er Rast. Wie das be-
kannt wird, reisen ihm sogleich Freunde des Sab-
batai entgegen, um sich mit ihm zu bereden. Aber
die Stadt sendet ihm auch einen offiziellen Gesand-
ten, Abraham Leon, entgegen. Der unterrichtet ihn
über die Stimmung in der Stadt und warnt ihn drin-
gend, Ismir zu betreten. Und noch einen anderen,
seltsamen Besuch empfängt Nathan in Bönar Bagi.
Da sind inzwischen, längst nach Sabbatais Abfall,
Deputierte der italienischen Gemeinden in Ismir ein^
getroffen, die dem neuen Messias huldigen wollen
und die den Auftrag haben , sich von seinem Prophe-
ten Nathan Anweisungen für ihr ferneres Verhalten
zu holen. Erst in Ismir erfahren sie, was geschehen
ist. Es lähmt und erschüttert sie so, daß sie wochen-
lang untätig dasitzen und nicht wissen, was sie be-
ginnen sollen. Da hören sie: Nathan ist in der Nähe.
In letzter Hoffnung reisen sie nach Bonar Bagi und
verlangen Audienz bei Nathan . Aber der sitzt finster
und vergrämt in einem Hause und will nichts sehen
und hören . Die Gesandten mögen warten , oder ab-
344 DREIZEHNTES KAPITEL
reisen; wie sie wollen. Sie gehen endlich heim, keh-
ren nach Italien zurück, Träger böser und dunkler
Botschaft. Späterhin stößt Nathan immer wieder auf
ihre Spur, immer wieder auf den Niederschlag der
tiefen Enttäuschung, die er ihnen bereitet hat.
Aber er kann jetzt nicht anders. Der Sinn seiner Exi-
stenz steht auf dem Spiele . Er muß nach Ismir hin-
ein, unter allen Umständen und trotz jeder Gefahr.
Es wird mehr ein Einschleichen als ein Einzug. Gegen
Nacht kommt er an und begibt sich in das Haus eines
Sabbatianers . Seine Freunde besuchen ihn dort, und
er wendet alle Kraft auf, ihren Glauben zu stärken.
Aber zu einer breiteren Wirkung kann er nicht kom-
men. Das Volk bedrängt ihn: er solle abreisen; man
werde ihn sonst noch den türkischen Behörden aus-
liefern. Alles, was man ihm vor seiner Abreise noch
erlaubt, ist, daß er an das Grab von Sabbatais Mut-
ter geht, die Hand darauf legt, dort sein Gebet ver-
richtet und aus der Quelle trinkt, die neben diesem
Grabe ist, und die von den Christen Sancta Veneran-
da genannt wird. Dann begibt er sich auf den Rat
seiner Freunde nach Chios .
Dort in Chios entsteht ein Dokument voll schlichter
und großer Treue, ein Bekenntnis zur Unbedingt-
heit, durch das sich ein Unterton der weinenden
Furcht zieht: der Trostbrief, den er an Joseph Zewi
richtet. »Ich bekam Deinen Brief und verstand aus
ihm dein Begehren, zu wissen, was mit unserem
Herrn sei, auf den wir warten und nach dem wir
suchen jeden Tag, jede Stunde und jede Minute,
und von dem wir den großen Sabbath erwarten und
der unser heiliger Sabbath ist, die Quelle unseres
Wissens und unserer Heiligkeit, die Kraft der höch-
sten Krone. So wisse denn: ich schwöre bei seiner
TODES ZÜCKUNGEN 345
Heiligkeit und bei der Größe und Stärke seiner Kraft,
daß ^r es ist und kein anderer, und außer ihm gibt es
keinen Erlöser. Und wenn er auch einen Turban auf
seinen Kopf setzte, so tat er es nicht zur Entheiligung
des Namens. Und obgleich ich keinen Hinweis in
den Sätzen der Thora dafür finde, haben wir doch
schon oft gesehen, daß unsere Weisen viel Wunder-
bares taten, und wir konnten nicht verstehen , was das
Ende ihrer Absichten war. So stehen wir auch in die-
ser Stunde vor dem Unbegreiflichen . Alle, die Augen
haben, um zu sehen und Ohren, um zu hören und
ein Herz, um zu verstehen, können den Beweis fin-
den. Und wenn nicht, so möchten doch ihre Lippen
schweigen, daß sie nichts Böses über die Heiligkeit
des Messias sagen ... Es ist doch schon im Sohar über
den wahren Propheten aufgeführt, daß er ein Un-
glücklicher und Verkannter sei, daß über ihn viel
Leid kommen solle und daß er in den Augen der mei-
sten wie ein stinkender Hund erscheinen wird. Die
ihn nicht anerkennen, sind die Bösen, deren Seele
verwirrt ist. Auch unter den Zadikim sind Böse.
Darum stehen die geizigen Reichen hinter dieser
Meinung. Er soll doch, sagt der Sohar, ein Armer
sein und auf einem Esel reiten. Arm sein bedeutet
hier: arm und befleckt in seineni Gewand, und das
ist ja gerade der Turban . Nicht arm von Geld ist
gemeint, denn er ist doch gekommen, um die Welt
zu bereichern. Sondern: arm sein vor der Thora,
arni vor ihren Gesetzen. Und es steht auch geschrie-
ben: ich werde in Gott bestehen, und er wird uns aus
unseren Sünden erlösen. Wer ein Herz hat, zu ver^
stehen , kann es verstehen . Und wenn man auch nichts
beweisen kann, werde ich trotzdem nicht aufhören.
Euch zu trösten, die Ihr in Eurer Heiligkeit besorgt
346 DREIZEHNTES KAPITEL
seid. Für mich und für Euch wird Gott sorgen, da-
mit alle armen Juden und alle Bettler, die da in Angst
und Sorge stehen, gesegnet werden, und wir werden
in Freude erleben, daß alles bald erfüllt werde. . . «
Es hält Nathan nicht lange in Chios. Er muß noch
einmal einen Vorstoß nach Ismir wagen, denn es ist
von größter Wichtigkeit, ehe er in das Zentrum des
Geschehens kommt, hier im Hinterland die ermat-
tende Bewegung wieder anzufachen . Aber die Stim-
mung gegen ihn ist noch schlechter geworden. Er
kann sich diesesmal nur zwei Tage in Ismir halten,
versteckt bei Freunden Sabbatais. Er versichert ihnen
immer wieder: bis zum Ende dieses Jahres, bis zum
Monat Elul, werden alle Verheißungen sich erfüllt
haben. »Wenn es nicht Wahrheit wird, gebe ich
mich in Eure Hände. Ihr könnt mich dann töten.«
Ehe er abreist, bekommt er den Besuch des Pfarrers
Coenen . Dem läßt es keine Ruhe . Er möchte den
befremdlichen Dingen, die da unter seinen Augen
geschehen sind, auf den Grund kommen. Darum
stellt er drei präzise Fragen an Nathan: auf welcher
Grundlage seine Prophetie beruhe, wie der Geist der
Prophetie über ihn gekonimen sei, und was mit Rück-
sicht auf die abgelaufene Zeit denn noch von seinen
Gesichten zu erwarten stünde.
Nathan geht auf dieses Interview nicht ein . Er sitzt
verdrossen da und erklärt, daß er darauf nicht ant-r
Worten werde. Das empört den Fragesteller. Zu
Unrecht. Die Beiden verstehen sich nicht, weil sie
auf verschiedenen Ebenen hausen . Coenen treibt Kir-
chengeschichte . Er sammelt Tatsachen . Nathan treibt
Geschichte. Er sammelt Erlebnisse. Er hat auch
seine Gedanken nicht für theoretische Diskussionen
frei.
TODESZUCKUNGEN 347
Inzwischen hat er sich mit Sabbatai in Verbindung ge-
setzt und mit ihm ein Zusammentreffen in Ipsola, nahe
Adrianopel, verabredet. Es ist wahrscheinlich, daß
dieses Treffen auch stattgefunden hat, denn nur aus
dem Wiedersehen mit dem Propheten, der seinem
Leben einen so entscheidenden Anstoß gegeben hat,
können Sabbatai die Impulse für sein späteres Han-
deln gekommen sein. Aber alles, was Nathan tut,
wird von der jüdischen Welt mit Aufmerksamkeit
und Mißtrauen beobachtet. Sie erkennen ganz rich-
tig, daß in diesem Augenblick die Gefahr nicht von
Sabbatai ausgeht, sondern von dem unentwegten
Propheten, der abseits vom Geschehen sitzt und nichts
zu verantworten und zu fürchteii hat. Sie aber haben
zu fürchten, nach außen und nach innen. Was der
Sultan geplant hat, ist noch nicht vergessen; und die
Wunden der enttäuschten übermäßigen Liebe sind
am Körper des Volkes noch nicht vernarbt. Sie
brauchen Ruhe und Schonung, wie nach einer schwer
ren Krankheit. Sie wollen dieses neue Übel von sich
fern halten. Darum benachrichtigt die Gemeinde
Adrianopel das Rabbinat in Konstantinopel von der
Anwesenheit Nathan Ghazatis.
Sofort begibt sich eine Abordnung von Rabbinern
nach Ipsola, konstituiert dort ein Gericht und fordert
Nathan auf, zu erscheinen. Er kommt. Es wird ihm
bedeutet, daß es sich hier nicht um Sabbatai Zewi und
den Messias handle, sondern um sein, Nathans, Auf-
treten als Prophet. Die alten Propheten haben die
Heiligkeit von Zeit und Geschehen für sich. Dieser
neue Prophet, den niemand gerufen hat, und der sich
doch berufen wähnt, möge seine Berufung beweisen,
durch ein Wunder, oder wenn das Wunder sich ihm
zur Zeit versagt, so doch durch theologische Gründe.
348 DREIZEHNTES KAPITEL
Auf theologische Gründe läßt Nathan Ghazati sich
nicht ein. Er und die anderen sprechen ja doch eine
verschiedene Sprache. Das Wunder hingegen wird
geschehen. Zwar nicht in diesem Augenblick, denn
er selbst kann keine Wunder herbeizwingen . Aber es
ist ihm eine Oifenbarüng geworden, daß ein Wun-
der sich noch in diesen Tagen des Schäbuoth, des
Wöchenfestes, ereignen werde. Also möge man bis
zum Ende dieser Festtage warten. Und sie warten,
vielleicht in der überlegenen Gewißheit, daß nichts
sich ereignen werde, vielleicht in der unbestimmten
Erwartung, mit der ihnen das Wunderbare letztlich
doch vertfaut ist.
Wie das Wochenfest vergeht und nichts sich ereig-
net, packen die Rabbiner hart zu . Sie zwingen ihm
die Erklärung ab, daß er hinfort seiner Propaganda
entsagen werde . Er stellt darüber eine Urkunde aus:
»Eurer Aufforderung und der Eurer Gesandten Folge
leistend, schwöre ich, den Ihr als eine Gefahr für
Israel erachtet, mit dem von mir und den Gläubi-
gen im Volke verherrlichten Meister künftighin in
keinerlei schriftlichen Verkehr zu treten , keinerlei
Versammlungen zu veranstalten und mich mindestens
12 Tagereisen von Adrianopel entfernt zu halten.«
Nach diesem Verzicht beginnt er seine Rechtferti-
gung: »Zugleich muß ich aber wahrheitsgemäß er-
klären, daß am 25. Elul 5425 (im September 1665)
eine Stimme vom Himmel mir in der Tat verkündet
hat, daß binnen einem Jahr und einigen Monaten das
Reich deö Mäschiachben David sich offenbaren wer-
de, wobei allerdings die° Stimme den Namen des Er-
lösers und das genaue Datum nicht näher bezeichnet
hat.« Und dann entfaltet sich die Hartnäckigkeit sei-
ner Ideen ein letztes Mal mit sachlicher Gebärde und
TODESZUCKUNGEN 349
geheimem Vorbehalt . » So gilt es denn , die Angelegenr
heit bis zum Monat Elul des laufenden Jahres 5427
(September 1 6 6 7) , zu vertagen und die himmlische
Stimme erst dann als gegenstandslos zu erachten,
wenn auch diese Frist ohne Wunder verstrichen sein
wird.«
Die Rabbiner zucken darüber die Achsel , Ihnen ist
schon damit gedient, daß ihnen der Prophet 1 2 Tage-
reisen weit vom Leibe bleibt. Aber nicht einmal darr
an hält sich Nathan . Das Versprechen ist erzwungen .
Folglich hat es keinen Wert. Er bleibt in der Nähe
von Adrianopel und trifft sich heimlich mit Sabbatai
und seinen Anhängern . Und es gelingt ihm wirklich,
die Bewegung zu einem letzten, wenn auch kurzen
Aufflackern zu bringen .Es gelingt ihm gerade in Adri-
anopel und durch die Impulse, die er Sabbatai bis in
den Serail hinein zu geben vermag.
Die Kraft, die in Sabbatai einmal aufgestanden war
und ihn überschwemmte, ist noch nicht abgelaufen.
Zwar ist sie in ihrer Wucht tödlich verletzt, aber wie
auch der Erblindete sich noch dem Ort zuwendet,
von dem her er die Sonne scheinen fühlt, so ist in Sab-
batai der Richtungssinn seines Bemühens erhalten ge-
blieben. Man hat ihn in das Dunkel der Wirkungs-
losigkeit geworfen , Er hat Sehnsucht nach der Sonne,
welche Bedeutung heißt. Aber das Beieinander von
Un Wahrhaftigkeit und Gläubigkeit, das einmal Har-
monie war und wirken konnte, ist jetzt belastet mit
der unausgleichbaren Zweideutigkeit seiner Stellung.
Er ist rettungslos auseinandergebrochen in jenem Au-
genblick, da er sich aus der Todesangst in den Aus-
weg rettete. Er mag diesen Bruch überdeckt haben
mit der tiefen Überzeugung, dieses Schicksal sei nö-
tig und diene dem göttlichen Zwecke . Es bleibt un-
350 DREIZEHNTES KAPITEL
austilgbar die Sekunde, da er nicht göttliches Walten
und notwendiges Schicksal verspürte, wo die nackte
Angst um das Leben die Mission verraten hat. Er ist
ein Gezeichneter geworden .
Darum dient alles, was er jetzt tut, der Rechtferti-
gung seiner selbst. Alles ist Ich-bezogen . Durch die
geheimen Kanäle, die bis zu ihm hingehen , erfährt
er, wie Menschen- ihn zu rechtfertigen suchen, wie
sie ihn gegen eine Welt von Zweifel und Hohn ver-
teidigen, wie sie noch an ihn glauben und Wunder
von ihm erwarten . Also lebt er noch . Also hat er in
der Welt noch ein Amt und in seinem Tun noch eine
Rechtfertigung. Da ihm das freie Wirken versagt ist,
beginnt er zu konspirieren . Er trifft sich mit Nathan .
Er kommt wieder heimlich mit Juden zusammen, er
versichert wieder und wieder: ich bin der Messias;
ich werde Euch erlösen . "^
Sie deuten auf das Bleigewicht, das er an den Füßen
hat: den neuen, fremden Glauben. Wie kann einer
sich zur Erlösung aufschwingen, der so belastet ist?
In der Widerlegung dieses Zweifels stürzt er sich in
nackten Größenwahn: er muß in diesem Glauben
verharren, da er aus ihm zur Stunde der Erlösung das
ganze mohammedanische Volk zum Judentum über-
führen wird. Und sie glauben ihm. Sie glauben.
Aus der kleinen Konspiration soll wieder eine große
Volksbewegung gemacht werden. Er braucht wieder
einen Sendboten. Dazu erbietet sich Nathan Gha-
zati . Er will die beschauliche Ruhe seines Heimats-
ortes gegen das Wandern von Stadt zu Stadt vertau-
schen . Wir finden ihn noch im Laufe des Jahres 1667
auf Chios, auf Korfu, predigend, verheißend. Er
geht folgerichtig den Weg der schlechtesten Nach-
richtenvermittlung, nach den ionischen Inseln, und
TODESZUCKUNGEN 35 1
von da nach Venedig, das seine normalen Beziehun-
gen zu Konstantinopel noch nicht wieder aufgenom-
men hat. Er erwartet große Unterstützung von den
italienischen Kabbalisten. Aber man verweigert ihm
schlechthin den Eintritt ins Ghetto. Die Gemeinde
schickt ihm Samuel Aboab entgegen und läßt ihm ra-
ten, wieder abzureisen. Nathan erwidert stolz: »Ich
komme im Namen Gottes und trage Sorge für ganz
Israel, un des wird niemandem Böses geschehen.«
Wie solche Erklärung nichts nützt, verschafft er sich
mit Hilfe eines Sabbatianers Beziehungen zur Stadt-
verwaltung und erreicht, daß ihm der Aufenthalt ge-
stattet werde.
Nun sind die Juden gezwungen, ihm das Ghetto zu
öffnen. Aber sogleich sitzen sie, wie die Rabbiner
von Konstantinopel, zu Gericht. Aus verschiedenen
Gegenden Italiens treten Rabbiner und Vertreter von
Gemeinden zusammen . Man verlangt von ihm keine
Wunder, sondern schlechthin Rechtfertigung. Er
versucht es, da er die Enttäuschung der ausbleiben-
den Wunder nicht wieder erleben will. Er berichtet,
deduziert, prophezeit, beweist und versichert, bis er
sich rettungslos verwirrt und verstrickt hat. Er steht
allein gegen eine ganze Versammlung, die ihn mit
Fragen, Argumenten und Gegenbeweisen in die Enge
treibt. Sie sind nicht nur klug, sondern haben auch
menschliches Verstehen. Sie kommen nach langen
Disputen zu dem Ergebnis: Nathan ist von einem
Wahn besessen. Nie hat er eine Offenbarung gehabt ,
nie haben göttliche Stimmen zu ihm gesprochen. Er
nimmt nur die wirren Phantasiebilder seiner Träume
als Wirklichkeit hin. Er ist kein Verbrecher, er ist
ein Kranker. Darum ist er für das Unheil, das er über
das jüdische Volk gebracht hat, nicht nach der Schwere
352 DREIZEHNTES KAPITEL
des Gesetzes zu bestrafen . Aber er soll wenigstens
einsehen, was er getan hat. Er soll widerrufen.
Und Nathan unterschreibt : »Nachdem die Rabbiner
und Gaonen von Venedig meineBehauptung, ich hätte
gleich dem Propheten Jecheskel den himmlischen
Wagen erschaut, wie auch meine Weissagung, daß
Sabbatai Zewi der Messias sei, als Irrtum und uner-
wiesen erkannt haben, so habe ich Ihrer Ansicht bei-
gestimmt und erklärt, daß alle meine Prophezeiun-
gen in Bezug auf Sabbatai Zewi jeglicher Grundlage
entbehren . Ich Nathan Ghazati . «
Dieses beschämende Bekenntnis wird vielfach abge-
schrieben und zusammen mit dem Bericht über die
Vorgänge in Ipsola an die bedeutenden Gemeinden
der Welt geschickt. Aber Nathan kümmert sich nicht
darum. Er hat es nicht nötig. Er hat nämlich das
strenge Gericht bei der Unterschrift unter diesen
Widerruf überlistet. Das Wort ,ich% das im hebräi-
schen ani heißt, wird gebräuchlich abgekürzt durch
die Buchstaben a und n, Aleph und Nun . Nathan aber
hat geschrieben: Aleph- Gimel, und nun bedeutet es
die Abkürzung der Worte Oness gamur, das heißt:
vollkommene Erpressung. Also ist er frei, zu tun,
was ihm beliebt. Und im übrigen bestätigen ihm
seine Freunde: was er hier verneint hat, bezieht sich
doch nur auf die Welt der sichtbaren Dinge. Aber er
mit seinem Seherblick schaut in die überwirkliche
Ebene, in die allein gültige »Wesenhaftigkeit* .
Er wird zwangsweise aus Venedig entfernt. Man
bringt ihn auf ein Schiff, das ihn weiter südlich an
einen Hafenplatz bringt, damit er nach Modena und
von dort in Verwahrung nach Florenz gebracht werde .
Aber Nathan geht nach der Landung seihe eige-
nen Wege. Er ist in Bologna, Florenz, Livornö.
Jacob Sasportas
12
TODESZUCKUNGEN 353
Man will ihn dort nicht haben. Nirgends will man
ihn mehr haben . Er wandert hartnäckig und unbe-
rührt im Glauben an seine Sendung von Gemeinde
zu Gemeinde, von gesperrten Straßen zu geschlosse-
nen Türen . Er kommt nach Rom und will predigen .
Man verjagt ihn sofort aus dem Ghetto, weil man
nicht nur ihn fürchtet, sondern auch die immer wa-
chen und argwöhnischen Späher der Inquisition . Sein
Fortgehen aus Rom ist eine gehetzte Flucht. Aber
er vermag es noch einzurichten , über den Tiber zu
laufen und von der Brücke her einen Zettel in den
Fluß zu werfen. Darauf steht die prophetische Dro-
hung: »Ehe noch ein Jahr um sein wird, wird Rom
der Zerstörung anheimfallen ! «
Er wandert und wandert und wird müde. Aber er
wird nicht verzagt. Er schleppt sich von Ort zu Ort
in den türkischen Gemeinden . Er ist in Ragusa ge-
wesen und in Saloniki . Endlich läßt er sich im bul-
garischen Sofia nieder, um möglichst nahe zu sein,
wenn die großen Wunder sich ereignen . Sitzt dort
und wartet, seinem Messias getreu bis in das elende,
verkommene Sterben, das diesen Sklaven seines Glau-
bens endlich auslischt, das dieses übermäßig flackern-
de Leben in seinem fünfunddreißigsten Jahre er-
stickt (1680). Er hat noch in der letzten Sekunde
nichts aufgegeben. Er sagt sterbend: »Ich will zu
meinem Herrn gehen, denn der kennt den Weg ! « -
Indessen hat auch Sabbatai seine Tätigkeit wieder
aufgenommen . Es ist ihm gelungen , sich der strengen
Aufsicht durch den Mufti Wanni zu entziehen . Heim-
lich erst, dann immer offener zeigt sich der neue Mo-
hammedaner in den Synagogen . Sein Verhalten ist
jetzt drängend und werbend zugleich. Es geht immer
nur um das eine, daß man ihn als Messias anerkennen
23 Kastein Zewi
354 DREIZEHNTES KAPITEL
möge. Er ringt um die Seelen, und er gewinnt See-
len. Der Zweck ist alles, das Mittel nichts.
Darum, als dem Sultan diese heimliche Tätigkeit be-
kannt wird, weiß er dessen Zorn mühelos die Spitze
abzubrechen. Was denn ist verwerflich an seinem
Tun? Es dient doch nur dazu, möglichst viele Juden
zum Islam hinüberzuziehen . Es leuchtet dem Sultan
ein, daß der ehemalige Messias der Juden besondere
Eignung habe, Proselyten zu machen. Darum erteilt
er ihm die offizielle Erlaubnis , in die Synagogen zu
gehen und dort zu predigen.
Sabbatai macht von dieser Befugnis ausgiebigen Ge-
brauch, und sobald er nur einen Hauch von Freiheit
verspürt, wirft er sich hemmungslos von neuem in
das Geschehen hinein. Im März 1668 bricht das ge-
hemmte Lebensgefühl wieder in überschwängliche
Verkündigungen aus. Er hat wieder eine göttliche
Offenbarung gehabt, und von neuem hat sie ihm be-
stätigt, daß er auch jetzt noch, in diesem Stadium
einer scheinbaren Ungläubigkeit, der wahre und er-
wählte Messias sei . Er verkündet diese Botschaft mit
einer Kraft und Eindringlichkeit, daß auch die Un-
gläubigen aufhorchen, daß sie schwankend werden
und daß endlich eine neue Wendung der Geister zu
ihm hin beginnt. Enttäuscht zu werden sind diese
Menschen gewohnt. Darum sind sie mit der Gnade
begabt, daß ihre Glaubensfähigkeit nicht daran stirbt.
Seine Anhänger erlassen Kundgebungen, in denen
der Beginn einer sabbatianischen Theologie sich ver-
hängnisvoll manifestiert. Von Gott, sagt die Kabba-
la, gehen, Ausstrahlungen, Sephirot, aus, die sich in
der Welt verkörperlichen. Eine von ihnen, Sephira
Tipheret, die Ausstrahlung des Anfangs, ist nunmehr
in Sabbatai Zewi eingegangen, hat sich in ihm ver-
TODESZUCKUNGEN 355
körpert. Gott selbst hat sich in tiefere Schichten des
Unerreichbaren zurückgezogen. Den Menschen hat
er seinen Messias gelassen .
Auch diese Idee, gewiß nicht seinem Gehirn ent-
sprungen, nimmt Sabbatai leidenschaftlich auf. Er
steht auf den Kanzeln der Synagogen , umringt von
Anhängern, und bekennt: »Gott ist ein Jüngling und
gleicht mir ! «
Der Sultan versteht nicht recht, welches Spiel hier
getrieben wird . Er ist schon wieder mißtrauisch und
möchte diesem öffentlichen Wirken ein Ende machen.
Auch dieser Gefahr weiß Sabbatai zu begegnen . Er
gibt das Versprechen ab, in aller Kürze den Erfolg
seiner Bemühungen aufzuzeigen. Und es gelingt ihm
wirklich. Er macht aus dem Zwang, unter dem er
steht, eine Notwendigkeit. Er verlangt von denen,
die an ihm hängen, daß sie seinem Beispiel folgen und
zum Islam übertreten. Zum Schein, versteht sich.
Er droht ihnen, sie nicht nach Jerusalem zu bringen,
wenn sie ihm nicht nachfolgen. Man wirft ihm vor,
er habe sich Widerspenstigen gegenüber der falschen
Anschuldigung bedient, sie hätten den Islam ge-
lästert, und daß er sie vor der Todesstrafe, die darauf
stand, durch Bekehrung gerettet habe. Wie dem auch
sei: hier brach die todgeweihte Bewegung in zwei
Gruppen . Die einen glaubten an ihn , lehnten aber den
Übertritt zum Islam als eine Handlung ab, die nur in
der Einmaligkeit und Besonderheit der messianischen
Person Sinn und Gültigkeit habe. Die sonderten sich
ab. Aber andere folgten ihm ohne Besinnung.
So konnte Sabbatai dem Sultan das Schauspiel vor-
führen, daß vor seinen Augen viele Hunderte von
Juden den Turban nahmen. Es war ein großer Erfolg
für ihn. Während in holländischen und deutschen
23*
356 DREIZEHNTES KAPITEL
Gemeinden Flüchtlinge aus Spanien und Portugal,
die ein Leben unter dem Zwang der Inquisition als
Scheinchristen (Marranen) verbracht hatten, in über-
mächtigem Durchbruch altererbter Gottesgläubigkeit
sich wieder zum Judentum bekannten, führte Sab-
batai zur Erfüllung seiner Messianität die Juden in
einen fremden Glauben hinein und schuf neue Marra-
nen . Er verewigte dieses schwerste aller Glaubenspro-
bleme . Seine Anhänger leben noch heute in der Sekte
der Dönmeh fort, Mohammedaner mit vagen, mystisch
abgedunkelten Erinnerungen an das Judentum .
Dem Sultan und den Juden gegenüber beginnt
Sabbatais Stellung sich wieder zu festigen . Aber er
hat doch den Wunsch, seine Tätigkeit nicht so in der
Nähe ständiger Kontrolle auszuüben . Also bittet er
um die Erlaubnis, zu weiterem Wirken nach Kon-
stantinopel zu gehen . Das wird ihm auf Grund seiner
Erfolge bewilligt. Er triumphiert. Er hat Freiheit,
ist in die Welt hinaus entlassen, dem weiteren Raum
und der befreiten Phantasie überlassen .
Er findet bei den Juden von Konstantinopel freund-
liche Aufnahme . Sie haben die Glanzzeit von Abydos
nicht vergessen . Wenn sie auch nichts Entscheiden-
des, nichts Sichtbares an Erfolgen gebracht hat, so
liegt sie doch in ihren gläubigen Herzen rriit sträh-
lender Einmaligkeit aufgehoben . Noch aus dem Er-
innern her hat solcher Liebesrausch die Kraft, zu
wärmen und in den Winkeln die Hoffnung leben zu
lassen. Diese Hoffnung regt sich jetzt. Warum sollte
dieses nicht ein neuer Anfang sein ? Ist es nicht schon
wieder ein Wunder, daß Sabbatai selbst von seinem
natürlichen Feind, dem Sultan, so geehrt und so
schonend behandelt wird? Ob nicht doch Gottes
Wille da wirksam ist?
TODESZUCKUNGEN 357
Sabbatai ist jedenfalls bereit, hier einen neuen Beginn
zu sehen . Als sei nichts geschehen , als habe sich nichts
gewandelt, sitzt er in Konstantinopel und läßt die
Gläubigen zu sich kommen . Er spricht mit ihnen, be-
lehrt sie, weissagt ihnen, singt vor ihnen messiani-
sche Hymnen und feiert mit ihnen die Freudenfeste,
die sie ihm bereiten . Von neuem wird der 9 . Ab ein
Tag des Jubels . Wieder wie zu allem Anfang gehen
Züge in seiner Gefolgschaft auf die Straßen bis an das
Ufer des Meeres, und im Angesicht seiner Jünger
und Gläubigen taucht er vor ihnen in die Fluten ^ ein
Messias, der sich auf die letzte Stunde der Erfüllung
vorbereitet. Als ob nichts inzwischen geschehen und
zerbrochen wäre.
Die von je seine Gegner waren, sehen diese neue Ent-
wicklung der Dinge mit Unbehagen . Sie wenden sich
an den Großvezir in Adrianopel und erstatten Be-
richt . Auch durch seine Agenten hat Achmed Köprili
Nachricht bekommen. Er ist höchst unzufrieden,
aber er ist so wenig wie je bereit, etwas Entscheiden-
des gegen Sabbatai zu unternehmen. Immerhin tut
er eines: er entzieht ihm die monatliche Rente, die
Sabbatai als Mehmed EfFendi bezieht. Das soll eine
Strafe sein und zugleich ein Mittel, ihm die Feste
zu verleiden und das Verteilen von Almosen an arme
Anhänger. Er möchte vermeiden, daß mit dem Gelde
des Sultans Anhänger für Sabbatai gewonnen werden.
Sabbatai kann den Verlust seines Einkommens ver-
schmerzen . Von seinen Anhängern fließt ihm genü-
gend Geld zu. Sie verdoppeln Feste und Feierlich-
keiten. Sie sind bei dem neuen Anfang. Aber auch
die Gegner verdoppeln ihr Bemühen, Sie lassen es
sich ein gutes Stück Geld beim Großvezir kosten, um
ihn davon zu überzeugen, daß es für den Sultan und
358 DREIZEHNTES KAPITEL
für die Juden nur ein Mittel gebe, endlich Ruhe zu
haben : den Messias endgültig von seinen Anhängern
zu trennen. Sie sollen dieses Argument mit 15000
holländischen Gulden unterstützt haben .
Köprili zögert. Endlich muß er einsehen, daß es wirk-
lich keinen andern Weg gibt. Fünf Jahre schon dau-
ert dieses Treiben, dieses verdeckte Spiel nach beiden
Seiten, dieses kleine, unsaubere Konspirieren hüben
und drüben . Wie Sabbatai eines Nachts sich mit meh-
reren seiner Anhänger in dem kleinen Dorfe Courron
Chesme am Schwarzen-Meer- Kanal aufhält und Psal-
men und Hvmiien auf das Kommen das Messias mit
ihnen singt, erscheinen die Soldaten des Kaimakam
und verhaften ihn. Der Großvezir hat über ihn die
Verbannung nach Dulcigno, einem entlegenen Kü-
stendorf in Albanien in der Nähe von Skutari ange-
ordnet (1673).
Damit ist sein Leben abgeschlossen. Er wird streng
bewacht. Nur wenige Menschen dürfen zu ihm kom-
men . Gelegentlich erhält er einen Brief von Nathan
Ghazati oder von Primo. Sonst ist nur seine vierte
Frau bei ihm, die er nach dem Tode Sarahs in Adria-
nopel geheiratet hat. Er liegt völlig abseits von jeder
Straße, auf der Menschen gehen. Das ist der Tod für
ihn. Um wirken zu können, um Messias zu sein, ja
nur um am Leben zu bleiben, braucht er Menschen,
Gesichter, Antworten, ewige Bestätigungen, un-
mäßige Nahrung für sein Ichgefühl. Nimmt man ihm
diese Stimulantien, muß er verkümmern. Dieses En-
de seines Lebens, dieses Versagen vor der Einsam-
keit, in der die stärkste schöpferische Gewalt eines
religiösen Gemütes reifen kann , fällt das Todesurteil
über sein Messias tum.
Er ßcjiw^nkt zwischen Zeiten tiefer geistiger Ver-
TODESZÜCKÜNGEN 359
dunkelung und hilfsloser Selbstüberhebung. Er
schreibt an seinen Schwiegervater Joseph Philosoph
in Saloniki, sie würden die Erlösung und die Rüde-
kehr der Juden nach Zion noch erleben. »Ich werde
Euch einen Engel senden. Ich werde kommen und
Eure Schätze füllen , denn Gott setzte mich zumHerrn
ein für ganz Mizrajim . . . «
Es ist das Stammeln eines zusammengebrochenen
Menschen. Er lebt nur noch davon, daß hin und wie-
der von seinen unentwegten Freunden neue Berichte
zu ihm dringen, daß es immer noch Menschen gibt,
die Legenden um ihn bilden. Aber sie sind klein im
Format und dürftig im Inhalt geworden. Die Tür-
ken wollen ihn töten und dringen mit Schwertern
auf ihn ein . Er nimmt einen kleinen Stock und schlägt
sie in die Flucht. Kümmerliche Nahrung für einen
Menschen, zu dem einmal viele Hunderttausende
als den Beschließer ihres Schicksals aufjubelten.
Er erstickt an der Einsamkeit, verdorrt wie eine Pflan-
ze, die man aus der Erde gerissen hat. Zwei Jahre
lang wehrt er sich noch. Dann erliegt er. Er stirbt
im Herbst 1675 nach einer kurzen Krankheit.
Vor seinem Sterben hat er noch einen Wunsch ge-
äußert : er will nicht auf dem muselmanischen Fried-
hof beerdigt werden . Wenn er schon nicht unter de-
nen seines Volkes ruhen kann, will er dort liegen, von
wo aus so oft Menschen mit banger Seligkeit ihm zu-
sahen, wenn er im Symbol die Reingung von aller
Sünde vollzog: am Ufer des Meeres; da, wo die
Weite ist, aus der er als Jüngling kam, in die er als
Toter wieder einkehren will.
Man erfüllt ihm seinen Wunsch. Am Jomkippur
1675 wird er beerdigt, am Tage der großen Versöh-
nung, an dem Gott für alle Menschen das Buch des
360 DREIZEHNTES KAPITEL
Lebens aufschlägt, abwägt, was an Gutem und an
Bösem darin verzeichnet steht, abwägt . . . und doch
verzeiht.
Sein Grab ist vergessen . Nur zuweilen pilgerten Mo-
hammedaner dorthin und beteten. Sie sagten, dort
liege ein Heiliger begraben.
Mit seinem Tode flammt noch einmal die gläubige
Dichtung auf. Die Menschen haben ihn doch so tief
geliebt, es ist doch so viel von ihrem Herzblut zu ihm
hingeströmt, daß sie an seinen Tod nicht glauben
mögen. Er ist, wie sein Verkünder, der Prophet
Elijahu, nur entrückt worden. Er hat ja, wissen die
Gläubigen, den Tag seines Todes vorausbestimmt.
Er hat die Höhle bezeichnet, in der er begraben wer-
den wollte, und hat seinem Bruder Elias befohlen,
drei Tage nach seiner Beisetzung in die Höhle zukom-
men. Elias tut das. Aber vor der Höhle liegt ein
großer Drache, der ihm den Eintritt verwehrt. »Mein
Bruder hat es befohlen«, sagt Elias. Da geht der Dra-
che beiseite. Elias betritt die Höhle. Sie ist leer, aber
ganz ausgefüllt mit einem hellen, strahlenden Licht.
Da wußten die Menschen, daß er zu den zehn Stäm-
men jenseits des Sabbation gegangen war. Und was
dort geschieht, ist ja allen längst vertraut. Der Mes-
sias lebt noch . Er wird wieder kommen . » . . . und
wenn alles gelingt, wird er bald kommen, sieben Ta-
ge nach seiner Hochzeit, um uns zu erlösen. Und er
möge sich dort nicht zu lange aufhalten , bis Unglück
über uns kommt , Er möge kommen, um uns zu rächen
an unseren Feinden und Verleumdern . . . «
So treffen sie, da der Messias doch noch lebt, Vor-
sorge für den Tag, an dem er zurückkommen wird.
Weil der König nur vorübergehend fort ist, muß für
die Dauer seiner Abwesenheit eine Regentschaft da
TODESZUCKUNGEN 36 1
sein. Leibliche Nachkommen hat Sabbatai nicht.
Aber seine letzte Frau hat einen minderjährigen Bru-
der, Jakob Keredo. Von ihm verkündet die Witwe
Sabbatais, aus dem Jenseits her sei ihr der Messias er-
schienen und habe diesen Knaben als seinen Sohn
adoptiert. Auf Grund dieser Erklärung erkennen die
Sabbatianer ihn als Gilgul, als denjenigen an, in den
Sabbatais Seele eingegangen sei, als seinen geistigen
Doppelgänger . Als solchen nennen sie ihn JakobZewi.
In sehr vielen Städten, besonders in den wichtigeren
wie Saloniki, Ismir, Adrianopel und Konstantinopel,
bestehen noch Konventikel der unbedingten Sabbati-
aner weiter. Sie werden fortan geleitet von einer In-
stitution, die man als Regentschaftsrat bezeichnen
kann . Er besteht aus dem Vater und der Schwester
des Jakob Zewi. Die Idee der Erlösung, wie sie sie
begreifen, lebt weiter unter ihnen und sucht nach
neuen Ausdrucksformen . Siebegreifen, daß die Er-
lösung nur kommen kann für eine Zeit, die in voller
Gerechtigkeit steht oder für eine Zeit, die ganz in
Leiden und Verderbnis getaucht ist. Da sie die Ge-
rechtigkeit nicht verwirklichen können, so steht es
doch in ihrer Macht, das Maß der Sünde voll zu
machen, um damit die Befreiung zu erzwingen. So
machen sie aus der Sünde eine Notwendigkeit und
holen sie dorther, wo ihnen sonst die stärkste Zu-
rückhaltung Gebot war : aus dem Dasein der Sinne .
Sie stürzen sich so unbedenklich in die Ausschwei-
fung, daß endlich die Rabbiner sie bei den Behörden
denunzieren.
Es setzt eine Verfolgung durch die Türken ein, der
die meisten dadurch entgehen, daß sie zum Islam
übertreten, indem sie Sabbatais Beispiel folgen und
ihre Handlung mit dem gleichen Sinn decken, den
362 DREIZEHN'TES KAPITEL
sie auch ihm unterstellt haben . So ist ihr Übergang
zur Sekte vollkommen. Sie scheiden aus dem Ver-
band des Judentums endgültig aus . Ihr Regent Jakob
Zewi unternimmt eine Wallfahrt nach dem Grabe
Mohammeds nach Mekka und stirbt auf der Rück-
reise. Sein Sohn Berachja wird Regent des Messias.
Bis über die Mitte des 1 8 . Jahrhunderts hinaus sind
die Konventikel nachweisbar, bis nach Frankfurt und
Prag hin. Die Dönmehs leben heute noch fort.
So sieht die Erbschaft aus, die Sabbatai Zewi hinter-
lassen hat : zwei Sekten, von denen eine dem Judentum
verloren geht, und ein über die ganze Welt zerstreu-
tes Volk von traurigen, enttäuschten Menschen, von
Armgewordenen, Entwurzelten, Versprengten. Nur
eines hat er ihnen nicht nehmen können: die Hoff-
nung und die Selbstprüfung. Schon hebt wieder das
Fragen an, ob nicht in ihnen selbst Schuld gelegen
habe. Vielleicht haben sie zu wenig Buße getan . Ge-
wiß war es das . Sie klagen sich selber an , es sei nur
eine Versöhnung von Mensch zu Gott gewesen, die
sie da vorgenommen haben; aber keine Versöhnung
zwischen Mensch und Mensch.
Um hier auszugleichen und den Strom ihres religiö-
sen Lebens nicht versanden zu lassen , greifen sie von
neuem demütig, bedrückt und hoffnungsvoll den Tag
an. Es ist uns eine Klage erhalten, die die portugiesi-
sche Gemeinde zu Hamburg in ihr Protokollbuch
schrieb, eine traurige Abrechnung mit der vergange-
nen Zeit: »Da nun die regelmäßigen Armenunter-
stützungen so hoch angewachsen sind, und zwar in-
folge der von den Herren des früheren Vorstandes ge-
hegten, wenig begründeten Erwartung, daß noch zu
ihrer Zeit unsere Wanderung und unser Exil ein
Ende nehmen werde, diese aber, unserer Sünden
TODESZUCKUNGEN 363
wegen, noch weiter fortdauern, bis sich Gott seines
Volkes erbarmt . . . «
Die Späteren aber, die noch litten und nicht so ruhig
abrechnen konnten, sprachen den Namen Sabbatais
nicht aus, ohne hinzuzufügen: Jimach schemo! Ver-
flucht sei sein Name !
VIERZEHNTES KAPITEL
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS
VIERZEHNTES KAPITEL 367
WENN BIS HIERHER MIT DER TREUE, ZU DER GE-
schehen verpflichtet, berichtet wurde, so darf jetzt
gewertet und geurteilt werden, muß geurteilt werden,
um die Berechtigung darzutun , von der Gegenwart
Aufmerksamkeit für ein Stück Vergangenheit zu ver-
langen .
Es ist hier, scheint uns, ein Stück Vergangenheit ge-
geben, dessen Kernfragen sich in ewiger Wiederho-
lung zu allen Zeiten zur Antwort stellen, zu einer
Antwort, die die Menschen immer noch nicht erteilt
haben. Daß aber eine Zeit sich darum bemüht, macht
allein sie schon fruchtbar.
In jeder Zeit - und heute mehr denn je - stehen
Menschen auf, die von sich aussagen, sie seien zu
Führerschaft und zu Wirkung berufen, zu Bedeut-
samkeit und zu geistiger Vorherrschaft. Es sei nicht
von denen gesprochen, die sich bei ihrem Tun dem
Beruf viel zu tief verstricken , als daß sie sich einer
Berufung ausliefern könnten. Über sie fällen Ver-
geßlichkeit und Mode einer Zeit ihr Urteil . Es sei
von denen gesprochen, die, gleich Sabbatai Zewi,
sich einem Ziel und einer Idee hemmungslos aus-
liefern, und die doch daran scheitern, deren Wirken
doch nur ein Chaos zurückläßt und den Fluch derer,
die ihnen Gefolgschaft geleistet haben . Wo liegt da
der Bruch in der Kette zwischen Wollen und Wir-
ken, zwischen Berufung und Ergebnis?
Ein anderes ist es, Dinge der Technik, der Erfindung,
der Wirtschaft bewirken zu wollen, und ein anderes ist
es, in das lebendige Dasein der Menschen hineinwir-
ken zu wollen . Beiden Wirkenden sind verschiedene
Gesetze vorgeschrieben, obgleich beide etwas be-
wirken wollen. Wir verstehen landläufig darunter
368 VIERZEHNTES KAPITEL
das Wirken im Sinne der Kausalität. Wir wissen
aus Erfahrung um bestimmte Regelmäßigkeiten zwi-
schen Ursache und Wirkung, und deren Gesamtheit
nennen wir Kausalität. Das Wirken auf dieser Ebene
bedeutet, daß ein Mensch sich in einen ihm bekann-
ten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung
hineinstellt, sich hineinbegibt als Ursache, um Wir-
kung zu erzielen. Jener darf das tun; diesem ist es
verwehrt. Denn für ihn besteht gar keine Ebene, auf
der es Ursache und Wirkung, auf der es diese Kau-
salität gibt . Kausalität ist nur eine Hilfskonstruktion ,
mit der einer die Notwendigkeiten des praktischen,
technischen Lebens übersichtlich machen kann , oder
mit der er sich aus reinen Gründen der Bequemlichkeit
die Zusammenhänge des Daseins klarstellt. Aber da,
wo es um Leben und Dasein geht, in der wesenhaften
Wirklichkeit, gibt es überhaupt keine Verknüpfung in
Ursache und Wirkung . Da gibt es nur eine Folge von
Begebenheiten, die miteinander verbunden sind in
einer Weise, die wir nie zulänglich zu erkennen ver^
mögen. Wir sehen nur, daß Begebenheiten auf ein-
ander folgen und daß sie in einem Zusammenhang
miteinander stehen. Wer hier sagen will: ich setze
mich selber zur Ursache, ich stelle mich in das Zen-
trum des Geschehens und will, daß eine Wirkung
daraus entstehe - der bleibt ein Techniker. In der
wesenhaften Wirklichkeit kann kein Mensch Ursache
einer Wirkung sein. Er kann nur mit etwas, was noch
nicht geschehen ist, verbunden werden durch das,
was er tut. Er darf nicht als Persönlichkeit auf eine
Persönlichkeit, als Erscheinung auf eine Erscheinung
wirken wollen. Er muß sich in das Wesen des Le-
bens, des Daseins, der Dinge hineinbegeben, wirken
wollen als das, was er wirklich ist (aber was er nicht
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 369
umschreibt und nicht umschreiben kann) auf das,
was ist. Er muß den vollen Einsatz zahlen, ohne Ab-
strich und ohne Abzug: seine volle Person. Mit sei-
nem ganzen Wesen muß er eingehen in die Beziehung
zu dem, worauf er nun in Wahrheit wirken will. Mit
seinem ganzen Wesen muß er das Seiende anreden .
Sonst wird er nie Antwort bekommen. Sonst wird
nie eine wirkende Verbindung entstehen, nie eine
Wirkung erzeugt werden.
Aus solcher Unbedingtheit ist einmal vor Jahrtausen-
den Kunst entstanden . Kein Wille, auf Menschen zu
wirken, hat dem ägyptischen Bildhauer die Hand ge-
führt. Sondern er wollte in das Herz der Welt hin-
einstoßen. Wenn er die Felswand anging und einen
König herausmeißelte, der auf seinem Throne saß,
dann saß er dort, so, wie es kein andres Sitzen gibt,
war da hingesetzt nicht für das Heute, sondern in die
Jahrtausende hinein. Er schuf kein Porträt; er sah
nicht sich als Ursache einer Wirkung. Er bannte
die Seele dessen, den er meinte und in seinem Innern
anredete, in den Stein und gab ihm die Dauer. Sein
Glaube schuf, nicht sein Wille zur Wirkung.
Noch kritischer, noch verantwortungsvoller wird die
Position eines Menschen, wenn er sich in Beziehung
zu einer Zeit begibt, die - wie die sabbatianische
Zeit - stumme Hände nach einem Helfer und Heiler
ausgestreckt hat . Da wird der eine zum Arzt als Tech-
niker, der andere zum Arzt als Geschöpf. Jener will
die Heilung bewirken, indem er die Krankheit isoliert
begreift und angreift, indem er verschreibt und appli-
ziert, indem er als Mensch, der bestimmte Fähigkeiten
hat, auf den Körper des Kranken vor ihm einwirkt.
Aber als helfender' Mensch rührt er nicht an den hilfs-
bedürftigen Menschen . Nie wird er dieses empfinden
24ä Kästeln Zewi
370 VIERZEHNTES KAPITEL
und anerkennen; wenn ein Kranker an ihn herantritt
und Heilung von ihm begehrt, so sind sie beide,
Kranker und Heilender, nicht mehr Subjekt und Ob-
jekt, nicht mehr Handelnder und Erduldender. Sie
sind eingestellt in eine Verbundenheit mit Dasein und
Leben und dem Ursprung des Lebens . Wer da wir-
ken will, muß auf den gemeinsamen Ursprung des
Leidens einwirken . Den Quell des Lebens muß er da-
bei angehen und sich mit dem verbinden, von wo der
Prozeß ausging .
Aus solchem Bilde begriffen , ist Sabbatai Ze wi weder
ein Wirkender noch ein Heilender. Was hat er ein-
gesetzt um zu wirken ? Wirklich seine Person , wirk-
lich sein Wesen , das ganze Lebewesen ? Nein . Er
hat immer nur die Kraft seines Geltungswillens ein-
gesetzt . Von dieser meßbaren Kraft verlangte er die
meßbare Wirkung. Und daran ist er gescheitert.
Vom Wesen läßt sich nicht ausrechnen, welchen Teil
des Wesens man hergeben muß. Man rede, will man
Wirkender einer Zeit sein , das Geschehen mit seinem
ganzen Wesen an ; oder man schweige. Echo ist noch
keine Antwort. Das Echo, die Heimkehr der eige-
nen Stimme, ist die Antwort für den, der den Ehr-
geiz hat und zur Wirkung nur den Willen einbringt.
Das wahre Wirken vollzieht sich durch das Nicht-
mehr- wirken- wollen, durch das Zurückhalten dessen,
was wir gewöhnlich Willen nennen. Über dem
Wesen kann es nicht mehr den Willen geben . Darum,
duldet die Einsetzung des Wesens kein Dominieren
des Willens. Der Wille ist eingetan in die Hergabe.
Es gibt ihn als solchen außerhalb der wahren Hin-
gebung nicht mehr.
Sabbatai Zewi ist nie ein Mensch gewesen, der wahr-
haft aus der Tiefe seines Herzens her den Menschen
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 371
verbunden war. Er war noch, als eine Welt sich vor
ihm verneigte, ein Einsamer, der vor tausend Ge-
sichtern wie vor einem Spiegel stand und sich tau-
sendfach selber erblickte. Wo aber der einsame
Mensch dem Sein gegenüber steht, kann er es nur
Fassen durch die Beschwörung in irgend einer Form .
Und als Beschwörer muß er zeitlebens die Furcht mit
sich herumschle|)pen, daß die Geister ihm eines Tages
nicht mehr gehorchen.
Um sich immer erneut in seinem Amt und seiner Be-
rufung zu bestätigen, hat Sabbatai sich je und je auf
die Propheten bezogen . Er konnte sie deklamieren ,
aber er konnte sie nicht begreifen. Er verstand nicht,
was es bedeutete, daß sie mit so ungeheurem Protest
gegen den Opferkult anrannten. Sie wehrten sich
nicht gegen die sakramentale Handlung des Opfers .
Aber sie verlangten, daß dieser leibhaftige Akt des
Opfers, der Darbringung, geschehe unter Einsatz
und Hergabe der Person und nicht als leere Formel,
nicht als beschwörende, magische Handlung. Denn
nicht sich einsetzen, sondern den Kaufpreis sparen
wollen und nur beschwören , ist das Verbrechen des
religiösen Menschen. Darum kann die Religion in
den Händen des Magiers zu einer verhängnisvollen
Macht werden. Nichts kann das Angesicht Gottes
so sehr entstellen wie die Religion .
Sabbatai Zewi hat sich einen König genannt und wollte
ein König sein. Er hat nicht begriffen, aus welchem
Sinn in seinem eigenen Volkstum einmal Könige er-
wählt wurden. Einstmals hatte das jüdische Volk
keine Könige . Es lebte in einer wirklichen Theokratie,
unter der Herrschaft seines Gottes. Und immer,
wenn es nötig war, daß etwas für das Volk geschehe,
wurde für eben dieses Geschehen, für diesen beson-
24i Kasteln. Zewi
372 VIERZEHNTES KAPITEL
deren Akt des Notwendigen, ein Richter aufgerufen,
benannt, erwählt. War sein Auftrag beendet, dann
sank er in die Bedeutungslosigkeit zurück. Aber das
Volk versagte in der Theokratie . Es wollte irdische,
leibliche Könige . Und es bekam sie . Ihre Ernennung
ist immer eine Berufung, eine Erwählung, begleitet
von dem sakramentalen Akt der Salbung . Mit dieser
Salbung soll der Kraft, die sie erwählt hatte und die
sich auf sie niederließ, Wirkung und Dauer verliehen
werden, so wie der Auftrag, der an den König er-
ging, nicht ein einmaliger, sondern ein dauernder
war. Salbung bedeutet nicht einfach, daß hier zu den
gegebenen Kräften eines Menschen eine neue hinzu-
gefügt werde . Sondern sie reißt ihn los aus seinen bis-
herigen kleinen Zusammenhängen. Sie wirft ihn um,
gestaltet ihn um, wandelt ihn um, setzt mitten in sein
Leben einen neuen Beginn, schafft ihn neu und zu
größerem Beginnen media in vita.
Sabbatai Zewi hat sich nie gewandelt. Der Chacham
von 1 8 Jahren ist der gleiche Mensch wie der Fünf-
zigjährige, der in der Verbannung zu Dulcigno stirbt.
Nichts in seinem Wesen und in seinen Taten spricht
dafür, daß er je in sich diesen großen Anruf vernom-
men habe, der in das Dasein eines Menschen die
entscheidende Wandlung wirft. Er war kein Erwähl-
ter. Er war einer, der aus brennender Liebe zu sich
und möglich auch aus brennender Liebe zu seinem
Volke ein Erwählter sein wollte. Das kann man nicht
wollen . Man muß berufen sein . Das zu entscheiden
verlangt das tiefste, demütigste, völlig Ich-befreite
Aufhorchen . So wollen , und so nicht berufen sein ,
gibt die großen Betrüger, auch wenn sie an sich selbst
glauben. Er hat nie gehorcht. Er hat immer die Er-
füllung bedrängt und ist gegen sie angerannt. Dann
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 373
begegnen sich Fordern und Versagen, wie der Lüg-
ner und der Dichter sich treffen , der falsche und der
wahre Schöpfer. Sie treffen sich in dem Punkte, der
sich der rationalen Begründung entzieht, den man
nur erfühlen kann: im Punkte der Wahrheit, die das
Berufensein ist.
Und hier beginnt ein Doppeltes: seine Tragik und
seine Verantwortlichkeit.
Jede Un Wahrhaftigkeit wird für den, der sich ihr
einmal untergeordnet hat, zu einem unentrinnbaren
Zwang, der sein Wesen durchsetzt, zu einer anderen
Natur, zu einer, zu seiner Wirklichkeit, die er lebt,
und zu seiner Wahrheit, an die er glaubt. So steht
Sabbatai denn eines Tages vor uns als der tief
Gläubige seiner Lüge. Vor seinem Gewissen, das
in der entscheidenden Stunde nicht wach war, kann
er zu Recht bestehen. Alles Gute geschieht ihm zu
Recht, alles Böse zu Unrecht. Wenn das ewig ge-
rechte Schicksal ihn straft, darf er anklagend die
Hände zum Himmel hinaufheben.
Doch mindert solche Tragik in nichts die Last der
Verantwortung, die er auf sich genommen hat. Es
sei hier nicht von der religiösen Verantwortung ge-
sprochen, sondern von der gegenüber seinem Volke.
Während es noch scheint, als ob der Ruf des Volkes
und die Antwort des Angerufenen sich träfen , gehen
sie unrettbar, in dem denkbar tiefsten Mißverstehen
aneinander vorüber. Was wollen diese Menschen?
Sie begehrten eine andere Wirklichkeit. Sie wollten
mit ihrem Leben und mit ihrem Gott eine neue Zwie-
sprache beginnen. Sie hatten aus einer maßlosen
Häufung ihrer Geschicke endlich begriffen, daß ihre
Stellung in der Welt und ihre Haltung im Dasein
nicht ihrer Willkür unterlagen, daß sie vielmehr unter
24i*
374 VIERZEHNTES KAPITEL
einem unentrinnbaren höheren Gesetz standen. Sie
legten es verschieden aus, je nachdem sie ihre Erlö-
sung als mystische oder als politische begriffen . Eines
aber verstanden sie gemeinsam : im Anbeginn ihres
Volkstums stand ein göttlicher Anruf. Bis auf ihre
Tage hin war er noch nicht verstummt . Immer noch
stand ihr Gott da und wartete schweigend auf eine
Antwort von ihnen . Sie hatten so viele Irrwege durch-
laufen, daß sie daraus endlich einen Weg begriffen;
hatten die Antwort so oft verfehlt, daß sie aus dem
Leid endlich in ihnen gereift war. Religiös gespro-
chen : sie waren von Gott abgefallen . Soziologisch ge-
sprochen: ihre lebendige Gemeinschaft war ausein-
andergebrochen.
Für diese Heimkehr zu ihrer Einheit suchten sie einen
Führer. Und da riß der Abgrund eines Mißverste-
hens auf, wie er in unserer Gegenwart noch aufge-
rissen vor uns liegt. Sie riefen nach einem Führer,
und es bot sich ihnen dar der Repräsentant. Den
brauchten sie nicht. Sie waren noch in ihrer Zer-
streuung und noch als Splitter für ihr Schicksal und
für ihr Erlösungsbedürfnis repräsentativ genug. Wer
einen Führer sucht, kommt daher mit Vertrauen be-
laden und will die Fülle der Verantwortungen für
den weiteren Weg dem Führer in die Hände legen .
Er soll nicht ihr Ausdruck sein, sondern er soll vor-
angehen, voranschreiten in das Ungewisse, in das
Dunkel dessen, was noch nicht da ist, und was sich
erst vor ihnen erheben soll. Sie kommen so zu ihm,
wie die Menschen zu Ödipus kamen und ihn ver-
trauensvoll anflehten, die Pest in der Stadt zu bannen.
Und der wahre Führer wird und muß aus eben der
Kraft handeln, die von der Masse ihm zugetragen
wird . Er muß sie in sich einströmen lassen und daraus
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 375
wirken. Wenn er aber alle Kraft, die ihm so zu-
strömt, nur dazu verwendet, sich bestätigt zu fühlen,
sich als Mittelpunkt zu sehen und sein privates Schick-
sal daraus zu gestalten , dann liegt der Todeskeim der
Führerschaft in dem Mißbrauch des Vertrauens , dann
wendet alle Verantwortung, die die Gläubigen ihm
darbringen, sich als vielfache Schuld gegen ihn selbst.
Das nicht abgewogen zu haben , macht Sabbatai Zewi
zu einem im höchsten Sinne Schuldigen. Das Volk
wollte eine Erlösung . Er gab ein Versprechen . Das
Volk wollte eine Wirklichkeit . Er gab eine grandiose
Schaustellung. Er begriff nicht, daß hier eine Welt
sich wieder mit ihrem Gott und ihrem Dasein ver-
söhnen wollte. Er begriff nur, daß er Messias sein
müsse. Er tat, was die Heutigen tun, gleich, welchem
Zwecke sie dienen: er ahmte eine historische Form
des Führertums ohne zulängliche innere Mittel nach.
Er trieb Mimikry. Was heute in der Zeit den Namen
Führer in seiner besonderen und tiefen Bedeutung
noch verdient, ist anonym . Es hat keinen Namen und
keine Kontinuität.
Die Geschichte der sabbatianischen Bewegung bis
zum Zusammenbruch des Messias ist weder, wie
die Historiker vorgeben, eine Geschichte der gelehr-
ten religiösen Dinge, noch eine Geschichte der soziolo-
gischen Zusammenhänge. Sie ist schlechthin eine
Geschichte des Herzens, vom Einzelnen und von der
Gemeinschaft aus gesehen, eine Geschichte, die über-
all möglich ist, in jeder Religion, in jeder Gemein-
schaft, vor Jahrtausenden und heute, akut oder la-
tent, tumultarisch oder unter der Oberfläche eines
Alltags . Die Besonderheit im Schicksal des jüdischen
Volkes hat ihr nur die Kraft gegeben , mit einem sol-
chen Versuch Ernst zu machen. Er stellt sich dar
376 VIERZEHNTES KAPITEL
als ein Kreuzzug ohne Waffen, ohne Haß und An-
griff, mit den Mitteln des menschlichen Herzens . . .
und ohne Erfolg. Aber nicht die Menschen haben
versagt. Ihr Führer hat versagt.
Wenn einer nicht Führer sein kann, versteht es sich,
daß er keine Losung geben und kein wirkendes Ideal
hinterlassen kann . Es gehört nicht zu den Aufgaben
dieser Darstellung, das religiöse Lehrgebäude zu be-
schreiben, das sich an Namen und Wirken des Sab-
batai Zewi anknüpft . Wie es auch sei : es stammt nicht
von ihm . Nachfolger haben ihn nur zu einem gefähr-
lichen Grundstein benutzt. Und das jüdische Volk
in seiner Masse hat die Lehre auch nicht aufgenom-
men. Es hat seine Hoffnung eingesargt, hat hin und
wieder ein Aufflackern erlebt und ist, wie, die Zeiten
liefen, mehr und mehr zur Welt übergegangen. Un-
tergründig ist weiter am Leben geblieben, was Erbteil
in Wesen und Blut darstellt; eine Erlösungsidee. Im
Chassidismus hat sie eine kurze, wundervoll farbige
Blütezeit erlebt. In der Idee der sozialen Gerechtig-
keit, wo Juden sie vertreten haben, schimmert sie
unter allem Wust von Theorie und Dogmatik hervor .
Im Zionismus hat sie als Versuch einer partiellen Lö-
sung auf der Ebene der Wirklichkeit einen Nieder-
schlag gefunden . Und in der Gegenwart keimt unter
vielen zerstreuten Einzelnen, durch Wissen und Ah-
nungen niiteinander Verbundenen ein neues Erleb-
nis und eine neue Sinngebung. So etwa, wie Martin
Buber es seinen Freunden in erregend unvergeßli-
chen Stunden auf einem Hügel bei Ponte Tresa ge-
sagt hat :
»So wie jeder Mensch in Wahrheit nur von der Wirk-
lichkeit des realen Verhältnisses leben kann und auch
sein persönliches Leben nur daraus leben kann; wie
SINNGEBUNG DES GESCHEHENS 377
irgendwie das ganze persönliche Leben, sein Wirken,
seine Produktivität, sein Sichselbstfinden , sein je
und je den Weg des Lebens neu finden, sein Weg
also zwischen Geburt und Tod verknüpft ist mit der
Wirklichkeit, von der aus er geboren ist, so muß auch
der Mensch die Perspektivik der Wirklichkeit be-
wahren, daß dieses eben das Menschenleben sei,
nicht nur sein Menschenleben. Was ihn trägt, trägt
da und da in der Gestalt eines anderen realen Ver-
hältnisses andere. Es geht also letztlich nicht um
eine Skala auf der Ebene der Wahrheit, um wahr sein
oder weniger wahr sein, sondern um die Verschieden-
heit der realen Verhältnisse der Menschen zu der
einen, von keinem Menschen als solche besitzbaren
Wahrheit . Diese Verschiedenheit ist die vormessiani-
sche Geschichte des Menschengeschlechtes . Die mes-
sianische Welt bedeutet die Überwindung der Viel-
heit der realen Verhältnisse, das Aufschließen der
einen Wahrheit, die den Menschen sich zuteilt in der
Gestalt seiner vielfältigen, brüchigen und doch wirk-
lichen Verhältnisse . Messianismus ist keine Konzep-
tion, die auf Christentum und Judentum beschränkt
ist . Alles wirkliche Menschenleben sehnt sich nach
Erlösung . Die Gestalten der Erlösung sind verschie-
den nach der Verschiedenheit der Gestaltungen der
Menschen, der Völker, der Gemeinschaften, vor
allem der Religionen. Auch die Vielheit der Reli-
gionen, der Konzeptionen, der realen Verhältnisse
ist ein Weg, ein notwendiger Weg. Es ist der Weg
in die Einheit, in die Erlösung durch allen Wider-
spruch und Widerstreit und durch den Abgrund hin-
durch . «
So münden letztlich doch die Dinge, die unserem
Alltag längst entrückt scheinen, wieder in unsere
378 VIERZEHNTES KAPITEL
Wirklichkeit ein . Man muß nur die Begriffe von ihrer
engen dogmatischen Bindung befreien und sie wieder
in das Leben hineinstellen als das, was sie sind: Be-
standteile unserer moralischen Existenz, nicht un-
wichtiger und nicht unwirksamer als alle psychischen
Elemente, von denen jeder weiß, und deren er sich
oft und liebevoll zur Umreißung und Erläuterung
der eigenen Person bedient. Aber nach dem Gesetz
von Gläubigkeit und Ungläubigkeit, nach den Wer-
tungen von Gut und Böse, nach dem Erfahren von
Sünde und Vergeltung und nach den! Erlebnis von
Befreiung und Verfangenheit lebt der Mensch viel
tiefer als nach dem Gesetz des Eros, der längst schon
wieder in die Dunkelheit des Dogma herabgesunken ist.
ENDE
ANHANG
7
KATALOG DER KÖNIGE
BIBLIOGRAPHIE
INHALTSANGABE
ANHANG 381
KATALOG DER KÖNIGE
Isaac Silveyra König David
Abraham Jachini ; . . . König Salomo
Salomo Lagnado . . Joahas
Joseph Cohen Usia
Mosche Galante Josaphat
Daniel Pinto Hiskia
Abraham Skandala Jotham
Mokia Caspar Zedekia
Abraham Leon Achas
Ephraim Arditi Joram
Salomo Carmona Achab
Matathia Aschkenasi , Asa
Meir Alcaire Rehabeam
Jakob Loxas Ammon
Mardochai Jessurun Jehpjakim
Joseph Karillo Abia
Conorte Nehemias Zerubbabel
Joseph Caire Joas
Eljakim Khaver . . ... Amasia
Abrahm Rubio Josia
Joseph Pernick Statthalter Sabbatais
Ehas Zewi König des Königs der Könige
Joseph Zewi König der Könige in Juda
Elia Asar . . : , Vizekönig Sabbatais
382 ANHANG
BIBLIOGRAPHIE
Meüräot Zewi . Libro di los akontisimentos di Schabtai Zewi .
Saloniki 1871. <
Moses Bensabat Amzalak: Shabbetai Sevi. Una Carta Em
Portugues Do Secolo XVIII Em Que Se Testemunham
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Freimann: Injane Schabtai Zewi. Berlin 191 2. Darin:
Baruch de Arezzo: Sichron Tbne Jisrael, ferner Likkutim
und Megilloth afoth .
Wonderlyke Leevens-Loop van Sabatai-Zevi, Valsche Mes-
sias der Joden, door J. de Rie. Te Leyde, By Cryn Visser.
1739-
Ydele verwachtinge der Joden, Getoont in den Persoon van
Sabethai Zevi Haren laetsten vermeynden Messias, Ofte
Historisch Verhael van't gene ten tijde sijner opwerpinge in't
Ottomanisch Rijck onder de Joden aldaer voorgevallen is, en
sijn Val. Door Thomas Coenen. t' Amsterdam Gedruckt by
Joannes van den Bergh, 1669.
A Nev/ Letter, Concerning the Jewess, Written by the French
Ambassador at Constantinople, to his brother, the French
Resident at Venice, Monsieur de Chaumont. London.
Printed by A. Maxwell for Robert Boulter, at the Turks-
Head in Cornhil 1666.
Anabaptisticum et Enthusiasticum: Pantheon und Geistliches
Rüst-Haus wider die Alten Quaeker und Neuen Frey-Geister.
Cöthen 1702. Darin:
Die Geschichte von dem großen Betrieger oder Falschen Ju-
den Könige Sabbatai Sevi von Smirna. Der sich Anno 1666
für einen König der Juden in der Türekey auffgeworffen,
nachdem aber den Mahometanischen Glauben, angenommen
und im i676sten Jahr zu Constantinopel als ein Türck ge-
storben ist. Gedruckt im Jahr Christi MDCCII .
Der Erzbetrüger Sabbatai Sevi, der letzte falsche Messias der
Juden unter Leopolds I. Regierung. Im Jahre der Welt 5666,
BIBLIOGRAPHIE 383
und dem i666ten nach Christi Geburt. Halle, bey Christoph
Peter Francken. 1760.
Eilende Messias Juden-Post oder Gründliche Widerlegung
des heutigen Gedichts von dem neuerstandenen Messia der
Juden und seines Propheten Nathan. Von Michael Buchen-
roedern, Pfarrer und Superintendent zu Heldburgk. 1666.
Kurze Nachricht von dem falschen Messias Sabbathai Zebhi
und den neulich seinetwegen in Hamburg und Altena ent-
standenen Bewegungen zu besserer Beurteilung derer bisher
in den Zeitungen und anderen Schriften davon bekandt ge-
wordenen Erzählungen aufgesetzt von Carl Anton, Lectorn
der Rabbinischen Sprache auf der Hochfürstl. Julius Carls
Universität zu Helmstedt. Wolfenbüttel, Bey Johann Chri-
stoph Meissner 1752.
Ein Schön Neu Lied vom Messia, Anfangs Dem vermeinten
jüngsten Messiae im Morgenland Schabbasi Zebhi von Jacob
Taussk von Prag zu Ehren auffgesetzt, Und im Jahr 1666 in
Amsterdam mit Jüdischer Schrifft gedruckt; jetzo aber, damit
der Juden blinde Torheit unter den Christen bekanter werde,
Auss dem Holländisch Jüdischen Exemplar, mit behaltenem
Dialecto, nachgedruckt in Bresslau, Im Jahre unseres wahren
Messias 1670. In der Baumannischen Erben Druckerey
druckts Johann Christoph.
Theatrum Europaeum. Band X. Darin: Bericht d. d. 2. April
1 666 . Frankfurt 1677.
David Kaufmann: Une piece diplomatique Venitienne sur
Sabatai Zevi. Revue des Etudes Juifes. XXXIV. S. 305.
Greuel der falschen Messien. Von Johann Christpoh Mül-
lern. Cöthen 1702. In: Anabaptisticum et Enthusiasticum.
Graetz: Geschichte der Juden. Band X. Kap. 7 und Note 4.
Seltzamber und Unvermeinter wiewol Umständiger und für
Gewiss eingelangter Bericht, was es mit deme schier Verges-
senen nunmehr wider ojffenbahrn entstandenen Jüdischen
König Sabathai Sebi Jetzt und vor eine Beschajffenheit habe.
Auss Amsterdam vom 5. Augusti 1 666,
Horschetzky: Sabbatai Zewi, eine biographische Skizze. In:
Allgemeine Zeitung des Judentums. 1838. pp. 520 £F.
384 ANHANG
D. Kaufmann: Le rachat des juifs prisonniers durant la per-
secution de Chmelnicki . Revue des Etudes juifes. XXV. 202.
Aus dem Protokollbuch der portugiesischen Gemeinde Ham-
burg. Frankfurter Jahrbuch der Jüdisch Literarischen Ge-
sellschaft. XI. 5, 9, 29 f.
Ricaut: Histoire de l'em^ire Ottoman, Paris 1709.
De la Croix: Memoire contenant diverses relations de Pem-
pire Ottoman. II. Paris 1684.
Sasportas: Kizzur zizath nobel Zebi. Odessa 1867.
Emden: Torathha'kannauth. Lemberg 1870.
Balaban: Die Judenstadt von Lublin. Berlin 1920.
Documents etTraditions sur Sabbatai Cevi et sa Secte. Revue
des Etudes Juifes XXXVII. S. 103.
Ernst Sellin: Die israelitisch-jüdische Heilserwartung. Berlin
1909.
Dubnow: Geschichte der Juden. Band VII.
The Jewish Encyclopedia über Sabbatai Zewi.
Gerhard Scholem: Theologie des Sabbatianismus. In: Der
Jude, Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigsten Geburtstag.
Rubaschow: R. Samuel Primo. In: Haschiloach XXIX.
36-47.
^
ANHANG 385
INHALTSANGABE
Erstes Kapitel: Sinngebung einer Zeit Seite 7
Zweites Kapitel: Eine Jugend .. 19
Drittes Kapitel : Gemetzel 43
ViertesKapitel: Anrufung des Namens .. 65
Fünftes Kapitel: Ackerboden 91
Sechstes Kapitel: Der Prophet und die Dirne 113
Siebentes Kapitel: Posaunen . .. .. 141
Achtes Kapitel: Tumult 161
Neuntes Kapitel: Echo .. 213
Zehntes Kapitel: Migdal Os 247
Elftes Kapitel: Katastrophe 275
Zwölftes Kapitel: Der Renegat .. 311
Dreizehntes Kapitel: Todeszuckungen. 329
Vierzehntes Kapitel: Sinngebung des Geschehens . .. 365
ANHANG
Katalog der Könige , 38 1
Bibliographie 382
Die Wiedergabe
der zwölf Kupfertiefdrucktafeln
erfolgte fast ausschließlich nach zeitgenössischen Darstellungen .
Die Vorlage für die Tafel I stellte uns freundlicherweise
der Jüdische Verlag , Berlin , aus seinem Werk
»Denkwürdigkeiten der Glückel
von Hameln« zur
Verfügung
• Hergestellt
von
Jakob Hegner in Helleräu
bei
Dresden
BM; 75| JSlatzensteiny
• SSKlä Julius f 1890-1Ö46«
Sabbatoki Zewi^
der Messias von
Ismir
UNIVERS
TY OF CH
ICAGO
22 579 888
„/jt'öKST-Wv'tOMiiMi-it^aa.iRtta:-«
BM 755 Katzenstein«
• S5K1S Julius, 1890T-1946.
Sabbatal Zewiy
der Messias von,
Ismlr
THE UNIVERSITY OF CHICAGO LIBRARY
BM 755 Katzensteinf
.S6K19 Juliusf 1890-1&46«
Sabbatai Zewif
der Messias von
Ismir
UNIVERSITY OF CHICAGO
22 579 888
BM 756 K&tz&nste itii
.S5K1S Julius, 1890-1946«
SabbataJL Zewif
der Messias von
Ismir
THE UNIVERSITY OF CHICAGO LIBRARY